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Dis Wiese.
DonM. von Gehsv').
Ts gehörte einem alten Grafen, der die Gicht hatte und nicht mehr jagen konnte, ein großer Wald. Der dehnte sich viele Meilen weit durchs Land, und in ihm wurden schon seit vielen Jahren keine Bäume mehr gefällt und keine Jagden abgehalten.
Ein Keines Jagdschloß stand mitten Estin. Seine Fenster waren Leuten des Grasen, die früher im Walde gelebt hatten. Säger, Der mit seiner alten Frau nicht weit davon in einer strohvedeckten Hütte wohnte, verwahrte den Schlüssel dazu. Der hing neben seiner Flinte an dem rauchgeschwärzten Gebälk der niederen Dtuvendecke, und die Spinnen hatten dicke Betze um beide gesponnen. Denn der Alte war schon lange zu schwach, um ein Gewehr zu tragen.
Er war der einzige, der noch übriggeblieben war von all den Leuten des Grafen, die früher im Waldrgelebt hatten. Jäger, Waldhüter und Holzhauer — alle waren fortgezogen, denn es Satt, als sei es im Walde nicht recht geheuer.
Das alte Paar aber lebte ganz still und friedlich darin, sei es nun, daß ihnen nie etwas Anheimlichss begegnet war, Mcä, daß sie sich nicht davor fürchteten. Sie hatten einen kleinen Acker und aus dem Walde Holz und Wildbraten zur Genüge. — So mangelte ihnen nichts zur Zufriedenheit.
Es lebte bei ihnen ein Enkelsohn, der war mit den Jahren zu einem schönen, starken Burschen hrrangewachfen. Als er so groß geworden war, daß er die Flinte von der Wand hrrablangea konnte, hieß ihn der Großvater sie nehmen und zeigte ihm, wie er fie pichen und laden müsse.
Dann ließ er sich von ihm aus der Hütte führen sagte:
„Sieh in die Höhe, und das. was am allerhöchsten und fernsten ist. auf das ziele."
Der Himmel wölbte sich dunkelblau über den hohen Tannen, welche die Lichtung umgaben, auf der das Jägerhäuschen stand. Don der höchsten Spitze flog, von der Sonne bestrahlt, mit großen raschen Flügelschlägen ein Bogel weit in die Luft hinein. Auf den richtete der Bursche das Gewehr, zielte und traf. Er fiel hart vor ihm nieder.
„®u hast brav geschossen," sagte Der alle Jäger, „und recht wie ein Sonntagskind. Es ist gut, datzZhtzt wieder einer Durch den Wald geh en kann wie ich vordem!"
Der Jüngling hob den Vogel auf und sah traurig auf ihn nieder.
Die glänzenden Flügel waren erstarrt, die Augen gebrochen, ' — leise strich er über die tarnte Brust und den kühnen Schnabel und dachte, daß er so herrlich in der Luft geschwebt hatte und daß er nun so starr und leblos vor ihm lag. And er nahm sich vor, nie wieder auf einen Bogel oder ein anderes Tier zu schießen.
And das tat er auch nicht. —
Im Fliutenlaus trug er wohl ein seltenes Reis oder einen Mischel frühreifer Deere», aber nie schoß er eine Kugel auf ein Tier des Waldes.
Rehe und Hasen, Drosseln und Schnepfen, — alle waren vor ihm sicher. Weder mit der Flinte noch mit Fallen und Schlingen stellte er ihnen nach und selbst dem räuberischen Fuchs und den gierigen Miubvögeln mochte er nichts zuleide tun.
Sv brachte er nie einen Braten heim, und der alte Jäger und sein Weib mutzten sich darein finden, so sehr sie zuerst auch murr» len. Doch bestellte er für sie das Aeckerlein, sorgte für Kuh und Ziege und brachte Beeren und Pilze aus dem Wach. Sm Winter streute er Futter für die Vögel ans und Heu für Rehe und Häsens Da gewöhnten sich die Tiere an ihn und versteckten sich auch un Sommer nicht, wenn er durch den Wach schritt. Die kleinen Vögel flogen zutraulich um ihn her, die Hasen sprangen über seine Füße, und die Rehs strichen dicht an ihm vorbei.
Auch Baume mochte er nicht umhauen, fieber sammelte er tagelang dürres Holz zum Wintervorrat, bett« einmal war ihm begegnet, da er eine junge Buche fällen wollte, daß der Baum sich ächzend zur Seite neigte mrd helles Blut von feiner Axt. floh, so daß er sie wegwarf und nie mehr daran denke» mochte, einen Baum zu verwunden. —
Er streifte von früh bis spät im Wach einher, und so groß der war, meinte er doch, jeden Fleck darin zu kennen — und alles war ihm ans Herz gewachsen.
*) „HexengefinDe" ist der Titel eines stattlichen und von Ä. H. Paesler-Luschkowko mit feinem künstlerischem Empfinden ausgestatteten Aovellenbanbes tbeiRösl & Eie., Münchens, in Dem M. 8 v n G e y f o Perlen feinster Erzählungskunst vor uns ausbreitet. Die starken Kräfte der Romantik erleben hier eine Wiedergeburt. Der Sinn für das Schauriggespensterhafte S. T. A. Hvfftnanns vereinigt sich mit der zart lyrischen, fest in dem Wunderleben der Aatur wurzelnden Kunst Eichendorfs, um Kunstwerke zu schaffen, Sie in der Eigenart des Gegenstands und in der zauberhaft schönen Formgebung mit den besten Volksmärchen wetteifern.
