Ausgabe 
24.5.1924
 
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Badener Sommertage.

Aus den Denkwürdigkeiten Varnhagen von Enses.

Eine der wertvollsten Quellen für die Geschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts sind die Lebenserinnerungen Varnhagen von Enses, die eben Hermann Haering in einer ausgezeichneten Ausgabe bei C. F. Müller in Karlsruhe Uns neu geschenkt hat. Es ist nicht das rein Politische, bas uns Leser von heute so besonders fesselt an diesen über­aus reichhaltigen Denkwürdigkeiten eines führenden preußi­schen Diplomaten. Ain8 interessiert heute Wohl diel mehr das mit aller Schärfe eines geschulten Verstandes, mit einem tiefgreifenden Blick für das wesentliche gesehene Bild eines deutschen Kleinstaats in den Jahren unglückseligster politi­scher Entwicklung. Varnhagen war nach der zweiten Ver­treibung Napoleons preußischer Gesandter in Karlsruhe. Das badische Musterländle hatte unter schweren politischen Und dynastischen Konflikten zu leiden, in denen Varnhagen eine bedeutende Volle zufiel. Doch daneben blieb ihm Zeit zu Reisen und Badeaufenthaltem, von denen er in seinen Denkwürdigkeiten ein überaus anschauliches Bild' entwirft. 3m folgenden gibt er im Rahmen einer Reiseschilderung einen überaus farbigen Ausschnitt aus dem gesellschaftlichen Leben jener Tage, und darüber hinaus einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Restauration, die so bald schon eine merkliche Abkühlung in der Freundschaft für die ver­bündeten Bourbonen offenbaren sollte;

Nachdem der Großherzog und Hacke sich von Karlsruhe für längere Zeit wegbegeben, fand ich mein Verbleiben an dem lang­weilen Ort unnütz, und eilte mit Rahe! nach Baden, wo wir mit Ungeduld erwartet wurden. Sie sah diese Gebirgslandschaft zum erstenmal und war entzückt: nach, den ersten Almblicken und Aus­flügen bekannte sie gern, daß dieses Stück Erdboden eines der schönsten und reichsten sei, die ihr vorgekvmmen. Das Allernächste und das Entferntere wetteiferten an Reiz, ja die Herrlichkeit schien bei jeder Erweiterung des Kreises nur immer zauberischer zu werden. Weniger günstig war im allgemeinen der Eindruck, den die hier zusammengeströmten Menschen machten, chne Mischung fremdartiger, mitunter sogar unheimlicher Bestandteile. Der Krieg Und die ihm gefolgten politischen Veränderungen hatten eine Menge von Leuten aus ihrer Lage gebracht, und auf diesen Markt Des Verkehrs geworfen, man sah aus Frankreich, aus der Schweiz Und aus Deutschland selbst eine große Zahl Abenteurer, Glücks­ritter, Abgesetzte, Verfolgte, den lehtern zur Seite geheime Auf- a>r, unsichere, mißfällige Gestalten, und der weibliche Teil meist abschreckender als der männliche. Rohes Benehmen und ge­meine Stimmen, sowohl deutsche als französische, verleideten nicht nur die öffentlichen Säle, wo die Spielbank die höchsten Klassen und bas niedrigste Gesindel vereinigte, sondern auch die Spaziergänge, die Ruheplätze im Freien: Aug und Ohr wurden auf das widrigste beleidigt, während feinere Manieren nicht selten auch nur Arg­list und Betrug verdeckten. Die Ortspolizei war grundschlecht, sie machte stets Mißgriffe, wurden den ordentlichen Leuten beschwer­lich, und ließ die Schelme unangefochten. Einige Vorfälle, wo sehr achtbare Personen in ärgerliche Verwicklungen geraten waren, ver­breiteten große Scheu mit unbekannten Personen sich einzulassen, sowie den Schutz der Behörde anzurufen: die große Badegesell­schaft bewegte sich untereinander in gespannter Fremdheit, in Miß­trauen und Verdacht. |

