Der GrG aber sagte in seiner Seele: „Vater unser, laß Mich mein Kind Wiedersehen, ehe ich sterben muh."
Sein Kind? — Seinen Sohn? Der wollte Musiker werden, Over er litt es nicht. Gymnasium — ja, dann aber sollte er eigene Scholle beackern, Land der Väter verwalten, so wie er es getan. Scharfe Worte hatte er gegeben, Faust fast an Faust gelegen. Dann kam die Liebelei mit des Amts-- richters Tochter, dem blonden Mädle, das dort inbrünstig betete. Ihr Vater war gekommen und hatte aufbegehrt, und als er jenen in Anklagen und Vorwürfen unterstützte, da war sein Junge fortgegangen ohne Händedruck und Indie- augensehen. Jahre schwanden, immer erhoffte er den Schutt des Sohnes auf den Fliesen des Vorplatzes, das Haus seines Herrn stand wie das Tor des Hofes Tag und Nacht offen — aber jener kam nicht und sandte weder Nachricht noch Grüße.
„Benedeie mich, denn du bist die Versöhnung", betete der Bauer.
Vor denr Agnus dei kam nach alter Vorschrift der Gesang. Die Orgel begann mit leisem Praeludtum, wie heimliches Bergwasserglucksen huschten Akkorde einander nach, das Klingen schwoll an, wurde zum Iubelchoral, verebbte wieder, ward beginnende Begleitung und dann — ein sonderliches Erschrecken in der Gemeinde — das war keine Stimme, die einfiel — weich und zart begann einer Geige süße Melodre, Pilgerfahrt durch den Kirchenraum und von Herz zu Herz zu wallen.
War das nicht gegen den Brauch? — Der Geist einiger Bauern empörte sich, bis sie auf den Geistlichen sahen. Wie der aber verträumt vor sich hinlächelte, legren sie die Widerstände ihres inneren Menschen in die Herztruhen, klappten den Deckel zu, gaben sich ganz dem ungekannten, über sie niederfallenden Zauber hin und erfaßtem langsam, daß der Spieler nur des Großbauern Sohn sein konnte.
Der hatte die Augen geschlossen. Nichts wollte er sehen, ganz bei seiner Kunst sein, denn davon hatte er als Junge: geträumt, wenn er auf Bergwissen lag und gegen den Himmel stierte, einmal geigen zu dürfen in der Christmette. Zwar sollte gesungen werden — aber was tot das.
Fest hatte er sein Instrument unter das Kinn gesetzt, bewußt und sicher führte er den Bogen, seine Finger griffen die Saiten, als faßten sie nach Glück. Das sollten sie auch. Gehungert hatte er draußen, gedarbt wie ein Bettler, und dann doch nach mancher Not und Entsagung den Weg zum Ziel, zu wirklichem Künstlertum und fe tter Anerkennung gefunden. Run galt es die Krönung seines Strebens: Wiederzugewinnen, was er einmal in aufbäumenöem Iugendttog verlor, Vaterhaus und Eltern, vielleicht noch mehr, denn immer waren Sehnsucht und Treue zu der Geliebten seiner Jugend gegangen.
Nie war die Geige so mit ihrem Meister verwachsen wie hier, was sie jubelte und klagte, um was sie bat und bettelte, das war seine Stimme, die sprach, alles was Wünsche in erträumten Zukunftsschlössern aufgebaut hatten, was in heimlichen Stunden wie Wunderweben durch seine S ele zog, alles floß in die Saiten und strömte wieder aus ihnen hervor als reiner, goldener Ton.
And die Bauern ließen sich einlullen von dein Spielen, das sie noch nie in solcher Vollendung gehört hatten, beugten die Köpfe nieder und vernahmen das Klingen wie eine Offenbarung. Den Amtsrichter, der gewohnt war, auch in der Kirche seinem bärtigen Gesicht eine wichttge Miene zu geben, durchtobten geteilte Empfindungen, seine Blicke gingen hin und her zwischen dem Geig r, der jetzt an die Brüstung des Chores getreten war, und seiner Tochter, die ihre roten Wangen und die ftendeglänKwden Äugen nicht vor ihm zu verbergen scheute. And als er sah, daß sie sich zur Groß- bäuerin setzte und ihren Arm um die Greisin, die heftiges Weinen ebenso durchrütt lte wie ihren Mann, legte, da wußte er, daß sie deren Sohn nicht vergess m hatte. Zürnen wollte in ihm aufsteigen und war doch Seligkeit in ihm.
Als der Gottesdienst beendet war, erhob sich fast niemand. Man ließ den Großbauern und seine Frau zuerst durch den Mittelgang gehen. Alle Herzen neigten sich vor ihnen, und als an der Stelle, wo der Aufgang zum Chor in das Schiff mündet, sich den Eltern der Sohn in die Arme warf, da wurde manches Auge feucht und manche Lippe sprach ein leises Wort.
