Gietzener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (92^ Samstag, -en |8. Oktober Nummer^ß
Sonne im Herbst.
Don Josef Schänderl*). Sonne, Lu einzig geliebte, lächelst mir heiter und klar; Huld, die nimmer sich trübte, bleib mir — es neigt sich mein Jahr. Wärmst noch die welkenden Tage mild, nun sie einsamer sind, still durch vergilbende Hage schreit ich im leichten Wind: von aller Sehnsucht entbunden, nur hingegeben dem Glanz — einst, wenn ich heimgefunden, Sonne, gehör ich dir ganz.
Aus dem Band „Krone", einer Gedichtsammlung stark c Poesie voll feinster Aalurstimmungen (im Verlag Georg , München).
Der Enkel.
Von Fritz Müller-Partenkirchen.
Im Lieserantenbuch bedeckte eine Kontenseite sich am schnellsten. Unter vier Stellen gab's da keine Zahl. War umzuwenden, schrieb man fast mit Ehrfurcht auf die neue Seite: Gebrüder Fromme Hamburg. Sie lieferten den meisten Kaffee. Kaffee und Fromme, das war eins. Sagte einer „Fromme", roch es schon nach Kasfee. Alraft war das Haus. Ein Fromme wird's gewesen sein, der unter Prinz Eugen die ersten Kaffeebohnen in gestürm- ten Türkenlagern vor dem befreiten Wien entdeckte.
Ein Buchhalter meiner Lehrzeitfirma trat aus. Er kam zu Gebr. Fromme, Hamburg. Vorher hatten wir ihn gehänselt. Jetzt sahn wir ihm mit Ehrfurcht nach: „Zu Fromme kommt er, zu Gebrüder Fromme."
Das Almgekehrte freilich, &a& einer von Gebrüder Fromme seinen Weg zu unserer Firma fände, hielten wir für ausgeschlossen. Dennoch sagte eines Tages der Herr Muschel: „Am nächsten ersten tritt Herr Karl Fromme bei uns ein." Eine Weile war Verblüffung.
„Doch nicht von Gebrüder Fromme?" wagte Endres, der Kreditbuchhalter, zu fragen. „Ja, ein Aachkomme des Begründers der berühmten Firma. Herr Endres, übertragen Sie ihm einen Posten in der Korrespondenz. Möglichst einen leichten, bitte."
Der alte Endres lächelte vor sich hin: „Aha, ein junger Enkel, der sich seine ersten Sporen hier verdienen will. Volontär Sturmbrenner soll ihm seinen Platz einräumen."
Sitzt am andern Tag ein alter Mann an diesem Platz. Hat eine Drille, eine müde Hand, und schleppend ist sein Gehwerk. Wir Lehrlinge umschlichen ihn sachte: „Soll das der junge Fromme sein, Herr Endres?"
„Ja," sagte er knapp, „und geht an eure Arbeit."
Aber langsam brachten wir es doch heraus: Der mit der Brille war ein Schiffbruchfromme. Als junger Mann Verächter des Berufes seiner Väter. Studierte dies und das. Ward langsam ein verbummelter Student. Dann ein Sonderling. Die stützenden Firmenhände von Gebrüder Fromme zogen sich, zurück. Es ging ihm schlecht in alten Tagen. War nahe am Verkommen. Sie bugsierten ihn zu uns mit sanftem Rachdruck.
Da sah er nun und schrieb und schrieb. Pünktlich kam er. pünktlich ging er. So eifrig wie er war. Kaum, dah er auffah von der Arbeit. Unser Prinzipal, Herr Kramer, brachte ihm die Arbeit morgens selber. Tiefernst unterhielten sie sich immer eine kleine Weile. Sicher hat er die Vertrauensbriefe zu behandeln, dachten wir. Keiner wagte sich zu nähern. Einmal aber ging er früher fort und lieh die Tagesarbeit liegen. Es war ein BestätigungS« brief: „Wir empfingen Ihren werten Brief von gestern, dem wir entnahmen:
3000 Mk. in drei Voten zu 1000 Mk. .
7000 Mk. in einem Scheck auf die Handelsbank, hier.
10 000 Mk. womit wir zuzüglich
300 Mk. für 3 Prvz. unser« Faktura im Betrage von
10 000 Mk. dankend beglichen.
Alm Erneuerung Ihrer geschätzten Aufträge bittend zeichnen wir. ‘ Hochachtungsvoll l
Wir sahen uns an. An diesem Briefe hatte er den ganzen Tageschrieben. Fünf vermurkste Konzepte lagen im Papierkorb. Jemand wollte lachen. Ein rohes Lehrlingslachen. Aber da stand der alte Endres vor uns.