Dieses Treiben ging uns Wohl wenig an, und konnte uns kaum berühren. Wir bekamen nur das gleichsam Durchgesiebte, in dem großen und glänzenden Kreise, der uns bei unsrer Ankunft in Besch,lag nahm. Der General von Tettenborn bewohnte nämlich Das damals schönste und wvhlgelegenste Haus in Baden, und dieses stand jeden Tag von früh bis spät den ihm aus aller Welt zuströmenden alten und' neuen Bekannten gastfreundlich auf. Wäh­rend er die elegante Welt prächtig bewirtete, sie mit seinen zahl­reichen Wagen- und Reitpferden zu den schönsten Luflorten führte, dort ihr glänzende Feste gab, wie diese Gegend' sie vorher nie gesehen, war er zugleich der Anhalt der Bedrängten, die Zuflucht der Bedürftigen, die sich an seine unerschöpfliche Freigebigkeit nie vergebens wandten. Sein Kreis war aus allen Rationen gemischt, besonders aber reich an Russen und Franzosen. Von den letztem waren vorzugsweise die jetzt verfolgten Donapartisten bei ihm gut ausgenommen, deren viele ihn an Napoleons Hof gesehen batten, und nun es dankbar empfanden, daß der ihnen im Kriege so feindliche General sie im Unglück jetzt so freundlich behan­delte. Das Verfahren der zum zweitenmal wiedereingesetzten Bourbons, welche sich ganz den Händen der fanatischen Emi­grantenpartei Hingaben und jeden Tag durch Maßregeln des Hasses und der Rache bezeichneten, erwÄte bei allen Edelgesinn­ten nur Widerwillen und Abscheu, und warb der liberalen Partei, mehr als deren Grundsätze es vermocht hätten, Anhänger und Be­schützer. Die Verfolger waren oft schuldiger als die Verfolgten, und schlugen nur umso grimmiger auf diese, damit die eigen« Schuld umso eher vergessen oder verziehen würde. Besonders em­pörte den bessere Sinn der Deutschen, das Heer feiler Kund»« fchafter, welche von den knechtischen Behörden jener frechen Partei in die benachbarten Grenzländer ausgeschickt wurden, und mit

denen auch Baden überschwemmt war. Hier galten die Späher eien nicht allein den Donapartisten und Liberalen, sondern auch der Landesregierung, dem Hofe, wo die Anhänger Bonapartes in der Großherzogin Stephanie eine wichtige Stühe haben sollten: dies war völlig grundlos, aber die Frechheit ging so weit, daß man badischen Beamten zumutete, ihre eigne Fürsttn an die fran­zösische Polizei zu verkundschaften! Auch bei Tettenbom wollten sich hochbetitelte Sendlinge dieser Art einschleichen, allein sie tour« den mit Schimpf und Schande bald' ausgewiesen. Alle Genossen unsres Kreises, wie ungleich' sonst in politischer Denkart,, stimm­ten darin überein, daß die Regierung der Bourbons in niedriger Leidenschaft ihr eigenes Verderben bereite; besonders waren die Russen und Engländer heftig im Ausdruck ihrer Verachtung und ihres Hasses gegen die unwürdigen, oft völlig grundlosen Ver­folgungen.

