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Wübel fügt hinzu:Dm Reisenden hatte Hoepfner freundschaft­lich ausgenommen und nebst Wanck zu einer Landpartie eingela» den. Än fröhlicher Laune wurde hier wechselweise manch Derschen gtttert. Der Reifende wurde aus Sucht, recht genau und aus­führlich zu sein, indiskret.

Diese Indiskretion teilte Strieder, wohl mehr aus Sucht, alles zusammenzutragen, als aus Feindschaft. Hoepfner meinte aber, es sei aus Feindschaft geschehen."

Heute begrüßen wir diese Indiskretion, zeigt sie uns doch Hoepfner wie er war, den fröhlichen, vertrauensvollen, belesenen Und witzigen, aber auch empfindsamen Mann.

In jener Mystifikation durch Goethe kommt Hoepfner weit besser weg als der andere Beteiligte, Prof. Christian Hch. Schmid. Schmid, geb. 1746 im Kursächsischen, war 1771 Pro­fessor der Beredsamkeit und Dichtkunst an der Universität Gießen geworden. Gr starb 1800.

Das) diesen Goethe, der 23jährige, keck als parasitische Krea­tur, als Molluske und als anschmiegenden Epheu verspottete, ist begreiflich. Zeigt doch Christian Heinrich Schmid wenige anspre­chende Züge, die des verknöcherten, anmaßenden Literaten, der den guten Geschmack in Erbpacht zu haben glaubt und doch überall Anleihen in geistiger Beziehung macht. Rebel schreibt:Christian Heinrich Schmid war s. Z. ein Hauptkritiker im ästhetischen und humanistischen Fach, welcher aber meist mit Silbenstecherei sich befaßte und mehr den Buchstaben als den Geist erkannte. . Seine Kritiken lieferten die Frankfurter gelehrten Anzeigen". (Daher kannte Goethe als Hauptmitar'b eiter an denselben Schmids Schwä­chen so genau.) Daneben gab er den Leipziger Almanach der knutschen Musen heraus. Der Derfasser desSiegfried von Lin­denberg", Josef Gottwart Müller, fand sich von ihm übel be­urteilt, er sprach sich deshalb aus:Zwar haben die neueren Jahr­gänge der Frankfurter gelehrten Anzeigen" (die der Derfasser der phhsiognvmischen Reisen zu gewissem Gebrauch, wie er sagt, immer bei sich zu tragen Pflegt, in welcher Sitte ich sehr Willens bin, ihm nachzuahmen) auch solcherlei Dingerchen gar häufig aufzu­weisen, die lesen sich aber nicht gut und sind voll allerlei übel­riechendem verleumderischen Unrat, wie man denn von ihrem Re­dakteur, dem Prof. Schmid in Gießen, nicht anders gewohnt ist. Dergl., so Gott will, kritische Merke beweisen weiter nichts, als daß unwissende Bübchen sich oftmals aufwerfen, den Schulmeister und Brillenschleifer des Publikums machen zu wollen.

Wir wollen aber ganz was anderes beweisen, nämlich, daß ein Unwissender und schamloser Bube, mit 1012 Rezensenten aus­staffiert, die nicht nur Rezensionen machen, sondern sich wohl gär einen Anstrich von Gründlichkeit unS1 Einsicht geben, auch ganz erträglich zu lesen fein könne, wenn nur nicht, wie dort beim! Prvf^svr alles mit unermeßlicher Unwissenheit verbunden sei.

Etliche andere Makulaturblätter, worunter wohl 20 aus des beliebten und belesenen Schmid, Theorie der Poesie, waren nebst der ganzen mehr merkwürdigen Inauguraldissertation dieses Ge­nies samt einem Almanach der deutschen Musen von eben diesem illustren Derfasser."

S. wurde von Lindenbergder Lumpensammler auf dem Par­naß" genannt.

S. war der sorgfältigste Sammler aller neu erscheinenden Ge­dichte, Schauspiele u. dgl. 1765 erhielt er Kenntnis von einem neugedruckten Dogen Lieder von Rikolai, welche zu einer ko­mischen Oper gehörten, betiteltDer verliebte Schulmeister". Riko­lai hatte dieses Stück zur Feier des Geburtstages seiner Schwiegermutter verfertigt. Schmid hatte stattSchwiegermutter" entweder gehört oder gelesenLandesmutter".

