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an Sophies Augen sah. bah diese Lektüre auch das Herz beschLf- tigt habe, die beiden Seiten nach. „3a, das i|t er, das ist sein Bild, und du wärest wert, die Seine zu heißen, aber" — unterbrach sie sich — „um des Himmels willen lab mich das nicht gesagt haben, denn was sollte ich tun, verlöre ich dich?"
In denselben Tagen, vielleicht an dem gleichen Nachmittage war es, als Kant nach Hause kam, wieder am Ofen sah und sein Blick über die blanken Wände an seinem einzigen Kupferstich, dem Bilde des Verfassers der „Neuen Heloise", vorüberstreifte, er das Wort in Erwägung zog: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei", und Lampe, der eben eintrat, in geschäftsmäßigem -i-one fragte: „Was meint Er, hätte das Haus Platz für eine ürau?
Lampe war von dieser Frage betroffen. Er, der seinen Herrn genau kannte, nahm sie ernsthaft. Er antwortete leichthtn, beschloß aber, der Sache aus den Grund zu kommen. Seit jene Angelegenheit mit der Witwe ohne Erfolg vorübergegangen war. glaubte er jeder Gefahr für seine Stellung, seinen Cinflust, seinen Vorteil enthoben zu sein. Er war Haus-, Hof- und Kellermeister und hatte in manchem schweren Kamp? mit „dem Frauenzimmer in der Küche" seine Stellung behauptet. Ein geborener Würzburger, war er Soldat in preubischen Diensten gewesen, nach erhaltenem Abschied vom Regiment bei Kant in den Dienst getreten und hatte sich diesem durch eine gewisse mechanische Pünktlichkeit und den gutbewahrten Anschein von Biederkeit empfohlen. Da Kant nur einen unverheirateten Diener haben wollte, so heiratete Lampe in aller Stille, und hätte er nicht die Unvorsichtigkeit begangen, eines Tages in einem gelben Dock anstatt in dem weihen zu erscheinen, so hätte der Herr es nie erfahren, dab sein Diener sich eben zum zweiten Male verheiraten wollte. Denn eben zu diesem Feste war der gelbe Dock in einer Trödelbude gekauft worden, wohin er nun auf Befehl des entrüsteten Professors zurückwandern mutzte. Als Diener eines berühmten Philosophen kam er sich selbst bald sehr wichtig und weise vor. merkte auf die Reden seines Herrn bei Tisch, um sie, manchmal in komischer Verunstaltung, weiterzutragen, las die an Kant einkvmmenden Briefe und lernte aus den Büchern, die sein Herr las und gelegentlich zitierte, auswendig, was nicht von vornherein über seinen Verstand ging.
Er durfte seinen Verstand nicht sehr anstrengen und brauchte nicht lange zu warten, um zu erkennen, von welcher Seite ihm diesmal das vermeintliche älnheil drohe.
Eines Nachmittags, kurz vor der Zeit, zu welcher Kant heimzukehren pflegte, fuhr ein Wagen vor. Lampe hatte eben — es war ein kühler und regenfeuchter Tag — nach dem Thermometer gesehen und in das lustig flackernde Feuer ein Buchenscheit gelegt. Der Ofen heizte die sogenannte Putzstube und das danebenliegende Studierzimmer zugleich. Die Damen, die der Diener abweisen wollte, beriefen sich auf die Abmachung mit dem Herrn Professor, dem sie für heute ihren Besuch angezeigt hätten. Allerdings weise die Ähr noch nicht ganz die festgesetzte Stunde. — Den von einer frischen Fahrt Kommenden schien es in dem Zimmer unerträglich heiß. Sie begriffen nicht, wie man mitten im Sommer Heizen könne und baten Lampe, das Fenster zu öffnen. Dieser belehrte sie nicht ohne Gravität, datz für den hochedlen Herrn Professor 75 Grad Fahrenheit der unverrückbare Stand seines Zimmer-, thermvmeters sein müsse. Frau von Gimborn ging aus dem Zimmer und stellte sich an das Treppengeländer. Sophie blieb, indem sie versicherte, ein ungeheiztes Zimmer wäre freilich angenehmer, sie wolle aber einmal erproben, ob sich nicht etwa auch für diese Temperatur ein zureichender Grund finden ließe. Frau v. Gimborn scherzte beim Hinausgehen: „Du bist auf gutem Wege, mein Kind." '
Nach einigen Minuten trat Kant ip die Haustür, sehr verwundert. Frau von Gimborn an der Treppe zu finden. Er begrüßte Sophie mit Herzlichkeit und bedauerte die Arme, welcher die ungewohnte Wärme Wange und Stirn gerötet hatte. In der ungeheizten Ctzstube und in dem Hörsaale des Erdgeschosses, den die Damen zu sehen begehrten, wurde eine angenehme und leichte Plauderei fortgesetzt, bei welcher Kants und Sophies Augen sich oft begegneten.
