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die Kinder in dieser Stunde die Geschenke des heiligen Christ: nur die zwei sahen oben am Rande deS Eises, und die vorzüglichsten Geschenke, die sie heute hatten bekommen sollen, lagen in versiegelten Päckchen in der Kalbfelltasche im Hintergründe der Höhle.
Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinab» gesunken, und ein ganz dunkelblaues, fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder voll von dichten, brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war ein schimmerndes, breites, milchiges Band gewoben, das sie wohl auch unten im Tale, aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Rächt rückte vor. Die Kinder wußten nicht, daß die Sterne gegen Westen rückten und weiter wandeln, sonst hätten sie an ihrem Dorschreiten den Stand der Rächt erkennen können; aber es kamen neue und gingen die alten, sie aber glaubten, es seien immer dieselben. Es wurde von dem Scheine der Sterne auch lichter um die Kinder: aber sie sahen kein Tal, keine Gegend, sondern überall nur Weih, lauter Weiß. Bloß ein dunkles Horn, ein dunkles Haupt, ein dunkler Arm wurde sichtbar und ragte dort und hier aus dem Schimmer empor. Der Mond war nirgends am Himmel zu erblicken, vielleicht war er schon frühe mit der Sonne untergegangen, oder er ist noch nicht erschienen.
Als eine lange Zeit vergangen war, sagte der Knabe: „Sanna, du muht nicht schlafen: denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muh man erfrieren, so wie der alte Cschenjüger auch geschlafen hat und vier Monate tot auf 'bem Steine gesessen ist, ohne dah jemand gewußt hatte, wo er sei."
„Rein, ich werde nicht schlafen," sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um «s zu jenen Worten zu erwecken.
Run war es wieder stille.
Rach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn herübergesunken.
„Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht," sagte er.
„Rein," lallte sie schlaftrunken, „ich schlafe nicht."
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabet !elber etwas stärker bewegte, merkte er, daß ihn friere und daß ein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: „Sanna, stehe ein wenig aus, wir wollen eine Zeit stehen, dah es besser wird."
„Mich friert nicht, Konrad," antwortete sie.
„Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf," rief er.
„Die Pelzjacke ist warm," sagte sie.
„Ich werde dir empvrhelfen," sagte er.
„Rein," erwiderte sie und war stille.
Da fiel dem Knaben etwas andres ein. Die Grohmutter hatte gesagt: Rur ein Schlückchen wärmt den Magen so, dah es dem Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff solange, bis er das Fläschchen fand, in welchem die Grohmutter der Mutter einen schwarzen Kaffeeabsud schicken wollte. Gr nahm das Fläschchen heraus, tat den Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu Sanna und sagte: „Da ist der Kaffee, den die Grohmutter der Mutter schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie nur weih, wozu wir ihn nötig gehabt haben."
Das Mädchen, dessen Ratur zur Ruhe zog, antwortete: „Mich friert nicht."
„Nimm nur etwas," sagte der Knabe, „dann darfst du schlafen."
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, dah sie fast das eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da die Kmder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, dah sie friere, daß es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Fühe gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander.
Sv tranken sie trotz der Bitterkeit immer wieder von dem Getränk, sobald die Wirkung nachzulassen begann, und steigerten ihre unschuldigen Rerven zu einem Fieber, das imstande war, den zum Schlummer ziehenden Gewichten entgegenzuwirken.
