Ausgabe 
17.5.1924
 
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anb SpaziergSngerittnen, die wie im Tanze bahinwandeln, gehoben Und wieder eingelullt von den berauschenden Weisen, übervoll bte Herzen eben ein Maiabend in Storni

Der Frühling in der Musik.

Don Dr. Anton Mayer.

Der innige Zusammenhang von Statur und Musik ist schon In den frühen Tagen des Altertums erkannt worden. Für die griechische Philosophenschule der Pythagoreer bildete das Reich der Tone einen Bestandteil des Weltalls. Die Sphärenmusik klang nach ihrer Meinung durch den unendlichen Raum, nach deren Rhythmus die Planeten den kosmischen Reigen tanzten.

Wie nach der dichterischen Ansicht der alten Weisen die Ewig­keit tönt, wenn ihre Klänge auch unseren Ohren verborgen bleiben, so hat der irdische Wechsel der Statur, haben die Jahreszeiten stets im musikalischen Leben der Menschen eine wichtige Rolle gespielt. Ernte im Sommer und Weinlese im Herbst gaben Ver» anlassung zu frohen Dankliedern, der Winter forderte zu Bitten um Erlösung von Sturm und Kälte auf; aber die meisten und schönsten Gesänge hat der Frühling gezeitigt. In der erwachenden Statur singen die Vogel wieder nach dem winterlichen Schweigen, und die Menschen befreien ihre Brust von dem langen Druck trüber Tage unter den helleren Strahlen der Sonne durch An­rufung der belebenden Kräfte stets wiederkehrender Erneuerung. Die Zahl der im Volke entstandenen Frühlingslieder sind Legion, vom heiligen Sang zu Ehren des Fruchtbarkeit spendenden Ge­stirnes bis zum sehnsüchtigen Ritvrnell verliebter Herzen, das häufig improvisiert den primitiven Empfindungen frühlingshafter Zuneigung treffendsten Ausdruck verleiht. Roch heute kann man in italienischen Landstrichen, die vom Fremdenstrom ziemlich un­berührt geblieben sind, solche Zwiegesänge hören, wenn etwa der Bursche das am Brunnen wasserholende Mädchen erwartet, und ihr in kunstlosen Reimen zu einfacher Melodie von Sonne und Liebe, Frühling und Sehnsucht singt. Dann nimmt das Mädchen Melodie und Versrhythmus auf, und offenbart ihr Verlangen in gleicher uralter Weise, wie es schon Generationen im lenzgeborenen Liebesliede getan haben, das elementar entsteht, gleich dem Jubel der zurückgekehrten Singvögel.

Die Freude, das Aufwärtsstrebende der Jahreszeit prägt sich wie in der Statur auch in der Mussik aus, die als Liedmelodie int Frühling erblüht, oder ihn als Kunstschöpfung in Tönen wieder­geben will. Die 'Verse Fausts aus dem Osterspaziergang:

Doch jedem ist es eingeboren, Das) sein Gefühl hinauf und vorwärts drängt, Wenn hoch im blauen Raum verloren Ihr schmetternd Lied die Lerche singt

