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Das allgemeine Wohl des Orts, wo man sich befindet, muß man wollen dem Willen der Mehrheit muß man folgen oder seine bürgerliche Existenz und seine Familie einer blinden Anhänglich- leit an Leute opfern, die für sich selbst nichts zu tun imstande Ed, viel weniger ihre Klienten oder diejenigen, die um ihret- llen ins Unglück geraten, unterstützen wollen und können. Darf Irtan in Mainz öffentlich sagen, daß man für den Kurfürsten sei. her die Witwen- und Pupillen-fwaisen-jkasse mit sich genommen hat und von den Tränen der Waisen seines Leibes Pflegt! für einen Adel, der alles, was er Bewegliches hatte, geflüchtet hat imb dann von der Bürgerschaft verlangte, daß sie sich wehren solle! für eine Geistlichkeit, die sich schon lange beim Volk verhaßt gemacht hat und bei dieser Gelegenheit ebenso feig und eigennützig sich zeigte wie der Adel. — Was denken Sie wohl, daß in solcher Lage zu tun sei? Mein Haus und Ameublement, das heißt: was ich in der 'Welt habe, zu verlassen und aufs gerate« wohl mit Frau und Kind umherzuirren, bis es uns an Mitteln zu unsrer Erhaltung fehlt — oder hierzubleiben, die Universität aufrecht zu erhalten suchen, sich der Bürgerschaft anzunehmen, sie auf vernünftigem, gemäßigtem Wege so zu führen, daß ihnen bei dem Frieden die Wiedervereinigung mit dem deutschen Reiche, wenn sie notwendig sein sollte, nicht nachteilig wird, und bei dieser Laufbahn zu wagen, was zu wagen ist? Daß man mich verkenne, verschreie, für den Haupt-Demagogen halte und der- Aleichen mehr, da doch jetzt alles im Begriff steht, die Violentesten sgewaltsamstenf Beschlüsse zu nehmen, um sich von Menschen, die isichts, nicht einmal Ehre zu verlieren haben, über Stock und Stein führen zu lassen! Ich sehe ein, daß ich das Letztere wählen Muß, wenn ein Funken Liebe für das Wohl Aller, wenn einiges Gefühl von Würde in mir selbst, wenn Sorge für die Meinigen mich leitete".
Wenige Tage später 'schreibt er an den selben: „In den drei Wochen seit der Kapitulation hat sich vieles geändert. Die Stimmung gegen die vorige Einrichtung ist jetzt entschieden, und beinahe so laut entschieden und ausgesprochen der Wunsch, auf neu- fränkische Art frei zu sein. Daß den Franken damit gedient fei, ton man wohl nicht zweifeln, da der Rhein so natürlich die Grenze zu machen scheint, daß ihnen die Zudüngung ihres Freistaates bei ihren gegenwärtigen Successen nur eine ganz billige Entschädigung für ihre Kriegslasten dünke. Die falschen Maßregeln oder vielmehr die gänzliche Apathie der vorigen Regierung haben un= glaublich beigetragen, den Entschluß der Bürger zu beschleunigen. Was mich betrifft, so hätte ich entweder emigrieren oder hierbleiben und mich in nichts mischen müssen, oder aber es blieb nur das Dritte übrig, in soweit tote es von mir gefordert wurde, zu wirken. Der der Kapitulation auszuwandern hieße die Feigheit beweisen, die ich unb jeder Gutdenkende an dem Adel und der Geistlichkeit verabscheute: nachher war es ohne eine Derleugnung aller meiner bisher geäußerten Grundsätze und meiner ganzen Denkungsart durchaus nicht möglich. Ich war schlechterdings in dem Fall, von mir sagen zu lassen, daß ich den Privilegierten, denen ich bisher in meinen Schriften nicht das Wort geredet und von benen ich mich im ilmgange ganz zurückgehalten hatte, doch wohl heimlich an» tze hangen haben müsse, weil ich jetzt, ba die Stadt in den Händen ©er Franzosen sei, fortgehen wolle: Rehmen Sie meine Privatumstände hinzu: ich hätte meine Meubeln fast um nichts hingeben Müssen, weil niemand jetzt tauft; ich hätte