Ausgabe 
24.5.1924
 
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5te Restauration, welche nach ihrer ersten Einsetzung noch ziem­lich milde verfahren war, seit ihrer zweiten verfolgend auftrat, und dabei einen Maßstab anlegte, den ein unbefangener Sinn schlechterdings nicht zugestehen, ja kaum begreifen konnte. Denn nicht diejenigen sahen wir verfolgt, die wir unter Napoleons Herr­schaft als die schlimmsten seiner Diener gekannt hatten, auch nicht gerade die, welche am auffallendsten treulos gegen die Bourbons geworden tvaren, im Gegenteil, diese wie jene standen wohl gar in Gunst und Ansehn und die wirkliche Verfolgten erschienen dabei nur umso unschuldiger; in ihnen war oft nur das, dessen man sich zu ihnen versah, nicht das, was sie begangen hatten, der Grund ihres Mißgeschicks, oft auch wohl nur persönlicher Hast und Neid in den höhern Kreisen, wo immer am ersten die große politisch« Sache dem Nutzen und der Zuständigkeit der Personen unter­geordnet wird. Bei den Deutschen bedarf es nur eines auffal- knden Unglücks, um ihre menschliche Teilnahme auch für die­jenigen zu erwecken, denen sie noch eben feindlich gegenüberftan- den, und so war es kein Wunder, daß die neuerdings aus Frank­reich Verbannten oder Flüchtigen in den Rheinländern, wohin sie sich zunächst gewendet hatten, freundlich geduldet wurden; die meisten waren tapfre, kluge Männer, die sich jetzt äußerst beschei­den und ruhig zeigten, während unerträglicher Uebermut und verletzende Anmaßung der herrschenden Partei täglich hervor­traten.

Der General von. Tettenborn hatte im russischen Feldzugs den General Dachelu feindlich gegenüber gehabt, ihn als tapfern Kriegsmann, später auch als edlen Menschen kennen gelernt, und als . die Verfolgung der Bonapartisten in Frankreich anhob, ihm zu Mannheim gastlich sein Haus geöffnet. Die Lage von Baden war günstig, und die Großmut anziehend, bald war, wie im vori­gen Sommer, ein Häuflein Schutz oder Anhalt suchender Fran­zosen um ihn versammelt. Frau von Demidoff, selber fast eine Pariserin aus den Zeiten Napoleons, verleugnete ihrerseits die Sympathien nicht, welche sie vorzugsweise für die napoleonischen Franzosen fühlte. Hier wurden der Nain jaune von Paris und der Surveillant von Brüssel herumgezeigt und vorgelesen, hier die Zerrbilder belacht, an denen die sinnreichen Witzlinge der libe­ralen Partei es nie fehlen ließen, und wozu freilich die Gegen­seite den Stoff nur allzu wohlfeil lieferte. Russische Liebhaber­stimmen wetteiferten mit französischen, die reizenden Neuigkeiten der beliebten Vaudeville-Gesänge vorzutragen, und dazwischen auch wohl die muntern Spottlieder auf die neueste Gestalt der Dinge und deren Schildhalter.

Mich riefen mannigfache und dringende Geschäfte nach Karls­ruhe zurück, doch bei der großen. Näh« und der vielen und täg­lich Fahrgelegenheit konnte ich meine Besuche in Baden leicht wiederholen, und an dem dortigen Leben teilnehmen. Rahe! hatte ihre Wohnung in dem herrlich gelegenen artigen Töpferhause, dicht an der Brücke und Promenade, und war so gleichsam im Mittelpunkte der geselligen Bewegung. Die politischen Tätig­keiten rasteten nicht, sowohl von feiten Bayerns als auch Badens fanden Versuche und Reibungen statt, an denen auch Württem­berg nicht ohne Anteil blieb. Die Sache der Mediatisierten, die der württembergischen Stände, der Gang der Dundesverhandlun- gen, vor allem aber die Gebietssache Badens, lieferten unerschöpf­lichen Stoff der Besprechung und der Einwirkung. Es war gewiß, daß Hacke abtreten und Berstett an seine Stelle kommen sollte. Man sprach davon, daß der Markgraf Ludwig heiraten werde« damit der badische Mannsstamm nicht aussterbe. Vielerlei andre Vorschläge wurden gemacht, wie Baden sich wehren, sich retten könnte.