Er führte es also folgendermaßen an:

Rikolai, Derfasser einer komischen OperDer verliebte Schul­meister", aufgeführt am Geburtstag der Königin von Preußen. Sv kam ich, sagt Rikolai (Lessings Briefwechsel Rr. 69), unverdient in den Ruf, ein Theaterdichter und ein Hofpvet dazu zu sein.

Wie man manchmal über Verschulden glücklich werden kann." Christian Hch. Schmids Titelfucht, Reid und Streitsucht zeigt folgende Rotiz:

Gr war Primarius seiner Fakultät, hatte den Titel eines Degierungsrats und tat sich darauf viel zu gute. Als Professor Hezel, der auch an Titelsucht kränkte und in der Fakultät unten ihm sah, den Titel des Geheimen Regierungsrats erhalten hatte, war ihm dies empfindlich. Als Hezel bei ihm einen Besuch machte und meldete, daß er nun Fürstl. Geh. Regierungsrat sei, führte ihn Schmid in sein Besuchszimmer mit verschlossenen Läden und «npfing ihn mit den Worten:Ich habe gehört, Sie haben die, Impertinenz gehabt und haben um diesen Titel angehalten!" Hezel Web nichts anderes übrig, als sich auf der Stelle zu entfernen."

Daß solchem Manne der jugendliche Goethe flink seinen Zopf Schnitt, kann uns alle heute noch freuen.

Die Einsamen.

Don GlfriedeRotermund«Hastig Oland.

Gin weicher, schwüler Wind strich von der See her und trieb Weiß« Wvlkenfehen vor sich hin. Die Sonnenstrahlen fielen schon tfn wenig schräg und ließen die grünen Fennen der Hastig dunkler gekeuchten. Am tiefblauen Himmel schwebte wie ein Gleichnis aller Menschensehnsucht eine schneeige Wolke, nahm die Form von

seligen Inseln an, rastete und zog goldumrändert in die große, feiernde Unendlichkeit.

ihn die westlichste, hart an der Hastigkante gelegene QBarf1) wob sich ein feiner, goldener Schleier bis dicht Über das glitzernde, wogende Meer. Geheimnisvoll glucksten und lockten die Wellen in die lastende Einsamkeit der Abendstille.

In dem kleinen Südergarten auf Kundtswarf blühten und dufteten niedrige Rosen und Reseden hinter einer dichten Flieder­hecke, die sturmgebogenen, alten, knorrigen Hollunderbäume waren voller Risse und Wunden und scharf nach Osten geneigt; auch die wenigen niederen, filbriggrauen Pappeln waren von den West­winden zerzaust und gen Morgen gepeitscht.

Aus der grün- und rotgestrichenen Haustür mit dem alten Messingklopser, über der sich das wie Sammet leuchtende weiche Rethdach-) wölbte, trat eine hochgewachsene, blonde Friesin und schritt auf den hochlehnigen Armstuhl zu, in dem in Decken und Kissen gehüllt, aber noch ungebeugt, eine hagere Greisin saß.

Die Junge fragte mit weicher Stimme:

Ist es Off) auch nicht zu kühl hier im Garten?"

Ein kaum erkliches Kopfschütteln war die Antwort.

Darm möchte Olk noch nicht hineingebracht werden? Doll ich Mutter Bescheid sagen?"

Richt nötig, Elke, ich will noch draußen bleiben."

Die Siebenundneunzigjährige schlug das Brusttuch dichter zu­sammen, zog die Decke fester um die Knie und nickte der ilrenkelin mit müden Augen zu. Elke strich scheu und behutsam über die alten, zitternden Hände, die gefaltet im Schoß lagen und glitt wie mit schwebenden Schritten aus der Gartenpforte. Letztes Sonnen- gold wob eine Glorie um die mädchenhafte Gestalt und blieb auf der schimmernden Flechtenpracht, die das schwarzseidene Fransen- kopftuch freiließ, wie gesponnenes Gold liegen, bis sie die Tür des nahegelegenen Leuchtturms aufgeklinkt hatte.

