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man dem Dr. Bvahms vom Bruckner anfmg, Sing er auf ein anderes Thema über, und wenn Im Bannkreise des alten Schullehrers der Name des noblen Doktors siel, bekam das große Kind einen roten Kopf, hieb ein paar Notenblätter auf den Tisch und schrie „Latzt's mi aus mit dem da!" Das hatte dem Dr. Schoberlechner sehr wehe getan, denn das Bausen und Neidhammeln gehörte ins Ministerium, wo er, der Sektionsrat, mit seinem Chef manchmal einen Strauß ausfvcht. Aber sein Sonntagsland. das anhub, wenn er zu Hause das Klavier ausmachte, und das erst wieder erlosch, wenn der medaillenreiche Portier: „Hab' die Ehre, Herr Sektions- rat!" dröhnte, das sollte rein sein von allem Zwist, Weil es bed Himmel war. In diesem Himmel waren doch gewiß Wvlkenthrvne geschichtet, und sowohl für den Meister Anton wie für den Dr. Johannes war noch je einer übrig, von wo aus sie auf die Herde, so man Derehrerschar nannte, hinunterspucken konnten. Ja, das konnten sie, auch auf den Dr. Schoberlechner. ja, nur einander sollten sie in Ruhe lassen und hin und wieder die Hand reichen! Die beiden Großen trugen freilich nicht die größte Schuld. Hüben und drüben wurde geschürt und Zwischenträger« geübt. Die Brahmsianer erzählten ihrem Herrgott, daß der andere seine Lieder erklügelt genannt, und die falschen Jünger des kleinen Himmelsstürmers brachten diesen in Harnisch, wenn sie ihm berichteten, daß der Eine über die Wagnerinaner geschimpft hätte. Aber mutzten sich die zwei äleberlebensgrotzen dadurch beeinflussen las- len? War das ihrer würdig? Wenn der alte Bruckner so widerborstig war, dann hatte der Dr. Schoberlechner ihn am liebsten an den Ohren genommen. Beim Brahms hätte er das nicht zu denken gewagt. Denn den verehrte er nur wie etwas älnerreichkmres, wie einen fernen Vater. Den andern aber liebte er wie ein Kindt Welch-r von beiden indes seinem anbetenden Herzen näher stand, das hätte er nicht sagen können. 3n dem Augenblick schon gar nicht, da er auf beide wütend war.
Er vergaß sogar, den Dösendorser Flügel zu schließen, als er sich zum Gehen anschickte. Dann wanderte er über den Ring, durch den Dolksgarten, in dem der groß.- Frühling eine extrafeine Filiale ausgrschlagen hatte. Der Dr. Schoberlechner aber sah das alles nicht 3a, er trug den Gedanken an seine zweite verbotene! W--lt sogar in die kühlen Räume des Ministeriums, und der me- daillenbehäng^e Portier war sehr erstaunt darüber, daß der Herr Sektionsrat den schönen Morgengruh nicht beantwortete, etwas von zwei Dickschädeln vor sich hinbrummte und dann ein paar Takte pfiff, während er die Treppe emporstieg. Wäre der Herr Portier sehr musikalisch gewesen, so hätte er konstatieren können, daß es das Scherzo der Siebenten Brucknerschen war, das sonderbar und in ganz kühner Aeberleitung in die kapriziösen Akkorde des Brahntsschen Ständchens verflotz, bis eine knarrende Bureautüre alles verschlang. Die Akten des Herrn Sektionsrates kamen heute zu kurz. Er sah zur Decke auf und seilte an einem feinen Plan. Als er heimging und über den Wildpretmarkt kam. auf dem das Gasthaus „Zum roten Igel" paradierte, erhielt Plötzlich der feine Plan seine Krönung, And den ganzen Tag über hatte der Dr. Schoberlechner die Vision von zwei Wolkenthronen. Darauf saßen zwei alte Herren, der eine mit einem glatten Gesicht und einer riesigen Nase, der andere mit einem mächtigen Gott-Daterbart: die reichten über tausend auf kleinen Wolken reitende, muslzierende Engel weg einander die Hand.----