berühren das unruhige Sehnen des Menschen nach lichter Höhe in seinen letzten Tiefen; aus diesem Gefühl heraus sind Musik­stücke nach dem Frühling benannt worden, denen der Komponist wohl das sonnig Stürmende, aber nicht die Bezeichnung selbst gegeben hat. So ist die Violinsonate in F=®ur von Beet­hoven ganz allgemein unter dem TitelFrühlingssonate" be­kannt ebenso wie die erste Symphonie in ö-Dur von Schu­rn a nn denselben Zusatz erhalten hat. Beide Kompositionen der- dienen ihre Staaten auf das vollkommenste. Schlägt Beethoven mehr die schwärmerische State aufblühenden Liebesglückes an, die sich erst in den letzten Sähen zu lebhaften Ausbrüchen hinreihert läßt sieht er hier vielleicht das unter leuchtendem Himmel träu­mende Glück durch die Seele seiner Frau, so ist Schumann ganz der stürmende feurige Ritter, der Frühlingsgott selber, der mit rauschenden Fanfaren im Eingangs-Adagio seinen feierlichen Ein­zug hält, ehe er im Allegro in stürmendem Statt über das Land sprengt, alles Morsch« von Bäumen und Sträuchern schüttelnd. Wo er aber vorübergezogen ist, blühen Blumen auf, springen die Knospen aus beengender Hülle; und es ist fast, bei der machtvollen Wiederholung des Fanfarenthemas im Durchführungsteil mit sei­nen langhallenden Fermaten, als hielte der reuige Gott für einen Augenblick im Lause inne, und sähe lachend über die eroberten Lande die nunvom Eise befreit vor feinem Blicke liegen. Aber mich hier kommt das stille Sinnen, wie bei Beethoven, zu seinem Stecht; die getragene Cellomelodie des zweiten Satzes führt uns auf die Suche nach der blauen Blume, die im Frühling ersprießen mag und die alte romantische Sehnsucht erfüllen soll ... Die weiche Stimmung dauert nicht lange; der etwas unwirsche Scherzo- Anfang mit einigen verspäteten Stegen ober gar Hagelschauern vertreibt sie. Bald aber verziehen sich die Wolken, Elfen mit Waldgeistern führen den lustigsten Steigen, und unter Klingen Und Jubeln rauscht in immer wachsendem Schwünge der stolzeste Eiegeszug hinreihenden Lenzes an uns vorüber.

Die bekanntesten und den meisten Hörern wohl fntnfaltig« st en Darstellungen des Frühlings sind die musikalischen Gemälde des ersten Teiles von Ha h dn 'sJahres ze it en und Men­delssohn 's Vertonung der GoetheschenWalpurgis- n a ch t". Beide schildern in einem dem Chor vorausgehenden Vor­spiele den letzten Kampf des Winters gegen die Unwiderstehlich­keit der kommenden Söärme, beide feiern in jauchzenden Gesamt­gesängen die Kraft und Schönheit des neuerstandenen Lebens. Der jüngere Komponist ganz besonders von den Worten der Dich­tung getragen, der ältere in der mehr kontemplativen^Beschau- llchkeit eines zufriedenen Gemütes. Haydn beschränkt fach mit leb'

nem Text auf die Betrachtung der schaffenden Statur, der Bäume, Pflanzen und Tiere, und gipfelt in der Lobpreisung des gütige^ Gottes; in des Romantikers Musik rumort der heidnisch-germa­nische Sinn des Gedichtes, das von der Anbetung des Frühlings ausgehend seine Krönung im Siege der alten Mächte über die christlichen Eindringlinge findet. Auch in diesen beiden Ton» schöpfungen lebt die Dankbarkeit der von den Fesseln des Frostes befreiten Kreatur, wie sie in Walter von Stolzings Sierfen in denSR ei ft er fingern nach klingt:

Wann dann die Flur

SJom Frost befreit

älnd wiederkehrt die Sommerzeit und vor allem sich in den Anfangstakten seines nach Slnficht Beckmessers so verunglückten Aufnahmeliedes zum Glanz des vol­len Orchesters gewaltig auf schwingt:

Fanget an! So rief der Lenz in den Wald, Daß laut es ihn durchhallt ...

Die beiden ersten Akte derSReifterfinger spielen am letzten Frühlingstage, der dritte am Johannistag, zu Sommers Anfang. In Dichtung und Musik ist das SBerben der jungen Jahreszeit also nicht mehr vvrzufinden. Das Werk führt uns mitten hinein in t> vollendete Blühen, und zeigt uns das freudige Frühlings­ende, den lichtüberglänzten Eintritt des Sommers am heitersten Fest der Sonnenwende. Das heimliche märchenhafte Treiben in prächtigen Frühlingsnächten sprüht in Hans Sachsens Monolog auf, wenn er vom Glühwurm singt, der fein Weibchen nicht sand; die glitzernden Harfenfiguren, die weich sordinierten Geigen und leisen Hörner malen uns die verworren taumelnde Seligkeit junger Harfen unter Blumenduft und Mondschein

