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Meister Brahms mit KebenSwürDrger unMäfretton nach feinen | Neuesten Pläne», worauf dieser, der das Ausfragen von den Jour» 8 Nalisten her gewohnt war, zweideutig-liebenswürdige Auskunft gab. Der Dr. Schoberlechner sprach einmal zu Brahms hinauf und einmal zu Bruckner hinunter, sah aus spitzen Aadeln und erhielt Vom Präsidium kurze und vom Kontrarium gar keine Antwort. Der Toni Bruckner sah über den Freund hinweg, als ware er incht vorhanden, und sprach überhaupt nichts/ Die jungen Mu.i.schuler um ihn herum duckten sich tote Schakale, wenn Mel Löwen etn- ander drohend umkreisen, und kamen, um ihre beschas igungslole Scheu zu bannen, dem Meister Anton Ganze und Halbe vor, denen er gewissenhaft nachkam, denn, was das Bier betraf, hatte der Dr. Schoberlechner nicht gelogen. Der Hofrat Weber und der Doktor Steindachner sahen als brave Adjutanten zu Seilen des gewaltigen Brahms, nickten zu jeder seiner Bemerkungen, warfen ehrfurchtsvoll ein paar Worte in eine Pause hinein und erwarteten dann wieder seine Antwort. Die lieh manchmal auf Nch warten, denn Meister Johann.'s sah zuweilen, wenn er den Rauch aus feiner Zigarre blies, geradeaus vor sich hin. scheinbar nach den kunstvollen blauen Ringen, in Wahrheit aber ruhte der Blick auf der hohen S.irne seines Gegenübers, dtS aber dieieS enter- esse nicht zu vergelten schien. Rachdem Bruckner ingrimmig ein paar Krügel getrauten hatte, besserte sich seine Laune, und er war bald in ein lebhaftes Gespräch mit dm jungen Leuten verliess die ihm über alles, was im Akademischen Gesangverein vor sich ging, getreulich unb- geehrt Q^eridyt erftätteten. 21 init bsm einen Ohre lauschte der Toni Brackner angestrengt nach dem anderen Tischende, so dah ihm kein Wort entging. Die ruhige, gemessene Art des Feindes erregte seinen Groll: ..Wie er geschwollen da her- redt!" dachte er zuweilen oder brummte es in unverständlichen Lauten, „und wie die Teppen ihn anräuchern! Ah was, die können mi’ gern Hahn! Was geht's mi an!“
Es war mittlerweile halb zehn geworden, die Speisestunde des berühmten Stammgastes des „Roten Igels“. Langsam schlich der Oberkellner lhecan, stand eine Weile hinter des Schonbartigen Sessel warte'e eine Gespräch-spause ab, und steckte ihm mit einer rhythmisch-gleitenden Bewegung die Speisekarte zu Brahms studierte sie mit norddeutscher Gründlich eit. In die allgemeine Stille hinein klang die tiefe Stimme: „Bringen Sie mir ein Geselchtes mit Kraut und Knödeln!“ 1
Bruckners kahler, mächtiger, schon etwas biergeröteter Kopf I drehte sich mit einem scharf m Ruck, dah die Hake.aaje sich drohend gegen den Meister Brahms wandte:
Sehn 6' Herr Professor, dös is der awzige Punkt in dem mir aner Meinung san! Herr Ober, b ingen S' mir m«® r'L6' I
Sie Studenten lachten, der Doktor Schoberlechner läch l e unsicher^ der Hofrat Weber fuhr aus seinem Rachsinnen auf, in das er jeioch gleich wieder zurücksank, S eindachner blick e forschend auf das Gesicht des Tafelpräsidiums, auf dem jedoch nichts lag als unvewegte Stille. Leise Abwehr regte sich in Wahms Was toMLe der dort unten? Eine Anbiederung in dieser Form? Die ohiedies stets nur einen schmalen Spalt weit geöffnete Ture die zu seiner Seele führte, näherte sich ein gut Stück dem Schloß.
