formte.
(Fortsetzung folgt.)
Tage In Tanger.
Von E. v. Ungern» (Sternberg.
Es ist nur eine kurze Fahrt über die trügerische Meerenge von Gibraltar! Der Sturm peitscht die Wellen über das Deck und mühsam kämpft das Steuer gegen die kochenden Wirbel. Hier ist die Stelle, too das mächtige spanische K.äegsschiff Reina Regent« von einer Überschlagenden Woge gefaßt und wie eine Ruhschale in die Tiefe gezogen wurde. Es heißc, die Geschütze hätten sich beim Schwanken g elöst und das mächtige Panzerschiff kippte. Rjemand wurde g re.tet, niemand hat Räheres hören können. Rur Trümmer sind später auf dem Ozean treibend gefunden worden. — Aus dem Felsen von Gibraltar werden Warnschüsse abgegeben, d. h. der Sturm ist im Wachsen begriffen — man sieht aber nur die Feuer- blitze, denn der Schall wird vom Heulen des Windes verschlungen — aber unser kleiner Dampfer hat schon die afrikanische Küste er* reicht, und steuert nach Südwest in die Bucht von Tanger.
Trotzdem nur kurze Stunden Fahrt von Gibraltar oder Cadiz trennen, so eröffnet sich uns doch plötzlich beim Landen eine an* ' bete, glühende, märchenschwangere Welt. Wenn wir durch das finstere Tor der Kasba die engen Gassen der Stadt betreten, so ist Europa weit, weit hinter uns geblieben. Wildblickende Reger, Kameltreiber aus der Sahara, Wasserverkäufer mit ihren kleinen Eseln. Alles drängt und schreit in der Bazarstraße durcheinander. In den Hotelhallen und in den Cafes machen reiche spaniolische Juden ihre Geschäfte oder trinken Whisky mit Soda. Dazwischen begegnen wir ernsten Diplomaten und fremden Beamten, die von einem Retz von Intrigen umgeben sind und von Spionen und Zuträg:rn umlauert werden. Sie sind hier die eigentlichen Herren, dennoch dürfen sie sich nicht in die verschlossene Welt hinauswagen, die zwischen Tanger und Fez liegt. Eine Gesandtenreise an den Hof des Sultans muh stets unter starker Eskorte erfolgen.
Marokko ist ein Land, das weder Eisenbahn noch Wasserwege besitzt, es ist aber vor allem ein Land, das sich gegen europäische Einflüsse ganz besonders widerspenstig zeigt. Wenn einst eine europäische Kultur auf Marokko Einfluh gehabt hat, so ist es die spanische gewesen — oder vielleicht war es auch umgekehrt — denn eS sind "ja nur 5 Jahrhunderte her, dah sich das Maurenreich weit über Gvaimda, Sevilla und Cordova hinauserstreckte und als unvergängliche Zeugen seines Bestehens, seiner Kunst, seiner Kultur und Weisheit den wundervollen Säulenwald der Moschee von Cordova und die träumerisch schöne Alhambra zurückgelassen hat. In fast ganz Marokko wird auch heute spanisch verstanden, und die Spaniolen, d. h. die Aachkommen jener unglücklichen Juden, die die Scheiterhaufen der Inquisition aus ihrer Heimat vertrieben, haben als Umgangssprache ein leicht veraltetes, klassisches Spanisch, das oft an die Sprache von Cervantes erinnert Auch im Orient, in Saloniki, hört man dasselbe Spanisch,
„Du warst in der großen Welt?" fragte Jelte noch einmal. Da begann Füchschen mit schneller Zunge zu fabeln und log dem trau» tarnen Jüngling vor, was von Einvillmngen ih.n nur immer auf die spitze Scgnauze regnen wollte.
Walder sollte es oa geben, in denen die schmackhaftesten Dögel nicht zu fliegen verstanden, Seen, auf denen die wilden Enten in langer Reihe folgsam heranschwammen und sich liebkosen liehen. Die Marder gruben tiefe, weite Höhlen in den Boden hinein und luden die Füa-fe höflichst ein, doch nur Platz nehmen zu wollen darin nach ihrem Gefallen, cklnd hohle Baumstümpfe waren dort, in denen man Vorratskammern autegen konnte, wenn der Winter hart wurde.
