Ausgabe 
23.2.1924
 
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80

Die Stunde drr Sterne.

Don Robert Hohlbaum.

(Schluß.)

Die scharfe Hakennase des Kleinen fuhr durchs Dunkel, dem Dr. Schvberlechner säst ins Gesicht.

Hat er an Arsach? Wer 13 denn 's Schotzkind von der Press' und dem dalkerten Publikum? 3 vielleicht? Berichten f unter Kunstnachrichten, das) i aus die Sommerfrischen 'ganqen bin? schreiben s' über mi und meine Beziehungen zur Klara Schumann a Feuilleton, was? Drei Zellen über mei' ,Tedeum', wie ihr 's ausgeführt habt'S, dös is alles!"

Der Dr, Schvberlechner würgt«:

Das wissen wir ja, Toni, das) du noch immer unter Gebühr «tngeschätzt wirst, und das weist sogar der Brahms!"

So, so, dös wast er, dös wah er, und döS 13 ihm wohl sehr unangenehm! Vielleicht hat er gar Mitleid mit mir! 3 will ka Mitleid, i brauch kan'sl 3 pfeif auf bto blöden Aristokraten und

di« ballerten Kunstfadrikant«», i Watz scho'. was <m mir iS- tz brauch überhaupt kan Menschen!"

.Auch unS nct, Toni?" fragte der Dr. Schvberlechner, unS in feiner Kehle stak ein Rührungslnödel.

Aber was, ös seid'S do kane Menschen, 68 seid'S junge Leut', die an haben müasten, den f anstrudeln können."

Eine lange Weile war Stille. Der Mond stieg auf, lieb die Karlskirchenkuppel erglänzen und streichelte Bruckners Glatze.

Der Dr. Schvberlechner atmete schwer, setzte zum Sprechen atz, schwieg und sagte endlich:

Toni, du bist zu viel allein gesessen, du mutzt wieder amak unter die Leut'."

.3 brauch' kane Leut'," knurrte der kleine Gigant.

.Aber sie brauchen dich!" trumpfte der Sektionsrat.

Wer's glaubt, wird selig."

,O ja: sie brauchen dich! Der Hofrai Weber hat nach dir ge­fragt und der Dr. Steindachner, und der kleine Germanist, weiht, der vom Akademischen, der 's Solo im Tedeum gesungen hat."

Bruckner dachte nach.Ah. der da: dös i3 a liab's Bürscherl, den mücht i scho wieder amat sehn. 3n der S-imm' liegt a Gold."

Ra, siehst es! Die kommen jetzt jeden Samstag in einem Wirtshaus der inneren Stadt zusaminen, dort gibt's ein Pilsner, sag' ich dir! And heute ist grad Samstag."

A Pilsner, dös war net ohne. Eisbier?"

Ra. Kellertemperatur, akkurat so, wie du's haben wulst.

Bruckner sinnierte:

Ra ja, i brauchet jeht'n scho' amat an bürgerlichen Ausgang.

Wie habt denn dös Wirtshaus?"

Dem Dr. Schvberlechner erschlug's für einen Augenblick den Atem. Hetzt kam's. Mit der harmlosesten S.imme, die ihm zur Verfügung stand, antwortete er:

Am Wildpretmarkt, der .Rote Igel' ist's."

, Der rote Igel. Der rote Igel." Mit einem Ruck drehte sich der im Mondlicht ragmde Kopf: .Dös is do. da kommt do der ba hin! Was fallt denn dir ein!"

Ich hab' ihn noch nie dort g'sehen. And überhaupt, und überhaupt." ein rettender Gedanke:Der is do schon vorige Wochen nach Ischl g fahren. Hast du's denn net gelesen?"

Ra. i lies den Quatsch net, i hab' was Mscheiters z tun.

Die scharfe Rase ragte forschend vor wie ein Geierschnabel. Wast: du dös sicher?" .,

Kannst mir dös bei deiner Ehr' und Seligkeit beschworen!

Bei meiner Ehr' und Seligkeit!".Der Dr. Schvberlechner nahm dem guten Zweck zuliebe schon einen Meineid auf sich.

