Ausgabe 
24.12.1924
 
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Gietzener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang (92^ Mittwoch, den 24. Dezember Nummer L-

Weihnachten.

Won Joseph Freiherrn von Eichendorfs.

Markt und Straßen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus, Sinnend geh ich durch die Gassen, Alles steht so festlich aus.

An den Fenstem haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt. Lausend Kindlein stehn und schauen, Sind so wundersttll beglückt.

Lind ich wandre aus den Mauern Bis hinaus ins freie Feld, Hehres Glänzen, heilges Schauem! Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlinge», Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen O du gnadenreich« Zeit!

Was Kann uns heute Weihnachten bedeuten?

Bon Walter von Molo.

Was kann uns heute Weihnachten bedeuten? Die Frage beweist, baß nicht alle mit der Art, wie Weihnachten zu­meist gefeiert wird, einverstanden sind; ich bin es auch nicht. An das Fest der Kinder will ich nicht rühren, das ist schön, bas soll so sein; -der Weihnachtsbaum und die Geschenke verklären den Kindern für später das Wort: Weihnach en aber diejenigen, die keine Kinder mehr sind, die sogenannten Reifen", wie feiern die Weihnachten? Den Weihnachts­braten, den ausgewählten Alkohol, das Sühzmg in Ehren, weniger die Familiensentimentalität mit Santen, Vettern und ähnlichem, dir sich für einen oder zwei Sage angeblich vertragen, weniger die Weihnachtsgelage und die Ver­logenheit desFriedens auf Erden", weil das zum Feste gehört. Wir sollen nicht Phrasen reden, nie, besonders nicht, wenn wir einmal Zeit haben, uns auf uns selbst zu be­sinnen; zu Weihnachten hat jeder einmal Zeit, da stockt für zwei bis drei Sage der sinnlose Rummel, in dem sich dieZi­vilisation" erwürgt, der sich dannKultur unserer Zeit" nennen will; zu Weihnachten mühte, muß und kann die Seele über den trüben Wasserspiegel aufsteigen, der unser Gebetsschiff, unsere Glücköarche: Geld schifft, auch für die, die sonst keine Zeit dazu haben. Der wahrhaft wertvolle Mensch lebt immer im Kontakte mit seiner Seele, wer nicht ganz wertlos sein und bleiben will, der muß wenigstens Weihnachten mit freier Seele feiern. Ich meine, Weihnachten kann und darf uns nichts anderes bedeuten als Sink eh r! Erkennen, daß nicht das Hetzen um Geld und Erfolg Inhalt und Ziel unseres Lebens sind, daß nicht der Bauch, nicht das überhebliche Hirn unser höchster Besitz sind, daß der einzig wertvolle Besitz unsere Seele ist, unser Zusammenhang mit dem All. Das soll und kann jedem, der guten Willens ist, Weihnachten bedeuten, alles andere ist Oberflächlichkeit und Kulturlosigkeit, ist Lüge. Denken wir zu Weihnachten an diejenigen, die uns lieben, erheben wir uns in sttller Aacht zur Erkenntnis, daß das Leben, das für jeden so kurz ist, wunderschön sein könnte, wären die meisten nicht klein, egoistisch, feig und rechthaberisch, wehrten sie sich nicht albem gegen das, was ihnen auferlegt ist, zu tun. Wer zu dieser Einsicht in den paar ruhigen Stunden, die das Fest spendet, kommt, der hat Weihnachten richtig gefeiert, wer dann im neu anhebenden Srubel nach dieser Einsicht handelt, der hat Ewige Weihnachten vor sich. Vorhin führen zu können, ist für mich die Bedeutung von Weihnachten, andere Weih­nachten sind für mich verlogene Spteßbüraereten.

Notftandsweihnacht.

Von Hermann Sudermann*).

