Gießener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang (924 Dienstag, den 18. November "™ Nummer 5(
Wahrworte.
Von Hermann Stehr.
Tausend kamen und verschwand«». Jeder starb ein ander Sterben, anders hat er Gott verstanden, seinen Himmel, sein Verderben.
Mast und Regeln kennen jene, die ihr eigen Matz verloren. Sei der Pfeil du deiner Srhtte, stets sei nur aus dir geboren.
Andrer Kunst und andrer Klarheit sind für dich nur Mauersteine, die dir dienen, daß di« Wahrheit Leines Wesens rein erscheine.
Tausend kamen und verschwanden. Jeder starb ein ander Sterben, anders hat er Gott verstanden, seinen Himmel, sein Verderben.
Der „deutsche Philosoph".
(Zu Jakob Böhmes 300. Todestag, 17. November.)
Don Dr. Kurt Haack.
„Das Licht, welches durch die schwebende Glaskugel aus den Arbeitstisch des Schusters fällt, ist das . Reich phantastischer Geister: es füllt die Einbildungskraft während der nachdenklichen Arbeit mit wunderlichen Gestalten und Vildern und gibt den Gedanken eine Färbung, wie sie ihnen keiine andere Lampe, patentiert oder nicht patentiert, verleihen kann. . . Immer tiefer sehen wir in die leuchtende Kugel, und in dem Glase sehen wir das Uni» Vers um in all seinen Gestalten und Naturen,- durch die Pfortenj aller Himmel treten wir frei und erkennen sie mit all ihren Sternen und Elementen; höchste Ahnungen gehen uns auf und niederschreiben wir, während der Pastor Primarius Richter den Pöbel gegen uns aufheht und der Büttel von ^Görlitz, der uns ins Gefängnis bringen soll, vor der Tür steht. . . . Diel sehen wir in der glänzenden Kugel, auf welches die Lampe so armes Licht wirft, dah wir dabei kaum zu Papier bringen können, was wir sahen, ober nichtsdestoweniger können wir unter das vollendete Manu- scriptum schreiben: Geschrieben nach göttlicher Erleuchtung durch Jakob Böhme, sonsten auch Teutonicus genannt."
Wilhelm Raabe, selbst ein Künder der tiefsten Tiefen deutscher Seele und deutschen Denkens, hat in diesen Sätzen des „Hungerpastors" den Urgrund im Wesen und Schauen des mystischen Schusters, der schlechthin der „deutsche Philosoph" genannt wurde, unübertrefflich aufgezeigt, und Jakob Böhme wird ihm zum höchsten Sinnbild jenes Hungers nach Gott und Geist, nach Erlösung und Erkenntnis, der im germanischen Dolks- chavakter durch die Jahrtausende waltet. Der Ehrenname des „philosvphus teutonicus" siel ihm, dem ungelehrten Handwerker, dem stillen, milden, schüchternen Disionär, nicht nur deswegen zp, weil er zuerst seit den Mystikern des Mittelalters wieder in deutscher Sprache, in dem machtvollen Stil des begnadeten Sehers, ein einheitliches Bild der „großen und kleinen Welt", des Alls und des Menschen erschuf, sondern weil er, selbst von dem Pvlyphistor Leibniz bewundert, diesem Weltbild eine urdeutsche Prägung verlieh. Die Romantiker haben diese seine Wesenheit nach einem Jahrhundert der Verkennung wieder entdeckt. Friedrich Schlegel sagte im „Athenäum": „Der deutsche Künstler hat keinen Charakter oder den eines Albrecht Dürer, Kepler, Hans Sachs, eines Luther und Jakob Böhme. Rechtlich, treuherzig, gründlich, genau und tiefsinnig ist dieser Charakter, dabei unschuldig und etwas ungeschickt. Rur bei den Deutschen ist e& eine Nationaleigen- heit, die Kunst und die Wissenschaft bloß um der Kunst und der Wissenschaft willen göttlich zu verehren." Und Hegel urteilte: „Er ist genannt worden der philosophus teutonicus, und in der Tat ist durch ihn erst in Deutschland Philosophie mit einem eigen» tümlichen Charakter hervorgetreten, der Inhalt seines Philosophierens ist erst deutsch."
