Gießener zamilienblatler
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (92^ Lamstag, den 23. Zcbruar ’ Numme^
Wie Hans v. Bülow sein Denkmal erhielt.
Zum dreißigjährigen Todestag« Les Meisters.
Don Paul Marsop.
Änter ungeheurem Zudrang der Hamburger Bevölkerung und von auswärts gekommener Trauergäste fand in der groben Michaeliskirche, einem der herrlichsten Gotteshäuser Deutschlands, die Gedächtnisfeier für Hans v. Dülvto, einig« Wochen nach dem in Kairo im Februar 1894 erfolgten Tode des Meisters statt. Den Sarkophag umstanden Ratsbediente in spanischer Tracht. Der Senat war vollständig zur Stelle. Senior Behrmann hielt, obwohl streng orthodox gerichtet, dem freigeistigen Künstler die Grabrede: mit schlichten, ergreifenden Worten prieS er fein« untadelige seelische Vornehmheit, sein übergütiges, stets zum Helfen, Wohltun, Vergeben bereites Hcrz, sein Sichüberwinden gegenüber denen, die auf solche Milde hin an ihm frevelten. Im Ramen der Familie legte Geheimrat Thode einen bescheidenen Kranz aus die Bahre: von den Töchtern war keine erschienen. Den Musik- tahmen hatten Gustav Mahler, damals Kapellmeister am Hamburger Stadttheater, und ich gespannt. Wundersam klang das »Auserstehn, ja Auserstehn" vom Ehove herab. Mahler wurde dadurch so erschüttert, dah er den ©türm und Kampf seiner zweiten Symphonie mit diesem friedvollen Gesang« beschwichtigte.
Einige engere Freunde des Hauses hatten sich verabredet, Frau Marie v. Bülow am Abend Gesellschaft zu leisten. Mit ihnen erschien, unerwartet, ölig und betulich, der Konzertagent Hermann Wolff, merkte aber bald, dah er just nicht mit liebevollen Augen betrachtet wurde und entwich auf leisen Dohlen. Rach feinem Verschwinden entstand eine längere peinliche Pause. Auf dem Tische lag Balzacs „Pere Goriot", den Bülow sehr geschätzt hatte. Th ödes und meine Au^en begegneten sich: wie auf Veraoredung brachen wir, obschon wir im Grunde einer Meinung waren, einen Streit über den letzten startzeistigen Franzosen und seine Epik mit ihrer bis über Daudet und Zola hinaus gebliebenen Mischung von Raturalismus und Lehrhaftigkeit vom Zaun. Damit wurde eine halbe Stunde ausgefüllt. Danach wieder beängstigendes Schweigen. Endlich kam mir ein befreiender Gedanke. „And wer soll das Denkmal für den Meister aussühren?" fragt« ich kecklich ins Blaue hinein. „Wie denn, welches Denkmal?" ertönte es von allen Seiten. Thode schwieg zu meiner Aeberrumpelung, runzelte aber die Stirn. Anläßlich! Man getraute sich eigenmächtig vorzugehen, ohne dah Bayreuth gesprochen hatte. Toni Petersen aber, aus dem altangesehenen, einfluhreichen Geschlecht, das Hamburg mehr als einen regierenden Bürgermeister gab, urgescheit und vorbildlich in der Betätigung praktischer Menschenliebe, hieb gleich kräftig in die Kerbe. „Natürlich," sagt« sie, „gehört das Denkmal nach Hamburg!" (Stolz lieb' ich mir die Hanseatin!) „And wir schmieden das Eisen, solange «s heih ist. Sofort müssen wir uns an die Oeffentlichkmt wenden. Ein Ausruf wird aufgesetzt, mit der Bitte, Beiträge an «ine zu bestimmende Stelle einzusenden. Mir bilden ein Komitee, will sagen, jeder von uns übernimmt es, eine Reihe von Persönlichkeiten, über die wir uns alsbald zu einigen haben, mündliche zum B.itritt aufzufordern. Diese Persönlichkeiten unterzeichnen den Aufruf." Während Toni Petersen sprach, hatte sich Geheimrat Thode erhoben, bemerkte dann- Mit diplomatischer Miene, dah er von Direktor Lichlwarck erwartet werde, und empfahl sich Irgend jemand schob mir eine gefüllte Teeschale, einen weihen Dogen und einen Bleistift hin, stieß jedoch im Eifer der Bemühung di« Tasse so geschickt um. dah das scyöne Weiße Velin rettungslos aufgeweicht wurde. Da anderes Material gerade nicht zur Hand war, schrieb ich aus den Rand des »Hamburger Fremdenblattes": „Hans v. Bülow ist dahingegan- aen. Als gewaltiger Meister im Reiche der nachschafsenden Tonkunst stellte er sich den schöpferischen Heroen der Musik zur Seite. Sem Werk lebt fort; der Samen, den er ausstreute, trägt tausendfältige Frucht. Am fein Andenken zu ehren, um kommenden Generationen davon Kunde zu geben, was er in der Kunstentwicklung des Jahrhunderts bedeutet, soll ihm ein Denkmal ausgerichtet werden in der Stadt, wo er wähnend des letzten, an edlem Wirken überreichen Jahrzehnts seines Lebens seinen Wohnsitz hatte — sei es an der Stätte, an der ruht, was von ihm sterblich war, sei eS in den grünen Auen, über die er so gern Ane Augen schweifen ließ, wenn er von der Arbeit ausraflete. Me er für alles Groß« und Schön« mit Begeisterung eintrat;
jedes ernste Streben in ihm einen uneigennützigen Förderer
sand, so wird vor feinem teuren Ramen aller Parteihader schweigen, Als tapferer Vorkämpfer deutscher Kunst hat Bülow dem deutschen Ramen neuen Ruhm gewonnen; ihm ein Denkmal zu setzen, ist Ehrenpflicht des deutschen Volkes. Tausende und Abertausende danken ihm weihevolle Stunden innerer Erhebung: sie Werden nicht zögern, den Gefühlen herzlicher Verehrung, von denen sie erfüllt sind, durch di« Tat Ausdruck zu verleihen." Der Abend klang rein aus ht feinsinnigen Worten Friedrich Spiel- bagens. Mir wurde aufgegeben, in Berlin bei Menzel und Josef Joachim, in Karlsruhe bei Mottl, und, nach München zurückgekehrt, bei Heys« und Lenbach vorzusprechen.