Da gab e» Dunkle Stellen, wo Die Baumkronen so dicht dev- wachsen waren, daß nur selten ein Sonnenstrahl hindurchdrangl Dort ließ sich kein Vogel sehen, nur der Waldkauz flog lautlos mit stillem Flügelschlag vorbei. Das dichte Moos dämpfte den Schritt, und die Luft stand schwül und still unter dem dunkley Laube.
Anders war es dort, wo die hohen Föhren int Sommer ward schwankten: da flutete der Sonnenschein frei zwischen den Bäumen, die wilden Tauben gurrten, der Specht trommelte und bet Kuckuck rief von fern. Dori blühten Glockenblumen und wilde Rel» ken, und die hohe Königskerze ragte zwischen den zarten Farren» wedeln. Das Eichhorn blick e ne,'.gierig aus den Haselbüschen, und zirpend und wippend schlüpfte das Rotkehlchen durchs Gesträuch.
Aebevall aber war eine große Wildnis. Viele Bäume war«, umgefallen und ihre Wurzeln starrten aus der fchwarzen 'Walderde, die sie mit sich emporgehobrn hatten und auf der wildes Moos und Blumen wuchsen — alles umschlungen und umwchert von Efeu und wildem Hopfen.
Der Jägerbursch war froh in der Einsamkeit seines Waldes. Aiemals kam ein anderes Menschenkind zu der kleinen Hütte, und a im Lande draußen der Wald für verhext galt, mochten die Menschen kaum mit den drei Leuten reden, wenn sie einmal deS Sonntags in das Dorf, welches am Waldesrande tag, zur Messe gingen.
And der Sommer reihte sich an den Lenz und der Winter ast den Herbst, Jahr folgte auf Jahr, und immer höher und dichter wuchs der Wald um den Jägerburschen empor.
Da kam wieder ein Lenz ins Land. Doch war es wirr und winterlich unter den Waldbäumen. Die Frühlingsstürme hatten das alte Laub noch nicht weggefegt. kaum daß sich ein Schneeglöckchen hervorwagte — da schleuderte der Jägerbursche durch den Wald und befand sich unversehens auf etter Wiese, auf der eS hell und sommerlich war. Hohes Gras schwankte im Winde, — tozit dehnte sich die grüne Fläche, — und eben schickte er sich an, mit frohem Fuß darüber hinzulaufen, als er weit in der Ferne bas Glöcklein der Dvrfkirche läuten hörte. Das Glöcklein wurde jeden Freitag um die Mittagszeit geläutet zum Anlenken an den Tod des Heilands, und dem Burschen ging es blitzartig Durch den Sinn: diese Wiese hatte er schon früher gesehen, und jedesmal drang auch der Ton des Glöckleins an sein Ohr und er bedachte, wie wunderlich es sei, baß er sie noch nie betreten hatte.
Er sah zur Sonne auf und beschloß schnell nach Hanse zu laufen, da die alte Großmutter gewiß schon mit dem Essen auf ihn wartete, und dann gleich, wieder zu kommen und in der schönen Wiese nach Herzenslust umherzugehen. Aber als er zurückkam, fand er sie nicht mehr. Ec tief kreuz und quer durch den Wald, drang durch jedes Dickicht und achtete nicht ber Tiere, die stch ihm zutraulich näherten. Zuletzt schien ihm, er müsse geträumt haben und er wunderte sich nur, daß er in dem kalten Walde hatte schlafen mögen.
Aber der Frühling kam; schott wollte es im Walde tnaien, tntd das junge Grün drängte sich überall mit Macht hervor, da ging er eines Tages wieder seine gewohnten Wege durch den Wald. Es wehte kein Lüftchen, die Sonne stand hinter Wolken und unter den dichten Bäumen war es schwül und dämmernd. Da sah er es auf einmal ganz unvermutet hell durch die Bäume schimmern und befand sich nach wenigen Schritten am Rande der Wiese.
Sein Herz klovste vor freudigem Schrecken, als sie in ihrem grünen Glanze leibhaftig vor ihm tag. Gr stand still, überlegte genau die Stelle des Waldes, wo er sich befand, und wie er von da aus gehen müsse, um nach Hause zu kommen — berechnete, daß die Wicfe gegen Abend läge, und zweifelte nun nicht mehr, daß er sich ganz genau den Weg merken würde. Doch hob et kaum Len Fuß um die Wiese zu betreten, da hörte er wieder fein und zart in der Ferne das Mittaqsglöcklein des Dorfes läuten. Und nun, da er Lachte, es könne ihm nun nicht mehr fehlen, den Weg zurückzufinden, ging er nach. Hause.
Aber er fand sie nicht wieder. Er fand genau den Platz, wo sie hätte sein müssen, kam aber dort nirgends aus dem dichten Walde heraus. Er merkte, daß er immer im Kreise herumlief und kannte sich das nicht erklären.
Abends erzählte er. von vielem Suchen ganz erschöpft, feint« Großeltern bas rätselhafte Begebnis.
„Junge," sagte der Großvater, „besinne dich, Du mutzt geträumt haben. Solche Wiesen gibt es in diesem Walde nicht. Es ist nicht recht, danach zu suchen."
And die alle Großmutter strich ihm über die Stirn, nahm einen Haselstab, band ihn mit einem Hollunderzweiglein zusammen uiid nähte ihn in seine Jacke zum Schutze gegen Gespenster und Das wilde Heer. And der Jägerbursche mußte verspreche«, «tf mehr «ach der Wiese zu suchen. —
(Fortsetzung folgt.)
Sckriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.


