Ausgabe 
19.4.1924
 
Einzelbild herunterladen

67

raub und pflückte jubelnd die weihen Glöckchen.Früh­ling, Frühling!" Sie war selbst wie der Frühling, jung und Kisch, das blonde Haar hing ihr in zwei langen Zöpfen und ihr klares Mädchengesicht leuchtete vor unschuldiger Freude.

Wie kamen nur diese zwei Menschen zusammen, sie und der Mann, der neben ihr ging? Ein noch nicht alter, aber müder, vergrübelter Mann mit einem düsteren Zug auf der Stirn, mit Augen, die mehr nach innen als nach außen blick­ten, und mit dem Haar, auf dem es wie früher Winterreif glänzte.

Sie hatten sich kennen gelernt gleich am ersten Tag, den Professor Rasmus hier draußen im Vorort der Hafenstadt zubrachte. Der berühmte Professor war des winterlichen Treibens der Residenz überdrüssig geworden, satt von der eingeengten Luft des Hörsaals und müde des Beifalls seiner Studenten. Er wollte sich hier ausruhen. Oben auf der Höhe, an der weiße Villen sich hinziehen, wie Perlen auf einer Schnur, hatte er sich eingemietet. Der Professor war mit dem kleinen Ostseedampfer von der Stadt herausgefahren, ein schlanker Backfisch im halblangen Rock stieg zugleich mit ihm aus. Beim Sprung auf den schlüpfrigen Steg stolperte sie, die Bücher aus ihrem Arm stürzten nieder, der Riemen löste sich, und die ganze Schulweisheit kollerte über die Planken.

O je! Hastig bückte sie sich, und dabei zauste der See­wind ungestüm an ihren Kleidern und warf ihr die blonden Löckchen unter der weißen Mütze in die Augen.

Der Herr Professor bückte sich und sammelte mit auf.

O, wie gütig von Ihnen! Sie war rot geworden, und dann lachte sie.Ree, der Wind ist heut' aber toll und dabei ist doch schon der erste April!

Freilich, gerade darum. Da macht sich der Wind eben einen Aprilscherz, er findet ein schadenfrohes Vergnügen daran, Röcke fest um junge, schlanke Körper zu drehn, das Blut in zarte Wangen zu jagen, und ernsten, gelehrten Herren ein kleines:Aufgepaßt! in den Weg zu schleudern.

Doktor Rasmus lüftete den Hut und wollte weiter­schreiten, aber das liebe Gesicht unter der weißen Mütze guckte ihn so freundlich an, und der hübsche Mund sprach: Ich danke Ihnen, mein Herr,, Wie selbstverständlich ging sie neben ihm her, unwillkürlich holten seine langen Beine weniger weit aus.

Wirklich ein nettes, zutrauliches Kind, dachte er und sah sie von der Seite an.Schade, wenn sie nicht so bliebe! And dann sagte er:Empfehle mich!

Ich bin noch nicht zuhause, sagte die Kleine,da oben ist erst unsere Villa sehen Sie, die allerletzte dicht am Wald! Sie wies mit der behandschuhten Rechten auf ein schönes, weißes Haus. Sein Blick folgte dem ausgestreckten Finger o weh, der Handschuh hatte ein Loch, die Finger­spitze guckte neugierig daraus hervor.Ach, sie versteckte rasch die Hand hinter ihrem Rückenmein Handschuh! Das sind noch die alten Winterdinger aber nun wird's ja Frühling!

3o, Frühling! Weiter hatte er nichts gesagt, sie nur angesehen. Er lauschte ihrem Geplauder. Bald wußte Doktor Rasmus, daß sie Susanne hieß, seit dem Tod ihres Vaters mit der Mutter Winter und Sommer in dem weißen Haus da wohnte, bald sechzehn war und zu Ostern eingesegnet wurde. Sie waren dann mit einem Händedruck geschieden, und seit dem Tag waren der ernste Herr Professor und das sonnige Kind gute Freunde.

Merkwürdig, alle Tage, wenn der Gelehrte um die Mittagszeit den sonnendeschtenenen Waldweg auf und ab­wanderte, der zwischen Buchenstämmen wie in einem Rahmen die weißen Häuser mit ihren Gärten und tiefer unten das jetzt schon ganz blaue Meer zeigte, fand sich Susanne ein. Sie kam angeschossen, atemlos, und lachte schon von weitem ihr fröhliches:Guten Tag, oder sie stand wartend hinter einem Baum, Äs die hohe, dunkle Gestalt auftauchte und über das Männergesicht mit der breiten Stirn und den tief­liegenden Augen ein erhellender Schein glitt.

Zu schade, daß sie ihn den andern Mädchen nicht zeigen konnte! Die würden es nicht glauben, daß solch ein inter­essanter Mann ihr die Schulbücher aufgelesen hatte und jetzt ihr Freund war. Sie war sehr stolz «Af diese Freundschaft; darum hüpfte sie auch heute so strahlend neben ihm her, darum hob sie auch das Gesicht so zärtlich zu ihm auf:Ich bin so glücklich es wird, nein, es ist schon Frühling sind Sie auch glücklich?

Ich? Ein etwas bitteres Lächeln zuckte um des Pro­fessors Lippen,warum sollte ich wohl glücklich sein?