And das Pilsner, sagst, is gut?"

Ich hab' In mei nt Leben noch kein solches trunken!"

Vom Bier verstehst mehr wie non der Musik. Du, aber 634 sieg' i dir, wann der da drinn is, g hl i furtl"

«Ja, ja, zieh' dich nur an!

Run kam ein plötzliche Leben über den Kleinen.

Wo hat denn der gallonierte Hoftrottel mein' Hosen hin­geben!" Bruckner tastete jeden Stuhl ab, langte unter 's Bett, in alle vier Ecken, endlich ritz er den Schrank auf.In Kasten eint! G hört niet' Hosen in' Kasten? Hast scho' so was g'hört?"

Er hüpfte in das weite karierte Beinkleid, zog fluchend die Juchtensticfeletten an, bürstete den Rock, zog ihn an und wieder aus, weil er die Weste vergessen hatte, hieb dem Dr. Schober» lechner ein schwarzes zerknülltes Etwas in die Hand und heischte. Bind' mir 'n Schlips, mir is scho' z' finster." Dann strich er den Zylinder nach der verkehrten Seite glatt, und endlich war er so weit. ,

Der Posten präsen'ierte, als sie durchs Tor traten. Bruckner sagte:Hab' die Ehre!" hing sich in Schvberlechner ein und Plus das Leitmotiv des Scherzos aus seiner neuen Symphonie.

Wenn den Toni Bruckner später einer gefragt hätte, wie denn das möglich gewesen sei, hätte er keine Auskunft geben können. Als er in der Türe des Wirtsauses stand und gerade oben am Präsidium des schönsten Tisches den mit dem langen Bart unO dem beneideten üppigen Haupthaar gesehen, da hatte er in oet jähen Erkenntnis über des Schoberlechner niederträchtige Mein­eidigkeit für einen Augenblick die klare Aeberlegung verloren. And eben diesen Augenblick batte der Schuft benutzt, ihn an De« Tisch zu schleppen. Auch der Dr. Brahms ivar ein wenig sonder- bar berührt gewesen, aber er halte sich einen Ruck gegeben una den neuen Gast, als der Sektionsrat in präsentierte hebens« würdig willkommen geheißen. Der Toni Bruckner hatte kein uv gesagt, sondern nur eine Verbeugung gemacht, die sehr kalt u arrogant gemeint war, aber nur sehr unbeholfen herauskam, u die rote Weit war ihm in die Stinte hinaufgestiegen, als er oas flüchtig-huschende Lächeln des Feindes bemerft hatte. AlS^r Schvberlechner ihn an seine Seite ziehen wollte, gab er t!>m ei Rippenstotz und setzte sich ans unterfle Ende der Tafel neben oen kleinen Tenor aus dem Akademischen, der neulich das cwio Tedenm so schön gesungen hatte. Was nun folgte, war niwt eo«. gemütlich Der Hof rat Weber und Dr. Steindachner fragten

Sobald ich das Wort Bülow tzermrSvrochte, verklärte» sich Men­tzels ZügeEpazieien Sie herein, nehmen Sie Platz!" Er kippte ungestüm, einen stark belasteten Schemel um. sv dah verschiedene Kartonrvllen aus dem Boden heru in kugelten, nötigte mich auf das Dreibein, und bestürmte mich mit Fragen über die trauer« Feierlichkeit Jede Einzelheit hatte ich ausführlich zu beschreibe^ .Bitte, erzählen Sie genau, ganz genau! Ich mutz alles wissen!" Als ob er inwendig in seiner subtilen Weise Strich für Strich eine Studie anlegte. Er hatte in keinem von Bulow litigierten Berliner Konzerte gefehlt, blickte, solange gespielt wurde, wie in Erz gegossen. And wehe dein, der ihn in den Dausen aufstörte.Sie wissen, was Bismarck nach dem Tode Bülows sagte: er war nicht, wie die anderen ihm fehlte Du Tünch: der sozialen Heuchelei. Das tnftt Ml! Etwa nicht? Warten Sie!" Menzel ging in den kleinen Vorraum.

