plötzlich still bet einem Keinen Saufe, daran ein Schild unter der Schelle hing mit der Aufschrift: „Mathias Fink, Vogelhändler.“ 3m fast dunklen Hausflur traf er den Händler an.
„Ich möchte — ich wollte — nur noch einmal — nach einem Kanarienvogel fragen . .
Der Händler hob mißmutig die Schultern.
„Sie waren schon so oft da . . .“
„Aber nun will ich kaufen! Morgen! Rur heute noch einmal sehe'.t — das Hähnchen, wissen Sie, daS Hähnchen . . .“
Der Händler hielt den Bittenden für betrunken.
„Hat nun keinen Zweck mehr. Ich hatte bloß noch daS eine — gibt auch in der ganzen Stadt kein- mehr. Heute habe ich es verkauft ..."---
Unö wieder schlug Hietonymus Derberling der harte Regen ins Desicht — legte sich der Aebel um ihn wie feuchtes Linnan. Wie war er nur aus dem Hause gekommen? Wohin wanderte er — nun ziellos und ohne auf den Weg zu achten? Wo war überhaupt noch sein Ziel? War eS ihm nicht vor den zugreifenden Händen batongeglitten? Kaum vierundzwanzig Stunden — dis Zeit hätte es noch verharren sollen! Aun — ja nun . . . Der Wandernde schluchzte laut in Regen und Rebel und ins Dunkel hinein. Schluchzte und weinte um sein zerstörtes Idyll.
Run sagt ihr gar: HieronymuS Berberling war ein Rarr! Seid nicht hart —: er war ein Kind . . .
Ach — habt ihr noch nie gehört, daß Kinder vom Wege gekommen sind in einer tiefen Seelennot — sich verirrt haben in Dunkel, Regen, Rebel und Leid? DaS Kind HieronymuS Derberling irrte — irrte durch die Rächt — irrte in Leid und Rot . . .
Der breite Strom mit den seichten Ufern floh hart vor der Stadt. Und wenn Kinder sich im Dunkeln verirren und an breite Strömte mit seichten Ufern kommen, so kann schon leicht ein Unheil geschehen. Ztzrmal, wenn die innere Rot sie blind macht gegen Weg und Steg und Strom. Wieviel Leid und Rot aus wehen Kinderherzen mögen wohl di« großen Ströme zwischen ihren seichten Ufern schon mitgeführt und in- weite Meer getragen haben? Ich weist es nicht — daS Meer ist zu groß . . .
Und ich glaube: HieronymuS DerbrrlingS Freund« und Kollegen aus der Tabak- urrd Sühholzhandlung wußten es auch nicht. Sir hätten wohl auch keinen Gedanken dafür gehabt — als sie um dies« Zeit beim alten Tappler um den Tisch sahen und sich'über den schönen schwefelgelben Vogel in dem zirrlichen Dauer mit den vergoldeten Stäben, dem schöne« Kuppeldach, dem blanken Dade- häuschen und dem Schaukelring freuten.
Der alte Tappler drückte den Daumen in dir Tabakpfeife und lachte ftisifrvh über sein ganzes gutes Gesicht.
„Was der Derberling für eine Freude haben soll, wenn er vom Chef die zehn Mark kriegt — und sie auf die Sparkasse tragen kann! Weil wir ihm doch schon den Vogel und daS Bauer zum Geschertk gekauft haben! — Ein lieber Kerl, unser Verberling! Rur — datz er «in so großes Kind ist ..."
Und sie lachten und nickten alle — und freuten sich, daß sie so große, überlegte, lebenserfahren« und kluge Leute waren . . .
Lord Byron.
Von Dr. Paul Landau.
Zu seinem 100. Todestage am 19. April.
Dhrons 100. Todestag begehen die Engländer als eine nationale Gedächtnisfeier. Die vereinen sich vor Missvlunghi, wo der Dichter-Held sein Leben für HellaS' Freiheit aushaucht«, mit den Griechen zu einer großartigen Kundgebung. Spät versucht Albion hier gut zu machen, was es an einem seiner größten Söhne gesündigt, der der Heimat, die er mit der ganzen Glut seiner Feuer« seele gehaßt, auf der Höhe seines Lebens für immer den Rücken kehrte. Von Deutschland, von Goethe, der in ihm den einzigen Ebenbürtigen unter den Zeitgenossen seines Alters erkannte und anerkannt« ist nach VhronS flüchtigem Mode-Ruhm, der ewige Rachruhm ausgegangen, die hohe Unsterblichkeit des GeniuS, der sich heute auch widerwillig seine Landsleute huldigend Beugen.