Alle Spannung so mancher innern und äußern Anliegen konnte doch nicht hindern, daß die ganze Folge schönster Sommertags zu einer Lustreise in den Schwarzwald verwendet wurde, welche, durch den Zusammenfluß der seltensten Begünstigungen, zu dem Schönsten gehört, was ich erlebt habe. Tettenborn hatte seins nähere Gesellschaft zu dem Unternehmen eingeladen, und erwies sich als Wirt und Leiter des Ganzen in vollkommener Meister­schaft. Reitende Boten waren überall vorausgeschickt, unser Kom­men anzumelden, diesen folgten zu Wagen diejenigen Drquemlich-- keiten und Vorräte, die man nicht hoffen konnte vorzufinden, und darauf traten wir selber die Wanderung an, ein Zug vieler Wagen Und 'Pferde, und mit der nötigsten Dienerschaft über 30 Per­sonen. Frau von Demidoff machte einen Teil des Weges zu Pferde, wobei einige Herren gern ihr Begleiter, waren, wir andern fuh­ren in offenen Wagen, Unser nächstes Ziel war das Bad die Hub genannt, darauf lenkten wir über Offenburg in das Kinzigtal ein, besahen den herrlichen Wasserfall von Trhberg, besuchten das Bad Rippoltsau, überstiegen den Kniebis, erreichten das Murgtal und kehrten durch selbiges über Forbach und Gernsbach nach Ba­den zurmck. Die kleine Reise dauerte zehn Tage, und wer jene herrlichen Gegenden kennt, wem die erwähnten Orte nicht leeret Namen sind, der mag, wenn er das schönste Wetter, die heiterste, in ftd). einigste und vollkommen befriedigte Gesellschaft, die be­lebtesten Gespräche und die mannigfachsten Belustigungen hinzu­denkt, sich einigermaßen vorstellen, welcher Hauch des Wohlseins Und Glückes uns umwehte, welche Entzückungen wir empfanden, Und wie alles und jedes für unS als Reiz und Freude sich dart- stellte. Solche zehn Tage, wie herausgeschnitten und rein geson-

dmt aus dem gewöhnlichen Leben, entledigt alle Bedingnisse, Rück» sichten und Umstände, die uns den Atem erschweren, und anlflatt gedrückt vielmehr getragen von den Vorteilen der weltlichen Ein­richtungen, solch eine lachende Insel begegnet uns im wüsten Meere zu selten, um nicht wenigstens mit allen Kräften der Erinnerung auf ihr zu verweilenI Die großartigen Schauspiele der Natur, die Felsen und Bäche und Wasserfälle, das schimmernde Grün der Wiesen, die herrlichen Bäume, die Farbenpracht der Sonnen­aufgänge, das Rauschen der Wässer und Wälder beim Sternen­glanz, alles nahm dem Sin gefangen, und gab der Einbildungs­kraft den Stoff der schönsten Träume. Niemals vorher sah ich Rahels Fähigkeit des höchsten Naturgenusses in solcher Macht und Fülle, dies allein schon war für mich eine Quelle ununterbroche­nen Entzückens. Ludwig Robert zeigte hier wahrhaft, auch ohne Verse, daß er ein Dichter sei, als solcher schaute und empfand. Die jüngeren Gefährten mißten nirgends den für Spiel und Mut- will günstigen Boden, Scherzen und Lachen hörten nie völlig auf, durchbrachen öfters die Stille und Ruhebedürftigkeit der lauen Nächte. Fräulein Morgan und Herr von Naryschkin ließen öfters ihre Stimmen mit denen der hübschen Schwarzwälderinnen wett­eifern, die Prinzen von Wittgenstein und Schönburg führten diese zum lustigen Tanz auf, während die kecken Schwarzwälder Burschen unsre Damen im Tanz so ho'ch emporschwangen, daß Geschrei und Lachen den Saal erfüllte. Damit kein Reiz fehlte, hatten wir auch den der Gefahr. Bei dem älebergang über den Kniebis wurden wir ernstlich gewarnt, es könnten Räuber uns anfallen, denen unsre zahlreiche, aber waffenlose Gesellschaft wenig Wider­stand zu leisten fähig sei. Einige Vorfälle, die man uns als kürz­lich stattgehabte erzählte, waren in der Tat wenig beruhigend. Um der Damen willen wurde daher eine bewaffnete Begleitung an­geordnet, der Rittmeister von Philippsborn nahm einige Jäger­burschen unter seinen Befehl, und bildete unsre Schutzwache. Dor- undNachhut waren so gut bestellt, derDefehlshaber so unerschrocken, und der ganze Zug in so guter Haltung, daß kein Feind sich zu zeigen wagte, der denn doch, wie wir uns nachher noch überzeu­gen mußten, kein bloß eingebildete: gewesen war. Wir erlebten andre kleine Abenteuer, der Kriegsruhm Tettenborns war in diese Gebirgstäler gedrungen, und begegnete ihm als Staunen und Hul­digung, Dachelu fand einen gleich ihm unstäten Landsmann, dessen Bedrängnis er abhelfen konnte, wir trafen einen norddeutschen Künstler, der im einsamsten Gebirge zeichnete, und keine Räuber fürchtete. Ich würde noch vieles einzelne anführen können, wenn unser Beschluß, daß die Reise nachträglich beschrieben werden und jeder Teilnehmer dazu seinen Beitrag liefern sollte, nicht in den ' mit der Rückkehr gleich wieder eintretenden Zerstreuungen von Baden leider unausgeführt geblieben wärel Wenn ich aber dem einen oder andern noch lebenden Gefährten durch meine Andeu­tungen jene Vergangenheit einigermaßen wieder hervorgerufen habe, so wird mir dieser, ich darf es hoffen, einigen Dank nicht versagen!