Am andern Morgelt schrieb der Pfarrer ins Kirchenbuch: Der Weihnachtssänger war des Großbau rn einziges Kind, Johannes Steeger, Professor an einer Hochschule für Musik, i
üeigte» aber sein Spielen war wie das Smgen etner Menschenstimme, so daß die Regel nicht gebrochen wurde. @r hat sich mit der Tochter des Amtsrichters verlobt. Möge über dem Segen der Eltern derjenige Gottes das junge Paar durch ein schönes Leben geleiten.
HeMge Nacht.
Von Marie Sauer.
Es ist eine Stille im Weltenbraus — Hörst wohl dein Herz drin stopfen... Da wandert Sehnsucht weltein, weltous; Da will alle wegmüde Liebe nach Hans — Wie zum Meere wandern die Tropfen.
So sind sie gewandert durch alle Zeit: Die je ein Strahlen empfangen Bon des Sternes leuchtender Herrlichkeit; So sind sie ihm nachgegangen.
And fanden die Stille und fanden das Licht Aeber der Heimat Toren;
And hörten das wunderselige Lied: Euch ist der Heiland geboren?
Sie sangen es alle, die heimgelangt, Die Mutter hat dies gesungen . . . And heimlich hat es bewehrte Hand In die Bruderhand gezwungen.
And wo es erblühte aus Herzensgrund Ward „Neue Zeit" wohl auf Erden.
O selige Stille, v heilige Nacht:
Laß uns Kinder des Friedens werden?
Die Lchneerose.
Von Adolf Koelsch*).
Sie blüht, als nährte sie sich vom Balsam der Kälte, zwischen Frostgebläse und Eis, den Stürmen zum Trotz, die aus Norden kommen, und den Wolken zum Trotz, die mit Schneegestöber nach den Schulterblättern der Erde werfen und nach ihrem vereinsamte,r Hohenland. Seit Menschen sie in 6!e Gärten ihrer Tieflandsiedlungen herabgehvlt haben, blüht sie aber auch zwischen Regenpfutzen und Vorstadtdreck, und so ist es auch an dem mißratenen Weihnachtstag, wo ich unter den Auspizien eines peitschenden Westföhns und unter dem ermattenden Druck steigender Wärme dies schreibe.
Das Rechte ist es nicht, dieses Dasein so irah am Ge- schmuddel. Denn die Schneerose ist in den Bergen der Voralpenzone daheim und verdankt all ihren Ruhm der seltsamen Fügung, daß sie ans Blühen dentt, wenn Winterglast, woran es in ihren heimatlichen Höher» um diese Zeit niemals fehlt, und das reisgrüne Sternenlicht entkräftender Rächte dem Busch und dem Baum und dem Kraut und dem Gras die Lust am Wachsttim verderben. Die Sonne ist müde und schleicht in kurzem Bogen am Himnwl entlang, das Rotkehlchen findet nicht mehr sein Lied in der Brust, nur dem Fuchs stäuben schon ein paar einsame Liebesfunken durchs Blut, und die jungen Mädchen träumen von Bällen. Da bricht, diesen Träumen sich zugesellend, die gesammelte Kraft des Sommers aus der Schneerosenwurzel hervor, sie strahlt mit l nzlichen Augen wie eine Verrückte hinein in die schlafsrgriffene Welt, zeigt ihr weißes Hemd und ihr grünes Herz und sucht zu betören. Wen kann es wundern, daß dieses Ereignis voll Angewöhnlichkeit und voll Duft, wie es ist, die Herzen der Menschen mit dem Ausdruck des Staunens füllte und sie zu dem Glauben hingeführt hat, daß die Erde zum bleibenden Gedenken an Christi Geburt dieses einsame Weihnachts- wunöer vollbringe? Es kann auch nicht überraschen, daß die Phantasie des Volkes sich mit dem Dämon dieses Ausnahme- Wesens verbündet und die Pflanze als einen Born zauver- halttger Kräfte gehätschelt hat, bis der Glaube an ihre himmlische Sendung in der Nähe schonungsloser Gedanken
*) Hinführen zur Natur, zu ihren Schönheiten und Wundern mit der einfältig gläubigen Inbrunst des Dichters, dem sehenden Auge des Weisen will Adolf Koelsch in einem schönen Bande kleiner Novellen. Erlebnisse und Gesichte nennt er das, was er in dem Bande „D e r s i n g e n d e Flügel" zusammengesatzt, die hehre Predigt von dem Gottgewolten in der Natur, dem An- abänderlichen und Rechten (erschienen bei Grethlein K Cv in Leipzig). ' 3342


