Gichener Zainilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |92< Sckmstag, den <7. Mai Nummer H
3m Lonnenwinkel.
Von P<ml Bülow.
. . Kennst &u die Tage, die fo wunschlos glücklich sind, die dich vet den Händen nehmen und sagen: „Komm, last deine Seele frei und klar sein, lab dich aus Sonnenflügeln ins höhenlichte Land trc^mr, wo du nie erahnte Wonnen schauen sollst, wo du Glück und Freude aus lockenden Blumenkelchen trinkst, wo dich wundersame Musik umtönt, die alles Grdenleid vergessen labt".
c kiefe Sflflc stilleinsamen Dahinträumens, diese Tage
unbeschwerten Vergessens? Die dein Herz mit flutender Helle durchstromen ihm alle Wunden heilen und es entflammen lassen in hoher Liebeswunderkrast.
,.L ^?lUes ist da Sonne, Frohsinn und Friede um dich Die Welt ist hier aller Güte und Schönheit voll.
Dir ist, als löse sich alles Unedle und Lästige von dir ab. Dem ganzes Menschentum ist in Harmonie gewandelt un& erstrahlt nun im Glanze einer besonderen Klarheit.
Von drauhen her dringen wohl geräuschvolle Stimmen in deine sonnige Stille hinein. Aber es kümmert dich nicht. Du kennst dann nicht mehr deine und der anderen Schmerzen, du fühlst nichts von Sorgen und Sehnsucht. Alles ist die Erfüllung geworden.
Solche Tage führen dich in den Sonnenwinkel des Lebens, sie wollen dich tröstend versöhnen mit dem Ungemach dieses Erdenwanderns.
Selche Tage sind Grütze liebender Geister ins Menschenland.
Ltchtumslossen stehst du in deinem Sonnenwinkel, edel und gut. Einen unsagbar schönen Restfrieden inmitten aller zerstreuenden Unruhe des Lebens hast du gewonnen.
Du bist unter wenigen ein Glücklicher — des wisse Dank den himmlischen Mächten.
Lausche tief hinab in die quellenden Brunnen solcher Tage Es komnien Stunden, da du ihre Kräfte erflehst.
Geh' nicht vorüber an diesen Rosen, di« im Sonnenwinkel des Lebens dir selten erblühen.
Auf dem Windbruche.
Von Hermann L ö n s").
Drei Tage lang hing das Birkenlaub wie Blei an den Zweigen und aus den Föhren kam ein dicker Duft: die Sonne stand den, ganzen Tag über dem Bruche und die Hitze lag fest darin.
Dis auf die heitzhungrigen Standricken trat kein Reh heraus, bevor die Wiesen nicht tauschlägig waren, und in aller Lerchen- frühe zog der Bock wieder in die Dickungen, und wenn ich einen zu Blick bekam, dann war es ein Spietzbock oder ein Gabler.
Heute mittag aber gröhlte mich der Donner von der Pritsche und der Blitz funkelte mich vollends wach: und zwischen dem Brüllen und Flammen rauschte der Regen über das dürstende Bruch, älnd jetzt blitzt jeder nasse Halm und jeder tropfende Zweig im Heller, Sonnenlichte.
„Komm, mein Hirnd, heute gibt es ein fröhlich Gejaid! Langweilig war uns beiden das Waidewerken die letzten Tage: jedes alte Blatt knisterte, jeder Dürrast knackte: überall war stechendes Geschmeis, nirgendwo ein roter Dock. Heute aber wird es anders sein."
„3a, Kleiner, nicht wahr, jetzt lohnt es sich, die Rase hoch zu nehmen! Ha, ja, ich weih, da steht ein Reh, aber es ist die Ricke mit den beiden Kitzen und das da ist das Schmalreh, und was dort in den Himbeeren herumtritt, das ist ein Spietzbock: aus dem wird noch einmal etwas. Elnd drüben, am Rande der Blötze, was so silbern beendet, der gute Sechserbock ist es, aber der bleibt noch zwei Hahre stehen."
„Daher, mein Hund! Latz die Rase nur da fort: hier wird nicht geschossen. Was hier steht/bleibt für die Leute, die angebundene Böcke erlegen wollen. Dieses Vergnügen schenken wir uns. Ein Dock, der auf anderthalb Hundert Gänge uns nachäugt, Kunststück, den aus die Decke zu bringen: wir wollen sehen, ob wir den alten Burschen, der hinter dem grotzen Windbruche steht, nicht antresfen: seine Stangen sind.nicht so gut wie im vorigen Jahre, aber im nächsten Hahre hat er noch schlechtere auf. Autzerdem, er hat uns lange genug zum Rarren gehalten und vorbeigeschos- sen habe ich ihn auch schon. Also zum Windbruch!"
•) Eine frühe Skizze aus dem unverö f fen tlichtetr Aach- fafi« des Dichters.
... Teckel tappte am Schweitzriemen hinter mir her, bald ein« frische Fährte weisend, bald zur Dickung hinschnuppernd. Heut ist E eine Freude, zu Waidewerken: der ganze Wald lebt. All« Bogel singen, alle Bäche springsn, das Gestell ist die reine Fährten« künde und jede Blöde weist Rehe auf. .Und dieses Tropfen überall und das Blitzen rundumher, von allen Zweigen, auf allen Rispen, und die reine, frische Luft, und die straff gereckten Dlumem anders oirscht es sich heute, als in den letzten Tagen, wo alles hier schlief autzer den Heuschrecken, den weihen Faltern und den blinden Fliegen.