Die Vergnügungen des Dadeaufenthalts nahmen wieder ihren gewohnten Gang; ein Ball auf dem Jagdhause vereinte gleich nach unsrer Wiederkunft die ganze höhere Gesellschaft; neue Fahr­ten nach der Hub, nach Gernsbach, wo eine Jugendfreundin Ra­hels aus Berlin angesiedelt lebte, nach der Favorite bei Rastatt, und nach Straßburg; hatten ihre kleinen Abenteuer und daneben auch wohl ernste Zwecke. Auch nach Karlsruhe riefen wiederholte Anlässe. Der Staatsrat Rehmann aus St. Petersburg, Leibarzt des Kaisers, ein kluger, lebensfroher und angenehmer Mensch, war nach allem Anschein auch außer seinem Fache tätig. Der rus­sische Minister Graf Kapvdistrias war diesen Sommer im Karls­bads, an ihn gingen Anträge und von ihm kamen Weisungen, und die dem badischen Geheimen Rate Friedrich auf meinen dringen­den Vorschlag, durch Tettenborns Vermittlung übertragene ge­heime Sendung nach Böhmen, die wirklich geheim war und lange blieb, ist als der eigentliche Wendepunkt anzusehen, von dem aus die bis dahin nachteilig sinkende badische Gebiets- und Heim­fallsfrage sich zu heben und einer günstigen Lösung entgegenzu­gehen begann. Neben solchen stillen, aber wichtigen und erfolg­reichen Betreibungen fehlte es nicht an lauten, öffentlichen Ärger­nissen, die nur in nutzloser Torheit bestanden. Dahin zählten alle Besonnenen das ungezügelte Schreien und Toben, in Schriften und Reden, des preußischen Obersten von Massenbach der nach aller­lei Anstiftungen in seinem Vaterlande Württemberg jetzt in Heidel­berg lebte, und von hier aus auf ganz Deutschland zu toirtert hoffte, zugleich aber sein Verhältnis zu Preußen auf die bedacht- loseste, unbegreiflichste Weise aufrüttelte. Der kenntnisreiche und gewiß wohlmeinende Mann war von steter Unruhe geplagt, Und schon in jüngern Jahren eines etwas schwindelhaften Benehmens, in altern aber ganz und gar haltungslos, so daß die Katastrophe; die ihn seiner Freiheit beraubte, unvermeidlich wurde. Die Po­litik faßte zu jener Zeit überhaupt die Menschen mit großer Ge­walt, und lockte die verschiedenartigsten Tätigkeiten auf ihr Feld, das allen zugänglich war, allen fruchtbar zu werden verhieß, denn es schienen die außerordentlichsten Dinge möglich. Die politischen Kenntnisse waren unglaublich sparsam, die Begriffe dunkel, uu& es gab kaum jemanden, der nicht irgendeinen Beitrag zu der all­gemeinen Verwirrung lieferte. Männer aus allen Fächern trieben Politik, der Theologe Paulus und der Philosoph Hegel, der Schau­spieldichter Kotzebue und der Naturforscher Oken, ja von dem harmlosen Jean Paul Richter, der einige Zeit in Heidelberg weilte.