bis nach Altona gehen müssen, um wenigstens zu beweisen, daß ich, neben der Ruhe auch Freiheit suche, unb ich würde eS auch schon als freier Schriftsteller haben tun müsse n, um frei schreiben zu können, welches im Hannöverschen nicht möglich ist. Welch eine lange Reise mit Weib und Kind, welch ein teurer Aufenthalt und welch eine neue Ausgabe, ehe ich mich von vorne wieder einrichtete. Also mußte Ich in jeder Rücksicht hier bleiben. Die Universität trug mir auf, den General in ihrem Ramen zu haranguieren ffeierlich anzuredens und sie seinem Schutz zu enapfehlen. Da mir die Anrede an ihn Im Französischen soweit gelang, daß er vielleicht einen kleinen '.Unterschied von dem gewöhnlichen französischen Jargon der Mainzer gewahr werden mochte, so war ich von dem Augenblick «n bei ihm in einer gewissen Achtung, die sich seitdem, ba ich mich, wie es meiner Ratur gemäß ist. nicht zudränge, eher verstärkt hat. Meine Verhältnisse gegen die Universität brachten es mit sich, daß sch auch mit dem General-Kriegskommissariat zu tun bekam, um unsre Lieferungen zu regulieren; das gab Gelegenheit, die Rot- toenbigteit der Verproviantierung der Stabt mit Sglz und Holz mit einigem Rachdruck als eine unumgängliche Maßregel zu em« -fehlen, unb dies, nebst einigen Verhandlungen, wobei die Franken wahrscheinlich die Bemerkung machen mußten, daß sie an einen rechtschaffenen Mann geraten teuren, gewann mir immer mehr Zu- trauen, ohne baß ich einen absichtlichen Schritt getan hätte.
Das, liebster Freund, ist gegenwärtig meine Lage. Ich habe Ursache zu glauben, daß man gesonnen ist, mich bei der provisorisch zu errichtenden Administration zu gebrauchen, und ich halte «s für meine Pflicht, ein Geschäft, welches es auch sei, nicht auszuschlagen, sobald es in einem solchen Zeitpunkt mich in Stand setzt, mich für meine Mitbürger auch vorteilhaft zu verwenden. Alles kommt hier nur auf die einzige Frage an, was jetzt der wahre Vorteil des Landes sei, unb ich beantwortete sie mir ohne alle Rücksicht auf politische Verhältnisse des eventuellen Besitzes so, 6aß ich glaube, es sei die Erhaltung des Privateigentums. Dem
jenigen, der einst im Frieden Herr des Mainzer Landes wird, wer es auch immer sei, muß es ein höchst erfreulicher Gedanke fein, das Land nicht erfchöpft, den Dauer n'cht zugrunde gerichtet, bra Handwerker nicht am Bettelstab zu sehen. Dies glaube ich könne man mit strengen Grundsätzen beweisen, wenn man zugleich den jedesmaligen Stärkeren durch Folgsamkeit dahin zu bringen sucht, mehr zu erhalten als zu zerstören. Zum eigentlichen Demagogen, mein Freund, bin ich freilich mit meinem etwas philosophischen Zuschnitt verdorben; daß ich aber den Mainzern von Herzen Freiheit wünsche, will ich Ihnen nicht leugnen; und daher werde ich auch ihren Bemühungen um Freiheit kein Hindernis in den Weg legen, des festen Glaubens, daß, wenn die Frankenverfaffung jetzt hier angenommen wird unb im Frieden Mainz doch wieder deutsch werden sollte, Frankreichs Garantie unfehlbar eine modifizierte, immer verhältnismäßig freie Verfassung zusichern müsse; dahingegen jetzt ein mezzotermino sMittelwegj Frankreich gegen uns so wenig günstig stimmen müß'e, daß uns beim Frieden nichts übrig bliebe, als uns wieder blindlings dem Reich in die Arme zu Wersen. Es fehlt hier nicht an Menschen aus allen Klassen, Handwerkern, Zunftgenossen, Kaufleuten, Gelehrten, Geistlichen, die mit vollem apostolischen Eifer die Mainzer zum fränkischen Republikanismus bekehren, unb sie haben dabei den erwünschten Sueeeß sSrfolgj, ohne baß Leute wie ich etwas mehr tun können als mitgehen ...