Bruckner ärgerte sich, eigentlich über sich selbst. Hatte er s notwendig gehabt? Run würde der da oben am Ende glauben er wolle den ersten gaben spinnen. Fiel ihm doch nicht ein. Dich bet Brahms aber so ein gekränktes Gesicht mach.e, war über- f ^ $3 hab halt g'mant, mir san in an Wirtshaus und net in an | Salon!“ sag e er mit gedämvf'er S imme zu den jungen Leuten
3 vertrag' all's. nur kane Leut', die kan Humkor ha o n. Hab t reit?“ Die Studenten bejahten eifrig und brachten dem Lehrer ihre frischen Blumen mit liebevoller Grazie, wie elegante Herren der Dame des Herzens ihre Swäuhe.
Der Aerger in Dr. Johannes' Herzen hatte sich gelegt und war einer leisen Unsicherheit gewichen. Hatte er nicht doch beut andern unrecht getan? Wäre es nicht besser gewesen, wmn er über?den etwas bui-schikosen. aber sicher harmlosen Witz gelacht hatte? Er überhörte die Frage des Dr. Steindachner. ob die Schlager bet ihrem diesjährigen Konzert seine .Liebestreue singen weroe. und fuhr fast erschreckt aus. als der Hofrat Weber ans Glas schlug und für ein paar Minuten um gütiges Gehör bat.
Dann begann dieser salbungsvoll zu sprechen: Bon einer weihevollen Stunde, da diesem Haus Heil wide fahren se:. fernen Geschlechtern vielleicht würde dieser Tag ein Gedenktag dws tebenä und der Versöhnung. Zwei Gigan'en deutscher Kunst laben an ibrem Tische, die bisher einander ferne gestanden, ja. die. man könne saft sagen, Feinde gewesen seien. Heute aber, so hoste er. so hofften mit ihm alle anwesenden Freunde und Verehrer der beiden Groben würden sie einander die Hande reichen und allen Groll vergessen. Auf diese schöne Stunde der Dersöhnung erhebe er daS Glas. _. ,
Ganz allein stand der Hofrat Weber und hielt fein B'-rglas hoch bstner erhob sich und stieh —il ihm an Dem Dr. Schober- Kier brach der Angstschreis, uns. der Dr. S-eindachE sah von unten herauf wie ein geprügelter Dackel ^cahms ins Gcsicht chis immer eisiger und unlxnveg'er wurde . einer d^.jungen Leute sag e halblaut: .Der alle Herr Weber wird alle Tag blooe..
Da ward dem Hvsrat zumute, als hinge er allein mit seinem Dierglas zwis-chen Himmel und Erde im luftleeren Raum, fester umklammerte er das Krügel, als sei es sein letzter Halt, sagte „Entschuldigen schon!" und lieh sich langsam wie ein niedergehender Ballon in den Sessel gleiten. Zum Glück brachte dec Kellner die Speisen und befreite den Hofrat Weber von der qualvollen Rolle, der Mittelpunkt des Interesses zu sein.
Der Toni Bruckner teilte einen Knödel und sagte: „Wann aner a Blech is. bleibt er a Biech, da kann ma nix machen." Als er nun den Knödel zum Munde sührte, blickte et aus und mußte dem Brahms mitten ins Gesicht sehen. Lind auch er mutzte de» Blick erwidern denn er hob eben eine mit Kraut vollgehäufte Gabel. Gott behüte uns vor der Taktlosigkeit unserer Freunde!“ stöhnte innerlich der Meister Johannes. Lind der Toni Bruckner sag e in. Gedanken noch einmal eindringlich vor sich hin: „WanN-anm: a Biech is. bleibt er a Biech. da kann ma nix machen! In ihrer verschiedenen Mundart aber bedeutete es dasseloe. Lind in diesem Augenblick ahnte es einer vom andern. Lieber beider Gesicht glitt ein Lächeln. Dann blick en sie rasch wie ertappte Sünder wieder auf ihre Teller nieder. Johannes Brahms lieb seine Absicht, die er nach der Rede des Hosrates gesatzt hatte, nach dem Essen, heimzugehLN. fallen bestellte ein frischt Bier und zündete sich eine Regatta Media an, die er sonst nur an Sonntagen rauchte, und wurde gelpra- chig Er ließ sogar den in weiche Reue eingewickelten Hofrar nichts entglten und begann mit dem langsam sich wieder Aufrlch- tend.m und den beiden anderen Herren einen Disput über modernste Kunstbestrebungen. Dabei aber rich'ete er manches Wort an feinen Verehrern vorbei nach dem unteren Ende der Tafel, wo fein kleiner Kollege den Studenten einen anschaulichen Vortrag über Kontrapunktik hielt, wobei er, das frische Llichtuch als Rotenblatt benützend, übermäßige und reine Intervalle gegeneinander stellte. Als aber Brahms den Liebermodernen den Borwurf machte, daß sie die alten schönen Gesetze vernachlässigten. und sagte, daß es ohne Regel und Fonn keine rech e Kunst gäbe, ba schwang sich der kahle Kops mit einem Satze nach dem Präsidentenstuhl und nickte lebhaft:
„Dös will i manen, dös hat scho' der Wagner g'fagt in die Meistersinger.“
„Sind Sie denn noch immer ein so fanatischer Wagnerianer, Herr Bruckner?“
| „Ra. was soll i denn sonst fein? Dös is do heut jeder aa« 1 ständige Mensch!"
