Eichener Knnilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (924 Samstag. ^eit 20. September Nummer 59
Reife.
Dom Maxim. Orth.
Das ist der Lag, der still'die Menschen macht, wenn auf den Feldern rings die gvldnen Aehren leis flüstern in die gluhtdurchwehte Rächt Len letzten Hauch von seligem Gebären.
Dann steht der Himmel wie ein Baldachin, zu dem Altäre wie zur Weihe rauchen und weiße Fahnen ziehn am Himmel hin, um dann verloren in das Blau tauchen. Es ist, als wäre just an diesem Tag das Menschenschicksal in ein Bild gekommen Drum schlägt das Herz so still, so leis, so zag und doch so selig und von. Glück beklommen. And reif steht alle Welt in goldner Pracht und tiefer beugen sich die Aehren nieder.
Der Wind singt einmal noch die Sehnfuchtslied^r Das ist der Tag, der still die Menschen macht.
Neid.
Don Alfred Bock.
Goethe sprach sich Eckermann gegenüber einmal über seine Gegner auä: „Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit. Es sind solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht. Doch soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie taten. Eine zweite große Menge bilden so» dann meine Beider. Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich mir durch mein Talent erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören, ihre Lästersucht an mir zu üben." Schiller nennt den Reid, der der menschlichen Ratur eigen sei und sie tief herabwürdige, niedrig und gemein. Ein wirklich guter Charakter kennt keinen Reid. Reid ist unversöhnlicher als Haß. Der Satiriker Lichtenberg meint, am Lob der Menschen sei ihm wenig gelegen, ihr Reid sei allenfalls das einzige, was ihn erfreuen würde. Das Tun und Lassen verdienter Mitbürger beständig mit Argusaugen neidvoll zu bewachen, ist das Wahrzeichen öder Kleinstädter«!. Zu wirklichem Haß, sagt ein bekannter Kriminalpshcholog, gehört immerhin Temperament, elenden Reid bringt jeder Schuft zuwege. Es sind stets nur kleine Geister die Scheelsucht auf ihr Banner schreiben, große Menschen suchen einander auf, in gegenseitigem Gedankenaustausch zu gewinnen. Die Reidharte sind wie die Fledermäuse, die das Licht nicht sehen können. Zuletzt werden sie ihre eignen Henker.
Onkel Dodo.
Bon Theodor Fontane.
Es war im Hochsommer, als ich in Beantwortung eines an einen gutsbesitzenden Freund gerichteten Briefes folgende Zeilen empfing „Insleben a. Harz, den 20. Juli.
Lieber Freund! Es freut sich alles hier, Dich wiederzusehen, am meisten meine Frau, die nun mal von den großstädtischen Reizungen und Gewohnheiten nicht lassen kann. Du wirst auf der Veranda die herkömmlichen Dreistunden-Gespräche mit ihr führen und neben Literatur und Theater vielleicht auch die kirchliche Kontroverse mit bekannter Anparteilichkeit beleuchten. Aber sei nicht zu gerecht. Frauen sind für Parteinahme, versteht sich, wenn es ihrer Partei zugute kommt. Am diese Plaudereien, so denk ich mir, wirst Du nicht herumkvmmen, auch kaum herumkommen w o llen, wenn Du nicht inzwischen ein anderer geworden bist. Im übrigen,
und dies ist die Hauptsache, werden wir sorglich im Auge behalten, was Dich zu uns führt: Du sollst von niemandem gestört werden, und ganz 'Deiner Erholung leben können. Sollte sich ein andere« Besuch einfinden, was nicht wahrscheinlich, aber bei der Aähe des Harzes und seiner sommerlichen Anziehungskraft immerhin möglich ist, so kennst Du ja unser Haus, und weißt, d 3 Raum genug hat, sich darin zurückziehen zu können. KarsJ.r: vereinigt ihre Grüße mit den meinigen. Auch die Kinder freuen sich, und sind im voraus angewiesen, ihr Gepolter auf Flur und Treppen zu mäßigen Komme denn also, je früher, je besser, und je länger, je besser. Ich denke, Du sollst alles finden, was Du suchest, am meisten aber Ruhe. Dein Otto."
