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Klavteruteraiur, fv-roern auch toette Strecken des Liedes und der Kammermusik und sogar viele Orchester- und Chorwerke. Als universal gebildeter Musiker hat er sich u. a. auch mit der Theorie des dualen Harmoniesystems, die von A. v. Oetiingen ausgestellt wurde, eingehend beschäftigt und längere Zeit mit dem Gelehrten zusammen gearbeitet. Die sächsische Gesellschaft der Wissenschaften hat ihm ein von diesem konstruiertes reingestimmtes Harmonium (Orthotonv- phonium) zum Zwecke der Vorführung zur Verfügung gestellt.
Die bis jetzt int Druck vorliegenden Werke Koglers sind bei Dreitkopf & Härtel, Leipzig: Karl Simon, Berlin: P. Pabst, Leipzig: Hug & Co., Leipzig; Steingräberverlag, Leipzig: C. F. Peters, Leipzig: W. Reißbrodt, Zürich, und Rhein. Musikverlag, Essen, erschienen.
In dem schier unergründlichen Boden Dachscher Tradition wurzelt auch ein gut Teil von Küglers Kunst. Kügler ist Kontra- punktiker von Gottes Gnaden, einer jener höchst seltenen „geborenen" Komponisten der Fuge, wie es auch R e g e r gewesen ist. Beiden wächst hoch über die Form hinaus die Fülle des Erlebnisses, die Wucht des Bekenntnisses, die sie beseelt und durchglüht. Geist und Gesinnung Gefühl und Seele sind es, die erst Form und Gebilde adeln. Wenn ich den Ramen Regers in Ver- bindung mit Kügler nannte, so geschah es mit Absicht. Wir müssen uns einmal recht genau auf die Zeitlage einstellen, wie sie sich uns nach Regers Tod bietet. Mit Reger ist ein großer deutscher Meister, doch wohl der bedeutendste absolute Musiker der Jetztzeit ins Grab gesunken; über Problemen von bisweilen gigantischen Ausmaßen schwand ihm das Leben, gerade als seine nach so vielen Richtungen ausgebreitete Begabung in eine neue, eine romantische Phase einzutreten schien. Der starke Gegenpol gegen die musikalische Dekadence ist einer seiner stärksten Stützen beraubt; nur wenig Blüten scheinen noch in dem stillen Garten der innigen keuschen Kunst deutscher Kammermusik auf-ublühen, als ob Johannes Brahms der letzte Gärtner gewesen sei. Mit Nichten ist dem so. Wir dürfen hoffen. Hermann Kügler wird leben und die Gegenwart überdauern. Beethoven hat nur einen Fidelio geschaffen: Brahms und Reger huldigten der Bübne nicht. Auch Kügler wird — wenn ich seine Psyche recht erfühle — keine Oper schreiben. Der Wille der deutschen Musik zum Absoluten, das kostbare Erbe der unsterblichen letzten Quartette Beethovens ist in ihm lebendig. Die mächtige Bewegung der Musik als Kunst für sich, als herrschender und nicht als beherrschter Ausdrucksform einer großen Konfession, hat sich wieder einmal in der genialen Persönlichkeit eines hochragenden deutschen Künstlers konzentriert. 3n Hermann Kogler verkörpert sich jener rastlose unergründliche Schöpfergetst, der aus innerster Roiwendigkeit schasst, der hemmungslose Drang »um Werk, von dem wir nicht wissen, von wannen er kommt.