Ihre großen Kinderaugen wurden noch größer.Aber man muß doch glücklich fein, wenn die Sonne so scheint und die Erde so duftet, und die Blumen kommen und das Grün und die Vögel. Warten Sie! Sie sprang fort, pflückte ein paar Schneeglöckchen und drückte sie ihm in die Hand: Hier, der Frühling grüßt Sie!

Er nahm die Blumen und sah darauf nieder.

Warum seufzen Sie? Sie sah ihn besorgt an.Mögen Sre die Blumen nicht?

O ja, ich mag sie schon. Seine Antwort klang kurz, und dann schien er in Gedanken versunken. Sie wanderten stillschweigend weiter.

Susannes glänzende Augen streiften verstohlen das Ge­sicht des Mannes. Plötzlich blieb sie stehen und ihre Stimme klang unsicher:Sind Sie traurig? Ich habe nachts schon manchmal gedacht, vergnügt sind Sie eigentlich doch kein bischen; aber so ein Gesicht wie heut' haben Sie noch nie gemacht. Sehen Sie sich um, bitte, die Welt ist doch so schön, die Menschen sind alle so gut

»Gut? unterbrach er sie.Das finde ich nicht.

Mir sind alle gut, und ich bin auch allen gut. And morgen ist Ostern, und ich werde eingesegnet, und ich freue mich. Bitte, freuen Sie sich doch auch! Sie kommen doch auch in die Kirche? Da sehen Sie auch meine Mutter, sie ist eine schöne Frau. And ich nicke Ihnen zu. Richt wahr. Sie freuen sich doch auch?

Ich kann mich nicht mehr freuen, liebes Kind, die Zeiten sind vorbei. Ich bin alt. Sie sind jung, Susanne, und können mich nicht verstehen. Ich will nichts mehr von der Welt, meine Welt ist die Wissenschaft, ihr lebe ich; aber man wird arm dabei und sehr einsam!

Rein, nicht arm, nicht einsam! Ein brennendes Rot stieg ihr in die Wangen:Das sollen Sie nicht sagen, ich kann das nicht hören! And plötzlich, in Weinen ausbrechend, faßte sie mit beiden Armen den Erschrockenen um den Hals ein Schluchzen eine tränenfeuchte, glühende Wange ein leichter Kuß dann flatterte ihr Kleid, die Zöpfe wehten, sie war fortgelaufen. Der Professor stand verdutzt; es hatte sich auf seine Wange gelegt, zart und weich wie ein Blütenblatt, es hatte ihn anqeweht wie Lenzeshauch, Frühlingsregen hatte getröpfelt. Was sollte das ihm?!

Die Rächt schlief er schlecht, vielmehr gar nicht. Er starrte ins Dunkel hinein zwanzig Zähre, zwanzig lange Jahre hatte ihn niemand geküßt! And neben Susannes rosigem Gesicht tauchte ein anderes Mädchen gesicht auf; fast sahen sich die beiden ähnlich. Er ging wieder zwischen knospenden Gartenbüschen, und vor ihm stand die, die er liebte, und hielt ein Osterei in der Hand. Ein weißes Zuckerei mit bunter Inschrift:Dies Ei ist fein, mein Herz ist dein!

Gib es mir, hatte er gebeten; aber sie hatte es lachend einem anderen geschenkt.

Regierte mich der Teufel?! Der Mann im Bett rief es laut war es teert, sich um ein Osterei zu entzweien? Er war heftig gewesen, reizbar, mißtrauisch sie war schnippisch, beleidigt, von ihren heimlichen Tränen sah er nichts gute Freunde trugen dazwischen, aus war's.

Die Orgel spielte, die Kirche war übervoll, der Geistliche predigte, und jetzt, jetzt trat sie vor aus der Reihe der Ge­nossinnen, seine kleine Freundin, das blonde Kind. Rein, heute kein Kind mehr! 3n langen Falten hing daS schwarze Kleid, sie stand und schlug die Augen nieder.

Die ist mal hübsch, flüsterte es hinter Rasmus. Za. sie war hübsch, aber sie war mehr als das! Er fühlte sich innig bewegt. Durch bunte Kirchenfenster drang warmes, sanftes Licht, die Orgel brauste, die Gemeinde sang vor seinen Augen verschwamm Susaimes jugendliche Gestalt, in seinem Innern sprang ein Fenster auf, und eine heitere, quellende Morgenluft strömte herein.

Wie einer, dem die Tür zur Freiheit plötzlich geöffnet ist, so ging der Professor zur Kirche hinaus. Draußen Frühlings­zauber; durch das blendende Sonnengeflimmer kamen jetzt zwei Gestalten auf ihn zu: eine noch schöne Frau mit leichtem Grau an den Schläfen und ein junges Mädchen.

Ach. da sind Sie ja, rief Susannens Stimme,wie nett von Ihnen! And hier, hier, das ist meine Mutter!

Meine Tochter hat mir alles gebeichtet. sprach die weiche Stimme der Mutter mit leichter Befangenheit.Su­sanne ist noch so unbedacht, sie vergißt manchmal, daß es nicht ganz schicklich ist, was

Warum stockte sie plötzlich? Ihre ausgestreckte Hand zitterte, ihre dunklen Augen wurden ganz groß, ganz starr, fast erschrocken. Sie wurde sehr blaß.