Der Haushofmeister des Velvederepalastes hatte schon am ersten Tage daran gezweifelt, daß die Habsburgische Hausmacht diesen Schlag überstehen werde. Was nur Seiner Majestät eingefallen war, dem verrückten Musikanten zwei der schönsten Zimmer als Wohnung einzuräumen! Als ob's für den ein Häusel in Grinzing nickt auch noch getan hätte! Auch dem Aniversitätslektor Anton Bruckner war die kaiserliche Gnade am Anfang gar nicht recht gewesen. Er hatte vor dem Hausmeister mit weitem Schwünge den Zylinder gezogen, weil er ihn für einen Hofrat gehalten, und war in den ersten Tagen immer in den Socken gegangen, weil er sich nicht getraut hatte, mit den Stiefeln den blanken Parkettboden zu betreten. Aber langsam gewöhnte er sich an die neue Umgebung, und als zum drittenmal das sonnenüberschienene Stück Alt-Wien, das der Stephansturm beherrschte und kein Schlot verunzierte, ihm im Morgenschimmer durchs Fenster glänzte, da hotte es mit einmal in seiner Seele zu klingen begonnen, und dieses Klingen hatte nach a.lhen gedrängt in die Fingerspitzen, bis der kleine Meister am Harmonium saß und in den immer helleren Tag hinausjubilierte? Als der Lakai auf dreimaliges Pochen keine Antwort erhalten, endlich die Tür geöffnet und dem neuen Bewohner submissest ins Ohr geschrien hatte, ob er nicht aufräumen dürste, wäre er vor Entsetzen fast umgesunken.
„Schaun's daß abfahren. Sie blöder Hallawachel!" hatte der verrückte Musikant gesagt. Es war unerhört! Was nur Seiner Majestät eingefallen war? And auch der Lakai prophezeite im Innersten eine Götterdämmerung seines Herrscherhauses.---
An dem schönen Frühlingsabend saß Anton Bruckner in Anterhosen auf dem Fensterbrett. Das eine Bein ließ er hinaus- baumeln, und derselbe letzte Sonnenstrahl, der das Kreuz auf dem Domturme goldig erstrahlen lieh, lieh auch der Glatze des Kleinen seinen Abendschimmer. Allerdings war diese nicht so ruhig wie das Kreuz, denn der kleine Meister nickte und schlug mit den Armen immer erreg er den Takt. Als es an der Tür klopfte, schrie er K't „Raus!" Dann aber sah er, daß es nur der Dr. Schober« er war. Für einen Augenblick unterbrach er seine Taktier»
fatoegungen und winkte den 'Sucher «ms Fenster, hüpfte auf den Drehstuhl, ber vor dem Harmonium stand, schlug ein Paar Akkorde. „Dös is für die Flöten," schrie er dazwischen. „And dös da für die Posaunen, watzt? Die dudeln Immer höher, immer höher." Der Toni Bruckner schmiß den Kopf, den der freundliche Sonnenstrahl jetzt verlassen hatte, in den Nacken und blickte verzückt zur Decke auf.
Dann hielt er inne, und man hörte die Vögel aus dem Park, die ihr Abendlied begannen. Der Meister lauschte:
„Die fingen aa aufi, alleweil aufi.“
Bruckner schwieg, bis die Vögel verstummten; bann spann er den Faden seines Themas Weiler. Endlich stand er auf, zog das baumwollene Taschentuch aus dem Schohrvck, der breit über einem Lehnstuhl hing, wischte sich den Schweiß von der hohen, kahlen Stirne, reichte dem Sektionsrat die Hand, sagte „Servus!" und trat ans Fenster. Der Dr. Schoberlechner folg e ihm.
Ein südlich-milder Abend spann seine Schleier, breitete sie mütterlich über die grünen Bäume, in deren Laub verborgen wieder die Vögel fangen, und über die zierlich geformten Bosketts, in denen Sief Mütterchen, Narzissen und Levkojen ihr buntes Wesen trieben. Wie eine dunkle Statue tauchte da und dort ein Parkwächter auf, verschwand im Buschwerk. Eine Weile blickte Bruckner still hinaus, dann kehrte er sich um und fragte: „Na, g’fallt dir mei neue Sach?"
„Gefallen ist wohl kein Ausdruck. Wenn das so weiter geht, wie nach die ersten Takt ..."
