Ausgabe 
22.11.1924
 
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Er Hat also einen Erben für Herrenbruch gewonnen!" sagt« das Fräulein.

Wollt Ihr ihm darob zürnen?

Fräulein Gottliebe schüttelte den Kopf.Hat mein Bruder in seiner Verblendung böse an mir gehandelt, so ist es nicht ziem- lich für mich, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Bitte Euch darum, ihm zu schreiben, auf Herrenbruch würde alles gerüstet, um ihn und den künftigen Freiherrn wohl aufzunehmen."

Der Herr von Donop seufzte tief auf.Ihr wälzt mir einen schweren Stein vom Herzen," sagte er,denn ich dachte, Ihr würdet unwillig sein und Euch des weigern. Es hätte der Streit ein gutes Fressen für das Reichsgericht in Wetzlar werden können. Möge Gott einen rechtschaffenen Wann vor Prozessen hüten. . . Sv Ihr und Herr Achatius heute mit mir speist, werdet Ihr einen Vetter bei mir finden, der seit dem Friedensschlüsse schon zum zweiten Male nach Wetzlar reitet. Wird kein Ende nehmen mit seinem Streit vielleicht in fünfzig Jahren."

Gern folgte Las Fräulein der Einladung ihres alten Be­schützers. Auch lockte es sie, Reues aus anderen Landschaften des Reiches zu vernehmen, denn in jenen Lagen erfuhren die Men­schen auf ihren Landsitzen wenig von der Welt, und es konnte ge­schehen, Last Rachrichten ein Jahr alt geworden waren» ehe sie in aus horchende Ohren krochen.

Der Vetter aus den mecklenburgischen Landen war ein freund­licher, breiter Junker, der sich schweigsam zu Tische setzte und seine Kinnbacken zunächst nur in Bewegung brachte, um die gute Rah- rung kräftig zu zermalmen. Doch nachdem er einige Flaschen roten Weines mit Verständnis genossen hatte, zeigte es sich, daß er sein Mundwerk auch sonst gut zu gebrauchen wußte, denn sein Geist war voller Schnurren und Abenteuer.

Da der Rittmeister den mecklenburgischen Herrn seiner Ge­wohnheit gemäß fragte, ob nicht ein Krieg in Aussicht stünde, erzählte er von einer lustigen Fehde, die der letzte Herr auf Bürow gegen die gute Stadt Soltwedel geführt hatte.

Der Herr auf Bürow hatte bei einem Soltwedeler Braueq Bier gekauft, ein dunkles, schweres Bier, wie es in Halberstadt, und Eimbeck gebraut würde. Der auf Bürow hatte mit zwei Freunden ein Fäßlein am Ostertag ausgezecht, rmd hernach habe sich's erfunden, daß in dem Fäßlein tote Mäuse gewesen seien. Der von Bürow habe in die Stadt geschrieben, der Brauer solle ein ander Bier liefern und barfuß zu ihm herausgehen und mm Verzeihung bitten.

Hatte die Stadt Soltwedel geschrieben, in Bürow gäbe es genug Mäuse, und es fei zu untersuchen, ob es Dürowsche oder Soltwedeler Mäuse gewesen wären. Darauf sei der Junker er­grimmt und habe gedroht, die Straßen zur Stadt zu sperren. Hatte über die Rechnung ohne die kurbrandenburgischen Dragoner ge­macht, die dem lustigen Kriege ein schnelles Ende setzten.Der Kur­fürst von Brandenburg," schloß der Vetter aus Mecklenburg,hatte dem Hans Friedrich von Bürow sicher pardvnniert, daälebles noch nicht geschehen war. Aber der Hitzkopf brannte abenvS im Kruge, als die Reiter ihn aufheben wollten, seine Pistolen los. Gin alter Wachtmeister verstand den Spaß schlecht und jagte ihm selbst heißes Blei ins Hirn. So ging denn für ihn der lustige Krieg gar übel «ns. Die auf Bürow aber suchen zur Zeit in der Welt herum «ach einem neuen Herrn."