Dhron stammte von einem Geschlecht kühner Wikinger und trotziger Ritter, die dem Ramen der „Bären" Ehre machten, von Königen und Abenteurern, in den letzten Generationen freilich von arg entarteten Wüstlingen und Sonderlingen, die daS feurige, unruhige Blut vergiftet hatten. Von dem Nachkommen eines Mörders, eines „tollen" Admirals, von dem Sohne eineS Verschwenders und Frauen-Entführers kann man nicht „viel Vernunft" erwarten — so hat ihn schon Goethe entschuldigt. Immer wieder ist seit Macaulays Essay auf die schroffen Gegensätze in seinem Leben und Schicksal hingewiesen worden: blendende Schönheit und — ein Klumpfuß von Geburt, den er wie ein KainSmal trug und als Satans Klau« gebrauchte: voll zäher Energie, un- beugbarem Stolz und zugleich nervös bis zur Epilepsie, weich, nach Zärtlichkeit verlangend; in Rot und Niedrigkeit geboren, als Knabe^zum Lord und Pair von England geworden: berühmt, ge» " feiert, mächtig und doch gehaßt, verleumdet, bespieen: in Glanz und Prunk schwelgend, und zugleich asketisch, sich kasteiend: Dandy, Salonlöwe, Grandseigneur und dabei meist in Geldverlegenheit; «
ein Verächter aller Arbeit und berstend von unermübl'cher Schaffenslust. So ist es überaus schwierig, hinter den tausend Verkleidungen und Masken, die er vornahm, zum echten Kern seines Wesens vorzudringen. Kraft und Stolz hat er selbst als Pole feiner Natur bezeichnet. Aus diesen Quellen strömt die unvergleichliche Eigenart, durch die er alle Zeitempfindungen neu schasst: Sein Weltschmerz ist keine müde Entsagung wie bei Werthers Nachfahren, sondern Verzweiflung über die Tatenlosigkeit, zu der ihn eine enge und schmale Welt verdammt; seine Ausschweifungen und Abenteurerfahrten sind Entladungen überquellender Stärke; seine Menschenverachtung kommt aus dem Gefühl seiner Größe, und sein Heldentum ist himmelstürmender Titanentroh. Er ist der echte Uebermensch Nietzsches, der sich mit seinem Manfred eng verwandt fühlte, er bereinigt in sich die geistige und die sinnliche Dämonie, wie sie im Faust und im Don Juan verkörpert sind. Man hat Byron von all den Lastern und Sünden rein waschen wollen, mit denen ihn die öffentliche Meinung so verschwenderisch auSstatiet« und er selbst sich nicht ungern drapierte. Aber trotz dieser Mohrenwäsche englischer und auch deutscher Philister scheint bas meiste wahr zu sein, und die neuesten Veröffentlichungen bestätigen nicht nur die Verwüstungen, di« er in Sen Herze« der englischen Aristokratinnen anrichtete, sondern auch daS Verhältnis zu seiner Halbschwester, daS den Schlüssel zu den dunst«« Rätseln seines Geschicks enthält. Diese Verruchtheit des .schöne« Teufels", die vor hundert Jahren den ungeheuren Zauber verstärkte, der ton seiner Persönlichkeit anSaing, ist heute verblaßt. Was noch so verführerisch und bezwingend zu unS spricht wie am ersten Tag, ist seine Dichtung, in der sich alleS Echte und Ewige dieser einzigartigen Gestalt aufgespeichert hat.