Der Kleine hob die Arme und schwenkte sie in Ekstase:
„Aber, dös is do nur der Anfang! Dös kommt schon no ganz anderscht! Beim Adagio ha'm nur die Geigen zu reden, da wir i amal ganz wach, patzwach, waß ? und int Scherzo mach i ä Plagiat, ja. Waßt, bei wem? Bei dem Finkerl, das vorhin da draußt so schön g’fungen hat." Bruckner spitzte den Mund wie zum Kuß und pfiff ein Mo io. „Aber beim Finale, da kommen die Pauken wieder, die Posaunen und die Hörner, da tritt i den Lackeln die, Schädel eindreschen, daß' wissen, wer der Bruckner is! Dit, i sagf dir, dös wird was toer’n! Wann dös auffa kommt, dann können s' gar nix mehr reden. Aa der Hanslick net. And der da, du watzt scho' wer, der wird paff sein, und Gift und Gall' wird er spucken, Gift und Gall'I"
Der Dr. Schoberlechner blickte in den nun schon ganz verdunkelten Park hinunter, ärgerte sich daß sein Herz so aufgeregt klopfte, und endlich sagte er mit unsicherer, gepreßter Stimme: „Sei net bös', Toni, ich glaub’ halt alleweil, dem Brahms tust unrecht. Schau, ich kenn' ihn doch, ich sag’ dir, er ist net so, wie ihn dir die paar Herrschaften angemalt haben. Vielleicht versteht er dich net, das geb ich zu. Gr lebt halt in einer anderen Welt wie du. Aber neidig, na, neidig ist er dir net!"
(Schluß folgt.)
Hermann Kögler.
Don vr. HeinrichRvese, Gießen*).
Aus Hermann Köglers Schassen weht uns wie frisch« Morgenluft die wahre Freude an ber Bejahung der göttlichen Triebkräfte entgegen; in ihm lebt ein frisches, freies Bekennertum, die von Leidenschaft beflügelte feste Aeberzeugung eines unbeirrbaren, zwingenden Daimonions.
Eine geheimnisvolle Kongruenz besteht zwischen dem Schöpfertum des Meisters und seinem äuß.ren Lebensweg. Gewaltige Auswirkungen einer unversiegbaren, sich immerwährend steigernden Energiequelle begki en die erschütternde Bahn des mit dem Herzblut Schaffenden und überwinden die Tragik des äußeren Lebens.
Hermann Kögler wurde am 2. Februar 1885 in Lodz geboren. 3n frühester Kindheit verlor er durch ärztliches Verschulden das Augenlicht. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er in dem Dlindenerziehungsinstitut in Wien (1894—1902). Schon im Jahre 1903 konnte Kögler in Lodz, Warnsdorf, Reichmberg t D. und in Berlin mit eigenen Werken vor die Oeffentlichkeit treten; im Oktober desselben Jahres wurde seine O-Moll-Sinfonie, op. 4, in Görlitz zur Uraufführung gebracht. Von 1904 bis 1909 studierte er am Leipziger Konservatorium bei den Professoren Robert Teichmüller (Klavier). Stephan Krehl (Komposition) und Richard Hofmann (Instrumentation). 3n dieser Zeit wurde er mit dem Mozart- und dem N i k i s ch preis ausgezeichnet. Seit Beendigung seiner Studien lebt er als Komponist und Musikpädagoge in Leipzig. Als P i a n i st gehört Kögler, ein weltentrückter Träumer und Dichter am Flügel, unbedingt in die vorderste Reihe unserer bedeutenden Klaviermeister und Anschlagskünstler. Sein Gedächtnis umspannt nicht nur fast die gesamte ältere, moderne und modernste
•) Dieser Aufsatz wurde mit gütiger Erlaubnis des Verlegers Herrn Otto Schlingloff dem Deutschen Musikjahrbuch, herausgegeben von Rolf Cunz, I. Jahrgang 1923, entnommen, welches im Rheinischen Musikverlag in Essen erschienen ist. Wir verweisen an dieser Stelle nachdrücklichst auf das bedeutsame Werk, welches bei seinem Erscheinen nicht nur von der Fach-, sondern auch von der Tagespreise als eine Kulturtat ersten Ranges aus dem besetzten Gebiet bezeichnet wurde. Es zählt zu seinen Mitarbeitern bedeutende deutsche Din- genten und Musikschriftsteller.