Run noch ein Strich unb die Skizze ist vollendet; meinem eigenen Gefühle gemäß bleibe ich jetzt freier Bürger, es mag kommen, was wolle; kehrt der Kurfürst zurück, so wird für den redlichen Mann, der nicht umfmtft bezahlt sein will, auch in Frankreich Brot unb Unterkommen fein, und dahin gehe ich bann; bleibt Mainz frei, so liebe ich den Aufenthalt genug, um mich nicht ohne die wichtigsten Beweggründe davon zu trennen. Diese Gelegenheit, französischer Bürger zu werden, halte ich auf jeden Fal lsest. Das ist mein ganzes Credo, und nun wünsche ich nur, daß Sie beruhigt sein mögen".
Heber die neue französische Verwaltung berichtet er seinem Schwiegervater, dem Göttinger Professor und Bibliothekar Chr. G. Heyne: „Alles ist mm im Begriff, hier die Organisation eines französischen Departements zu erhalten. Das neue provisorische Administrationsconseil besteht aus neun Mitgliedern, ich bin eines davon. Gestern ist die alte Regierung vom General aufgehoben und entlassen worden, heute wird die neue Munizipalität errichtet. Gegen Ende des Jahres wird wahrscheinlich der allgemeine Wunsch der.Stadt und des Landes, ein Teil des französischen Freistaates zu werden, an die Rativnalkonveniion abgehen. Gelehrte Arbeiten ruhen freilich sehr fürs erste. Man wird ja sehen, wie es künftig wird".
Das furchtbare Erwachen aus dem Traum von Freiheit und Gleichheit, die trostlose Ernüchterung von den überspannten Hoff« frtungen, die Forster auf die Herrschaft der Trikolore im alten Mainz gesetzt hatte, kam auch für ihn überraschend schnell. Schon Anfang Dezember des gleichen Jahres 1792 schreibt er an Huber: „Das hiesige laue Volk hängt die Köpfe unb bie Pfaffen krähen ilnglütf unb drohen Mord unb Tod. Ob aus solchen Menschen je etwas werden könne, mögen Sie schließen. Wer seine Hoffnungen für sie opferte, ba sie nichts wissen wollen unb nichts tun, wäre ein Tor. Ich werde allen Fleiß verdoppeln, um selbst wegzukommen, nach Frankreich versteht sich. Wo sonst wäre Freude, Ehre und Zufriäenheit?"
3m März 1793, zwei Monate nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., brach er von Mainz nach Paris auf, um das freiwillige Geschenk des Vaterlandsverrates und damit, tote er selbst sagt, den Schlüssel des Deutschen Reiches in bie Hände der Franzosen zu legen. Am 30. März verlas er als Deputierter des Mainzer Konvents im Pariser Konvent „unter vielfältigem Händeklatschen" bie von ihm selbst verfaßte Kundgebung, worin der Anschluß des „rheinisch-deutschen Volles" an die französische Republik gefordert wurde: „... Richt den Sturz eines einzelnen Despoten verkünden wir euch heute; das rheinisch-deutsche Volk hat bie sogenannten Throne zwanzig kleiner Tyrannen, die alle nach Menschenblut dürsteten, alle vom Schweiße der Armen unb Elenden sich mästeten, auf einmal umgeworfen. Auf den Trümmern ihrer Macht sitzt das souveraine Volk. Die Stellvertreter des rheinisch-deutschen Volkes haben gegen diejenigen die Todesstrafe erkannt, bie es tragen würden, daselbst wiederaufzutreten um jene Rechte zu behaupten..." Der französische Konvent befretierte daraufhin die Einverleibung der besetzten Rheinlande.
Forster fand in Paris aber alles andere als „Freude, Ehre und Zufriedenheit". Der nahe Anblick der Revolution, der widerliche Kamps der Parteien und ihrer Führer um den Besitz der Macht ernüchterte ihn bald. Das schreckliche Ende seiner Ehe mit der grausam-frivolen Therese Heyne, die mit Huber bald blue neue Verbindung einging, drückte ihn vollends nieder unb warf den Bedauernswerten auf ein schweres Krankenlager, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Am 10. Januar 1794 starb Georg Forster, von allen, die ihn liebgehabt hatten, verlasien, den schweren Tod in der Fremde, wie er immer in der Fremde gelebt patte.