Ein Ausflug in das nahe Elsaß lieh, mich' alles bestätigt fin­den, was mir Deutsche und Franzosen von der dortigen Stimmung berichtet hatten. 3n diesem ursprünglich deutschen Lande war der deutsche Charakter in voller Kraft wirksam, aber nicht zugunsten der erst aufgekommenen politischen Deutschheit, welche eigentlich ein norddeutsches oder noch genauer ein preußisches Erzeugnis war, und hier gar nicht verstanden wurde. Was, hätte auch unfern heimischen Zuständen eine solche Sympathie wecken dür­fen? Etwa der Blick über den Rhein in das jämmerlich regiert« Baden, in das bedrückte, uneinige Württemberg, in die zerrissene Pfalz? Da war es doch besser, dem großen Frankreich anzugehören, das selbst in der Alnterdrückung unter den früheren Königen, unter Bonaparte und jetzt wieder unter den Königen, mit denen die Fremdherrschaft in's Land gekommen war, mehr Freiheit und zugleich mehr Gedeihen und- Wohlfahrt genoß, als Deutschland nach seinen großen Siegen. So wenigstens stellten die Elsässer ihre Lage dar, und das Tatsächliche war nicht zu widerkegen. 3m Volke lebten die Eindrücke der bonapartischen Zeit und weiter zurück die der Republik mächtig fort, die Restauration der Bour­bons hatte hier noch' nicht Wurzel gefaßt. Straßburg galt als eine der revolutionärsten Städte Frankreichs, hier ließ man noch oft den Kaiser Napoleon hochleben, und schaffte auch die drei Farben nicht völlig ab, welche den Augen seit einem Vierteljahr­hundert vertraut und lieb geworden. Gar kein Wohlgefallen fand man aus gleichem Grunde an den neuen kgl. Truppen, an den statt der alten berühmten Regimenter neuerrichteten Legionen: diese konnten in der Tat keine Vergleichung mit den kaiserlicher! Scharen aushalten, wie diese durch und durch kriegerisch aus­gesehen hatten, so sahen jene nicht einmal soldatisch aus, ihre Haltung war schlaff, ihre Waffenübung trage, Geist und Eifer fehlten ganz und gar, die alten bonapartistischen Offiziere, die noch beibehalten waren, hielten sich verschämt zurück, die neuen bour- bonischen Offiziere wagten sich nicht hervor, die Truppen fühlten es daß sie ihrer Zusammensetzung nach untüchtig sein mußten; nur die Artillerie machte noch eine Ausnahme. Der französische Präfeft Graf Douthillier behandelte die Einwohnerschaft mit kluger Vorsicht, und ließ vieles unbemerkt, was im innere Frankreich die schärfste Rüge würde erfahren haben. Wenige Monate später fand er zu bereuen, diese Klugheit um des überwältigenden An­sehens willen, das mit dem Namen des Siegers van Waterloo I verbunden war, außer acht gesetzt zu haben. Wellington war auf einer Truppenbesichtigungsreise auch nach Straßburg gekom­men Und der Präfett hatte ungeordnet, daß bei dem Erscheinen des Helden im Theater das LiedGod save the fing gespielt wurde. Als der Lord die Alngeschicklichkeit übte, hierzu durch Klatschen fernen Beifall zu geben, brach ein ungeheurer Sturm los:Weg mit fremden Liedern, hieß es, französische, französische! Der Tu­mult war so furchtbar, daß der Präfekt sogleich nachgab, und mit seinem Gaste sich eiligst entfernte, um persönlicher Gefahr aus- zuweichen. Für den Augenblick muhte es schon eine Beruhigung sein, daß die Alnzufriedenheit, obschon ernst und zäh und darin sehr deutsch, doch nicht die geringste Hinneigung zu den Nach- bardeutsch'en zeigte. Mit Rahel diese alte merkwürdige Stadt zu durchwandern, den Münsterturm zu besteigen, die früheren Zu­stände uns zu vergegenwärtigen, besonders auch Goethes hier ver­lebte Jugend und meine eigne an dem Deutlichen neu zu entzün­den, gab' mir einen hohen Genuß, den ich' oft ersehnt hatte. Pro­fessor Schweighäuser der Sohn, mit Rahel schon von Paris her bekannt, war uns dabei ein erwünschter, sinniger Begleiter, der die Vorzüge Straßburgs und des Elsasses als gründlicher Ken­ner leidenschaftlich anpries und vor Augen zu stellen suchte.

Merkwürdig hatten sich die Sympathien in jener Zeit umge- wandelt. Die höchsten Hofkreise und die Leiter dm: Kabinette aus­genommen, hatte niemand Gefallen an den Bourbons. Nicht in Frankreich allein gehörte es schon zum hohen Ton, zum guten Ge­schmack möchte man sagen, sich der Opposition anzuschließen, aucy in England, im Norden, und großenteils in Deutschland', dachte man ungünstig von der Restauration, und viele Stimmen wurden Er Napoleon laut, in dessen Bewunderung hauptsächlich die ®ng* nder bald unmäßig wurden. Den Unterdrücker der Frechen vergaß man, aber den Geißeler der Könige hob jeder Alnzufrie- dene gern hervor, und menschliche Teilnahme war dem Gefangenen von St. Helena überall gewidmet. Wie groß war nicht die Zahl der Mißvergnügten in allen Ländere, der Nichtbefriedigten, be* sonders in den höheren Klassen I Zugunsten der Anhänger, ober wenigstens Folger Napoleons, wirkte noch der Almstand mit, oav