Der feurige Sonnenball sank ins Meer, und in demselben Augenblick fiel aus den blanken Scheiben des Turmes Helles, gelb­liches Lampenlicht weit aus die See hinaus. Olk sah mit blick­losen Augen auf den breiten Lichtschein, der leuchtend auf den flim­mernden Wellen lag. Sie hatte ihn bald hundert Jahre allabend­lich gesehen und all ihr heißes Sehnen nach dem viel helleren Schein der ewigen Heimat war bis heute ungestillt geblieben. Ihre bald fünfundsiebzigjährige Witwenschaft trug sie klaglos und ohne Murren. Die See, die allzeit gierige See hatte den Wann ge­fordert, noch ehe sich der Hochzeitstag gejährt. Ihrer Tochter war dasselbe Herzeleid widerfahren, und Elkes Mutter hatte auch nur ein so kurzes Glück gekannt. Sie hatten alle ein Seemanns­grab tief unten auf dem Meeresgrund« gefunden, und die Frauen waren still und stumm geworden.

Verstummt war die Lust, verstummt war ihr Leben unter der grausam kalten Härte des Schicksals. Karg und kurz waren die wenigen Worte, die bei dem Tageswerk gesprochen wurden, und daß bei den Mahlzeiten eine gefragt oder erzählt hätte, kam ganz selten nur vor.

Aber sie lebten, die vier Frauen, lebten das einsamste Leben auf der kleinen, weltabgeschiedenen, meerumspülten Hallig, und Leben ist Heimatsehnsucht. Immer, immer wieder erwaHendeDehn- sucht, zu sich selbst zu sinden, zur Heimat in sich und zur. Seele. Und die viele und mannigfache Arbeit in Haus und Stall floß gleichförmig durch die Tage und Rächte; Stunde um Stunde so regelmäßig eingerichtet, wie das Uhrwerk einer großen Standuhr.

Olks Körper und Hände ruhten zwar aus von aller Erden» arbeit. Doch wer, wie sie, eine so lange Fahrt im Lebensschiff mühselig und beladen gemacht hatte, konnte sich das auch gönnen. Ihr reger Geist sprach schon seit Jahren nicht mehr vom Ab­schiedsschmerz um die Heimgegangenen, nicht mehr von den Kreuzen, die an ihrem langen, einsamen Wege aufgerichtet worden waren, nichts mehr von all den unruhigen Erüendingen; sie schaute alles an wie verklärt vom Morgenglanz der Ewigkeit.

Wie bald schon würde ihre siebzigjährige Tochter, die, obwohl erblindet, doch vom Morgen bis Abend saß und emsig spann, in Olks Stelle kommen und das Haus-Priesteramt antreten. Die alten, runzeligen Hände griffen die grobe Schafwolle und Faden so sein und gleich und regelmäßig, daß nur selten der _ Faden ritz. Die lichtlosen Augen würden ja nicht mehr in der Heiligen Schrift lesen können, und dennoch, Olk wußte ihr Erbe in gesegneten Hän­den und in einem stillen, gefaßten Herz, auch wenn ihr Erdenweg schon viele Jahre ganz abseits und in der Dämmerung hinlief und immer dunkler werden würde.

Blieb noch die so früh ergraute Enkelin. Sin leiser Seufzer kam über die dünnen, welken Lippen der fast Hundertjährigen,« als sie der schweren Kämpfe vergangener Jahre'gedachte, dachte erschauernd an den Tag, als die Kunde gekommen war, daß der. Segler von Westindien nicht wiederkehren würde. Aber nach bitter­hartem Ringen war Elkes Mutier als Siegerin hervorgegangen und hatte von Stund an an ihrem lauten, lärmenden Webstuhl und ihrem stillen, schweigenden Gottvertrauen Trost und Genüge gefunden. Sie freute sich, als ihre Elke in jenem Mai als glück- strahlende Braut kriegsgetraut wurde und verhärtete auch ihr Herz nicht, als in der letzten Mainacht sich der Gonher zeigte.

!) Künstlicher Erdhügel, auf dem das Haus und der Leuchttttrm stehen. 2) Schilfdach. 3) Urahne.