„Qlber gibt es auch Rosen da?" fragte Jelte, »und Menschen, die lächeltt? Lind scheint die Sonne dort den ganzen Lag und dte ^^»Geh'falbst und schau," fagle Füchschen diplomatisch.
„Aber wie komme ich dor.hin?"
„Geradeaus ist das beste," sagte die Kuh, die sich über den Schwäher ärgerte, der in ihrem gemütlichen Stalle zu Gast gekommen war, „immer geradeaus."
Füchslein fuhr ihr naseweis mit dem Schwänze über den gesenkten Kopf. ,
„Jeder Gang muh seinen Zweck haben," meinte er listig, „du schleichst entweder nach Beute oder läufst vor Verfolgern, in der Zwischenzeit liegst du auf der Lauer."
Der jung: Jelte hörte den beiden aufmerksam zu, danach aber machte er sich davon und wanderte zu seinen lieben Telegraphmt- !langen, hinüber und herüber, immer im Zickzack, so dah er sich een Weg verdreifachte, denn es gab ja immer so viel zu sehen, zu hören und aufzuraffen unterwegs.
Dies gi.tg so den Winter über. Als aber die Zeit kam, da die Vögel sich laut machten, wurde der Fuchs ungeduldig. Ausgeruht und satt, wie er war, stach ihn der Haber, dah er wieder an Wanderschaft dachte. Auch war fein schneeweißes Fell gegen Wintersende dunkler geworden und hatte die Farbe der Erde angenommen, so daß er sich recht wohl auf seinen Raubzügen vor dem Auge des Pelzjägers und vor der Sense der Bauern verbergen
Kupfergeräte und geschmiedetes Messinggeschirr, verziert mit verschlungenen Arabesken — angeblich echt marokkanische HauS- fleißarbeit, deren Herkunft aber zweifelhaft bleibt —, wird über* all feilgeboten. Allerlei Land, Wohlgerüche, Süßigkeiten, werben ausgestellt, und die Hänoler mit den bärtigen Spitzbubengesichtern schwören, dah es wunderbare Schätze seien.
Ernst und würdig rettet auf deckengeschmücktem Maultier ein Kadi durch die bunte Menge, er schaut weder rechts noch links, di« Menschen scheinen für ihn nicht zu bestehen, seine Augen scheinen dort oben in der azurenen Höhe des Himmels, jenseits der irdiq scheu Wirklichkeit, eine unbekannte Wahrheit zu suchen. Ehrfurchtsvoll macht man ihm Platz. — Aus einem wundervoll rassigen Pferde, gefolgt von einer kleinen Eskorte, nähert sich der Sheris von Dazan. Da er ein direkter Rachkomme Mohammeds ist. so gilt er als heilig; es gibt Leute, die sich unter die Hufe seines Pferdes werfen und sich treten lassen, um ihre besondere älnterwürfigkeit zu zeigen. Der Sherif ach.et auf niemand, mit wirklich fürstlicher Gebärde winkt er nur, ihm den Weg frei zu geben. Er ist in Frankreich erzogen, und es heißt, daß er dort den Wein liebgewonnen hat. ihn diese Sünde g :gen das Gebot des Islam zu entschuldigen, behaupten seine Antzänger, seine Heiligkeit fei so groß, daß sich der Wein vor seinen Lippen durch ein Wunder in Milch verwandele.