Der Flieder wars! Johannisnacht" die Tonarten gehen wie in leiser Nachgiebigkeit ineinander über, auf ein paar Zeilen wechseln kl-Dur, As=Sur, E=Sur, und lösen die verträumte Süßigkeit des schwindenden Frühlings in ein un­endlich zartes Gebilde verklingenden Schimmers auf bis bei Sachsens WortenSlun aber kam Johannistag! der strahlende L-Dur-Akkord alle Heimlichkeiten verscheucht, und plötzlich, aus Kraft und Entschlossenheit geboren, lichteste Sommerhelle die Augen blendet. Wohl ist der Frühling vergangen aber nicht in Trauer und Sorge um fein entschwundenes Dasein: ein anderer reckt sich lachend empor, der die Erfüllung junger Sehnsucht bringen soll, auf den wir hoffen, auch wenn wir noch mit dem bezauberten ersten Chor aus SmetanasSkrtaufter Braut so gerne sin­genO du schöne Frühlingszeit!

Wie Kant beinahe geheiratet hätte.

Aovelle von Slugust Schricker.

(Fortsetzung.)

Der Aufenthalt dauerte fast eine Woche, länger, als man angenommen hatte. Blieb Sophie einige freie Zeit, so eilte sie mit einem schmalen Büchlein, das in Goldbuchstaben die Auf­schrift trug:Kant, Dom Schönen und Erhabenen", an einen stillen, tannengrünen Winkel, wo der Garten in den Wald über­ging, und las und dachte.

Sie kam über die ersten dreißig Seiten hinweg an die Aus­einandersetzung über die Temperamente:Der, dessen Gefühl ins Melancholische einschlägt, wird nicht darum so genannt, weil er, der Freuden des Lebens beraubt, sich in finsterer Schwermut här­met, sondern weil seine Empfindungen, wenn sie über einen ge­wissen Grad vergrößert würden ober durch einige älrsachen eine falsche Richtung bekämen, auf dieselbe leichter als auf einen andern Zustand auslausen würden. Er hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Selbst die Schönheit, für welche er ebensowohl Empfin­dung hat, muß ihn nicht allein reizen, sondern, indem sie ihm zu­gleich Bewunderung einflöht, rühren. Der Genuß der Vergnü­gen ist bei ihm ernsthafter, aber um deswillen nicht geringer. Alle Rührungen des Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnden Reize des Schönen. Sein Wohlbefinden wird eher Zufriedenheit als Lustigkeit fein. Er ist standhaft. Ihn deswillen ordnet er feine Empfindungen unter Grundsätze ..." ,

Während sie so las. stieg die Gestalt des Verfassers vor ihr empor, und sie sah ihn wieder, wie schon einmal am Tische der Gräfin, da er seine Augen nach unten gerichtet hatte, sie dann plötzlich in die Höhe hob und es ihr war, als sehe sie den lauteren Geist, dessen Feuerstrahl durch ein leichtes Gewölk etwas gedämpft wurde, sichtbar hervorleuchten. .

Sie las nach einigen Zeilen halblaut vor sich hm:Der mun­tere und freundliche Alcest sagt: 3d) liebe und schätze meine Frau, denn sie ist schön, schmeichelhaft und klug. Wie aber, wenn sie nun durch Krankheit entstellt, durch Sliter mürrisch, und, nachdem die erste Bezauberung verschwunden, euch nicht klüger scheinen würde wie jede andere? Wenn der Grand nicht mehr da ist, was kann aus der Steigung werden? Nehmet dagegen den wohlwollenden und gesetzten Adrast, welcher bei sich dünkt: 3d) werde dieser Per­son liebreich und mit Achtung begegnen, denn sie ist meine Frau. Diese Gesinnung ist edel und großmütig. Runmehr mögen die zufälligen Reize sich ändern, sie ist gleichwohl noch immer feine Frau. Der edle Grund bleibt und ist nicht dem älmstande äuße­rer Dinge so sehr unterworfen. Von solcher Beschaffenheit find Grundsätze in Vergleichung der Regungen ..."

Übet diesen Worten kam Frau von Gimborn, die nicht lange I allein bleiben konnte, unter den Bäumen bervor und las als. Ue