Als die Damen wieder im Wagen faßen, sprach Frau v. Gimborn ihre Verwunderung aus über die allzu einfache Einrichtung der niederen Zimmer. „Ein Bürgersmann hat es bei uns statt
licher," meinte sie, „als hier der berühmte Professor. Dieses harte. Sofa, die mit Leinwand überzogenen Stühle, der Glasschrank mit dem bißchen Porzellan, die ungeschmückten Wände, die schmalen Vorhänge — das alles hat, da ich daran dachte, wen dieses Haus beherberge, einen fast rührenden Eindruck aus mich gemacht." „So erging es auch mir," erwiderte Sophie, „und ich dachte daran, was Gräfin Kehserlingk mir erzählt, wie er durch diese Cinsach- heit auch zur Zeit, da seine Mittel noch äußerst gering waren, sich doch stets unabhängig, ja bei dem Aussehen eines leidlichen Wohlstandes erhalten habe. Wie zeigt er sich auch darinnen als der wirkliche Weise, der nicht nur zu lehren, sondern nach seinen Lehren auch zu leben versteht."
Lampe hatte jeden Blick und jedes Wort zu erhaschen gesucht: als die Damen im Hörsaal waren, legte er sogar fein Ohr an die Tür. Beim Fortgehen vernahm er, im Hausgang stehend, wie Kant sich von den Damen erbat, sie einmal mit seinen Freunden zusammen nach Modilten einladen zu dürfen: bann, während
der Herr die Stiege hinaufschritt, trat der Diener in die Küche, warf die Tür ungestüm ins Schloß und schrie die Auswarteritn, mit der er sonst stets in Winfrieden lebte, vertraulich an: „Nun, da sollen wir ja eine Frau ins Haus bekommen," und da die Alts, welche eben mit der Katze einen Sermon gehalten hatte, vor Verwunderung den Mund aufsperrte, fuhr er heftig fort: „Es ist so, gerade war sie da und hat in allen Ecken herumgesehen: die ift'# und feine andere."--
Ein schöner Sommertag breitete seinen Glanz über die Heide, den ernsten Wald und die weite, von Segeln belebte Fläche des Haffes, das zur Linken des Weges heraufschimmerte, der nach Moditten führt.
In kurzen Absätzen folgten sich die beiden ersten Wagen. Da um 1 älhr gegessen werden sollte, sah Herr Green, der mit Herr« Motherby das erste Geführt einnahm, mit Befriedigung, daß die Hßr ein viertel vor zwölf zeigte, als sie durch das 6telnbammet Tor fuhren. Ihm folgte Kant, der heute Herrn Stadt- und Kriminalrat Hippel und seinen treuen jüngeren Kollegen Kraus ein» gelaßen hatte. Schon war es zwöls Ahr vorüber, als der Kehser- lingksche Wagen mit den beiden Damen aus den grünen Wällen herauskam.
Die Gräfin konnte nicht gegenwärtig fein. Ein Krankheitsfall in der Familie ihres Bruders, des Grasen Truchsetz-Waldbura, hatte sie nach Capustigall, an der anderen Seite des Haffes, tnel- leicht für längere Zeit, gerufen.
