Gießener zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (92$ Gster-5ondernummer Nummer g
Osterfeuer soll lohen!
Don Heinrich Sohn re y.
Osterfeuer sollen lohen Auf den Bergen, den hohen! Wacker den Holzstoß geschichtet, Hur.ig die Fackeln gerichtet! Rufet die Knaben zusammen. Schüret mächtig die Flammen! Ehrwürdiger Sitte Walten Scll nicht vergehn, nicht veralten. Sagt es den Großen und Kleinen, Sagt es den Groben und Feinen, Sagt's allen Jugendfrohen: Osterfeuer soll lohen!
Don Berge zu Berge ein Singen, Sp Ingen uno Fackel schwingen!
Ehrwürdige Sitte ist Kraft, Li? fröhliche Herzen schafft; Ehrwürdige Sitte ist Geist, Der Treue um Treue verheißt, Treue in Rächt und Rot, Treue bis in den Lod.
Möge der Erdball erzittern 3n wütenden Angewittern, F n ir heulen und drohen — Ostcrorauch soll nicht erkalten, Osterbrauch soll nicht veralten. Osterfeuer soll lohen!
Das Rosenkreuz.
Ostergedanken von Friedrich Lienhard.
Auferstehung ist nicht nur ein Gedanke, nicht nur ein Begriff oder Glaube; Auferstehung ist vor allem auch eine Kraft, ein Drang, der dem Lebendigen eingeboren ist und den Tod von innen heraus überwindet. Tod und Auferstehung sind em Geschwisterpaar. Scheinbar bekämpfen sie einander, in W rhcheit aber ergänzen sie sich gegenseitig. Sie sind vergleichbar einer auf- und absteigenden Wage; sie brauchen einander wie Rächt und Tag, wie Winter und Frühling, wie Einatmen und Ausatmen. Es ist das große, ewig wunderbare Wechselspiel des Lebens; wir sind zum Tode geboren schon bei der Geburt. Der Tod ist in uns vom ersten Hauch an und wartet auf seine frühe oder späte Stunde . . . Aber in uns ist auch die Auferstehungskraft. Cs ist die „Wage des Lebens", wie der Raturphilosoph Raoul Francs eines seiner gedankenvollen Bücher genannt hat.
Nichts ist dem deutschen Menschen jetzt notwendiger als der Glaub? an Auferstehung — nein, besser gesagt: der Drang nach Auferstehung, die Auferstehungskraft. Wir wurden in den Grund und Boden der Rot hinabgestampst. Das ist scheinbar Riedergang und Unterdrückung. Aber wir können den erschütternden Vorgang auch unter freundlicherem Bilde betrachten: wir können ihn vergleichen mit dem Eingedrückt- werden der Zwiebel einer Tulpe oder einer Hyazinte in das dunkle Erdreich. Wenn die rechte Stunde kommt, tauchen wir als grüne Blatterspitzen wieder aus der Scholle empor. Die dunkle Erde, die unsere Vernichtung schien, war die Hilfe zum Wiederaufstieg. Was eine trockene Zwiebel war, wird gerade mit Hilfe des feuchten Erdreichs eine leuchtende und duftende Blume sein.
Der prähistorische Forscher Otto Hauser hat einmal hervorgehoben, daß der Auferstehungsglaube schon in den ältesten Bestattungsformen des Urmenschen nachweisbar ist. Also Jahrtausende vor der Bestattung jenes ägyptischen Pharao Tutenchamun, dessen neulich geöffnetes Grab mit allem Zubehör so viel Aufsehen erregte. Der wahrhaft Lebendige kann sich den Tod als Vernichtung gar nicht vorstellen; dieser Begriff geht in sein lebensvoll pulsierendes
Gehirn einfach nicht ein. Wir sind ja, indem wir denken, fühlen und sprechen, selber im Kreislauf des Lebens; wie sollten wir da Unlebendiges oder Nichtseiendes nachfühlen können? 3m unscheinbarsten Wassertropfen ist ja 'Leben; auch Verwesung ist ja nur Verwandlung; auch Zersetzung ist ja nur Umformung in neue Bestandteile künftiger Lebensgebilde.