Äofterte dort eine Weile herum und tarn mit einer Dleististzetch^ mma zurück. Sie stellte Bülow bar, behaglich in einen Sessel zurückgelehnt die Deine übereinandergeschlagen, den Kopf leicht erhoben, ein seines, sarkastisches Lächeln um den Mund, wie wenn er »tabe einen glänzenden Aphorismus herausgeschleurert hatte.

Vsiis meinen Sie dazu?"Mit diesem Ausdruck hatte ich ihn an Ihrer 'Tafelrunde von Sanssouci sitzen sehen mögen, den Herrn von Voltaire absertigend." Menzel schmunzelteHetzt mutz ich in eine Sitzung. Wollen Sie heute abend bei Fredernch in Der Potsdamer Stratze mit mir essen? Acht Ahr! Doch" nut einem keifen Zucken der Oberlippe -wird eS spät, so müssen Sie mich heimbegleiten." Pünktlich war ich zur Stelle Don allem mög­lichen mutzte ich erzählen: von Tagen mit Balow in d'lorenz, von Landkirchen in Oberbayern, von den Sammlungen Georg Hirths. Derweile speiste Menzel. Eine r ichliche Stundenlang. Anunterbrochen, eifern sachlich, mit sonderlich zleihchem Hand- haben von Messer und Gabel, wie ein soeben aus der Schweizer Pension heimgelehrtes Jungfräuleln. Rie satz ich einem Sterb­lichen solch gesegneten Appetites gegenüber. Don Miguel. Der trauere Polizist, der mich in Zivil durch di« Spelunken Vrianas. $>er nicht zweifelsfreien Dorstadt Sevillas, geleitete, und Eugen d'Albert der in seiner vegetarischen Periode zwischen feiner Dritten und vierten Ehe, Blumenkohl mit holländischer -e-unra kiloweise vertilgte, waren arme Waisenknaben dagegen. Wie vor­ausgesehen. wurde es ziemlich spät. Menzel. Der seelenruhig die erledig en Lebensrnittel mit einer angemessenen Menge Bordeaux­weines begotz. hakte sich beim Ausbruch in meinen Arm. was m Ansehung der Verschiedenheit drr Statur einige Schwierigkeiten mach e, aber unter gegenseitigem Entgegenkommen schliehlich gelang.

Mottl den Bülow liebte wie einen wohlgeratenen Adoptiv­sohn veranstaltete alsbald ein Konzert zum Besten des Denkmal- fonds was Hermann Wolfs ungeachtet großsprecherischer Der- heitzungen nicht fertig brachte. Kunstler standen ihm genugsam -u Gebote: jedoch pflegt ja eine rechtschaffene Spinne die Deute, die ihr ins Retz geht, ausschlietzlich zu eigenem Besten zu Der» weiten. In München gaben Heys« und Lenb ach mit Freuden ihre Anterschrift.Doch unentgeltlich tu ich's nicht, sagte Der letztere Zuerst phantasieren Sie ein halb Stündchen auf meinem Harmonium. Drinnen sitzt ein Kommerzienrat, den ich porträtieren mutz und der nicht stillhalten will. Vielleicht bringen Sw es fettig ihn halbwegs einzulullen." Der Versuch gluckte. Zum Danke bekam ich ein zweites Abbild Bülows zu sehen: diesmal das des gebieterisch aufgerichteten Orchesterfeldherrn mit hoch erhobenem Taktstock.

Den Wesenskern des großen Musikers aber offenbarte weder Menzel mxf> Lenbach. sondern der Meister, der dann das Denkmal schuf- Adolf Hildebrand. Er stellte einen anspruchslosen Ausbau hin und fügte ihm ein schlichtes Rund mit dem Kopfe in mäßig vortretendem Relief ein. Der Ausdruck der des tief- schauenden, allem Erdenleid. aller irdischen Bedürftigkeit ent­rückten Sehers. Ein Widerklang dessen, was die Züge des blinden Homers im Museum von Reapel unsagbar vergeistigt, Die Rocht scheint tiefer tief hereinzudringen, allein im Innern leuchtet helles Licht."