Eichener Kmilienblätter
_____Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang K924 Samstag, den 2H. Mai " Nummer 22
ToLenklage.
Von Wilhelm Herbert, ßeng, du weckst die toten Bäume Aus dem schweren Winterschlaf! Weckst die Träume, weckst die SchäUNke, Die der Frost der Mächte traf.
Weckst die Triebe, die erstarrten. Weckst der Säfte neuen Lauf.
Weck uns auch mit deinem zarten Finger all die Schläfer auf!
In Sibirien und in Flandern Schlummern sie in enger Hut. Schar um Schar in allen andern Ländern unterm Hügel ruht. Weck sie auf, die frischen Jungen! Weck die Männer stark und treu’ Weck die Alten — unbezwungen, Jeglicher ein deutscher Leu! Latz aus ihren stillen Herzen Wurzeln bis zu uns gedeih'n, Datz in tausend Blütenkerzen.
Sie in unserer Mitte sein!
Datz die deutsche Totenklage Hin durch alle Gaue klingt, Bis die Sonne künftiger Tag« Ihnen Dank und Sühne bringt!
Hochzeit.
Aaturphantasie von H. Hilde-Brandi
„Seid ihr denn noch nicht fertig? Oh, über die Weiver-- girtschaft! Dor jedem großen Festtag mutz es immer erst eine ündslut geben!" so poltert der Wind und fährt wütend am Himmel entlang. „Weg mit den Besen und grauen Wischen!" Die Scheuerfrauen schultern schleunigst ihre Bürsten und enteilen. Der Himmel wird klar und blau.
„Ma, es scheint wenigstens ordentlich zu sein!" Der Alte fliegt herab.
„Diese verschlafene Gesellschaft! Weißt du es denn nicht, daß heute Hochzeit ist?" wütend rüttelt er an einem Kirschbaum.
„Ja doch, alter Grobian, ich bin längst fertig! Ich habe Zeit!"
„Zeit, Zeit, Ihr habt immer Zeit! Sorg' hier wenigstens für Ordnung! Ich mutz weiter. .Uebrigens, dein Kleid sitzt noch nicht richtig, — so!" mit kräftigem Ruck biegt er die Zweige zurecht.
„Au!" sagt der Kirschbaum, — „guck du lieber beim Dorbeifliegen mal in den nächsten Weiher. Die junge Frau kriegt Angst, wenn sie dich so sieht. Richt mal rasiert bist du!" — „Wird alles, wird Alles!" ruft der Wind ärgerlich und schabt am stachligen Kinn. „Und datz die Weiber fertig find. Punkt fünf! — Wer nicht bereit ist, bleibt zu Hause oder präsentiert sich im Sinter« rock. Basta!" schon ist er um die Gcke verschwunden.
„Lach du nur!" sagt der Kirschbaum zum Gänseblümchen, „der Alte macht Ernst. Bist du auch fertig?"
„Sieh mich mir an, bin ich nicht fein?" Das Blümchen dreht sich und zupft am zackigen Röckchen.
„Fein, fein!" lacht der Kirschbaum. „Bruder, Bruder!" Er schlägt mit feinen Zweigen zum Apfelbaum hinüber: „Wach doch auf, weiht du es denn nicht, datz Hochzeit ist?"
„Waaas?" Der Apfelbaum streckt sich gähnend, — „potz Element ja, — und mein ganzer Staat liegt noch im Koffer." -■— „Das kann ja schön werden: sieh nur, selbst die Birne drüben ist fertig, — die Damen scheinen diesmal pünktlich zu fein." — „Wenn's gilt sich zu putzen und Staat zu zeigen: stad sie immer auf dem Platz," näselt ein alter Pflaumenbaum mit spärlichem Haupthaar.
„Eingebildeter Hagestolz!" flötet unten im Beet eine gelbe Tulpe. — „Ra, na, schönste Dame! Sie kennen wir doch schon so manches Jährchen."
„Unerhört!" — „Ruhe, Ruhe meine Herrschaften," —beschwichtigt ein Zitronenfalter. „Wo finde ich wohl den Sängerchor? Ich soll Generalprobe halten." Ein Gelächter ertönt unter ihm, Und im Au haben sich die Blümchen im Gartenbeet gruppiert. »Potz Blitz, — zum Küssen!" Er zwirbelt seinen Bart. „Ich denke, Sie sollen Generalprobe halten?" flötet Frau Tulpe mit Schwieger- tnuttermtene. „Gewiß gnädige Frau," — der Zitronenfalter ver- Keugt sich. — „aber ich tonn mich doch auch an Öen schönen Kin
dern erfreuen! Darf ich mich hier neben Sie setzen? Maiglöckchen, ist dein Glockenspiel rein gestimmt, — au, au, ein Achtel Ton höher — so, so — noch einmal! — Run das Borspiel . so war's rocht! Sehr hübsch. Rachher aber nicht Angst haben, kleiner Künstler. — Sind die Chöre geordnet? Dergißmeinnicht, du unterm Alt? Das geht nicht! Schnell rüber, süßer Träumer!"
