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Christ rn«tte.

Nicht bloß der Lichterbaum und die Geschenke: man mutz zu Weihnachten auch mal in die Kirche gehen. And man tut's auch schon, denn heut tst's dort so schön wie nie tm Jahre.

Freilich heiht's beizeiten aufstehen, schon sehr, sehr früh; aber gleich wenn man dann wieder heinttommt, wird ja auch beschert.

Gut eingemummelt treten der Vater und die Kinder zur Haustür auf den tiefeingeschneiten Kirchplatz hinaus. Die Linden vor der Kirche stehen still und starr und dick ver­schneit. Aber dahinter, aus der dunklen Kirchwand, scheinen so schön rotgelb durchs kalte Morgendunkel und über all den weißen Schnee die hohen, Hellen Kirchfenster herüber. Oben am schwarzen Himmel, hoch, hoch oben sind still und herrlich noch alle Sterne zu sehen. Aus den Seitengassen, aus den Häusern, überall her kommen dunkle, eingemummelte Gestalten, manche tragen eine Laterne in der Hand, und alle haben Kerzen bei sich, und die Kinder schöne, bunte Wachs­stöcke, die wie kleine Pyramiden sind.

And wie sie in die strahlend helle Kirche eintreten, sitzen schon überall Menschen. And bald ist sie voll bis auf den letzten Platz, auch oben der Chor, wo die Orgel ist, und die Galerien; und jeder, jeder hat vor sich auf dem Kirch­stuhl seine brennende Kerze und seinen brennenden Wachs­stock, daß es ein einziges Lichtermeer ist, aus dem all die dielen Gesichter strahlend hervorleuchten.

3a, und dann setzt mit mächtigem Jubel aufbrausend die Orgel ein und die Posaunen und Trompeten und die Kesselpauke oben auf dem Chor schmettern und trommeln los, und alle singen:

Vom Himmel hoch, da komm' ich her

And bring' euch gute neue Mär;

Der guten Mär bring' ich so viel, Davon ich singen und sagen will."

And dann ist alles sttll, und der Herr Pastor kommt oben aus der Kanzel zum Vorschein und verliest mit heller, lauter, freudiger Sttmme das Weihnachtsevangelium, und über alle jauchzt es hin:

Freut euch mit mir, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stabt Davids!"

And da fühlt wohl ein 3eder, daß das gewißlich wahr ist.

Der Weihnachtsabend.

Von ADalbert Stifter.

(Fortsetzung.)

Jenseits wollten sie wieder hinabklettern.

Aber es gab kein Jenseits.

Soweit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis. ES standen Spitzen und Anebenheiten und Schollen empor wie lauter furchtbares überfchneites Eis. Statt ein Wall zu sein, über den man hinübergehen könnte, und der dann wieder von Schnee abgelöst wurde, wie sie sich unten dachten, stiegen aus der Wöl­bung neue Wände von Eis empor, geborsten und geklüftet, mit un­zähligen blauen, geschlängelten Linien versehen, und hinter ihnen waren wieder solche Wände, und hinter diesen wieder solche, bis der Schneefall das Weitere mit seinem Grau verdeckte.

Sanna, da können wir nicht gehen," sagte der Knabe.

Nein," antwortete die Schwester.

Da werden wir wieder umkehren und anderswo hinabzukom­men suchen."

Ja, Konrad."

Die Kinder suchten nun von dem Eiswalle wieder da hinab- zukvmmen, wo sie hinausgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in E's. Endlich, da der Knabe die Richtung immer wieder verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zer­streutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und d-e Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, tote sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und fein ge- schlisfen, als wären sie daraufgeschvben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachtete Knollen. Richt weit von dem Standorte der Kinder standen mehrere mit den Köpfen gegeneinanöergelehnt, und über sie lagen breite gelagerte Blöcke tote ein Dach. Es war ein Häuschen, das gebildet war, das gegen vorne offen, rückwärts und an den Seiten aber geschützt war. Im Innern war es trocken, da der steilrechte Schneefall keine einzige Flocke hineingetragen

batte. Die Kinder waren recht froh, daß sie nicht mehr in de« Eise waren und auf ihrer Erde standen.

Aber es war auch endlich finster geworden.

Sanna," sagte der Knabe,wir können nicht mehr hinabgehen, wetl es Nacht geworden ist, und weil wir fallen oder gar in eine Grube geraten könnten. Wir werden da unter die Steine Hinein­gehen, wo es so trocken und so warm ist, und da werden wir warten. Die Sonne geht bald wieder aus, dann laufen wir hin­unter. Weine nicht, ich bitte dich recht schön, weine nicht, ich gebe dtr alle Dinge zu essen, welche uns die Großmutter mitgegeben hat.

Sie weinte auch nicht, sondern, nachdem sie beide unter das steinerne Aeberdach hineingegangen waren, wo sie nicht nur be­quem sitzen, sondern auch stehen und herumgehen konnten, setzte sie sich recht dicht an ihn und war mäuschenstille.

Die Mutter," sagte Konrad,wird nicht böse sein, wir werden ihr von dem vielen Schnee erzählen, der uns aufgehalten hat, und sie wird nichts sagen; der Vater auch nicht. Wenn es uns kalt wird, weißt du, dann muht du mit den Händen an deinen Leib schlagen, wie die Holzhauer getan haben, und dann wird dir wär­mer werden."

