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GiMich erhob sie sich, senkte den Degen uhb sagte zu dem Rittmeister, Her die Augen grob auf sie gerichtet hatte: „So bitte ich Euch, lehrt mich fechten, sobald Ihr gesund seid!"
An einem schönen, warmen Märzmorgen kam Herr Josias Rottner von einem Amtsgange zurück, der ihn zu den Arnum und Elenden der Stadt geführt hatte. Es gab um -1649 viel Jammer und Elend in deutschen Landen, starben doch viele, die kümmerlich die Rot des Krieges überstanden hatten, an Auszehrung und anderen Krankheiten des Elends und der Armut.
Herr Josias gedachte sich in die Ruhe und Stille seines Hauses zu bergen. Er freute sich auf ein neues Buch, das ihm der Herzogliche Rat gesandt hatte, als Zeichen seiner Zufriedenheit über die Rechnungsordnungen. Als der Geistliche in den Hausgang trat, hörte er hastiges Klirren von Waffen, das vom Hofe her klang.
Gr erschrak, denn er glaubte, Sir Stuart habe einen neuen Aeberfall gewagt. Vorsichtig lugt« er in den Hof hinaus.
Im hellen Sonnenlicht gewahrte er zwei Männer in Hemden und Hosen. Die Köpfe konnte er nicht erkennen. Bei den schnellen Bewegungen erschienen sie ihm wie graue Klumpen. In Kraft und Behendigkeit stießen sie mit großen Stotzdegen widereinander..
Roch staunte der Pfarrherr über das Schauspiel, das seinen stillen Hof in einen Waffenplah wandelte, noch vermochte er sich nicht zusammenzureimen, was da geschah, als ihm die Stimme der Kufiin in die Ohren klang: „Touche! Touche! Fräulein Gottliebe! Bravo! Bravo!" •
Alsbald erspähte Herr Josias seine Bedienerin, die in der Ecke des Hofes beini Regen fast stand und begeistert mit den knorrigen Armen einen Seihlöffel schwang. Die beiden Fechter senkten die Degen. Der eine nestelte an seinem Halse und zog von seinem Kopf ein Drahtgestell. Run erkannte der Pfarrherr den Herrn Achatius und vernahm seine Stimme: „Habt zwei Gänge mit mir gemacht, Fräulein von Herrenbruch, die mir Gewißheit geben, Ihr werdet eS in der edlen Kunst zur Meisterschaft bringen."
Herr Josias schritt auf Gottliebe zu, die ihr heißes, rotes Gesicht frei gemacht hatte von dem bergenden Gitter der Drahtmaske. Schlank und aufrecht stand sie da. Gen rechten Fuß hatte sie ein wenig vorgeschoben. Im Ellenbogengelenk des linken Armes hing der Drahtkvrb am Lederriemen, während die Faust die Klinge unter dem Stichblattzu umspannt hielt, so dah die kugelverwahrte Spitze nach unten gihenkt war. Die braungoldenen Haare fielen ihr gelöst über den Rücken. Das Dunkel des Stalles, aus dem sich undeutlich die Ämrisse eines Pferdekopfes abhoben, gäben den feinen Linien der Gestalt einen tiefen Hintergrund, so daß das Bild den Pfarrherrn an die köstlichen Tafeln gemahnte, die er in seiner Studienzeit in den Riederlanden geschaut hatte. So fürnehm, stolz uro> schön erschien ihm das Mädchen, daß ihm der Atem stockte und er die ihr zugedachten Worte der Verwunderung und leisen Tadels nicht auszusprechen vermochte.
Mit einer freien, ritterlichen Bewegung' reichte Gottliebe dem Pfarrherrn die behandschuhte Rechte und sagte: „Gott zum Gruß, Herr Josias. Ihr seid erstaunt Über mein Tun und Treiben, aber Ihr wißt. Daß ich starke und gewandte Feinde habe. Darum rüste ich mich, ihnen adelig zu begegnen."