Es war nun Mitternacht gekommen. Weil sie noch so jung waren und an jedem heiligen Abende in höchstem Drainge der Freude stets erst sehr spät entschlummerten, wenn sie nämlich der körperliche Drang übermannt hatte, so hatten sie nie das mitternächtliche Läuten der Glocken, nie die Orgel der Kirche gehört, wenn das Fest gefeiert wurde, obwohl sie nahe an der Kirche wohnten. In diesem Augenblicke der heutigen Rächt wurde nun mit allen Glocken geläutet, es läuteten die Glocken in Millsdvrf, es läuteten die Glocken in Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein Kirchlein mit drei Hellen, klingenden Glocken, die läuteten. In den fernen Ländern draußen waren unzählige Kirchen und Glocken, und mit allen wurde zu dieser Zeit geläutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle, ja man konnte wohl zuweilen von einem Dorfe zum andern durch die blätterlosen Zweig« daS
Läuten hören: nur zu den Kindern herauf kam kein Laut, hier wurde nichts vernommen; denn hier war nichts zu verkündigen, In den Talkrümmen gingen jetzt an den Derghängen die Lichter der Laternen hin. und von manchem Hofe tönte das Hausglöckletih um die Leute zu erinnern, aber dieses konnte um so weniger fcerouf gesehen und gehört werden, es glänzten nur die Sterne, und st« leuchteten und funkelten ruhig fort.
Wenn auch Konrad sich das Schicksal deS erfrorenen Eschen« jägers vor Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschen mit dem schwarzen Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Aut zu größerer Tätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgend« Ermattung herbeizogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süßigkeit alle Gründ« wiegt, wenn nicht die Ratur in ihrer Größe ihnen beigestand«« wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welch« imstande war. dem Schlafe zu widerstehen.
In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein Schneespitzchen zu rühren schien, hörten di« Kinder dreimal das Krachen des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Tön« hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzwei gesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle Aederchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen fitzen und schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie di« Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Vogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sacht« nach unten zog. Aber der Dogen wurde immer heller und heller, bl8 sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblaßten. Auch in andre Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün fachte und lebendig unter die Sterne floh. Dann standen Garbe« verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floh hell durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstvff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloh, oder war es eine ander« älrsache der unergründlichen Ratur. Rach und nach wurde ep schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde und wieder nicht- am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten und nie ein Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen toae, geschah etwas anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Färb« sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die andern standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die stärkeren, und dec Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Ding» waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft.
„Sanna, der Tag bricht an," sagte der Knabe.
„Ja, Konrad," antwortete das Mädchen.
„Wenn es nur noch ein bihchen Heller wird, dann gehen wir auS der Höhle und laufen den Berg hinunter."
Es wurde Heller, an dem ganzen Himmel war kein Stern mehr sichtbar, und alle Gegenstände standen in der Morgendämmerung da.
„Run, jetzt gehen wir." sagte der Knabe.
„Ja, wir gehen," antwortete Sanna,
Die Kinder standen auf und versuchten ihre erst heute recht müden Glieder. Obwohl sie nicht geschlafen hatten, waren sie doch durch den Morgen gestärkt, tote das immer so ist. Der Knabe Hinz sich das Kalbfellränzchen um und machte das Pelzjäckchen an Sanna fester zu. Dann führte er sie aus der Höhle.
Weil sie nach ihrer Meinung nur über den Berg hinab zu laufen hatten, dachten sie an kein Essen und untersuchten das Ränzchen nicht, ob noch Weißbrote oder andre Eßwaren darinnen seien.
Von dem Berge wollte nun Konrad, weil der Himmel gan- heiter war. in die Täler hinabschauen, um das Gschaider Tal zu erkennen und in dasselbe hinunterzugehen. Aber er sah gar kein» Täler. Es war nicht, als ob sie sich auf einem Berge befänden, von dem man hinabsieht, sondern in einer fremden, seltsamen Gegend. in der lauter unbekannte Gegenstände sind. Sie sahen heul« auch in größerer Entfernung furchtbare Felsen aus dem Schn«, emporstehen, die sie gestern nicht gesehen hatten, sie sahen das Eis. sie sahen Hügel und Schneelehnen emporragen, und hinter diesen war entweder der Himmel, oder eS ragte die blaue Spitz« eine- sehr fernen Berges am Schneerande hervor.
(Schluß folgt.)
SchrMeituna: Dr. «riedr. Wilh. Lanae. — Druck und Berlaa tat Brübl'Ichen Äniv.-Buck- und Steindruck«r«t. R. Lanae. ®t«6w.


