Der „Tiger" hieb Karrel sich setzen und wandte sich Kran zu Linchen: „Berichten Sie noch einmal, was Sie mir mitgeteilt Haden I"
Eifrig kam sie seiner Aufforderung nach: „Ja, Herr Landrichter, ich kann nur wiederholen, was ich gesagt habe. Mein Wann, Gustav Gebers, hat die Warenka mit einem Beil erschlagen und sich dann aus dem Staude gemacht. Ich weih, dah er zu Schulte gegangen ist und sich einen Anzug hort geholt hat. während er den seinen dort lieb. Gr hat's mir an dem Tage selbst gesagt und furchtbar gelacht, weil Schult« solches Schas wäre, dab er's nicht anzeigen würde. Das war am Nachmittag; dann ist er von mir gegangen und ich habe ihn nicht wiedergesehen. Aber am nächsten Tage hat er mir in einem einfachen Dries vierhundert Mark geschickt, und woher sollte er sie haben als von der Warenka? Wie nun die Geschichte von Schultes blutbeflecktem Anzug in der Zeitung stand, wußte ich ja gleich Bescheid. Ich hatte Gustav ja in dem dunkelblauen Dock gesehen. Aatürlich sagte ich nichts; er war doch mein angetrauter Mann, und ich habe es nicht nötig, ihn anzugeben. Aber ich habe mich doch gewundert, daß die Herren von der Polizei die Keller nicht kennen, wo man sich in einen ziemlich neuen Anzug stecken kann, um den alten loszuwerden. And ich habe es gleich sehr unrecht von Gustav gefunden, daß er Herrn Schultes Anzug eingepackt und so vor sein Haus gelegt hat, dab er gleich gefunden werden konnte. Denn Herr Schulte ist ihm immer ein guter Freund gewesen; ich kann's bezeugen."
Sie hielt mit Sprechen inne und sah Karrel fast liebevoll an. Er hatte die Augen geradeaus gerichtet, und der „Tiger" räusperte sich, um dann zu fragen, weshalb Frau Gebers denn jetzt auf einmal ihren Mann angeben wollte.
Sie wurde rot und ihre Augen wurden blau wie zu alten Zeiten. „Weil mein Mann wieder hier in der Stadt ist und mit einer andern Person lebt. Nichts mehr hat er mir von dem vielen Geld gegeben, das er damals bekam. Mit andern hat er es vertan. Nach Amerika ist er gewesen und auch mit einer andern. Dierhundert Mark — kann man davon immer leben?" Sie sprudelte noch einige zornige Worte hervor und lächelte dann wieder Karrel an. „Ja, Herr Schulte, Sie haben immer Mitleid mit mir gehabt, und von Gustav will ich mich gleich scheiden lassen. Ich kann es; ich habe mehr als einen Grund ! And nun erhalte ich auch die tausend Mark Belohnung, die für die Entdeckung des Mörders ausgesetzt sind: ich will ihn schon finden!"
Der Landrichter hatte ihr ruhig zugehört, und auch Karrel sah still. Nun wandte sich der „Tiger" an ihn. „Haben Sie geahnt, dab Gebers der Mörder war?"
Einen Augenblick zögerte Karrel mit der Antwort. „Ja," sagte er dann leise.
„And- warum haben Sie nicht gesprochen?“
Wieder zögerte der Gefragte, dann hob er sich ein wenig von seinem Platz: „Herr Landrichter, es ist doch einmal mein Freund gewesen!" And weil er noch schwach war, so brach er in Tränen aus und murmelte eine Entschuldigung.
Nun stand auch der Richter ein wenig auf: „Herr Schulte, ich kann Sie in diesem Augenblick noch nicht entlassen, aber Sie werden sehr bald frei fein. And ich will Ihnen sagen, dah ich schon lange nicht mehr an Ihre Schuld geglaubt habe, obgleich mich die albernen jungen Leute den „Tiger" nennen."
Am andern Morgen war Karrel frei, und er wurde gefeiert. Sein Chef gab ihm Gehaltserhöhung, und feine Kollegen sagten, sie hätten nie an seiner Anschuld gezweifelt, obgleich sie sich nicht allzuviel um ihn gekümmert hatten. Die Zeitungsschreiber besuchten ihn und fragten ihn, welche Entschädigung er vom Staat beanspruchte, der ihn aus seiner Tätigkeit gerissen und ihn monatelang eingesperrt hatte.
