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Sie war die Tapferste, als am nächsten Morgen fernher grollöndep Donner der Geschähe die Halligkante erzittern lieh und die Herzen der einsamen Frauen zutiefst erschütterte.
Es waren noch nicht drei Wochen nach Elkes Ehrentage vergangen, da kam die Nachricht, dah der junge Steuermann bei der Seeschlacht vor dem Skagerrak geblieben sei. Da hatte die Mutter ihr verstörtes Kind fest in die Arme geschlossen und mit zuckenden Appen gesagt:
„Kreuz und Leid und Einsamsein Segnet uns in Gott hinein."
Wohl hatten Elkes blaue Augen, deren Feuer sonst immer etwas Verhaltenes und Beherrschtes hatte, noch eine lange Zett tot und leer aus dem schneeblassen Gesicht gefleht, aber das junge, bräutliche Weib versah auch an jenem dunklen Junitage, dem dunkelsten ihres Lebens, am Abend ihr Amt und tat pflichtgetreu die Leuchtturmwärterdienste. Lind hatte es Abend um Abend getan und würde es hm, bis ihre nun schon siebenjährige kleine Anke herangewachsen wäre und es ihr abnehmen könnte.
Die Greistn richtete sich auf und hob den Kopf. Sie schautq über die flimmernden Wellen. Ganz in der Ferne lag nur, noch eben sichtbar, die Festlandsküste, in bläulichen Dunst gehüllt. Wie ein dunkler Schatten ragte die größere Nachbarhallig, auf der von einigen Warfen schon stille Lichter herübergrühten. Sonst meilenweit kein Mensch in der Nähe, nichts wie die endlosen Wasser ringsum.
Einsam sah die Greisin mit ihren einsamen Gedanken. Am Abendhimmel, der von einem lichten Graublau und zartem Grün leise übertönt war, funkelte Sternenlicht, das sich mit Hellem Widerschein in den nahen Prielen spiegelte.
Es war, als wehte Gottes Odem durch die traumhafte, rätselvolle Stille.
Olk meinte, das dumpfe Knarren der Gartenpforte zu hören und wandte den Kopf. Stand da nicht Bruder Tod hochaufgerichtet, die Sense lässig über der Schulter, so wie er schon allzu häufig an ihr vorübergeschritten war? Nun hob er mit der rechten Hand das Stundenglas. Da ging ein kinderseliges Leuchten über das welke, hagere Gesicht. Die zitternden Lippen murmelten ein glückhaftes: „Ich komme--ich — — komme--1" und freudig bewegt
folgte Olk dem Nufe.
Kinderglauben.
Don Walther M i t t a s ch.
Zwei Kinder sitzen am Bahndämme. — Der Knabe ist zehn Jahre alt, das Mädchen ist sieben. —
Der Bahndamm schwingt in stolzer Kurve durch das Land. Die Gleise springen, blank und hastig links drüben aus einem schwarzgrünen Walde hervor, rafen in spiegelnder Glätte neben- einander her ... zwischen den Schranken eines Weges hin ... an einem Bahnwärterhaus vorüber ... und stürzen sich dann in ein Wäldchen von jungen Birken, die wie ein Reigen zierlicher Däm- chen sind. Langlockig ... und mit silbernen Röckchen ...
Würdevoll stelzen die Telegraphenstangen daneben hin ... Zwischen den porzellanenen Knöpfen hängen die summenden,schwingenden Drähte, die immer in geheimer Zwiesprache mit dem Holz stehen.
Sv ist der Bahndamm. —
lieber ihn hin rasen und fegen die Züge. — Schreiend und polternd kommen sie aus dem schwarzgrünen Walde hervor ... und sind voll schnaubender Sehnsucht. Die Maschine hetzt wie ein hochmütiges Tier mit blanken Mr gen voran ... sieht nicht rechts noch links ... Eine flatternde Mähne von zerfließendem Grau weht um den schwarzen Schädel des -Ungetüms ...
Es sieht aus, als hätten di« grünlockigen Dämchen Angst vor dem wilden Gesellen ... als wollten sie die silbernen Röckchen schürzen ... und davonlaufen. — Aber bald genug ist alles vorüber... \
Dis Schienen klingen und Kirren ... Die grauen Rauchfetzen häckeln sich sekundenlang in die schwingenden Zweige...
Fern rufen lockende Vögel ...
Und die dröhnende Wagenkette wird davvngerifsen. —
Wer kann sie aufhalten, diese wilde Jagd? Wer?
„Du kannst es, Hans ..." sagt die kleine Grete und macht große, sinnende Augen. „Denn du kannst doch alles."
Er lacht.
„Den Zug aufhalten? Ich?"
„Ja!"
Er sieht ihr in die blauen Augen, in denen etn unerschütter« liches Vertrauen brennt.
„Meinst du wirklich, dah ich das kann?"
„Hm. —"
Dieses kindliche Dräutchen hat eine unbegrenzt« Bewunderung für den „Liebsten". — Es steht für Kleingretel auch unerschütterlich fest, daß sie einmal den Bahnwärterhans heiraten wird. So in etwa drei, vier Jahren. Dann gründen sie einen Hausstand. Das ist doch sehr einfach. Sie hat ein graues Kaninchen, — und er hat eine schneeflockenweiße Ziege. Das ist di« Hauptsache.