Als ich vor Jahren in anderm Zusammenhang (in der Reuen Musik-Zeitung 1918. Heft 23) zum erstenmal eine Würdigung Köglers unternahm, war sein Rame mir in kleinerem Kreise be- bekannt, ich burfte aber meine hohe Meinung von dem Schaffen des Komponisten mit Männern wie Dr. Walter Riemann, Prof. Dertrand Roth u. a. teilen. Die Zehen haben sich rasch gewandelt: Leipzigs bedeutendste Musikkintiker (Dr. Mar Steinitzer u a) wiesen immer wieder mit nachdrücklichen Worten aus £>te Bedeutung Köglers hin. Durch musikalische Morgenfeiern unter großzügiger Initiative der Firma Grvtrian Steinweg (1920) gewann er auch eine bedeutsame Basis für die Interpretation ferner eigenen Werke. ,
Kügler war der weiteren Oesfentlichkeit wohl zunächst durch seine Chorkomposilionen bekannt geworden, welche der tapfere Verlag von Paul Pabst, Leipzig, herausbrachte. Er geht tn der Chorkomposition durchaus keine Wege der Spekulation; bas gewollt Konstruktive der beträchtlichen modernen, Literatur dieser Gattung ist vollkommen ausgeschaltet. Bekenntnisse, Sttm- Mimgen eines großen Rkystikers möch'e ich diese mit z. T. unerhörter Kunst der Kontrapunktik gestalteten Gebilde nennen. Ein Hineinlauschen der Seele in sich selbst. Ich denke bei dieser Cha- rakterisieriing vornehmlich an die. schon durch ihre Texte auffallenden Männerchöre a capella: Totensonntag. Chor der Toten, Der Gottesträumer, an die patriotischen Chöre, etwa an Deutschlands Rot mit dem markanten Rhythmus seiner Klavierbegleitung u a Aus dem Gebiete kirchlicher Gesangskomposition sind Kügler Werke gelungen, die nicht nur durch die außerordentlich hochstehende Kultur des Satzes gekennzeichnet sind, sondern auch als intime Offenbarungen einer tiefen Religiosität weit über alles Konfessionelle empvrragen.
Sein eigenstes Gebiet hat Kügler wohl mit der Klavier- I o m p v s i t i o n betreten. Schon im Werk 6. einer großen Fan- wsie für Klavier, welche bei Dreitkopf & Härtel erschien, hatte sich die Klaue des Löwen gezeigt, mit dem Präludium und Fuge Esdur (P Pabst) vp 26. steht der Meister in der ersten Reihe der großen deutschen Klavierkvmpvnisten. Die innere Gewalt dieser auch Vie äußere Wirkung ins Außerordentliche steigernden Fuge wirkt dämonisch! Bon wundersamer harmonischer Pracht überschüttet, verraten die vier Intermezzi, op. 49, einen seltenen Sauber des Klavierklanges. Mit den Variationen über ein eigenes Thema, vp. 30, tritt Kügler an die Seite des Brahms der Händelvarta« tionen. Ein männlich elegisches sismoll-Thema setzt, nach einer Über harmonische Rückungen gleitenden Introduktion wte etne stolze Klage ein. In zehn Variationen, die alle aus dem Geiste des Thentas geboren find, wird das Wesen der Klaviervariation so-
zusagen in konzentrierter Form erschöpft. Keine Variation, um zu variieren, sondern jede einzelne, um den thematischen Gehalt bis in die letzten Rervenverästelungen bloßzulegen. Innerhalb des Gebundenseins an die Fotin offenbart die Schöpferkraft des Meisters einen unermeßlich scheinenden Reichtum an Erfindung sowohl an sah- als auch an klaviertechnischer Kunst. Ich erinnere nur an die äußerst charakteristische Staccatcstudie (Dar. II), an die in Märchen- Harmonien gleitenden Triolen der Fisdur-Dariation IV, an den Kanon zwischen Sopran und Tenor der VI. Als ein wirkliches, naturgewachsenes Scherzando gibt sich die V. Variation. Zwei Seiten vorher steht jene III. mit ihrer versonnenen Verträumtheit, wie sie außer Kügler nur einem Johannes Brahms gelingen konnte. Schon die noch ziemlich frühen Klavier-Variationen über ein deutsches Volkslied (Die Blümelein, sie schlafen, op. 21, Walther Deißbrodt, Leipzig und Zürich) betraten eine ungewöhnliche Höhe des Stils und eine erstaunliche Sicherheit, mit welcher alle thematischen Möglichkeiten erschöpft werden. .Unmittelbar überzeugend wiicken die ukrainische Fantasie, op. 60, die Rubinstein-Variationen mit Schlußfuge, op. 48, die bei C. F. Peters erscheinen werden, uird die Variationen über ein Thema von E. Grieg, op. 59 (Peters), die ihre lebhaften Kontrastierungen in die Fülle eines voll- und weitgriffigen, oft ganz weltentrückten, mystisch verklärten Klavierstiles tauchen. Es erscheint mir kein Zufall, daß Köglers Erfindungskraft sich besonders in der Variativnenform ausgebreitet hat. Sie kann sehr wohl eine außerordentliche Musilali- tät und ein in Uebersnlle ausströmendes Gefühlsleben in Fesselung halten. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Der alte Stamm der großen Meister der Klaviervariation hat ein neues Reis.