»So, mein Freund, hier wartest du so lange, bis ich dich brauche. Und halte den Daumen!" Gr macht ein unglückliches Gesicht, trotz des schlechten Witzes. „Lege dich hübsch artig auf den Rucrsack und denke daran, &a6 es eine Zwille gibt: auf dem Windbruche kann ich dich nicht gebrauchen, einmal der Kreuzotter« wegen und dann, weil ich auf den Hochsitz mutz. Schade, datz du nicht rauchen magst, dabei geht die Zeit so schön hin, aber mit Hundekuchen knabbern auch. Also, auf Wiedersehn!"'
Bis ich um die Ecke bin, äugt er mir zitternd nach, dann! knickt er zusammen, dreh! sich einmal um sich selbst, steckt die Olafe unter die Rute und schläft, den Hundekuchen rührt er nicht an; Bun gerade nicht! Weshalb wäre er sonst ein Teckel? O, er ist sehr ruhig: ich kann, wenn er auf meinem Kt.tie liegt, hart übrtz seinen Kops fortschiehen, unk» er blinzelt kaum, nur den Behang &ef»t er etwas, runzelt die Stirn und äugt nach der Schutzrichtung. Aber die Leiter, das geh! noch, nicht: er wird krumm und schief, hänge ich ihn im Rucksack neben mich, und schliehlich fängt er noch an zu Pfeifen, wie im vorigen Jahre, als ich auf den Bock m Winbruche deshalb so hastig schob und die Kugel wer weitz wohin flog.
Hinter den Weidenbüfchen. vor der Rieselwiese, ast sich ein Aeh Ein Dock ist es, ein ganz guter sogar. Ich käme wohl au.f Schaitznähe heran, aber der ist mir sicher: und er wird im nächsten Jahre noch» braver ausgesetzt haben. Freilich, freilich, die Stangen sind hoch und gut geperlt, wie es scheint, und recht Weitz« Enden haben sie, und die Auslage ist gut! Aber- er soll doch noch leben bleiben: er ist ein Zuchtbock, wie er im Buche steht, und wer solche vor der Brunft umlegt, der mäht seinen Roggen grün und schlachtet seine Legehennen in der besten Zeit. Vielleicht nach der Dlattezeit, vielleicht auch nicht.
Der Tausend! ist das hier im Walde schön! Rechts und links vom grünen Mvoswege stehen die Schwertlilien in Heller Blüte und davor die dichten Streifen des Vergitzmeinnichts, die Wedel des Königfarns leuchten nur so, überall rucksen die Ringeltauben, schnurren die Turteln, auf dem feuchten Boden und an den roten. Stämmen laufen goldene Lichter hin, und zwischen den dunklen! Kronen lacht es hell und blau. Aber jetzt heitzt es. noch leise« treten, noch schärfer zu horchen, noch aufmerksamer zu blicken. Holt, da bricht es! Eine Ricke zieht über den Weg: das Kitz hinterher.
Hetzt bin ich da: weit öffnet sich der grohe Windbruch vor mir. Das war ein schöner Lärm an jenem Februarabend, als ich in den Sandbergen auf die rennende Betze patzte und mir Schnee- sturm und Wintergewitter den Anstand verdarben. Ich machte, datz ich in die Hütte kam und als ich am anderen Morgen hierher ging, kannte ich die Gegend nicht wieder; wie Kraut und Rüben lag alles durcheinander und da, wo eine dunlle Krone neben der anderen gestanden hatte, ragten nur noch einige weitze Dirken, blaffe Erinnerungen verschwundener Wildwaldpracht. Aber als die Axt ausgeklungen und die Säge zu Ende gekreischt hatte, dq wurde es schön hier; die Himbeeren und die Brombeeren schossen auf, die Weidenröschen kamen hoch, gutes Gras wuchs>z wischen den wilden Wursböden und saftiges Gekraut, und seitdem ist der Windbruch ein Hauptrehstand und meine Lieblingsecke.
Sin leichtes Hagen ist hier nicht. Druflhoch steht das alt« Pfeifengras und das Kreuzkraut, brusthoch ragen die Disteln und allerlei Gebüsch wuchert zwischen den moosigen Blühen, die übersät sind mit dürrem Astholz, Wurzelend-en, Rindenstücken und Föhrenzapsen. Zwei hohe Hochsitze stehen zwar hier, aber hat man von da Blick, llettert heran und pirscht sich heran, ja, wo ist denn der Bock? Denn da sind Wursböden und Dornbüsche und Rohr und Baumstümpse, und entweder findet man den Bock nicht wieder oder man verpirscht ihn. Es ist doch , schon eine Viertelstunde, datz ich hier sitze und das Glas vor dem Kopfe habe, ab« bestimmt kann ich es nicht sagen, ob das da ein Bock ist. Ohnt Glas sprach ich es dafür an, aber nun Weitz ich nicht, was es Isis denn viel zu lange Halm« decken ihn.


