Ausgabe 
24.12.1924
 
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ras Gefühl sich nicht zum Schweigen bringen: so schlimm sann es nicht werden, und Mama wird schon Rat schaffen.

Auch meldeten sich gewisse Anzeichen, daß allerhand Vorbereitungen im Schwange waren, die auf Gröhes und Heimliches hinwiesen. 3n der Weihnachtswoche konnten wir nicht mehr einschlafen, und wenn Großmama hinter ihrem Bettschirm tiefer atmete, dann schlüpften wir leise zur Aitr hinaus und die Treppe hinunter, um zu erforschen, was unten geschah. 3n unseren Hemden standen wir frostzitternd im eiskalten Hausflur, bald der eine, bald der andere mit dem rechten Auge vorm Schlüsselloch, dessen Lichtschimmer bewies, daß Mama immer noch auf war. Mochte es zwölf sein oder zwei oder drei, Mama jah vor ihrem Arbeits­lasten und näht«. Aber niemals zeigte sich ein Baumbehang oder ein vergoldeter Apfel.

Darum schwand uns bei Tage jegliche Hoffnung, aber in der nächsten Nacht begannen wir das Spiel der Sehn­sucht aufs neue.

Der Weihnachtsabend kam heran, und ton durch toberten sämtliche Winkel, aber nicht die Spur eines Tannenbäum- chens lieh sich entdecken, und wenn wir uns Mama an den Hals hängten, blieb sie dabei:3n diesem Jahre gibt's

t $ nur' das weiche und verschämte Lächeln nicht ge­wesen, mit dem sie sich aus unsrer Umklammerung löste, und da bei uns der Tannenbaum nicht schon am Abend, sondern nach alter Strandsitte erst am Weihnachtsmorgen angezündet wurde, so brauchten wir immer noch nicht zu verzagen. ......

3n dieser Weihnachtsnacht schloßen toir drei kern Auge. Als die Ahr zwölf schlug, tappten wir zum ersten Mal hin­unter _ da saß Mama noch vorm Nähzeug. Am eins zum zweiten Male da war das Schlüsselloch verhängt.

Hatten wir in den vorigen Nächten Grohmama erweckt, und hatte sie uns verraten? Oder waren wir vorher im Hausflur zu laut gewesen?

Wie dem auch sein mochte. Schlimmes konnte die neue Heimlichkeit nicht bedeuten.

Am zwei war noch Licht. Am drei auch noch. Am vier wurde es dunkel. And um fünf sahen toir fertig angezogen auf unseren Stühlen, um, wenn wirklich die Glocke klang, den großen Augenblick nicht zu versäumen. r t

Am sechs erwachte Grohmama und sagte: ,,^rch habe diese Nacht kein Auge zugemacht, so unartig seid ihr ge­wesen." , ...

Am sieben Ahr zündete sie Licht an und begann, sich hinter dem Bettschirm anzuziehen. Das tat sie freilich auch sonst um diese Zeit, aber heute war Feiertag, warum heute? And dann schalt sie:Kinder, die so böse sind, daß sie ihre alte Grohmama nicht schlafen lassen, die wollen auch noch eine Bescherung haben?"

Da war es mit unserer Zuversicht von neuem zu Ende.

Am halb acht brach der erste Morgenstrahl durchs Fenster. Nun war gar nichts mehr zu hoffen, denn Bei Tage können die Weihnachtsbäume nicht brennen.

Aber plötzlich noch heute, da ich dies niederschreibe, macht mein Herz einen Sprung ging es es tieftönig wie eine KirchenglockeBum, bum, Bum durchs ganze Haus.

And als toir hinunterstürmend die Tür des Wohnzim­mers aufrissen, da brannte der Weihnachtsbaum genau so hell, wie er in glücklichen Jahren gebrannt hatte. And ringsum standen die bunten Teller und lagen die Geschenke in nicht geringerer Fülle, als sie uns sonst beschert worden waren.

Zwar, sah man genauer hin, so fand es sich, daß in dem Stall ein Pferdchen fehlte und dah der Säbelgriff mit einer Drahtschlinge an der Klinge befestigt war Böswillige hätten sagen können, es seien alte Bekannte, wir aber staunten und jubelten und hatten nie eine reichere Weihnacht erlebt. _

Später, als wir größer waren, hat meine Mutter uns errzählt, wie die Bescherung zustande gekommen war. Sie hat alles in allem nach heutigem Geld drei Mark fünfundsiebzig gekostet.--

Auch jener böse Notstandswinter ging vorüber, und als bas Haff und die Müsse aufgetaut waren, lagen eines Tages am Heydekrüger Marktplatz zwei große Frachtkihne von einer seltsam bauchigen Form, wie wir sie noch niemals erblickt hatten. Die waren von Stettin übers Meer gekommen und bis zum Rande gefüllt mit Kartoffeln, eigrohen, glattschaligen, goldgelben Kartoffeln, tote sie uns schon fast aus dem Ge­dächtnis verschwunden waren.