Der Herr Achatius sagte, in Gedanken verloren:Waren doch meines Erinnerns auf Bürow noch drei andere Jungherren."

Sind Anno 47 alle Bürows an den Blattern gestorben. Lebte danach nur noch der Herr Haus Friedrich und die Tante Anna Kordula."

Der Rittmeister Achatius von Söllern wurde sehr blaß. Mit weitaufgerissenen Augen schaute er in die Runde, wie ein Mensch, der erwacht. Er fuhr sich Über die Stirn, als wollte er etwas fortstreichen.

Was ist Euch, lieber Freund?" fragte das Fräulein und sah ihn besorgt an. Seine Blicke blieben in ihren Augen getaucht: Wenn dem so ist, wie der Junker erzählt, wäre ich der Erbe auf Bürow, denn ich bin von der Mutter der einzige des Blutes, der dann noch erbberechtigt ist."

So seid Ihr der Freiherr Achatius von Söllern, nach dem seit zwei Jahren Aufrufe ergehen durch alle deutschen Lande?" rief der mecklenburgische Herr voller Staunen.

älnd da Herr Achatius nicht ja oder nein sagte, begann er in ihn zu dringen:Was zaudert Ihr noch lange? Laßt satteln, reitet hin und nehmet die Güter ein. Sie gelten als eines der schönsten Lehen der Mcnck."

Der Rittmeister wandte den Kopf langsam zur Seite und sah Gvttliebe an.

Es ist Eure Pflicht, Freiherr!" rief das Fräulein von Herren­bruch.Wer fein angestammtes Land läßt, begeht Felonie an seinem ganzen Geschlecht!"

Der Herr von Donop fügte hinzu:Wenn Ihr anitzt noch langer auf Abenteuer beharret, Söllern, da Euch die Schollen Eurer Väter rufen, so würde offenbar, daß der Krieg edles Blut zu trüben vermag."

Herr Achatius antwortete auf diese dringenden Reden nichts. Er vermochte seine Blicke nicht von ®ottlie5e zju wenden. End­lich erhob er sich und erbat Urlaub.

Am nächsten Tage fand ihn Fräulein Gvttliebe in seinem Turmgemach in Gedanken versponnen.

Er verneigte sich tief und sagte mit schwerer, suchender Stimme: Was schafft mir die Ehre, Fräulein von Herrenbruch daß Ihr mich selbst in meinem Gemache aufsucht, da Ihr mich doch jederzeit rufen lassen könnt?"

Gottliebe sah ihn milde an und erwiderte:Ich weiß, Euer Leben ändert sich! Ihr habt heute nacht viel abtun müssen von der alten Lebensrüstung, um leichter zu sein für den neuen Fecht­gang mit neuen Waffen, denn ich zweifle nicht, daß Ihr entschlossen seid, das Erbe Eurer Väter einzunehmen, das Gott Euch bestimmt hat. Indes habe ich Eure Reise vorbereitet. Rudvll hat Sattel­zeug neu gerichtet. Ich habe ihm den Falben gegeben, weil es ein altes dauerhaftes Tier ist, und ein Handpferd ist bereit mit Decken und Mundvorrat. So Ihr es möget, könnt Ihr morgen in der Frühe auf dem Ritt sein."

Wollt Ihr mich sortweisen, Fräulein Gottliebe?" fragte der Rittmeister.

Würde Euch immer bei mir behalten für das, was Ihr mir an Treue geleistet habt, Herr Achatius," sagte Gottliebe, und ihre Augen waren voll Sehnsucht.Aber ich halte es für Teufelei^ wenn ein Weib einen Mann abhält von Beruf und Werk. Kommt Ihr aber einmal wieder die Straße hierher gezogen, werdet Ihr mir immer willkommen sein als lieber Gast."

Der Herr Achatius erwiderte nichts mehr. Er hatte dis Finger der beiden Hände ineinander geschoben und preßte sie so heftig, daß- die Knöchel knackten.Läßt mein Herz mich doch nicht von hier," sagte er.Ist mir doch als wäre ich angeschmiedet mit eisernen Ketten, die niemand nicht sieht."

