Ausgabe 
15.11.1924
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (92$ Samstag, öen 15. November ÜummeröJ

Zusammenhalt!

®üt Mahnruf Sven Hsdin».

putschen zurufen: Schweige, arbeite und

,dur<tz felsenfestes Zusammenhalten den Parteihader. Wan V^Ak Nvch zu viel, man arbeitet zu wemg; man erschöpft die Kräfte feines Kopfes und ferner Arme, um dem politischen Gea» van.A" erMnen Lande zu schaden, und s-chrdet dadurch mir sich lelbft und dem Ganzen, ohne etwas anderes zu erreichen, als das ganze Reich zu einem Spielballe in der Hand der ZÄnde zu

J?^9 Millionen Deutsche zusammen halten und bvhen Ziele streoen dann kann die ganze übrige Menschheit sre nicht unter das Joch der Sklaverei zwingen. Sie v«steidigen^"^^' Um Recht allein zu erkämpfen und es zu

Die Nacht als Trösterin.

Eine Rovemberbetrachtung.

Von Marie B o u s s e t.

Rebelschwaden, entblätterte Bäume, tränend« Sträucher Mit Seufzen wird er von den meisten begrüßt, der feuchte, dunkle Rovembermonat. Sie ist vorüber, die Feier der Ratur", die fest- nche Zeit der goldnen Oktobersonne, und vielen legt sich bas Dunkel des kommenden Winters schwer auf das Gemüt.

Aber ich liebe dich, Rovember, sei mir willkommen, du schwer­mütiger Gesell! Zwar schüttest du nicht wie die anderen deine GabM mit vollen Händen auf uns alle aus: nicht den überwäl­tigenden Jubel der Maienseligkeit, noch die füllende Ruhe ge­sättigter Svimnerlust, noch den Farbenglanz feierfroher Herbst­tage.^ Doch bist auch du nicht arm an köstlichen Schätzen; wer sich von dir und deiner freudlosen Erscheinung nicht unmutig abwendet, sondern einzudringen versucht in dein verborgenes Wesen, für den hast du gar feine, heimliche Gaben bereit. Du schenkst ihm den Zauoer uer Dämmerung und öffnest seine Seele dem Geheimnis der Rächt.

Denn ist's nicht etwas Wunderbares, dies stille Weben deiner Dämmerung? Wie hart, wie feindlich starrten uns die Dinge mit ihren Ecken und Kanten im grellen Tageslichte anl Wie peinigte uns der zudringliche Sonnenschein I Run lastt die Dämmerung! Rebel niederwallen, die alles Harte, Spitze sanft umweben, und unser Ich, das ach! so weh sich selbst empfand, sie hüllt es lind rn ihre Schleier ein.Wie das zu dämpfen, wie das zu lösen vermag!

Lind wie erlösend, wie befreiend ist erst das Dunkel der Rächt! Dre verwirrenden Stimmen, die lauten Forderungen des Tages fie sind fernab verhallt, und die wundersame Harmonie der Stille wiegt das Herz in sanftem Rhythmus zur Ruhe. In ihr samniet- welches dunkles Luch hüllt sie uns ein, die gütige Rächt, und tröstet uns, wie eine Mutter tröstet.

Die Rächt hat etwas unglaublich Süßes. Die heitern Ideen und Bilder nehmen einen sanftern, schönern, in der Lat seelen­vollen Don an, dabei ist es, als ob man sie inniger genösse, da in k ^Hcs, nicht einmal das Licht, sie stört. Kummervolle und schwermütige Erinnerungen und Eindrücke smd dagegen auch miDer und mehr von der Ruhe durchströmt, die jede Trauer leichter und weniger zerreißend macht. Man kann auch dem Kummer ruhiger nachhangen, und ein tiefes Gemüt sucht doch nicht Den Kummer zu entfernen, am wenigsten zu zerstreuen, sondern sucht ihn so Mit dem ganzen Wesen in Einklang zu bringen, daß er Begleiter des Lebens bleiben kann." So schreibt Wilhelm v. Humboldt, der feine Seelenkenner.

As nordischen Sommernächte kennt mit ihrer geister­haften Helligkeit, wer die peinliche Rervenerregung erfahren hat die dieses immerwährende Licht auf empfindliche Gemüter aiis- iM, der segnet das Dunkel, ihm wird auch die Rovembernacht ihr beseligendes Geheimnis offenbaren.

Da stand so still die Rächt am Weg, Biel weicher als ein Menschenherz, Diel wärmer als ein Menschensinn.

Ich nahm aus ihrem dunkeln Duft Den stummen Trost der Güte -Und weinte vor mich hin.

(Paula Kurgast.)

Hauptmann Emil Rausch.

Gin Grmnerungsblatt aus Kamerun, von Oberstleutnant a. D. Strümpel I*).