Zwei Tage später traf ich in Jnsleben ein, und freute mich, die lieben Gesichter wiederzusehen. Alle Kinder traten an: Albert, der Aelteste, war gewachsen, Alfred hatte sich embelliert, Artur desgleichen, und nur Leopold, der Jüngste, hatte nach wie vor sein gutmütig, breites Gesicht und seine Sommersprossen. Am meisten erfreuten mich Alice itnö Maud, die zu kleinen Damen herangewachsen waren. Es fehlte nicht an den üblichen Scherzen und Vergleichen, denn mein Freund, wie der Leser bereits bemerkt haben wird, hatte bei der Namensgebung an feine Kinder die britische Königsfamilie als Muster genommen. Ja, es war ein glückliches Wiedersehen, der Hausherr zeigte sich unverändert in seiner Freundschaft, und die noch schöne Mutter erschien unter ihren Kindern immer nur als die älteste Schwester. Auch die Plauderlust war geblieben, und wir saßen gleich am ersten Abend noch auf der Veranda, als das Dorf schon schlief und in dem ausgedehnten Parke vor uns nichts weiter hörbar war, als das Wasser, das über ein Wehr fiel. Alles war so still und die Lampe vor uns flackerte kaum.
Es war sehr spät, als ich treppauf in meine Stube ging. Sie hatte nur ein breites Fenster, ein sogenanntes Fall- oder Schiebefenster, an das ich mich nun setzte. Der Blick war derselbe wie von der Veranda aus, aber schöner und freier, und ich sah in die Sterne hinauf, und atmete höher und tiefer. And bei jedem Atemzuge war mir, als ob ich Genesung tränke. Dann ging ich zu Bett, und die lieblichen Bilder der eben erst durchlebten Stunden setzten sich in meinem Traume fort. Ich sah grüne Wiesen, und Maud und Alice beim Reifenspiel, und die Reifen flogen bis an den Himmel und fielen nicht wieder nieder. And auf einer Graswalze faß die schöne Frau und sah dem Spiele zu, das die Mädchen mit einem leisen Gesänge zu begleiten begannen. Aber die Mutter verbot es: „Er schläft, und wir wollen ihn nicht wecken, auch nicht mit Gesang."
Ich war früh auf, ging durch den Park, und hatte den ganzen Tag über ein Gefühl, als ob ft4: mein Leben nach dem Traume der letzten Rächt gestalten solle: Kein lauter Ton traf mein Ohr, und alt und' jung übte die Rücksicht, mich frei schalten und walten zu lassen. Ich wußte wohl, wem ich dies alles, und damit zugleich ein rascheres Fortschreiten meiner Rekonvaleszenz zu danken halte. Luft und Licht heilen und Ruhe heilt, aber den besten Balsam spendet doch ein gütiges Herz. <
Es war noch keine Woche vergangen und ich fühlte mich schon ein durchaus anderer. „Du bist ja wie ausgetauscht,", sagte Freund Otto beim Morgenkaffee. „Ich denke, Karoline, wir. dürfen ihm jetzt ein zweites Frühstücksei verordnen. And noch' eine Woche,, dann kriegt er einen gerösteten Speck. And haben wir dich erst bei dem Maufebraten, so haben wir dich auch in der Falle und du kommst so bald nicht wieder fort."
Ich stimmte zu, nahm an der Heiterkeit von ganzem Herzen teil und machte, nachdem ich mich auf eine halbe Stunde verabschiedet hatte, meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Als ich zurückkam, war der Frühstückstisch noch nicht abgeraumt, vielmehr fand ich das Ehepaar über Briefen, die mittlerweile vom Postboten abgegeben waren. Einige dieser Briefe reichte Otto seiner Frau hinüber. Ich konnte deutlich wahrnehmen, daß sich ein Lächeln um ihren Mund zog, als sie die eine Handschrift erkannte. Bald aber sah ich auch, daß sie mich von der Seite her anblickte, wie wenn sie mir etwas nicht ganz Angenehmes mitzuteilen habe. Sie besann sich aber wieder und "sagte halblaut zu ihrem Manne: „Es wird schon gehen, Otto," was dieser durch ein Kopfnicken bestätigte. Trotzdem könnt' ich den gnazen Tag über eine gewisse Zerstreutheit an ihr bemerken, zugleich eine größere Heiterkeit, als ihr sonst wohl natürlich war und die. weil nicht ganz natürlich, mit