„Dio ist es wert, die edle Kunst zu üben," sagte der Rittmeister Achatius. „Ein besseres Handgelenk, als es das Fräulein besitzt, kann bei einem kräftigen Mann nicht gefunden werden. Ihr Spiel in Knien, Hüften unZ), Fußgelenken ist musterhaft, stark und behend! Gäb es Gott, Pfarrherr, daß irgendein Potentat wieder Heervolk zum Krieg aufbietet. Ich würde in meiner Kompagnie dem Fräulein gleich die Stelle eines Kornetten anbieten. Hatte Exempel, daß tüchtige Weiber sich gut geschlagen haben."
„Daß Euch Der Sinn noch immer nach Krieg und Blutvergießen steht. Möge der Herrgott Euch diese unpreislichen Gedanken aus dem vermessenen Herzen nehmen!" mahnte Herr Josias.
„Ist die Pflugschar zum Ackern geschmiedet, so will sie ackern. Ist das Schwert zum .Rümpfen geschmiedet, so will es fechten!" gab Herr Achatius zur Antwort.
Das Klingklang der Schwerter wiederholte sich im Pfarrhaus« jeden Tag. Es war nur gut, daß der Hof wohl geborgen lag vor dem Blicken der Rachbarsleute. Waren doch die nächtlichen Ritte nach Fenstäde, die Fräulein Gottliebs jetzt in Begleitung des Rittmeisters Achatius macht«, aufgefallen, und ward schon die Sage ausgesponnen von zwei schwarzen Reitern, die keine Ruhe finden konnten in ihrem Grabe, dieweil sie ihr« unsterbliche Seele an einen verborgenen Schatz gehängt hätten. Danach wurde später der Zwickel des Platzes vor dem Pfarrhaus« Reiters ilnruh genannt.
Außer in den Fechtstunden ward zwischen dem Fräulein und Herrn Achatius wenig gesprochen. Er rief ihr Paraden zu und Stöße, lehrte sie den blitzschnellen Wechsel von Deckungen und Ausfällen, bis sie di« schwierigsten Finten und Folgen aus dem Handgelenk schüttelte. Lobte er sie sehr, so fragte sie: „Glaubt Ihr, Herr Achatius, dah ich's bald Sir Sttmrt gleichzutun vermag?"
„Achtung und Geduld," meinte der Rittmeister, „muß der echte Fechter besitzen."
Unverdrossen übte er mit dem Fräulein weiter. Waren aber di« Fechtstunden vorüber, so saß er zumeist versonnen in seinem
Zimmer, das nach dem Hof« gelegen war. ; Dann rief er wohl seinem Pferde Moor zu, das aus dem Stall getrottet kam und den Kopf in das Fenster zu ihm.hereinstreckte, um sich von seinem Herrn streicheln zu lassen.
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An einem Maientag« lasen die Bürger der Stadt Fenstäde auf einem Papier, das am Wirtshaustor des Greifen angeschlagen war, der Herr Fechtmeister Achatius habe den Hochgeitssaal für di« Tage Montag und Donnerstag gemietet, und einem jeden wehrhaften Mann stünde es frei, sich unter der Leitung des Herrn Achatius und seines Amanuensis Cornelius in der Hebung der edlen Kunst zu befleißen.
Für die Herren vom Adel und auch für bürgerlich« Leute, die tätig waren in den Geschäften von Fürsten und Staaten, hatte es in jenen Tagen eine besondere Bedeutung, daß sie neben de? Feder eine gute Klinge führten. Auch war noch genug Lust cm kriegerischem Tum in der Bevölkerung geblieben. Sv geschah e- denn, daß sich viele Waffenkundige aus der Landschaft im Greifen emfanden. Richt nur Alamodenarren, di« bei jedem neuen Treiben dabei sein mußten, sondern auch Männer von Schrot und Korn, di« es für Rot erachteten, das eingerostete Können wieder zu schmeidigen.
In dem hohen alten Wirtshaussaale, dessen Holztäfelung grau war von Alter, herrschte bald ein frohes, mutiges Treiben, dem von der gotischen Galerie Damen vom Adel. Patrizierinnen und hübsche Bürgermädchen gern zuzusehen pflegten.