Die Leute standen m Haufen ringsum und bejahen sich das Wunder. Der Berteilungsausschuß ging ans Werk- und von nun an wurde es besser.

WeihnachtsmMK.

Bon Mathilde Reinhardt.

And wieder zieht heimliches Klingen Versonnen und märchenbekannt Auf flüsternden Zaubernachtschwingen Durch winterlich schimmerndes Land. And wieder die urtiesen Lieder Beim strahlenden Lichterglanzbcmm Still grüßend, aufwogend und nieder Aus seligem Kinderlandtraum.--

. . . Auch ich entzünde der Kerzen Mild flammenden, leuchtenden Schein And stehe mit schluchzendem Herzen ... So mutterseelen allein.

Der WeihnachtsMnger.

. Bon Johannes Heinrich Braach.

In einem Dorfe des Hunsrücks, das sich an Wälder anschmiegt, wie Kinder an ihre Mutter, ist es seit mehr als zweihundert Jahren Sitte, dah in der Christmette des ersten Feiertages ein Mitglied oder Kind der Gemeinde ein dem Fest angepaßtes Lied vortragen muh Der jeweilig« Organist hat für die Ausführung zu sorgen und erhält, wie es in einer Chronik heihtumb sehne Muedat dreh shlberne Dhaler in «echter Praege. Der Dorfoberste muh vier Wochen vor Weihnachten anfragen, ob die Vorbereitung getroffen wurde, er erhältdarumb eynen Dhaler", der Stimmbegabte aber, dem die Ehre zuteil wird, darf ein Jahr lang den Namen Weihnachtssänger führen. Klingender Lohn wird ihm nicht gegeben, denneher sollte er Gott Dank sagen, dah jer Betz Wetzsen und Melodeyn des Hoechsten Ehre und Zehnen Ruhm kundmachen darf.

Es war am viertletzten Sonntag vor Christnacht, daß Henner Galbert, Schulze und Schiedsrichter, Begleitet von zwei Burschen, so wollte es die Aeberlieferung, zum jungen Lehrer, der auch Organist war, ging, um sich nach dem dies­maligen Sänger zu erkundigen. Gewöhnlich dauerte die Anterredung fünf Minuten, aber jetzt muhten die Mugüeder fast eine ganze Stunde warten.

Die jungen Burschen forschten vergebens nach dem Namen des Erwählten, der Schulze verriet gegen die her­kömmliche Art kein Wort, und selbst Heiligabend wußte noch niemand, wer der Weihnachtssänger war.

Nie herrschte solche Neugierde im Dorf.

Der Tag kam. Frau Holle hatte über die Eifel weißes Tuch gelegt, das zu Stunden der Nacht in Schluchten tief­violetten Schein, auf Höhen aber bläulichen Glanz, so wie ihn früher Abendhimmel zeigt, erhielt. Als um die viert« Morgenstunde in Höhen und Häusern schon eine ü>eile Licht brannte, klangen Glocken auf und schlugen ehernen cochall über Scharen von Menschen, die Mr Kirche wallten.

Als einer der letzten betrat der Groh so wurde der Gemeinde reichster Bauer genannt mit seinem Weibe das heilige Haus. Alt und zittrig waren beide, dazu still und einsam, wie nur solche Menschen sein können, die eine einzige grohe Lebensfreude kannten und sie verlieren muhten.

Neben dem Altar brannten auf hochgeraden Tannen Kerzen auf Kerzen, wie in goldner Helle von Sonnenstrahlen war das silberbeschlagene Tabernakel getaucht, doppelt glut­rot erschien die Ampelschale, darin das ewige Licht, von unspürbarem Hauch umkost, leise hin- und herflackerte.

Nachdem das Evangelium verlesen war, sprach der weiß­haarige Priester vom friedesamen Weihnachtszauber und es war als ob die Zuhörer Erde seien und er der Landmann, der guten Samen streut. Tiefste Weihe, schritt durch text kargen Kirchenraum, Flügelschlag aller Weltheiligkeit rauschte hernieder und es schien, als ob Seraphinen -sängen»

Der Lehrer an der Orgel konnte durchs Fenster auf das verschneite Dorf und die schlafenden Wälderberge schauen und sprach zu sich:Gott, in dir ist die Abgeklärtheit alles Seins/