Auch auf dem Gebiet der Kammermusik gilt das. Leider liegt bis jetzt zur Stütze meiner Behauptung nur wenig Material in Druck vor. Ein Klaviertrio soll demnächst bei Peters heraus- kommen. Außer zwei Werken, die seltener gepflegten Literaturgattungen angehören (romantische Serenade für Klavier, Harmonium und Cello oder Violine, op. 14 [Sari Simon, Berlins, und Rokturne für Klavier und Harmonium, vp. 17 [®ebr. Hug, Leipzigs) ist bis jetzt nur die Julius Klengel gewidmete Fdur-Sonate für Cello und Klavier, vp. 34, eines jener wenigen Ewig'ei swerke auf diesem nicht sonderlich reich bedachten Gebiet, bei Peters erschienen. Ueberall findet sich in der Fülle der die Zahl 100 längst überschreitenden, zum größten Teil noch ungedruckten Werke auf engem Raum ein Reich um ursprünglicher Musikalität. Und noch ein anderes Charakteristikum: Reben der weitgespannten Melodik in den langsamen Sätzen die Abgrund iefe des Schmerzes, die kein Senkblei mißt. Hier schlägt das heiße Herz des ernsthaften Künstlers, der die Wonne des Schassens mit dem schwersten Seelenleid erkauft.
Am erschütterndsten hat sich die Psyche Köglers in seiner Lyrik ausgesprochen. Wie magisch anziehende G erne leuchten die Farben dieser Lieder über seinem gesamten Schaffen. Zur Lyrik steht er in einem ganz ähnlichen innigen Verhältnis wie sein geliebter Robert 6d>imann. Die Bahnen Hugo Wolfs uad der neudeutschen Liederkomponisten, die manchmal vvm eigentlichen Wesen des Liedes weit ab führen und in konstruktiver Manier erstarrt sind, haben ihn nicht zu locken vermocht. Er hat den Weg zum 2hb an sich zurückgefunden. Das Erlebnis der 1 Dichtung schon wird ihm Musik. Aus der Stimmung d:s p e ischen Vorwurfs erwächst als organisches Ganze seine Schürfung; S imme und Klavierilang, der nirgends als Textuntermalung, als illustrierendes Rankenwerk erfebeint, sind untrennbar miteinander verknüpft. Das wahrhaft Klingende des Liedes wird lebendig: seine Seele. Gerade die letzten Lieder für hohe Stimme, vp. 44 und op. 54, die in eigenartig moderner äußerer Ausstattung im Rheinischen Musikverlag Otto Schlinzlo f. E fen, erschienen sind, ergreifen mit ihrem tragischen Zug. mit ihrer Leidenschaft, die oft wie ein verhaltener Schrei nach Erlösung bis ins Innerste erschüttert, derart unmittelbar. Es sind zum Teil von so dräng:n ter Rachempfin- dung getragene Kompositionen, wie etwa die sechs stark erfühlten und tief erlebten Lieder nach Dichtungen aus dem Zyklus Von Liebe und Tod von Marte Sorge, op. 70 (Rheinischer Musi'reckag), ober solche wie „Klage", „O schwere Pein", „Al er Dorffried Hof" oder gar der elementare „Sturm" (musikgewordenes Raturgeschehen) daß sie so nicht einmal erstehen könnten, Ausstrahlungen eines unendlich feinen seelischen Prozesses, der im Rachfühlen der dichterischen Idee schon seinen Ülrsprr ng hat. Es scheint kein Zufall daß gerade die schmerzzerrissene Resigna ion Theodor Swrms dem lichtberaubten Leben Köglers die lyrische Auslösung g bracht hat. Die unmittelbar zum Herzen dringende Gewalt der Melodik dieser Lieder wird man nie vergessen. Erschütternder konnte die Tragik der unglücklichen Liebe, die müde Todtraurigkeit, das Dämmergrau dieser melancholischen Welt nicht gestaltet werden („Weiße Rosen", op. 64, Rheinischer Musikverlag). Oder soll ich an das ganz von zartester Stimmung erfüllte Erinnerungsbild der Dämmerstunde (op. 55, Rr. I, © eingräbercerlag) erinnern. Eine web geschwungene melodische Linie schwebt über wundersam verträumten Harmonien. Ein Hinaufgleiten in ein leis verklingendes Fisdur („Vom roten Licht war deine Stirn beschienen") Die Stimmen brechen ab. Wie leise hingehaucht, gleichsam schildernd: „Wir schwiegen beid'". Wie kostbar „schwatzen die Alten fort". And bann der liebe lange Blick aus den Märchenaugen. Ein gleichsam suchendes, wie «us Träumen erwachendes Auf-