Joachim nahm mich mit herzlicher Liebenswürdigkeit auf. Gr lenkt« gleich das Gespräch auf albe Weimarer Zeiten, da er mit Bülow, Bernhard Cossmann und Liszt in guter Gemeinsamkeit musiziert«, wobei er rückhaltlos einbekannte, dem letzteren, insbesondere für den Vortrag Bet Hoven scher Werke, nicht wenig zu verdanken. Auch ließ er durchblicken, er wäre, als er sich mit anderen in vielberedeter öffentlicher Erklärung von den „Zu- tunstsmusikern" lvssagt«, nichts weniger als der Antreibende, vielmehr der Geschoben« gewesen. Ich behielt meine Vermutungen für mich sie gingen und gehen dahin, daß Klara Schumann, die von der Ratur eben nicht zum Friedensengel geschaffen war, auch dazumal ihr Samthändchen im Spiel hatte. Joachims Art wak es, unter vier Augen meist frisch und frank mit seinen Gtedankent herauszugehen, während er sich in größerem Kreise eher zurückhaltend, unfrei, ja schüchtern gab. Wie er denn auch als Leiter der Berliner Hochschule für Musik nicht von eigenem Fühlen bestimmt in streng konservativen Dahnen verharrte, sondern weil er nicht die Energie besaß, dem Klüngrlgeist des tüchtigen, doch größtenteils engsichtigen Lehrperfonals entschieden entgegenzutreten. Männliche fest, rhythmusstark in feinem Spiel, war er im Leben zu weich. Bülow hatte sich fein Herz dadurch .zurückerobert, -daß er mit dem ihm eigenen rittewichim Entgegenkommen seine zuvor noch nie in einem Kvnxrrt erklungene Ouvertüre zu Shakespeares Heinrich IV. zu Gehör brachte — ein sauber gearbeitetes Stück, ebenso erfindungsmatt und nicht kurzweiliger als sein« Violinkonzerte und was sonst nur immer die Feder ces u erreichten Klassikers des Quartettvortrages niederschrieb. Eingehend verbreitete sich Joachim dann über die Wiedergabe der Symphonien Brahmsens durch: Bülow, sie als „absolut authentisch" bezeichnend. Bülow bevorzugte da, bei aller Klarheit der Linienführung, verhaltenen Ausdruck, gedeckte Farben, zartes Dämmerlicht; nach seinem Ableben sah es so mancher Kapellmeister, besonders bei der Darstellung der „Ersten" und der „Dritten", auf pathetischen Stil und schneidige Bechbläsereinsätze ab, auf Glanzwirkungen, die mir fast eine Vergewaltigung der Partituren dünkten und, beispielsweise, das Mißverständnis her» vorriefen, alS ob Brahms mit dem Finale seiner „S-Moll" dem: Beethoven des Freudenhymnus an die Seite hätte treten wollen. Wobei noch in Betracht zu ziehen ist, daß, wie mir Bülow und auch Hermann Levi bestätigten, «in nicht unerheblicher Teil des thematischen Materiales jener Symphonien bereits skizziert wurde, als der Donseher noch- vorwiegend in gedämpften Schumamtschen Romanzenstimmungen webte und schwärmt«. Zum Beschluß bewirtete mich Joachim fürstlich mit einem köstlichen langsamen Satze Tartinis. Als ich. mich zum Gehen wandte, kam An-erwar- tetes, nämlich di« Frage: „Würden Sie sich von München trennen können?" Vielleicht war es töricht, daß ich mit „Schwerlich!" antwortete. Aber, um dreißig Jahre jünger, machte ich mir seinerzeit über Höteliopolis an der Isar noch Illusionen.
Euter Dinge zog ich. weiter. Als ich indessen die steile Treppe zu Menzels Werkstatt emporllomm, stellte sich, arges Herzklopfen ein. Man hatte mir bange gemacht: die. kleine Exzellenz würde mich., sofern sie mich überhaupt vor ihr Angesicht treten liehe, je nach Laune entweder in rohem Zustande hinunterschlucken ober, nachdem sie mich hinlänglich mit Grobheiten gespickt, auf einem Schnellkocher gebraten verzehren. Mit dem Mut der Verzweiflung riß ich am Klingelgrifs. Wider Erwarten horte ich alsbald schlurfende Schritte. Die Tür wurde knapp handbreit geöffnet. Durch den Spalt funkelt« mich Menzel an und fauchte: „Sind Sie .Maler?" „Roch schlimmer!" „Ich gebe keine Almosen, Wenden Sie sich, an meine Schwester im Vorderhause! Sind Sie Schriftsteller?" „Roch schlimmer! Am Ahnen weitere Fragen zu ersparen, Exzellenz: ich. bin nicht etifettlert und gehör« in keine Apothekenschnblade. Heute aber komme ich im Namen einer Anzahl von Freunden Hans v. Bülows und soll . . “