In Köln sind wir als junge Leutnants über die Hochstraste gebummelt, er mit der Krone der 53er auf den Achselstücken, ich Samtkragen der 9. Futzbombe. Dann zog ich in die Wälder und Steppen Kameruns, und als ich im Juli 1902 vom Hinter» WBfle^nad) Duala zurückkehrte, stand Freund Rausch da. Auch erJ5lte genug vom Garnisonleben, so reizvoll es auch am Rhein gewesen war. Run schlenderten wir, wenn der Dienst getan, zwi­schen Kokospalmen durch das Soldatendvrf, erfreuten uns des bunten Lebens und Treibens, oder fasten abends, wenn die See. bmss die feuchtm Stirnen kühlte, im Garten der Offiziersmesse, lauschten den prickelnden Weisen der Schuhtruppeukapelle und pmuoernen. Sprachen von der Heimat, der ich nun zuzog, und von dem Bangwaranöe, Rauschs Ziel. Vom Forscher Conrau, der ster- kAASöhne des Bangwalandes, die er der Küste als Arbeiter zugeführt hatte, dem Fieber erlegen waren, von den schweren Kainpfen der Kompagnie v. Besser, die den Tod rächte, EME Aufenthalte beim Häuptling Fontem, der mich erst Arte und mir dann den Tod zuschwor, vom

Oberstleutnant Pavel, dem sich der Häuptling unterworfen hatte, um bald darauf dl« im Dorfe belassene Besatzung verräterisch zu uverfallen. Run sollte Schlosser in das Bangwaland markieren, ihn oegleiten. Sv kam es auch. Als ich vom Heimats­urlaub zuruckkehrte, war Rausch nicht mehr in Duala. Das Bangwaland war sein Arbeitsfeld geworden. Mein Weg führte damals nicht durch die Berge, in denen er gegen Fontem focht' nur nat den Augen konnte ich sie grüsten, als ich in der Riederuna an ihnen vorbeizog. Erst im April 1905 marschierte ich wieder Durch Fvntemvorf. In Barmenda hatte ich Glauning besucht, mit Dem mich Erinnerungen an Tinto, Bafut und den Tschadsee ver- knupften und mit Beicke, Der noch immer die Station ärztlich be­traute, beyag,ich am Kamin in seinem kleinen, noch von mir er» braten Wohngemach geplaudert und aus bauchiger Flasche Bene- uTitmer geschlurft. Bun ging es dem Bangwalande entgegen. Schon fett -Lagen zog ich Lurch Rauschs Bezirk. An Stelle des engen oft stickend yeisten Pfades, der sich früher wahllos über Berg und Dal, durch Geröll und durch Sumpf wand, war ein

A^iger, geschickt dem Gelände angepastter Weg getreten, Rasthauser waren gebaut, die früher so lästige Derpflegungsfrage geregelt, freier und offener zeigten sich die Eingeborenen, die sonst icheu uno murrst ch zur Seite standen, oder in wilder Er­regung dre Speere und Vorderlader schwangen, wenn sich ein Europäer nahte kurz, überall trat Las Schalten einer geschick- ten nnö verständigen, aber auch kräftig zupackenöen Hand hervor. atnD Dann grüßte mich über frischem Grün der Oelpalmen. die rrugsum die Hänge bedeckten, die deutsche Flagge. Sie verbürgte ern-er Statte, die kurz zuvor noch von den Seufzern und Schreien Von Willkür und finsterem Aberglauben widerhallten, Sicherheit un& Ordnung und friedliche Entwicklung. Ich war tn Fvntemdorf, schüttelte Rausch die Hand und seinem Leutnant Werner, meinem früheren Regimentskameraden, trank kühlen Palmwem und . Wein aus der Rheinpfalz, den Rausch ein- totMute- Et, schmeckte der, so Köstliches trank ich seit Jahren nicht. Des Erzählens, Fragens und Antwortens war nun fern Ende. Schon zeitig war ich eingetroffen, mittags fasten wir noch und als iwhler Wind von den Hängen strich, brachte der Junge noch eine Flasche And die Lampe, die erst vor wenigen Tagen eingetroffen« Campe! Aus Bronze waren Fust und Behälter, von Glas di« ,s? schöne Lampe, eine schönere leuchtete bis zum Tschads mcht. Sie war auch der Stolz der Station, die Augen, wmde der Eingeborenen, die nicht müde wurden, in ihren milden Schein zu fcyauen. Ans schien sie zu hell; sie sollte daher auf einen Rebentisch gestellt werden, doch den sahen nur Augen, aus denen der Rheinwein funkelte. And da geschah das Anglück

*) Zehn Jahre liegen nunmehr hinter uns feit dem helden- gaften Kampf unferer afrikanischen Schutztruppen, in dem ©m« Sohn unserer Stadt sein Vater war viele Iah« hindurch Direktor des Realgymnasiums und der Oberrealschule als einer der hervorragendsten Führer am 6. September den Hell«itod an der Spitze seiner tapferen kleinen Schar fand. Gin aiter Kamerad widmet ihm in denAfrika-Rachr ichtenf (Veriag W. Dachsel, Leipzig) vorstehendes Erinnerungsblati.