Brahms lächelte fein, die Wirkung feiner Worte vvrsuhlend: „Das haben Sie nicht notwendig. f Genügl's Ihnen denn nicht, daß Sie der beste ‘Srudnertaner sind?"
Für den ersten Augenblick war der Toni Bruckner sprachlos. Dann aber keim'e das alte Banernmißtrauen in ihm auf „Er fra-.zclt bi!“ zischte es in ihm. Spähend, mit nertniflenen Augen sah er nach seinem Gegmüber, grub seine Blicke "das vornehme Gesich' Aber tote böse et auch forschen mochte, er las mHts daraus als Ehrlick/eiL ein wenig menschliche Lieberlegenheit vie leicht, aber unanfechtbare künstlerische Achtung. In gehobener Stimmung trank cr dm Jingm einen Halben vor und mahn e: Latzt s euch ne« Han kriegen von die Rattenfänger! Bleibfs brav!
|®e/®r. Schoberlechner schlich zu dem Heinen Tenor hinunter unb bedeute'e ihm, di: Studen'en möchten sich auch ein wenig zu Brahms hinauf etzra von wegen der Parität Dessen feiner Spürsinn ^aber durchschaute deS Sektionsrats ® er winkte la cfielnb ab: „Bleiben Sie nur unLen beim Meister Bruckner. Die Jugend hat er doch ganz gepach'el!“
„Weil die La".ser von der Musik no nie verstehn und i ihnere Dierspassetteln mitmach' auf meine al en Tag net wahr k
.Weil Sie noch, immer jung sind," sag e der Meister Johannes, und in seiner S.imme schien ein Klang seiner wehmütigsten Lieder zu zittern. , „, .. _ „ „
Es war spät geworden: die Kellner schichteten schon die Sessel auf der Markör umkreiste den Tisch mit einer "4, ungsvollen Mahlung. Bruckner hängte sich in zwei seiner Schule, ein, a sie ins Freie traten. Dann machte er sich frei, en.bloßtt das 5>iupt ließ es vom Wind umspielen, suh zum Mozartdenkmal chck P?vtS int Hellen Mondlicht ein freundlich-gespenstiges Leben g^ und blickte in den n^ichtblcmen Himmel, den d.e unend- liche Fülle der ©ferne überglänzte. Dann gingen sie, e - L ber ßtubenten, Brahms voraus- mit den älteren Herren. Der Meister Johannes sah sich zuweilen um, blieb endlich stehen uid erwartete d'e Rachf-lgendm. Die Studenten bogen nach d-t Jost.s siadt ab. Mit srohem Händeschütteln verabschiedewn ste sich von Bruckner ab. und Brahms lachte ein wenig melanch.lisch
„Sehen Sie, für mich bleibt nur die Achtung übrig, die Liebe empfang:n Sie!" „ o
Ba und was is denn mit der Liehe von die schonen Damen k Für "wen is denn die reserviert?“ wehrte Bruckner ab, und Brahms lachte ein wenig melancholisch.
Auch der Hof rat Weber, dessen Würde noch immer durch etwas Schnldbewiitz!sein getrübt war. verabschiedete ^.auf bem , und beim Schwarzenbergdenkmal bogen S eindachner
L Lberlechn^nach Änb|lra^ ab. Bruckner und Brahms


