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Ostern als Geburtstag des modernen Dramas
Don Dr. Paul Landau.
Die Osterfeier hat für die Geschichte der Dichtung eine besondere Bedeutung: aus ihr ist das moderne Drama geboren worden. Don den unscheinbaren Anfängen der kirchlichen Liturgie an hat es sich langsam und allmählich entwickelt, und heute auf der Höhe einer jahrhundertelangen künstlerischen Entfaltung gedenken wir kaum noch der Reime, aus denen der stolze Bau unseres Dramas entsprossen ist. Aber das größte deutsche dramatische Werk, der Faust, läßt in seiner weihevollen Verherrlichung des Osterfestes die Präludien des frühen Werdens wieder erklingen und schließt fo die Kette, die von den ersten Regungen einer dialogischen Gestaltung der Auferstehung bis empor zur klassischen deutschen Dichtung führt. Zu Ostern also dürfen wir auch stets die Erinnerung an das Entstehen des deutschen Schauspiels feiern; in den Wechselgesängen der Liturgien liegen bereits die Elemente des dramatischen Geschehens beschlossen.
Das Opfer des neuen Bundes, das Christus am Kreuze dargebracht, war schon in der frühchristlichen Kirche zum Mittelpunkt des Gottesdienstes geworden; die Wechselgesänge und andere dialogische Formen gaben der Liturgie eine reiche Mannigfaltigkeit und besonders die Osterfeier hatte einen dramatischen Charakter, indem hier die Priester, die Altardiener, die Sänger und die Gemeinde zu einer erhabenen Zeremonie sich vereinigen. Besonders bildeten sich kurze Wechselreden zwischen den drei Marien und den Engeln am Grabe heraus, die den Wortlaut dem Evangelientext des Markus entnahmen; sie enthalten den Kern aller liturgischen Osterfeiern und damit die Wurzel der lateinischdeutschen Osterspiele. Die dramatische Urform der Feier vollzog sich so. daß in der Frühmesse des Ostersonntags nach dem dritten Desponsorium der Chor in feierlicher Prozession zu einem Orte neben dem Altäre zog, der durch das am Karfreitag aufgestellte, in ein Tuch gehüllte Kreuz als Christi Grab bezeichnet war, sich in zwei Teile schied und der eine die Worte der Marien, der andere die Worte der Engel fang. Diese Worte sind uns zuerst in
Auch über das zergrübelte Männergesicht zuckte es seltsam.
Stumme Minuten. „Gnädige Frau," klang es bann stockend, und bann verbeugte sich Rasmus und küßte bte bebende Frauenhand. „Sie — Sie, Susannens Mutter?!
Susannens Augen irrten fragend hin und her, ihr Mund blieb erstaunt geöffnet: „Aber, Mama, ihr kennt euch ja schon?!“
„Wir kennen uns schon," sprach die Mutter.
And er sagte: „Freilich ist es schon lange her, aber wir haben uns gut gekannt. Sehr gut!
Örn Garten der weißen Billa schritten am Aachmittag die verwitwete Frau Generalkonsul Werner und Professor Rasmus auf und ab. Sie gingen immer wieder und wieder denselben Pfad, sie sprachen halblaut, auf ihren Gesichtern lag eine tiefe Erregung. Sie sahen nicht den Sonnenglanz über frühlingsfrischen Beeten, nicht den blauen Himmel, nicht das weite Meer, sie sahen nur ihre Jugendzeit, und leise schlug die Erinnerung ein Blatt des Buches nach dem anderen um. , .
Fast erschrocken fuhr die Frau zusammen, als es jetzt in den Büschen rauschte. Susanne kam gesprungen, ihre blonden Haare flatterten, das hübsche Gesicht glühte vor Lust. „O sieh mal, dies schöne Ei, das hab' ich eben gefunden. Das schenk' ich euch, das müßt ihr teilen!" And schon stürmte sie wieder davon.
Die Beiden standen und sahen sich an. Sie blieben stumm eine lange Weile. Man horte nichts als tiefes, zitterndes Atmen, und bann flüsterte sie, scheubeklommen: „War es möglich, um ein Ei?!"
Er fuhr sich über die Stirn, und bann nickte er, traurig und doch wieder mit einem leisen Hoffnungsschimmer: „Lange, törichte, verlorene Jahre, aber nun —?“ Er sah sie fragend an, blickte tief in ihre Augen.
Da -reichte sie ihm beide Hände, lächelnd, gerührt. —
And bann suchten sie Susanne. Wie würbe die sich freuen, daß der Freund und die Mutter sich gefunden hatten! Aber Susanne wurde glühend rot, Tränen stürten ihr aus den Augen und, sich die Hände vors Gesicht haltend, lief sie schluchzend fort. Den ganzen Rachmittag ließ sie sich nicht mehr sehen. Erst am Abend, als er gegangen war. war sie plötzlich wieder da, schlich sich leise an die Seite der Mutter und schmiegte ihre heiße Stirn zärtlich an deren Wange.
„Heirate du ihn nur,“ sagte sie, „er paßt am Ende doch besser zu dir!“
einer St. ©aller Handschrift des 10. Jahrhunderts überliefert; sie lauten in Aebersehung: „Wen sucht ihr im Grabe, ihr Christinnen!" „Jesus von Aazareth, den Gekreuzigten, ihr Himmlischen." „Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Gehet hin, verkündet es, da er aus dem Grabe auferstanden." Aus dem Gesang des Chors traten bald einzelne Personen heraus. Aach Beendigung der Frühmesse erschienen zwei Kleriker, Palmenzweige in den Händen, die die Engel darstellten, und setzten sich an dem teeren Grabe nieder. Dann kamen drei ältere Kleriker, die Weihrauchfässer schwingend, als Marien langsam herangeschritten und sahen sich dabei spähend, suchend um. Run richteten die Engel an sie die Frage, die Marien antworteten und bei dem „Er ist auferstanden" der Engel stimmte auch der Chor den Hymnus an. Ein Tedeum beschloß die Zeremonie.