Ja, Konrad," sagte das Mädchen.

Sanna war nicht gar so untröstlich, daß sie heute nicht mehr über den Berg hinabgingen und nach Hause liefen, wie er etwa glauben mochte; denn die unermeßliche Anstrengung, von der die Kinder nicht einmal gewußt hatten, wie groß sie gewesen sei, ließ ihnen das Sitzen süß, unsäglich süß erscheinen, und sie gaben sich hin.

Jetzt machte sich aber auch der Hunger geltend. Beide nahmen fast zu gleicher Zeit ihre Brote aus den Taschen und aßen sie. Sie aßen auch die Dinge, kleine Stückchen Kuchen, Mandeln und Nüsse und andere Kleinigkeiten, die die Großmutter ihnen in die Tasche gesteckt hatte.

Sanna, jetzt müssen wir aber auch den Schnee von unfern Kleidern tun, sagte der Knabe,daß wir nicht nah werden."

Ja, Konrad," erwiderte Sanna.

Die Kinder gingen aus ihrem Häuschen, und zuerst reinigte Konrad das Schwesterlein vom Schnee. Er nahm die Kleider­zipfel, schüttelte sie, nahm ihr den Hut ab, den er ihr aufgesetzt hatte, entleerte ihn von Schnee, und was noch zurückgeblieben war, das stäubte er mit einem Tuche ab. Dann entledigte er auch sich, so gut es ging, des auf ihm liegenden Schnees.

Der Schneefall hatte zu dieser Stunde ganz aufgehört. Die Kinder spürten keine Flocke.

Sie gingen wieder in die Steinhütte und setzten sich nieder. Das Aufstehen hatte ihnen ihre Müdigkeit erst recht gezeigt, und sie freuten sich auf das Sitzen. Konrad legte die Tasche aus Kalb­fell ab. Er nahm das Tuch heraus, in welches die Großmutter eine Schachtel und mehrere Papierpäckchen gewickelt hatte und tat es zu größerer Wärme um seine Schultern. Auch die zwei Weitz- Brote nahm er aus dem Ränzchen und reichte sie beide an Sanna: das Kind ah begierig. Gs eines der Brote und von dem zweiten auch noch einen Teil. Den Rest reichte es aber Konrad, da es sah, baß er nicht ah. Er nahm es und verzehrte es.

Von da an saßen die Kinder und schauten.

Soweit sie in die Dämmerung zu sehen vermochten, lag über­all der flimmernde Schnee hinab, dessen einzelne winzige Täfel­chen hier und da in der Finsternis seltsam zu funkeln begannen, als hätte er bei Tag das Licht eingesogen und gäbe es ^jeht von sich.

Die Nacht brach mit der in großen Höhen gewöhnlichen Schnel­ligkeit herein. Bald war es ringsumher finster, nur der Schnee führ fort, mit seinem bleichen Lichte zu leuchten. Der Schneefall hatte nicht nur aufgehört, sondern der Schleier an dem Himmel fing auch an, sich zu verdünnen und zu verteilen; denn die Kinder fahen ein Sternlein blitzen. Weil der Schnee wirklich gleichsam ein Licht von sich gab, und weil von den Wolken kein Schleier mehr herabhing, so konnten die Kinder von ihrer Höhle ans die Schnee­hügel sehen, wie sie sich in Linien von dem dunkeln Himmel abschnitten. Weil es in der Höhle viel wärmer war, als es an jedem andern Platze im ganzen Tage gewesen war, so ruhten die Kinder enge aneinander sitzend und vergaßen sogar die Finsternis zu fürchten. Bald vermehrten sich auch die Sterne, jetzt kam hier einer zum Vorscheine, jetzt dort, bis es schien, als wäre am ganzen Himmel keine Wolke mehr.

Das war der Zeitpunkt, in welchem man in den Tälern die Lichter anzuzünden pflegt. Zuerst wird eines angezündet und auf den Tisch gestellt, um die Stube zu!erleuchten, oder es brennt auch nur ein Span, oder es brennt das Feuer auf der Leuchte, und es erhellen sich alle Fenster von bewohnten Stuben und glänzen in die Schneenacht hinaus, aber heute erst am heiligen Abende da wurden viel mehr angezündet, um die Gaben zu be­leuchten, welche für die Kinder auf den Tischen lagen oder an den Miumen hingen, es wurden wohl unzählige angeEndet; denn bei­nahe in jedem Hause, In jeder Hütte, jedem Zimmer war eines oder mehrere Kinder, denen der heilige Christ etwas gebracht hatte, und wozu ma.it Lichter stellen nutzte. Der Knabe hatte ge­glaubt, daß man sehr bald von dem Berge hinabkommen könne, und doch, von den vielen Lichtern, die heute in dem Tale brann­ten. kam nicht ein einziges zu ihnen heraus; sie sahen nichts als den blaffen Schnee und den dunkeln Himmel, alles andre war ihnen in die unsichtbare Ferne hinabgerückt. In allen Tälern bekamen