„Er ist ein armer Mensch. Was ihn allein noch retten lang vorm letzten Riederbruche, ist die Achtung. Wer sie ihm versagt, ist unbarmherzig. Vergeht nicht, es ist einer von Gebrüder.Fromme."
„Gebrüder Fromme", klang es nach in uns. „Gebrüder Fromme ...“ Es roch nach Aiesenkaffeelagern. Der alte Ramtz wurde wieder wach. Die Schiffe der Weltfirma fuhren über den Ozean. Wir klappten unsere Bücher zu und gingen still nach Hause.
Am andern Morgen sah er wieder da. Wir verneigten unS vor ihm und grüßten ehrerbietig seinen Damen.
Herr Kramer hatte einen Sohn. Der war eben mit der Schul« fertig. Dem erzählte er von Karl Fromme. Dessen Tagesarbeit legte er ihm vor: „Sieh, Wilhelm, damit hat ein Welthmrssproh. der nicht sich selbst befehlen konnte, aufgehört. Ich denke, du fängst an damit. — Glückauf, mein Sohn, Beginne.“
Karre! und fein Freund.
Von CharlvtteRiese.
(Fortsetzung.)
Das muhte mein tun, wenn man ein Mädchen „poussieren" wollte. Guschi sagte das immer, und er verstand sich darauf. Der kam eines Abends, als Karre! gerade mit seiner Flamme ausgehen wollte, und er war so lustig und konnte so viele Geschichten eqN zählen, dah Fräulein Linchen nicht aus dem Lachen kam und sich nachher sehr bei Karrel bedankte, weil sie sich so herrlich amüsiert hatte. 1
Es war ein lustiger Abend', und es fiel Karrel erst nachher ein, dah er einmal ernsthaft mit Guschi sprechen wollte. Erstens der zweihundert Mark wegen, die er selbst nötig hatte, und dann auch wegen der Geschichte bei Dachs & Storch.
Aber das war jetzt immer so: wenn er Guschi sah. wollte er ernsthaft mit ihm reden und kam doch nicht dazu. Es schien Guschi ja auch sehr gut zu gehen; da muhte man sich nicht beunruhigen.
Karrel konnte jetzt nicht viel an seinen Freund denken; an einem stillen Mondschein abend, als er ein Doot genommen hatte und Fräulein Linchen auf der Alster ruderte, da verlobte er sich mit ihr und schwur ihr ewige Treue. Linchen war sehr gerührt unv kühte ihn zärtlich. Sie nannte ihn einen „furchtbar" netten Jungen und sagte, es wäre prachtvoll, einen Bräutigam zu haben. Don Heiraten sprachen die zwei natürlich nicht, sie hatten ja Zeit zum Warten; als aber Guschi am nächsten Abend Karrel aufsuchw um eine kleine Anleihe bei ihm zu machen, da erwiderte der Freund ernsthaft, dah er nun nichts mehr ausleihen könnte, er mühte vielleicht bald für eine Familie sorgen.
Guschi lachte laut, als er von der Verlobung erfuhr; doch Karrel erwiderte, dabei sei nichts zu lachen. Linchen hatte sich schon mehrere hundert Mark erspart, und wenn Karrel und sie vernünftig wirtschafteten, dann konnten sie vielleicht bald ans Heiraten denken.
Karrel sprach so lebhaft, wie es sonst nicht seine Art war, und Guschi kniff die Augen zusammen, während er ihm zuhvrte. Gr hatte eine schlechte Gesichtsfarbe, und wenn Karrel nicht so mit sich beschäftigt gewesen wäre, dann würde er vielleicht bemerkt haben, dah der Andre einen sehr schlechten Anzug trug. Aber er dachte an sich selbst und lieh den Freund diesmal ohne Geld gehen.
Ach, Karrel war so glücklichl Es kam ihm vor, als mühte er immerfort singen oder wenigstens leise vor sich hinsummen. Linchen war gestern abend so reizend gewesen; er hatte ihre frischen Lippen küssen, ihre Hände halten dürfen. Und der Mond hatte lächelnd in das leise schaukelnde Boot geschienen, gerade, als wühte er, dah Karrel selig war.
Alnd dann muhte er noch an demselben Tage nach England reisen. Sein Chef nahm ihn mit und lieh ihm kaum Zeit, feinen Koffer zu packen. Es gab irgendeine Kleiderlieserung, die er besorgen wollte, und' es war kein Tag zu verlieren. Karrel war noch niemals gereist; fast hatte er Angst vor der grauen Aordfee, vor dein Tumult in London; dann aber ging alles gut, und Herr Schmidt sagte ihm einige anerkennende Worte für seine Almsicht, während er ihn zugleich beauftragte, noch einige englische Städte für ihn zu besuchen. Do kam Karrel erst nach einer Woche daziu an Linchen zu schreiben und seine Plötzliche Reise zu erklären, und