Es ist die Stunde, wo der Muzedin vorn viereckigen Turme mit melodischer, weittönender Stimme zum Gebet ruft. Dann stockt plötzlich das Leben, es ist, als ob sich ein Hauch der Ewigkeit über die Menge gesenkt hat. Fezgeschmückte Mauren eilen nun mit ihrem GÄbetteppich unter dem Arm zur Moschee, die hier im fanatischsten aller mohammedanischen Länder nicht durch den Fuß eines ©tauten entweiht werden darf. Rur die Ungläubigen, Christen und Jud.n, lassen sich durch die Feierlichkeit des Augenblicks nicht in ihren Beschäftig mgen stören. Der Äaute blickt deshalb auf sie mit einer gewissen Verwunderung und Geringschätzung. Richt etwa, dah er Europa nicht kennt. Rein, ©totaltar, Cadiz und Malaga liegen dafür zu nah, manche Marokkaner sind auch in Paris oder London gewesen, aber für sie sind die Menschen dort unnormal oder krank. Sie denken mit Grauen, daran wie die Leute dort wegen jeder Richtigkeit hasten und jagen, wo Hunger und Kälte quälen und schnaps trinkende Mörder nachts einherschleichen. Dort, wo die Arbeit nicht als eine Strafe empfunden wird, und wo die Sonne so trübe scheint. Was nützen Eisenbahnen und Telephone? Sind die Menschen deshalb etwa glücklicher oder weiser? Sind die Frauen dort nicht geschwätzig und ungehorsam! Rein, Allah hat Europa seinen Rücken gekehrt und schaut nur liebend auf seine rechtgläubigen Kinder.
Rahe dem Bazarplatz, wo die Karawanen lagern und häßliche Kamele größten und ihre langen Hälse recken, befindet sich der mohammedanische Friedhof. Das ist hier kein Ort der Trübsal ober auch nur der melancholischen Erinnerung, nein, es ist der Sammelpunkt fröhlicher Gruppen, die hier ihren Kus-Kus oder Süßigkeiten verzehren, oder die plaudernd ihre Pfeifen rauchen. Die Token haben es ja git, sie sind im wahren Glauben gestorben, und es wäre eine Sünde, ihrer Seligkeit wegen zu trauern. 3m maurischen Cafe sammelt sich mit einbrechender Dunkelheit viel Volk. Es ist ein einfacher, mit prächtigen Teppichen ausgelegter Raum. Auf niebrtgm Schemeln um kleine mosaikausgelegte Tischchen oder einfach auf dem Boden, hocken Araber und Europäer und trinken aus kleinen Täßchen ihren duftenden Mokka. Er ist schwarz und süß. Ein arabischer Bursche tut staubfein zerriebenen Kaffee und parfümierten Zucker in ein ganz kleines, hermetisch geschlossenes Geschirr und hält es eine Weile über dem glimmenden Kohlenfeuer, so daß kein Dampf entweichen kann, und füllt damit die Tasse des Gastes, die den ganzen Inhalt aufnimmt. Ein anderer Bursche reicht Pfeifen mit einem winzigen Tonkvpf herum, der Tabak ist schwer und aromatisch, oft mit einem leichten Zusatz von Kif, d. h. von Haschisch, vermengt. 3n der Mitte des CafeS sitzt auf weichen Matten eine Gruppe tangbärtiger Mauren mit seltsamen Musikinstrumenten und stngt laut und mit vielem Pathos rauhe, gutturale Weisen. Es sind Heldenlieder, Improvisationen über die Kämpfe vor den Mauern von Granada und Sevilla. Das Publikum lauscht andächtig und spendet den Sängern Kupfermünzen. Eine Tänzerin, in bunte Schleier gehüllt, tritt auf; sie mag weit aus dem Innern Afrikas stammen, die ganze Glut der Tropen liegt in ihren geschmeidigen Gliedern, sie tanzt nicht den gewöhnlichen Danse de Dentre, sondern irgend ein fernes, fernes Märchen, das uns sehnen und träumen läßt.
Die Macht ist tau, aus dem MittÄmeer weht ein duftend« Windhauch und drüber wölbt sich hoch und schwarz der Himmel, an dem die Sterne wie edelsteinbesetzte Kerzen hängen. Die Karawanen erheben sich und ziehen in die Wüste hinaus. Eine Schar von Arabern in weißflatterndem Burnus reitet vorüber. Die Rebengassen gähnen dunkel und geheimnisvoll. Aus den flachen Dächern erscheinen die vermummten Gestalten der Frauen. Hier und da ertönt eine Gitarre, und wir glauben, daß hinter den hohen Kaktushecken mit den süßen gelben Früchten langsam ein Mä^en- kalis, gefolgt von seinem Dezir, hervortreten könnte und daß all die frönen Geschichten von tausend und einer Rächt hier wieder wahr werden tonnten.
Schriftleitunq: V>r. Friedr. Milb. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'lchen Üiniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


