Gießener Zamilienblatter
' Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Samstag, den 16. Februar Nummer t
Musik.
Von Mol!her Rathena u*).
Die intuitivste und transzendenteste aller Künste ist erfüllt von Gesetzmäßigkeit und Geheimnis: sie ist, so möchte man sagen, das zur sinnlichen Wahrnehmung gewordene Gesetz. Schon ihre Elemente verkörpern g:hnme Gesetzmäßigkeit.
Anter dm Lauten der tönenden Welt wählt sie den musikalischen Ton, die Klangform, von der die nachspürende Wissenschaft aussagt, dab sie aus den reinsten Schwingungen beruht. Als zweites Element dient ihr die Harmonie, die aus dem Gesetz der einfachen Verhältnisse zwischen den Schwing.ingszahlen der Töne sich ausbaut. Zum dritten stellt die Melodie ihr Tvnreihen her, die den Tonfall der Sprache in seinem Gesetz erfassen und ihn verklären, indem sie ihn auf reine In ecvalle stimmen. Die Wiederholung, baä zeitliche Abbild dessen, was im Räume Symmetrie Heist!, last! die Gesetzmäßigkeit dec Melodie h.rvortreten und rundet sie zur Eirhckt. Als viertes Element beschließt die Gesetzmästig- keit des Rhy.hmus, gehoben und gestützt von Zeitmast und Dynamik. den gewaltigen Kreis der musikalischen Wirkung. Stets gegenwärtig, d -ch keineswegs dauernd wah genommen, durchdringt dies reine Arg.'seh die Schöpfung, vom Schritt der Gestirne zum Atemzug:, vom Meeres rauschen zum Pendelschlag; in ihm begreifen wir die Zeit und alles Zeitlich:.
Jnd:m nun Klang und Harmonie den Sinn erfüllen, Rhythmus und Zci mast das Temperament erg eisen, Melodik die Phantasie zur unbÄvustten Erinnerung und Ahnung erweckt, nimmt fit lief; ihrer elementaren Gesetzmäßigkeiten die ganze Seele dahin. And indem ihr alle Gesetze, die uner lärlichsten, in der Verknüpfung der S:elenkräf;e preisge^e'en sind, steigert sie. ein Symbol des transzendenten Gesetzes, ihre Wirkung über das Mast aller Künste fast zur Raturkraft.
Richard Wagners Quells zum „R ng".
Wagner hat in seinem „Ring des Ribelungen" den altgermanischen My hos zu neuem Leden erweckt und das Verständnis für diese Riesei gestalten der Vorzeit erst erschlossen. Die wichtigste Anregung für seine Reuschöpfung des Ril-elungen-Mythos erhielt er aber nicht aus dem mittelhochdeutschen Gedicht, sondern aus der altnordischen Gestaltung der Völsunga Saga, die unter allen altgermanischen Heldendichtungen die gewaltigste ist. Besonders wich ig und anregend ist für ihr die Form der Sage gewesen, die ein a l t i s l ä n d i s che r Dichter ums Hahr 1250 ,zu- sammenfatz'e. Die ersten Anregungen für den Entwarf des „Ringes" erhielt Wagner durch die Edda. aber bald studierte er die Völsunga Saga in der Arbersetzung v. d. Hagens, und besonders scheint das Arteil Wilhelm Grimms über dir Saga ihm Eindruck gemacht zu haben, das tautet: ..In der Dich'ung von Sigurds Ahnen, vorzüglich ab:r von Siegmund und Si rfsötle, herrscht eine Wildheit, dir auf das Höchte Alter drutet. Keineswegs zeigt sich dabei die Gereimcheit herabgefunkener Raturen. Signe scheint für nichts als den Glanz ihres Geschlechts Grsühl zu haben; sie trägt kein Bedenken, ihm ihre Kinder, welche die Probe des Muts nicht, wie es Völsnngm geziemt, bestehen, hinzuopfern und in fremder Gestalt mit drm eigen Bruder einen reinen Abkömmling zu zeugen. In allen Taten dieses Geschlechts ist kein Zaudern, kein Aeberlegen, sie folgen dem gewaltigen Drange ihrer Ratur; aber Signe sühnt die begangenen Greuel durch einen freiwilligen Tod mit dem ung lieb'en Manime." Aeber Wagners mythische Auffassung gibt diese Stelle Aufschluß. Er hat aber dann die durch die Saga erhaltenen Eindrücke mit dichterischer Freiheit ganz eigentümlich gestaltet, und darum ist ihm der Versuch, Mythologie zu lebensvollem Drama umzuformen, in so einzigartiger Weise gelungen, indmr neben Siegfried der Gott Wotan zum tragischen Helden wurde. Dieses Wagnis, einen my Bischen Stoff aus den Andeutungen eines isländischen Heldenromans zur Tragödie umzubilden. ist eine geniale Tat. Ge- ade der Vergleich mit der Quelle rückt die dichterische Gröhe und Sstbständig'eit Wagners in helles Licht und zeigt, daß das Beste und Schönste das ist, was Wagner neu hinzng fügt hat.