Als ein Bauernsohn ist Böhme 1575 in einem Dörfchen der Oberlaufitz geboren worden, ein Schlesier, in dem der uralte mystische Zug dieses Stammes am reichsten und gröhten sich offenbart. Der Strom der Mystik flutet auch heute noch durch die schlesischen Herzen und Gerhart Hauptmanns „Emmanuel Quint",
Hermann Stehrs „Gottsucher" sind die echten Nachfahren dich „Himmelsschusters", der in Görlitz ein echtes rechtes Handwerkev- leben führte, heiratete, eine Kinderfchar um sich sah und seins Schuhe machte. Don wundersamen Vorboten seiner Berufung, die schon dem Hirtenknaben und Wandergesellen erschienen fern sollen, künden die späteren, ausschmückenden Lebensbeschreibungen. Aber der große Augenblick der Erleuchtung, der jedem Propheten kommt, mag sich ähnlich vollzogen haben, wie er geschildert wird. Ist doch diese Lichtvision aufs engste mit seinem ganzen Schauen und Erleben von Gottheit und Menschheit verknüpft! Anno 1600, in feinem 25. Lebensjahre, soll er „vom göttlichen Licht ergriffen und mit seinem gestirnten Seelengeiste durch einen jählichen Anblick eines zinnernen Gefäßes — als des lieblich jovialen Scheins — zu dem innersten Grunde oder Centro der geheimen Natur eingeführet" worden fein. Das LichtsyMbvl nach andern ihm durch den Schein der Schusterkugel vermittelt — offenbart ihm das Wesen der Gottheit, das sich in aller Kreatur so spiegelt, wie die Sonne in einer Scherbe. Also entzündet der Strahl detz Gottheit im irdischen Dunkel ein sehnendes Feuer, in dem Helle und Finsternis sich vermählen, und aus dieser Paarung der Gegensätze ist alles entstanden, Gutes und Böses, Himmel und Hölle. Böhmes Eigenart gegenüber anderen großen neueren Mystikern, wie z. B. Swedenborg, ist der Verzicht auf alle Aeußerlichkeiten, auf die Vermittlung von Geistern, Engeln und ähnlichem; es ist die ganz persönliche Schau eines Erleuchteten, dem der „Urgrund" der Dinge aufgetan, dem in Gott die Wurzel aller Geheimnisse und Kontraste offenbart ist, aller Entzückungen und Bitternisse, des Herben und des Zarten, von Liebe und Haß. Er erfaßte aus dem nur ihm aufgeschlagenen Buch, das „er selbst" war, den Mikrokosmos des Menschen und den Makrokosmos der Gottheit als ein einheitliches Ganzes, das er in einfachsten Formen, aber mit der glühenden Inbrunst" seiner Phantasie zusammenfügte.
Aus dem inneren Drang, das Geschaute und Erlebte festzu- halten, entstand als „ein Memorial zu eignem Gebrauch" in seinen Mußestunden sein berühmtes Werk „Morgenröte im Aufgang", eine unklare, wirre, aber von einem überirdischen Erkennen verklärte erste Aufzeichnung seiner Gedanken, die er später viel schlichter, durchsichtiger, inniger, plastischer geformt hat. In all den vielen Schriften des „deutschen Philosophen" stört den Menschen von heute eine krause barocke Vermischung von Begriffen! und Bildern, ein dunkles Wortkauderwelsch, das z. T. auf den Zeitstil, z. T. auf das Wesen mystischer Deutung überhaupt zurückzuführen ist. Dazu kommt die naive Unbildung des Schusters, die fortwährende Wiederholung und breite Ausmalung der Grunde begriffe seiner Weisheit; aber über diesen trüben Moder des Zufälligen ^triumphiert der erhabene Aufschwung eines gottseligen Gemüts, der „Morgenglanz der Ewigkeit", der ihn angestrahlt, die hinreißende Melodie einer genialen Schau, die in der dichterischen Innigkeit unb Pathetik seiner Sprache, in der trotz alles Dunkels sieghaft durchbrechenden Klarheit seines Stils zum Ausdruck kommt. Was er aus Vergangenheit Und Gegenwart mit sich führt, Astrologie und Alchimie, die Naturmystik des Paracelsus, die Ausdrucksform Weigels, Schwenckfelds und anderer Gleich» strebender, die ihn beeinflußten — all das verschwindet vor der Urtümlichkeit seines eigenen Gefühls. Das abgrundtiefe deutsche Volksgemüt, das in Mythen denkt und in Visionen sieht, spricht aus seinen Worten und schafft eine naturphilvsophische Mystik die sich zu der der italienischen Renaissance in strengstem Gegensatz setzt. Während ein Gioröano Bruno sich ganz in die Geheimnisse der äußeren Natur verliert, bohrt sich ein Jakob Böhme tief ein in die Mysterien seines Inneren und schlägt von dem Persöni» lichsten Seelengrund die goldenen Brücken zu Himmeln und Sternen, statt eines Pantheismus, der sich im All verliert, ein Finden „weltweiter Dinge im -engsten Kreise". Wenn man dies« Grundmelodie seines Philosophierens erfaßt hat, dann wird man bald bei ihm und in ihm heimisch werden. Wir haben jetzt an Stelle der alten ungefügen, schwer zu bewältigenden Ausgabe^ die ein Wust gesuchter Erläuterungen noch ungenießbarer machte in der Auswahl von Hans Kayser der Sammlung „Der Dom" im Insel-Verlag ein gutes Hilfsmittel, das den Zugang zu seinem sinnlich-übersinnlichen Reich erleichtert. Die stimmungsvolle Biographie seines ersten Schülers Abraham von Fvanckenberg, der knappe Ueberblick seiner Hauptlehren in dem Auszug" OetingerS, die den eigentlichen Texten vorangestellt sind, tragen viel zur Orientierung bei und führen zu dem Kern seiner Mystik hin, bte der Romantik von Tieck und Novalis bis zu Schelling und Baader den Weg zu Gott und Natur bahnte.