Karrel wußte nicht, was er verlangen sollte, einige Leute wollten eine Sammlung für ihn anstellen, aber dann vergaßen sie es doch am nächsten Tage. In einer Stadt wie Hamburg gab es andres zu denken als an einen kleinen Kommis, der Anglück gehabt hatte. Karrel würde auch nichts angenommen haben; er freute sich, dah Herr Schmidt ihm gleich wieder recht viel zu tun gab. Aber als dieser ihn auf eine längere Reise schicken wollte, lehnte er ab; lieber wollte er Hierbleiben und vielleicht später in sein Heimatdorf reisen. Noch nicht gleich; er hatte manchmal ein sonderbares Gefühl von Schwäche und überall Schmerzen. Jetzt konnte ers noch nicht ertragen, von allen Leuten im Dorfe betrachtet zu werden. Da war Hamburg bester.
Zweimal noch hatte er seinen Namen in der Zeitung gefunden; dann verschwand er aus der Oeffentlichkeit, und nun war immer von Guschi Sebers die Rede. Daß man ihn gefaßt, daß er zuerst alles gestanden und am nächsten Tage alles widerrufen habe. Dah er vvrgab, sich gar nicht zu entsinnen, eine Marenka Schulte jemals gekannt zu haben, und daß ein Arzt aus Hannover geschrieben Habe, mehrere Verwandte von ihm seien im Irrenhaus gewesen. Ja, Gustav gab dem Gericht etwas zu tun; zwei Aerzte mußten ihn untersuchen, und jeder von ihnen sagte etwas andres.
Karrel las die Geschichten, und manchmal ging er vvrs Unter» fuchungsgesängnis und dachte darüber nach, ob er Guschi einmal besuchen sollte. Aber er hatte keinen Mut dazu. Guschi war immer froh und siegesgewiß gewesen; warum sollte er ihn ärgern, daß er jetzt frei war und der andre im Gefängnis?
And dann, als er eines Abends müde aus dem Geschäft kam und in seine kleine Wohnung gehen wollte, stand Linchen Hellmund vor der Tür mit einem Bündel im Arm und einem freundlichen Lächeln: „Ach, Herr Schulte, ich wollte schon immer zu Ihnen gehen. Aber ich wollte erst mit allem ins reine kommen. Nun ist eS so weit, und wenn Sie sich meiner annehmen wollen —“ Sie vollendete den Satz nicht und setzte sich aus den bequemsten Stuhl im Zimmer. „Geschißen bin ich noch nicht ordentlich, aber es wird schon bald soweit kommen. Wie hat mich dieser Gebers doch angeführt! And alle meine Ersparnisse hat er in wenig Wochen verausgabt. Bei Ihnen habe ich ihn keimengelernt, wisten Sie noch? Ich hatte gleich Furcht vor ihm, aber er verstand es, für sich einzunehmen. Die Marenka hat ihn wohl auch heiraten wollen? Nun, das sind vergangene Dinge, und später wird man schon ruhiger darüber denken. Ich werde mich wieder ans Maschinenschreiben begeben und versuchen, Geld zu verdienen."
Sie sprach vernünftig, und Karrel hörte ihr unwillkürlich zu. Aber als sie ihm näherkam und ihre Hand auf die seine legte, stellte er sich in die äußerste Ecke des Zimmers.
Linchen schien es nicht zu bemerken, sie sprach davon, dah Karrel eine so schone Stellung habe und wohl bald noch mehr verdienen würde. And daim nahm sie plötzlich den Hut vom Kopfe und ordnete an ihren Haaren, gerade, als ob sie ganz hierbleiben wollte.
Da ging Karrel an die Tür und öffnete sie weit. „Bitte, wollen Sie Mich sofort verlassen!" sagte er mit einer Stimme, die ihm selbst schrecklich flang.
Einen Augenblick sah sie ihn an; dann lachte sie höhnisch, sagte ein häßliches Wort und ging hinaus. Das Bündel aber liest sie auf dem Tische liegen, und als Karrel es ihr nachtvagen wollte, war sie schon die Treppe hinuntergelaufen, und er stand auf dem Korridor mit einem kleinen Kind auf dem Arm.