Unter den hohen Buchen am Forslhause stand der geschmückte Tisch bereit. Vor der festgesetzten Zeit war die ganze Gesellschaft versammelt, der Oberförster begrüßte die Gäste. Frau Wvbser war in der Küche beschäftigt. Kant machte in einer aufgeräumten Stimmung, wie man ihn selten gesehen, den Wirt. Er hatte daS neue Festkleid angezogen, das er jüngst hatte nach der Maxime fertigen lassen, daß man in der Wahl der Farbe zu Kleid unks Weste sich genau nach den Blumen richten müsse. So gehörte zu dem braunen Oberkleide mit braunseidenem Futter, wie er es trug, die gelbe Weste. Dies lehrten ihn die Aurikeln.
Sophie stieg aus dem Wagen wie eines der anmutigsten Frauenbilder von Chodowiecki: über einem Winterkleid in Rosa hob sich der gebauschte Rock in blaugeblümter Seide: die Vorderarme und der Ansatz des Halses waren sichtbar: das in die Höhe genommene leicht gepuderte Haar ließ die Stirne zu ihrem Vorteile frei.
Kant stellte die Freunde vor, nicht ohne jeden mit ein dm kurzen Worte humoristischer Erläuterung einzuführen.
Da war Green, ein reicher Kaufmann, als „Orbit" in dem Lustspiele: „Der Mann nach der Uhr oder der ordentliche Mann", I von einem der Anwesenden vor Jahren schon mit Hebertreibung abkonterfeit. Von straffem Muskelbau, geschmeidig-kräftigen Bewegungen und freiem Blick, zeigte er sich vom Scheitel bis zur Sohle als ein Engländer jener Art, welche die Ration zur Größe geführt hat. Bei ihm wurde das. was Kant erübrigte, „auf In« grossativn" angelegt. Ein Vorfall, an den Kant gern erinnert«, hat die Freundschaft der beiden Männer begründet, da er der Anfang einer bitteren Feindschaft hätte sein können. Beim Ausbruch das Englisch-Nordamerikanischen Krieges fand Kant im Thomphonschen Kaffeegarten eine Gesellschaft, darunter einige Bekannte. Die Rede kam aus die Politik: Kant nahm sich der Nordamerikaner an und ließ sich mit Bitterkeit über das Benehmen der Engländer aus. Aus einmal springt ein Mann im äußersten Zorn aus der Gesellschaft aus, erklärt seine ganze Nation und sich selbst für beleidigt und verlangt Genugtuung durch einen blutigen Zweikamps. Kant, durch den Zorn des Mannes nicht außer Fassung gebracht, fing an, seine politischen Grundsätze und den Gesichtspunkt, aus welchem jeder Mensch als Weltbürger, seinem Patriotismus unbeschadet, dergleichen Begebenheiten beurteilen müsse, mit einer solchen hinreißenden Beredsamkeit zu schildern, daß Green'ihm voll Erstaunen freundschaftlich die Hand reichte, den hohen Ideen Kants beipflichtete, ihn wegen seiner Hitze um Verzeihung bat, am Abend bis an feine Wohnung geleitete und zu einem freundschaftlichen Besuch einlud. So sehr vertraute Kant auf die Kenntnisse und den Geist Greens, daß er jetzt und später alle wichtigeren Sähe seiner Philosophie diesem vortrug, um sie von einem unbefangenen und durch kein System gebundenen Verstand beurteilen zu lassen.
Da war ferner Motherby. Verwandter und Handelsgesellschafter des Green, der dem Vorfall in den Dönhofsschen Gründen beigewohnt hatte und seit diesem Augenblick fein Herz für immer an den Weisen gefesselt fühlte, der ihm bei feiner Rede wie von einer himmlischen Kraft begeistert erschienen war.
Herr von Hippel! Als die Damen jüngst seine englische Anlage bei den Mitkelhusen besuchten, war ihnen die Mischung von Schönheitsgefühl und Grillenhaftigkeit ausgefallen, die sich in der glücklichen Wahl des Ortes und der herrlichen Aussichtspunkte, wie in dem mit Leichensteinen belegten Friedhof am Eingang, den überall angebrachten Sprüchen, den künstlichen Ruinen, Einsiedeleien und Tempelchen offenbarte. Sah und hörte man dm Mann mit den feinen Zügen, den vollen Lippen und der scharfen Nase, so erkannte man alsbald, wie sehr fein Park die Eigenart seines Geistes widerspiegelte.
(Fortsetzung folgt)
Schriftleitung: Dr. Friede- Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße».