„Ja, ja. - Natürlich«
Der Hans hat schon allerhand Wunderdinge geleistet. — Einmal hat er das fünfjährige Mädel vom Tode des Ertrinkens errettet.
Damals waren sie am schwarzen Teich gewesen. — Der lag, wie ein Geheimnis aus finsterem Glas, in staubiges Grün geschmiegt ... und auf ihm geisterten die weißblassen Wasserrosen, Um einer solchen Rose willen hätte der finstere Teich beinahe bas erschrockene Kind erwürgt. Aber der Hans hatte ihm die Beute entrifien. —
Seitdem sind die beiden ein „Brautpaar".
Im Dorf lachen sie dazu ... und der Bahnwärter fag£i „Dummheiten!" ...
Aber das macht ihnen nichts. —
*
Nun hatte sie sich diese Torheit ins Köpfchen gefetzt. —
Der Hans sah nachdenklich auf di« vorbeidonnernden Züge, die herrisch und höhnisch über den Damm fegten.
Aufhalten? Er? — Lachen mutzte er.
Aber die Gretel wußte es besser. Er solle es nur versuchen; er könne doch alles. Und ob er sie nicht lieb hab«?
„Doch, doch." — Und ft« solle nicht gleich weinen. Man köm» es ja einmal versuchen.
„Ei, das ist fein!"
Gr sann nun hin und Her, Wie er den kleinen Quälgeist zü» friedenstellen könne. Und geriet auf diesen Ausweg:
„Höre," sagt« er, „wir wollen eine Kette flechten, eine schon«! starke Kette — aus Ginster und aus Heidekraut. — Und dies« Kette wollen wir über das Gleis spannen. — Meinst du, dah sie stark genug sein wird, den Zug aufzuhalten?"
Er lächelte spitzbübisch.
Aber Gretel sagte: „Wenn du sie spannst — dann wird sie stark genug sein. Das Weitz ich sicher."
„Schön." —
Und sie flochten di« Kette. Das Mädchen raufte die Blumen zusammen und der Knabe bildete die bunte Kette. Sie sah lustig und keck aus — und die Kinder erprobten in einem wilden Ringeltanz ihre Festigkeit. — Sie hielt ... sie hielt fest wie Eisen. — Allerdings mutzten sie aufpassen, daß Ziege und Kaninchen nicht über das ziere Meisterwerk gerieten. Denn sonst ...
Als die Kette fertig war, spannte Hans sie über das Gleis. Rechts und links rammte er ein Stöckchen ein ... zwischen betdeq befestigt« er die Kette. — Er hatte sich das Birkenwäldchen dazu ausgesucht. Denn so im geheimen dünkte es ihm gut: wenn Vater Heidemann nichts von dem Experiment erführe. — Aber was wnmte auch groh geschehen?
Die Mc^chine würde Las Spielzeug zerfetzen ... und Kleingretel wurde- von ihren dummen Gedanken geheilt werden.
Gespannt und lauernd sahen die Kinder am Bahndamme. — Die Sonne wühlt« mit heißen Goldhänden in dem schwarzgrünen Walde herum. Die Häher kreischten ... Riesen und Kobolde warteten ...
Und dann wetterte der ferne Zug Heran ... und schickte ein! schrilles Pfeifen voraus ...
Die Schienen klangen unter der schaukelnden Dlumenkette ...
' „Nun wird es glÄch geschehen sein —“ dachte Hans. —
Aber es Mchah etwas Wunderbares. — Die Maschine spie Dampf ... brüäte und. knirschte ... die Bremsklötze packten gierig di« wilden Räder ... Gin Rucken und Krachen hastete durch 6ert Zug ...
Und dann blieb das Ungetüm stehen ! Ja! — Wenige Meter entfernt von der bunten Kette ...! 1 i
„Siehst du!" jauchzte Gretel. „Habe ich's nicht gesagt?! Du kannst alles! — Ach Gott, — du bist doch mein Liebster .. .1“
Und küßte ihn stürmisch. —
Hans, dem etwas unheimlich zu Mute war, schlängelte sich an das Gleis heran und löste die bunte Kett«.
Inzwischen spielte sich das Drama ab. von dem die Kinder nichts bemerkten. — In einem Abteil dritter Klasse war die Notbremse gezogen worden. — Nun zerrten die Zugbeamten einen! bleichen, schcmmgeifernden Menschen hervor, der einen TobsuchtS- anfall bewmmen hatte.
Sie führten den Taumelnden am Zug« entlang und versteckt«, ihn dann im Packwagen. — Aus diesem schallte schrill das höh» nische Gelächter des Irren. —
„Abfahren!"
Die Trillerpfeife des Zugführers gellte ... Die Maschine griff schnaufend aus und ritz den Zug mit sich fort ...
Huldvoll und lustig winkte der fchwarzschmierige Hetzer den Kindern zu ... .!
Hans spielte nachdenklich mit der bunten Kette.
„Hast Du gesehen — wie die Maschine erschrocken ist?" fragte er. „Hatte sie nicht ganz glühende Augen?"
„Ja. — Das hab ich auch gesehen." —
Und dann warfen sie di« Kette weg und rannten in eine Wtch» hinein, die ganz übersät war von weihen Sternblumen.
Schriftleitung: I. V.: Heinz Gorrenz. — Druck und Verlag der Brühlschen Unit»Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