Aber nicht nur der Dichter, sondern auch der Musiker hat aus
*) Dem bereits an anderer Stelle besprochenen Bändchen „Aefth-ik" der Kunstwart-Bücherei (G. D. W Eallwey, München, Preis Mk. 1.00) entnommen.
der Völsunga Saga reiche Anregung empfangen. Aus dem Rhythmus des Walkürenliedes in „Siegfrieds Tod": „Rach Süden wir ziehen. Siege, zu zeugen, kämpsenden Heeren zu kiesen das Los" dürfen wir schliehen, dah ihm damals schon der wilde Walkürenritt im Ohr erklang. Aber das majestätische Wotan- oder Walhall-Motiv. die schmetternde Schwertfanfare. das von Trompeten, Posaunen und Tuben getragene Motiv des hehrsten Helden dev Welt, überhaupt die ganze Melodik und der hinreißende Schwung der Walküre würden ohne Kenntnis der Geschichte von den Völ- sungen die Welt niemals beglückt haben. 3n vielfacher Hinsicht übertrifft der Ton das Wort. Während z. D. der Leser der Sag» oder der Hörer der „Walküre" bei Sieglindens Erzählung „der Männer Sippe faß hier im Saal" erst der sachlichen Erklärung bedarf, wer der Fremde gewesen ist. der das Schwert in den Stamm der Esche stieß, bildet die Musik einen unendlichen beredten Dolmetsch, indem sie leise die feierlichen Klänge anstimmt, die Walhall und seinen Beherrscher Wotan kennzeichnen.
Die Stunde der Sterne«
Don Robert Hvhlbaum*).
Der Sektionsrat Dr. Otto Schoberlechner faß noch eine Weile am geöffneten Klavier und sah durchs Fenster nach dem FranzenS- rb'g hinab, dessen grüne Bäume im leichten Wiener FrühlingS- winde rauschten. Aber dieses Baumrauschen duckte sich in Dr, Schoberlechners Seele tief vor einem großen Kummer. Einem Kummer, dm er schon jahrelang trug, der ihn aber noch nie so über die Maßen gequält hatte, wie an diesem Frühlingsmorgen, der allerorten mit Vogelsang und mütterlichem Windesstreicheln Friede und Versöhnung predigte. Dr. Schoberlechner hatte sich heute schon in aller Frühe, als die Sonne erst den Stephansturm am Kopfe packte, die siebente Symphonie von Anton Bruckner gespielt. Das Scherzo, in dem die kleinen Lauseengel über die Him- melswiese tanzen an einem Frühling ^morgen, der noch viel schöner war als der heutige, hatte er wiederholt, und immer deutlicher und geprägter hatte sich ein seliges Genießerlächeln um seinen Mund geschlungen. Dann war er eine Weile im stillen Rachkosten ruhig verblieben. In dieser Versunkenheit hatte er ab und an den Kopf gehoben und die Wände entlang geschaut. And endlich hatte sein Blick auf dem Bild: gehaftet, darauf ein kleiner Herr mit langem Kinn- und zigarren gefärbtem Schnurrbarte zu sehen war, dessen kurze Beine energisch die Pedale des vor ihm stehenden Flügels traten. Den Dr. Schoberlechner überrann es schuldbewußt-kalt, als die herrischen großen Augen auf ihn niederblickten. Was der droben wohl gesagt hätte zu des Sektionsrates gegnerischer Morgenandacht? Anter dem Zwange der großen Augen, die noch immer strafend niederiahen, legte Dr. Schoberlechner die Finger abermals auf die Tasten. Das Drahmssche Ständchen formte sich Als der wundervolle weiche Schluß verklungen war, da faßen die Argen schon um ein bedeutendes freundlicher drein, und als nun gar die ersten Takte des C-dur-Konzertes sich dranschlossen, da nickte das Lötvenhaupt beinahe so gütig wie damals, da der Dr. Schoberlechner als Obmann des Al herrenverbandes dem Meister Johannes die Ernennung zum Ehrenmitgliede des Akademischen Gesangvereins in Wien überreicht hatte. Aber ohne daß er es wollte, ging des Sektionsrates Spiel wieder in das Brucknerschs Scherzo über, und am Ende phantasierte er die beiden Motive so ineinander, daß er erschreckte innehielt. Dann faß er ganz ruhig und sah in den Frühling hinaus. „Friede und Versöhnung" fangen die Finken, „Friede und Versöhnung" rauschten die Bäume, „Friede und Versöhnung", ja, und nichts anderes klangen der Tanz auf der Engelswiese und die nachtweichen Akkorde des Ständchens. Obeide predigten sie Frieden, der kleine Glattrasierte und dec mit dem langen Gott-Vaterbart. Predigten, fangen aneinander vorbei und wollten nichts wissen einer vom andern. Wenn
")HimmlischesOrchester nennt sich ein schmales Bändchen feinsinniger, warm nachempfundener Musiker-Rvvellen, die Robert Ho hl bäum im Verlag L. Staackinann In Leipzig hat erscheinen lassen (Hnlbl. Mk. 2,50). Die beiden Bäche, Mozart, Haydn, Schumann, Ricolai, die beiden Strauß, Wagner und endlich die beiden Antipoden Bruckner und Brahms, die doch einmal zusammenfanden, sie alle ziehen in lebenswannen, farbigen Por- traits vor unserem Auge vorüber, die nur ein Dichter in so packender Form schaffen konnte, dem eine Musikalität zur Seite steht wie Hohlbaum