Das war im Sommer 67, da gab es überhaupt kein« Sonne mehr. Vom Juni an Sag für Sag nichts wie sickern«- der, suppender, trommelnder Regen. Das Erdreich weicht« auf, der Roggen reifte nicht, die Erntefelder sahen aus wie Lehmtennen, denn alle Halme lagen glatt und braun und feuchtglänzend am Boden. And das Schlimmste von allem: die Kartoffeln verfaulten. Was man zu Ende August als genießbar dem Boden entzog, hatte Haselnußgröße und war mit Pfropfen durchsetzt, die gingen querdurch bis ans andere Ende. Erst gegen Mitte September stellte zugleich mit dem Herbstreif blauer Himmel sich ein aber da war schon alles verloren. Das hieß Hungern, und unter Amständen hieß es Verhungern.

Wer hätte in solchen Zeiten, in denen jeder Groschen ein Schatz ist, Bier ttmken mögen*)!

Damm wurde auch im Sudermannschen Hause Schmal­hans Küchenmeister. Freilich wenn ich euch heute erzähle, daß die Butter vom Sische verschwand, daß die Fleischtage rar wurden und daß die Semmeln zur Sonntagskost auf» stiegen, so macht euch das verflucht wenig Eindruck, denn wir haben Schlimmeres kennengelernt, und die meisten stecken noch dick mitten drin. Aber vergeht nicht, daß das, was wir heute erleben, unfern Enkeln, falls sie inzwischen nicht ein» gegangen sind, manche Gänsehaut über den Leib jagen wird. Wer heute Iunginädchen ist, braucht bloß in die Jahre zu kommen, um als Märchentante die Kinder das Gruseln zu lehren, nur daß ihre Märchen einst härteste Wirklichkeit waren.

And es gab damals auch viel«, die waren noch weit ärmer als wir. Im Chausseegvaben lagen sie familienweise und konnten vor Schwäche nicht weiter. Die Sür stand tags­über von Bettlern nicht sttll, und wenn man ihnen das übliche Zweipfennigstück gab, so schimpften sie, denn Kupfer kann man nicht essen. An den Markttagen war es besond«cS schlimm: dann belagerten sie die Haustür und prügelten sich um den Eintritt, und meine Mutter teilte unser Letztes mit ihnen. Die Kartoffeln, so schorfig, so klein wie sie waren, wurden in Kesseln gekocht uno an die Draußenstehenden verteilt, die sie noch siedenheiß und mit den Schalen ver­schlangen.

In den Hausflur ließen wir sie ungern, denn was von ihnen zurückblieb, machte sich tagelang juckend bemerkbar. 3a, hätte man schon damals gewußt, wo der Hungertyphus eigentlich herstammt, Mama wäre noch viel ängstlicher ge­wesen.

Als der harte ostpreuhische Winter hereinbrach, wurde das Elend erst recht groß. Wahrhaftig, die eigene Rot ver­schwand hinter der, die sich schlotternd und zähnefletschend tagtäglich rund um uns auftat. And die Rot erst, die sich nicht mehr sehen ließ! Mama war tapfer wie immer. Mit den anderen Vorsteherinnen des Frauenvereins fuhr sie von Dorf zu Dorf, lindernd und helfend überall, wo Hilfe und ßtnberung gerade noch als Wunder vom Himmel herabfallen konnten.

Sv nahte das Weihnachtsfest. And uns Kindern wurde bedeutet, daß diesesmal infolge der großen Rot an ein« Bescherung nicht zu denken war; wir möchten uns zufrieder. geben und uns derer erinnern, denen im Leben nie ein Weih­nachtsbaum brennt. Das kam uns hart an, und von alten Entbehrungen, die das Rotstandsjahr auferlegte, war dies entschieden die hättest«. Aber in unserem tiefsten Innern ließ

e) DemBilderbuch meiner Jugend" entnommen (Cotta, Stuttgart).

**) Sudermanns Vater hatte eine Bierbrauerei in Matziken (Ostpreußen).