Dieser vratorienhafte Charakter der Feier wurde immer mehr ausgebildet, indem neue Hymnen und Sequenzen hinzutraten. In einer lateinischen Osterfeier aus Trier, die dem 13. Jahrhundert angehört macht sich zum ersten Mal die Einzelperson geltend und zwar dadurch, daß in die Feier die berühmte Ostersequenz von dem Lamme Gottes eingelegt ist, in der Maria dreimal direkt zur Antwort aufgesordert wird. „Sag an, Maria, was du unterwegs gesehen?" Die Marien sprachen nun, jede einzeln, die drei Antwvrtsätze und traten so individueller hervor.
Zum wirklichen Drama aber wird die kirchliche Osterfeier durch die Einführung der Person Christi selbst, der der Maria Magdalena erscheint. Hier ist ein durchgeführter Dialog, von hier aus entfaltet sich ein feinerer Aufbau, indem Maria Magdalena durch einen Chorgesang herausgehoben und dem Heiland gegenübergestellt wird. Eine Rürnberger Feier aus dem 13. Jahrhundert zeigt diese reich ausgebildete, die liturgischen Formen schon fast sprengende Szenenreihe, und in die lateinischen Hymnen und Sequenzen tönt bereits mächtig hinein ein deutscher Gesang. das einfach gewaltige Osterlied „Christ ist erstanden". Ungestüm pochte in diesen geistlichen Aufführungen das volkstümliche Element und rang zu eigener Gestaltung in Sprache und Inhalt.
Eine gewisse schauspielerische Mimik und Szenierung war in den kirchlichen Osterfeiern unvermeidlich gewesen; sie machte sich immer stärker geltend, zumal als die „fahrenden Kleriker", die z vielerfahrenen Wanderpriester, sich der Ausführungen annahmen und eine Art geistlicher Berufsschauspieler herausbildeten. Eifernde Bußprediger begannen gegen die Profanierungen des Heiligsten aufzutreten; Verbote gegen das Auftreten der Vaganten in der Kirche wurden erlassen. Das Volk aber hatte dieses Ost erspiel, das ihm in anschaulichen Vorgängen die lateinischen Texte erläuterte, tief ins Herz geschlossen. So ward denn das Osterspiel aus dem Gotteshause ins Freie verlegt, und jetzt begann erst seine eigentliche Entfaltung zum Volksdraina. Der deutsche Text wurde nun die Hauptsache. 3n einem Trierer Spiel des 13. Jahrhunderts finden wir bereits die lateinischen Hymnen und Sprüche fast überall in deutsche Reimpaare recht frei überseht, und ein anmutig schalkhafter Geist umspielt schon die ernsten starren Sätze der Vulgata.
Das ursprüngliche Osterspiel bestand aus einer Reihe von Szenen. in denen sich an den Gang der Frauen zum Grab die Grabes- fzene zw fchen Jesus und Maria Magdalena anschloß, dann folgte die Verkündigung der Auferstehung und der Wettlauf der Apostel Petrus und Johannes zum Grabe. Der Apostelszene fügte man bald die populäre Gestalt des ungläubigen Thomas zu, dem Christus auch erscheint, während man dem Gang der Marien eine Begegnung mit einem Salbenkrämer und den Kauf der Salben für den Leichnam des Herrn voraufstellte. Diese Krämerszene wird allmählich zu einem ganzen burlesk derben Possensp el. Doch auch grandiose und weihevolle Szenen weih das Volksdrama zu fchasfen. Man verlangt nach einer sinnlichen Darstellung des w ch- tigsten Vorganges, der Auferstehung: Christus steigt aus dem Grabe empor, die Siegesfahhne in der Hand, und singt selbst das: „Ich bin auferstanden." Zum Bilde des auferstehenden Christus aber gehören die Wächter, die in ihrer prahlerischen Großmannssucht geschildert werden, um dann desto fester einzuschlafen. Pilatus tritt auf, der feine Lehensmannen selbst ans Grab führt und zur Wachsamkeit ermahnt. Auch die Juden erscheinen in langer Prozession von Kaiphas und Hannas geführt, und ziehen mit halb hebräischen und halb lateinischen Gesängen zur Synagoge, um hier Rat zu halten. Während all diese breit angeführten Szenen sich als Einleitung in farbigen Bildern entfalten, wird nach der Auferstehung Christi Höllenfahrt geschildert, der die gefangenen Seelen befreien will und dabei einen harten Kampf mit den Teufeln, besonders mit Lueifer und Satanas, zu bestehen hat. Die burleske Ausmalung der Hölle und der Teufel, dazu die ernste Mahnung an Strafe und Gericht wirken allmählich so stark, daß ganze Teufelsspiele in das Osterdrama eingefügt werden, in denen die Boten Lucifers die durch Jesus leer und öde gewordene Hölle wieder nach Kräften zu füllen und zu beleben trachten.
Sv ist aus dem Ksterspiel im 15. Jahrhundert ein ganzes Weltdrama entstanden das durch Himmel und Hölle, von der Erde zum Paradiese führt, das Erhabene mit dem Kom fchen mischt und realistische Bilder des Lebens neben die heiligen Wunder der Auferstehungsgeschichle stellt. Ein deutsches Drama aus deutschem Volksgeist ist geschaffen.
Schriltleitunq: Dr. Friede. Will). Lange. — Druck und Verlag der Brühlstchen älniv.-Vuck- und Steindruckerei. R, Lange. Gießen.