„Alle Zuckungen endigen bei mir in den Versen," hat er selbst bekannt. Wenn ein Dichterwerk im Doetheschen Sinne Bekenntnis ist, das ist es dnS Lord DyronS. Er schuf gleichsam wider Willen, verachtet« eigentlich als vornehmer Gentleman daS Dichterhantz- werk wie jedes Handwerk. In der Vorrede zu feinen ersten Poesien, die er als .Stunden der Muße" bezeichnet, sagt er sofort, feine Stellung mache es höchst unwahrscheinlich, daß er je Wied« etwas schreibe. Er wehrt sich dagegen, daß man di« Sorgfalt feiner Vers« rühme und erklärt, daß er sie so nebenbei hinwerfe. Zweifellos hat DhrvnS Kunst unter diesem gewollten Dilettantismus gelitten; sie erhält dadurch daS Planlose im Aufbau, das flüchtig Anbeutende, daS Ab'rr-nde und absichtlich Sprunghaft«, zugleich aber freilich die Unmittelbarkeit und Stoßkraft jene Frische und Lebendigkeit der genialen Skizze, wie sie ähnlich in der verwandten Kunst von Delacroix lebt. Hinter dieser MaSke neben» sächlicher Liebhaberei, die den Ernst der Kunst leugnet, verbirgt sich eine viel entscheidendere Grenze seiner Begabung, sein Mang« an Geschmack und Kritik. Wie er Zeit seines Lebens Pop« für viel größer hielt als Shakespeare, so erschienen ihm selbst seine Nachahmungen deS Horaz für wertvoller «lS „Harolds Pilgerfahrt", die feinen Ruhm begründete. In fast allen seinen Werke« gibt es teere und überflüssige Stellen, bi« eine scharfe Selbstkritik Öt haben würbe, und wenn wir dies« Geschmacklosigkeiten und
Weisungen so oft nicht merken, so liegt daS an dem hinreißenden Schwung deS Ganzen, an dem Feuer, dem Witz, der Erhabenheit so vieler andrer Strophen. Dhron ist auch kein bedeutender Eharafteristiker. Seine Helden sind stets dieselben, sintz er selbst: stolz, eigenwillig, unglücklich, chnisch, den Fluch auf der Stirn und im Herzen, Verächter deS Weibes, und doch ewig verliebt, unversöhnllch in der Rach» und edel gegen Unglücklich«. Seine Frauen sind stets sein Ideal; voll Milde und Hingebung, Tauben in der Liebe und Tigerinnen im Haß. Der HeldenthpuS Bsrons, der durch daS 19. Jahrhundert spukt, stammt auS beet deutschen „Sturm und Drang", aber er hat ihn so ganz mit feinem Geiste erfüllt, daß er nunmehr in neuer Gestalt seine Pilgerfahrt antrat bis zu den von Spleen und Langweile umdüsterten Sa- tanilem DaudelaireS und den älebermenschen Riehschescher Prägung.
Aber nicht nut der Dichtung, auch der Geschiße gehört Dhron an. Nicht durch seinen Kampf für Griechenlands Freiheit, nicht in erster Linie durch die Mode deS „Dyronismus", die auf Jahre die Frisur, Schlips, Haltung und Lebensart des Dandys bestimmte. sondern durch seine Einwirkung auf die Weltanschauung der Generationen von 1830 bis 1848. War seine Macht über die Zeitgenossen unvergleichlich, so war die über die späteren Geschlechter noch gößet. Die Drachensaat, die er säte, lieh ein Heer von Dichtern entstehen, die alle Freiheitskämpfer und Geistes- befreiet waren. Am wenigsten fand er in England Nachfolge, am meisten in Deutschland, wo ihm fast jeder bedeutende Poet verpflichtet ist von Heine und Lenau und Freiligrath und Herwegh biS zu Liliencrons „Poggsred" und Gerhart Hauptmanns „Pro- methidenloS". In Frankreich ist Müsset sein größter Schüler, in in Italien Levpardi. In Skandinavien ist Paludan-Müllers geistvoller .Adam Homo" ebenso von seinem Fleisch und Blut wie Ibsens „Peer Ghnt". Die größten Werke der jungen slawischen Dichtung tragen seinen Stempel: Puschkins „Eugen Onegin“ und Wickiewiez' „Pan Tabeusz". So leuchtet Byrons Geist tausendfältig in eigenen und fremden Werken fort — ein strahlendes, ein unvergängliches Licht!
Schrsitleitung: Dr. FrieSr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Bruht'schen älniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