„Still, still, sie nahen schon!" Das Lüftchen kriegt kaum Atem.' — „Ist alles in Ordnung? Mich sendet der Wind, er macht sich fein. — Spalier gestellt, die Fahnen aufgerollt, — wo ist die Kapelle? Die Maikäfer in die Kasernen! — Rur eine Eskadron Rosenkäfer begleitet! Die Straße mutz frei bleiben! — Drängt doch nicht so, nehmt Vernunft an, Ihr seht sie ja alle!" damit huscht das Lüstchen davon.
„Guck — guck den Bräutigam! Oh, ist der schön!" so hallt es aus aller Munde
Aber da öffnet sich eben am Himmel die breite Pforte, und im goldenen, strahlenden Königinnenmantel tritt die Sonne hervor.
Ein „Ah" der Bewunderung, und ein lautes Atmen fliegt durch die Welt: alles schaut nach oben. Da ist der Frühling zur Braut geeilt, und schließt sie in die Arme, als wären sie ganz allein.
Sie lächelt, wehrt seinem Ungestüm, nimmt seinen Arnr Und 6er Festzug beginnt. Das glänzende Gefolge schließt sich an. Wohin^ die Braut auch schaut, überall verneigen sich Blümchen und Blüten, Hochrufe ertönen, weiße Wolkenbanner wehen, Trompeten schmettern und Willkommenlieder erschallen.
Freude- und liebekrunken schaut das Brautpaar um sich, sie nicken nach rechts und links und möchten alle erfreuen. Jetzt führt sie der Weg zwischen Mauern von blühendem Flieder hindurch: die kugelsörmigen Rotdorne leuchten wie Kandelaber, ja selbst der stachlige Weißdorn hat sich in weiße Kleider gehüllt.
Am Gartenbeet macht der Zug halt; der Blumenchvr klappt herrlich, und die junge Königin nimmt dankbar manch ein zartes Kindlein hoch urtd herzt und küßt es.
Doch sie müssen weiter, noch viele Herrlichkeiten warten ihrer: so naht der Mcktag, und auf einer blumigen Wiese bittet der Haushofmeister zum Mahl. Schmuck sieht er aus. geschniegelt und gebügelt, und er poltert auch nicht, sondern säuselt seine Befehle in lieblichen Tonen.
Die Rosenkäfer in ihren schillernden Uniformen servieren, und die Bienchen kredenzen Tau und Honigwasser. Immer neue Gäste kommen, immer neue Lieder erschallen zum Ruhm, des Brautpaares. Diele Sänger sind ja eigens zum Feste aus weiter Ferne hergekommen und wissen viel zu erzählen. — Als es kühler geworden ist, beginnt das braune Leibregiment der Maikäfer ein Turnier. Die tapsern Kämpen prallen aneinander, daß die Panzer nur so krachen, und die Kchlachtmusik durchbraust die Luft. Endlich ertönt der Stab des Haushofmeisters, der die Tafel aufhebt. Wieder ordnet, sich der Zug: Liebespaar schließt sich an Liebespaar, wie sie sich fanden, und über jedem schwirrt als Fackel ent Glühwürmchen.
Die Sterne oben am Himmel recken sich fast die Hälse aus, und in prächtigem, silbriggoldenem Mantel wandelt der Mond den Berg herauf.
Dor dem Braukgemach, das mit rosenroten Portieren verhängt ist, macht der Zug halt. Leise verschwindet das junge Paar da hinein, und der Haushofmeister führt die Gäste zu neuen Freuden. Es wird still um das Hvchzeitshaus. Rachdenklich lehnt der Mond an der blauen Wolkenwand. „Schon ist's doch, jung' zu fein.“ Mit melancholischen Augen blickt er zur Welt herab. Goch, — was ist das? Er fährt aus seinen Träumen auf.
Die Nachtigall! Ihr Liebeshymmis beschließ! den Tag: Es ist andächtig still in der Welt, alles lauscht, und wer liebt, der ist glücklich, und in den andern erwacht die Sehnsucht. So bleibst es die Rächt durch. Still, mit geschlossenen Augen lehnt der Mond an der Wolkenmauer, und die Sterne zittern vor Seligkeit.
Da huschen eifrige Diener an der Tür hin und her: die Vorhänge bewegen sich, es wird, lichter, und mit einem Wale tritt! das junge Paar im strahlenden Glanze Arm in Arm aus dein Hause. Leise zieht sich der Mond zurück und winkt den Sternen.
Ein Jubeln, ein Flöten und ein Singen beginnt in der Welt, Frau Sonne umfaßt den Gatten, und so fliegen sie herab zur Erde und verleben dort unten die glücklichsten Flitterwochen, — die Maienzeit l