Auferstehungskraft ist demnach Umwandlungskraft. Es ist ein Schöpfungsprozeß wie die Geburt. Das Absterben ist Eintritt in den Ruhezustand. Dieser Ruhezustand oder dieses Zurücktreten ist jedoch keine Vernichtung, sondern nur ein Warten, ein Atemholen, ein Sammeln der Kraft. Hernach tritt das ausgeruhte Leben aufs neue in Erscheinung und quillt hervor zu neuer Tätigkeit. Das Rad geht weiter. Das Hakenkreuz des Lebens dreht sich immerzu.
Mein persönliches Symbol ist nun freilich nicht das uralte Drehrad des Hakenkreuzes, sondern das Rosenkreuz. Nehmen wir das Kreuz, das Symbol von Golgatha, als das Zeichen des Todes, und, damit verbunden, als das Sinnbild alles menschlichen Leides, so sind die Rosen daran das symbolische Zeichen des ans dem Tode hervorblühenden Lebens oder der aus Leid. Haß und Not hervorblühenden sieghafte« Liebe. Das Rosenkreuz ist demnach ein Auferstehungskreuz, ein Osterkreuz. Die rote Wunde hat sich, nach tapfer un6 edel bestandenem Karfreitag, in rote Rosen verwandelt. Leid und Schmerz sind überwunden und verklärt; das Gute und Reine in uns hat über Schmach und Tod gesiegt. So blüht der Ostersonntag aus dem Karfreitag empor. Jener Meister der Liebe hängt nicht mehr am Kreuz; aber seine Lebens- und Siegeswirkung ist nun versinnbildlicht durch Rosen, die aus dem Stamme hervorgeblüht sind, und zwar gerade an den Stellen, wo Haupt, Hände und Füße geblutet haben. Durch dieses schöne Symbol eines blühenden Baumes sind wir zugleich der Natur wieder nahe, der Pflanzenwelt, die so treu und stetig die Sonne sucht und von Sonne lebt. Das dunkel-ernste Holz, die herausblühenden freudig-rote« Rosen: — ich weiß neben dem Gralskelch kein schöneres Sinnbild als das Rosenkreuz.
ES ist meine Hoffnung,' d^ß einst das Rosenkreuz übev Deutschland leuchten möge. Der feste Stamm, der Schme» und Tod versinnbildlicht, kennt weder Weichlichkeit noch Schönrederei; er bedeutet die unerbittliche TatsächlichkeÜ irdischen Daseins. Die Rosen andererseits sind weder Leichtsinn noch Spielerei; denn sie sind gedüngt mit Herzblut, sie sind Ergebnis sieghaft überwundener Schmerzen; es ist ihrem 'Aufblühen ein Kampf gegen Widerstände, gegen Zweifel, gegen Schmach und Verkennung vorausgegangen. Auch sind sie nicht auf den Stamm aufgeklebt, um etwa Schmerz und Düsternis zu vertuschen und zu beschönigen, sondern sie blühen aus dem Holz hervor und bilden mit ihm eine harmonische Einheit.
Die Beziehungen des bisher Gesagten auf unser gepeinigtes Deutschland zu übertragen und zu deuten, ist wohl nicht schwer. Es bedarf da weiter keiner Worte, nur eines innigen Wunsches und einer stillen, starken, an unserem Schicksal durch gute Gedanken mitarbeitenden Hoffnung. Wann wird der Tag erscheinen, an dem über unserem verdunkelten Daterlande jenes Auferstehungskreuz leuchten wird^
Deutsche Legende.
Don Georg Freiherr von Ompteda.
Es begab sich, daß Jesus verliest das Land Judäa und ging in eine Stadt, da viele Menschen wohneten und sah Blinde, die erwarteten, dah einer käme, sie zu heilen.
Es waren aber darunter etliche, die hatten keinen Willen mehr und keine Freude an dieser Welt.
Da Jesus diese sah, jammerte ihn derselben, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben, und er trat mitten unter sie und sprach zu ihnen: Was stehet ihr und wartet? Meinet ihr.