Di« Kenner bewunderten vor allem Ruhe, Kraft und Kunst des Herrn Achatius, der mit den stärksten Klingen ein müheloses Spiel hatte. Aber das Licht des Saales ging von dem Waffeni- freunde des Fechtmeisters aus. Fast fvauenhaft erschien das Antlitz des jungen Cornelius, das von den nach der Mode lang getragenen Locken umflossen war. Allein seinen kräftigen Ausfällen und seinem starken Handgelenk waren nur wenige der herbei- strömenden Herren gewachsen. Im Gegensatz zu der Keckheit seiner Waffenführung zeigte er sich einsilbig und verschlossen, wenn nach den erregenden Hebungen des Tages die Herren mit dem Fechtmeister Achatius sich um Len Eichentisch scharten, um nachträglich seine Paraden und Finten zu besprechen.
Run begab es sich eines Tages, daß Cornelius mit einem riesenhaften Kürassierfähnrich focht. Der Kampf zwischen schmiegsamer Gewandtheit und gewaltiger Kraft, die mit Kunst gepaart war, fesselte alle Anwesenden so sehr, daß dieses Fechterpaar von einem dichten Ring« von Zuschauern umgeben war. Als daher zwei Herren, die gerade in den Saal getreten waren, sich mühten, in die vordere Reihe des Ringes zu dringen, erwachte in den unsanft beiseite Geschobenen Entrüstung, die noch wuchs, als die vom Trunk« schwere, jugendliche Stimme des einen Zubringlings höhnisch ausrief: „Es wird doch erlaubt sein, sich das neue Fecht- Phänomen anzusehen!"
„Wo bleibt der Hofmeister des Freiherrn von Herrenbruch?" fragte ein« gereizte Stimme. „Seit die Frau Mutter gestorben, glaubt der junge Herr wohl ein Mann zu sein?"
„Oho!" rief der Jungherr zurück. „Sind wir hier im Fecht- saale, kassier« ich Degenspitzen gerne ein!"
Gleich danach durchschnitt die scharfe, allen bekannte Stimme Sir Stuarts den Raum: „Wer mich einen Hofmeister nennt, mag zusehen, daß ich ihn mit dem Degen nicht hvfmeistere!"
Es öffnete sich rechts und links eine Gasse, und mühelos gelangte unter dem Murren der beiseite Tretenden Sir Stuart in die vorderste Reihe.
Der Kampf zwischen Cornelius und dem Kürassier war sh spannend geworden, daß die Blicke der Zuschauer sich wieder auf die Fechtenden richteten. Plötzlich senkte Herr Cornelius den Degen vor seinem Gegner. Er verbeugte sich: „Ich wurde soeben touchiert! Ich erklär« mich für besiegt."
Der Kürassier, der die Maske vom heißen Kopfe nahm, rief: „Herr Cornelius, Ihr seid nicht nur «in guter Fechter, sondern auch ein Mann von Ehrgefühl! Hab' es bei Gott nicht bemerkt, daß ich Euch getroffen."
Alle Anwesenden waren noch voller Bewunderung über den Kampf und das ritterliche Eingeständnis des Herrn Cornelius, als wieder der Freiherr von Herrenbruch mit plumper Stimme dazwischen fuhr: „Hab' es Euch ja gleich gesagt, Sir Stuart, daß wir Sonderliches nicht sehen werden. Mit diesem jungen Menschen nimmt es selbst «in mäßiger Fechter alle Weile noch auf. Glaube, er könnte noch viel dazulernen."
Der junge Cornelius, der noch die Maske auf dem Kops hatte, trat vor und fragte mit dumpfer Stimme: „Freiherr von Herrenbruch, es gelüstet mich sehr danach, neue Finten und Folgen im Fechten zu erproben. Könnt mir vielleicht auch zeigen, wie man junge Mädchen mit dem Schwerte bedroht."
Es war Totenstille im Saal. 'Der Jungherr schaute zur Seite auf Sir Stuart Hamilton. Da rief Herr Cornelius von neuem: „War es eine Beleidigung, die ich Euch sagte, und kein Scherz, so bin ich bereit, Euch Genugtuung zu geben, so Ihr es wagt, zu verwetten, daß der Sieger dem Besiegten seinen Willen auf» erlegen mag. Doch sei es nicht wider die Ehre."
(Fortsetzung folgt.)
Echristleitung: Dr. Friede. Wilb. Sanas. — Druck und Dsrlaa der Brübl'i'cbsn itnlb VBn<6» und Steindruckerei, R. Sange. Gießen.