Er hielt es noch ganz fassungslos, als ein Herr die Stufen hinaufging und sich neben ihn stellte.
„Schulte, was haben Sie denn da?" Es war sein Prinzipal, der ihm eine Mitteilung zu machen hatte, und der betroffen auf das sonderbare Bild blickte. „Sie haben doch kein Kind?" fragte er.
Karrel schüttelte ernsthaft den Kops: „Ich hatte keins, aber ich glaube, daß ich dieses behalten muß."
„Machen Sie keinen Ansinn!" rief der andre ärgerlich. „Ich wollte Sie gerade auf eine längere Reise nach Wien schicken. Da können Sie keine Kinder brauchen!“
Vorsichtig legte Karrel das Bündel wieder auf den Tisch. „Ich will nicht nach Wien, Herr Schmidt, ich möchte auf die Heide. Es ist besser. Große Arbeit kann ich nicht mehr leisten; manchmal ist es mir, als wäre die Stadtluft zu schwer für mich, gerade wie die Arbeit. Lassen Sie mich wieder auf die Heide!"
And wie sein Herr sein blasses Gesicht sah, seine gebeugte Haltung, da sagte er nichts mehr. Er tippte nur auf das Bündel, daS eben leise zu wimmern begann. „Ich will Ihnen helfen, auf die Heide zu Kimmen; aber das Kind schicken Sie ins Waisenhaus!“ Worauf Karrel kein Wort erwiderte.
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Nun handelt Karrel Schulte schon längere Zeit mit Heringen und Tabak in einem kleinen Heidedoife. dicht neben seiner eigenen Heimat. Er ist in der Landschaft wieder kräftiger geworden, und kleine Geschäft geht gut. Herr Schmidt hat ihm das nötige Kapital vorgeschossen, und Karrel zahlt bereits ab. Er wohnt in einem grünberankten Hause, feine Schwester Male führt ihm den Hausstand und sorgt für den kleinen Jungen, den sich Karrel aus Hamburg mitgebracht hat. Die Heidebauern haben Über dies Kind zuerst d«i Kops geschüttelt, gerade wie KarrelS Mutter, aber bald haben sie sich in den Blondkopf gesunden, dem die Heideluft sehr gut bekommt, und der den gcmzen Tag lacht und vergnügt ist.
Was weih der Junge auch von seinem 'Batet, der gelegentlich im Zuchthaus den wilden Mann spielt, und von seiner Mutter, die ein Leben der Straße führt!
Don Karrel sagen die Leute, er würde es nicht mehr lange machen; das Leben in Hamburg hätte er nicht vertragen können. Er selbst glaubt es nicht; er wandert Sonntags frohgemut Über die Heide, und als er einmal auf einer seiner Wanderungen dem „Tiger" aus Hamburg begegnete, der im Heidekraut lag und sich daran freute, wie ein ganz gewöhnlicher Mensch, da haben sich die zwei Männer seht gut miteinander unterhalten, und Karrel hat den Landrichter später mit In sein Dorf genommen, um ihm zu zeigen, wie er's hat.
Der „Tiger" war sehr erbaut von allem. „Sie sind ein glücklicher Mensch!" sagte er beim Abschied zu Karrel, der ihn bis zur Eisenbahnstation brachte. „Solch geplagter Mann wie ich kann für Sie natürlich nichts tun; aber wenn ich Ihnen mal einen Gefallen erweisen kann, wird's mit viel Vergnügen geschehen."
Karrel blieb vor ihm stehen. „Muß Guschi Sebers sein Lebenlang im Zuchthaus fitzen?" fragte er zaghaft.
Der andre wurde ärgerlich. „Natürlich! Leider ist er nicht zum Tode verurteilt worden Auf die Menschheit darf er aber nicht losgelösten werden. Das dürfen Sie selbst nicht wünschen, Schulte. Was haben Sie überhaupt an dem Bengel? Ich kann Ihnen sagen, daß er ein gemeiner Hund ist."
Karrel schluckte ein wenig. Er war doch einmal mein Freund —“ sagte er verlegen.
Sckriftleituna: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck uni Verlag der Vrübl'schen Univ.-Buck» und Steindruckerei. A. Lange. Dießen.