Da runzelte Fräulein Gvttliebe die Stirn:Wer mir selbst sagt, er sei ein gebundener Sklave, den achte ich nicht für einen Mann. Könnte es nicht glauben, dah Ihr Eure Hand ruhen fasset, wenn Gott Euch selbst gebietet zuzugreifen und zu schassen."

Herr Achatius senkte den Kops, als wäre ihm ein verdammen­der Spruch vom Kriegsgericht zudiktiert. Er beugte sich, ergriff die Hand des Fräuleins und küßte sie.

Am andern Morgen in der Frühe trat er reisefertig in den Hof, Fräulein Gottliebe von Herrenbruch erwartete ihn bei den Pferden. Sie prüfte selbst jeden Riemen und jede Schnalle nach. Beide Hände reichte sie ihm beim Abschied. Sie sagte kein Wort, nur ihre Augen sprachen.

Der Herr Achattus ritt zum Tore hinaus, wie in einem Traum. In Prächten lag die Maienlandschaft vor ihm, und als er den Kops wandte, sah er aus einem Gemache eine Frauenhand mit einem Tüchlein winken.

Als die Sonne im Mittag stand, fand sie den Herrn Achatius auf einer Aast in einem ausgebrannten Hause am Wege. Denn allerorts standen noch Ruinen als Zeugen des großen Krieges, und um diese verwüsteten Hose lagen die Aecker vermoost, zurück- getoonnen vom wuchernden Walde, versunken im Sumpf.

Dieselbe Sonne, die dem Herrn Achattus und seinem Knechte beim Mahle zufah und den Rötzlein beim Grasen auf verwüstetem Acker, schaute auch hinab auf das Haus Herrenbruch, durch dessen Räume das Fräulein Gvttliebe, ohne Ruhe zu finden, schritt, als suche sie, was sie verloren.

Und die Sonne ging auf und nieder einen jeden Tag. Der schlanke, hoffnungsgrüne Frühling wich dem gelben Sommer.

Das goldene Korn stand auf den Feldern und neigte schwere Aehren, als Herr Achatius dieselbe Straße, auf der er im Früh­ling hinausgeritten, zurücktrabte. Es wollte Abend werden. Am roten, heißen Himmel stand ein Dunst. Gr ritt in den stillen, teeren Hof von Herrenbruch, schwang sich aus dem Sattel und schritt ins Haus hinein.

Es war still und ruhig, denn das Fräulein hatte das Gesinde zum Abendgebet versammelt. So gelangte er in das Gemach der Herrin und wartete bis sie Sam.

Als Fräulein Gottliebe eintrat und die dunkle Mannesgestalt in dem abendgeröteten Fenster erblickte, preßte sie die Händr auf die Brust und atmete tief auf, als sähe sie eine Erscheinung.

Seid Jhr's denn leibhaft, Achatius?" fragte sie, und da er nickte, fragte sie weiter:Welcher Wind weht Euch zurück? Habt Ihr in der Heimat nichts gefunden, was Euch festhielt?"

Ich bin gekommen, um Euch zu danken," erwiderte der Frei­herr.Als ich auf der Scholle des Bodens stand, der meinem Ge­schlecht zugehört, wußte ich, daß ich mich einwurzeln werde und daß die Unrast schwinden wird, die mich umtreibt. Aber das alte HauS liegt einsam in Wald und Bruch. Soll es recht gehalten werden, bedarf es einer Frau, die im Innern Kreise herrscht."

Das Rot im Fenster ward bunfter. Die Schatten im Raume erhoben sich hoch, wie wachsende, schwarze Diesen Rur die Ge­sichter und Hände der Menschen leuchteten noch schwach.

Seid Ihr gekommen, einen Kameraden zu werben?" fragte das Fräulein mit tiefer, erregter Stimme.

Ihr wollt mir folgen ? rief Herr Achatius und seine Worte klirrten, als zerbrächen Ketten in ihm.

In dem dunkelgewordenen Zimmer Hielten sich zweie umschlun­gen und ließen einander nicht los.

Schrtstleittmg: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange. Gieße«.