Ausgabe 
15.3.1924
 
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Stornier fast fcetSetfte und im Winter, toettn das Dach verfchrumpfte, streckten die schrvarzgrünen Därmen ih-re starken haarigen Arm« ^eichsam drohend in die Höhe, so daß die Sonne nicht wagte, sie zu streicheln. Aur mit den wilden Apfelbäumchen, die ein wenig abseits auf der Wiese standen, sprach sie vor Schlafengehen. Sn diesen Stunden ging ein würzigeres Duften durch den Wald und die Tiere sagten zu einander:Nun ist die Sonne gekommen." Damit waren sie zufrieden, denn sie kannten eS nicht besser. Die Birken aber schüttelten ihr Haar und lispelten miteinander und die Tannen streuten Duft vor Freude.

Alles dies, was sich mit Tieren, Bäumen und Sonne begab, Hatte sich nicht geändert, seitdem die Eisenbahn hierher gekommen war; auch hatte das Dal nicht an Stille, der Wald nicht viel an seiner Dichtigkeit verloren, die Bäume waren nur ein wenig zur Seite gewichen, das war alles. Und da, wo sie den schmalen Fahr-" dämm freilegten, zogen sich zwei glitzernde Eisenschienen. Zwischen oct gewaltigen Masten des Waldes sahen sie aus wie zwei dünne eilige Fäden, die etwa eine Riesenspinne hinter sich hergesponnen hätte. Kam dann der Zug herangeschüttert mittags von Norden und UM Mitternacht von Süden so war es nur, als wenn sich Sturmwind erhöbe über den Wipfeln, zornig hineinschnob und wieder davon keuchte, ohne ein Blatt zu betvegen. Langsam legte sich die weihe feucht« Schlange des Dampfes im Tale nieder, wurde breit und zerging zwischen den Kräutern. Jeden Tag. einmal um Mittag und einmal um Mitternacht. Aber niemals hielt der Zug an. Heran war er und hinweg und zitterte noch ein wenig in der Luft, wie Flügelschlag von grvhen Vögeln.

Jedesmal aber, wenn der Zug herangebraust kam, stand ein Langer, ernsthafter Mann auf dem Bahndamm«, stramm aufge» richtet, eine rotgeränderte Mühe auf dem Kopfe, die schwenkte er. Tag für Tag stand er dort, einmal um Mittag und einmal um Mitternacht.

Manchmal geschah es, dah ein kleiner blonder Knabe neben ihm stand, der mit großen neugierigen Augen dem vorüberrasseln» den Zuge nachschaute. And wenn der kleine Kerl so dastand, mit offenem Munde, den Kopf voll dicker goldener Locken, die im Winde spielten, die ganze, kleine Gestalt in Staunen und Bewun­derung versenkt, da lächelten die vorübersliegenden Gesichter ihm zu, Hände streckten sich aus und winkten und Kußhände flogen an sein ernsthaftes, rundes Kindergesichtchen heran.

Der Knabe aber, wenn der Zug verschwunden war, fragte fei- «en Vater:

Vater, sag, was sind das für komische fliegende Häuser?" Der Dahnwärter antwortete:

»Das sind unseres Herrgotts Affen kästen."

»Wo kommen sie her?"

»Aus der großen Welt."

»Wo fahren sie hin?"

»Rach Rirgendsrast."

»Aber warum eilen sie so, daß sie niemals anhalten mögen bei uns?"

»Schnellfahrt, Hoffahrt, mein Kind."

.And was mag es sein, was sie kochen, daß ihr Schornstein so gewaltig dampft?"

Kahlkopfbrei und Zipperleinsauce."

Damit drehte sich der Bahnwärter auf dem Absätze herum, baß es einen Ruck gab. ging festen Schrittes den Schuttdamm hinab und trat in seine Hütte. Dort tat er seine Mütze und Fahne an ihren Platz, legte sich auf die Fensterbank und verschlief den Rest des Tages.

Der fleine Jelte aber ging inzwischen die Schienen entlang. ®r betastete sie mit seinen bloßen Füßen, um zu spüren, wie heiß sie noch waren und wie sie allmählich erkalteten. Dis zur hohen» Flußbrücke ging er, die er nicht erklettern durfte. Aber er lief nicht etwa geradeaus, sondern beständig quer über den Fahrdamm, im Zickzack hinüber und herüber, so daß er seinen Weg verdrei­fachte, denn es gab ja so viel zu sehen, zu hören und zu erraffen, unterwegs I An jeder Telegraphenstange blieb er stehen und legte sein Ohr an das Holz.

Jede hatte eine andere Stimme, jede einen änderen Gesang.

Weg. fort," sagte die Erste. Die Zweite aber sang:O große Welt, o Leben."

»Reisen," jubelte die Dritte.

And die Vierte summte eine Melodie, die war so sehnsüchtig Und flagend, daß man sie nicht hören konnte, ohne zu weinen. Wenn aber der Wind ging, sangen sie im Chore, alle zusammen.

»Wir sind die Harfe der Zeit. Des Schicksals Finger sprelen to unseren Saiten."

Erzählt mir von der großen Welt," bat Jelte.

Eie flimmerten und summten:

Wir dürfen nicht. Wir dürfen nicht verraten, was durch un­sere Drähte läuft. Aber frage die Vögel, die auf unseren Porzellan­hütchen sitzen und lauschen. Sie lernen ihre herrlichen Lieder bei uns, die traurigen und die frohen. Frage die Vögel."

Da sangen ihm di« Vögel. Manches verstand er nicht, von dem, tvas sie berichteten, aber sein ganzes, kleines Herz schwtoll ihm in Sehnsucht; und da meinte er, es wäre das Verlangen nach der fernen großen 'Welt, in der es Menschen gab, die voneinander büßten, die Botschaften und Grüße miteinander tauschten und sich erzählen konnten, ob sie froh waren oder traurig

Dei sinkendem Abend holte ihn der Vater heim.

Sm übrigen kümmerte er sich wenig um Jelte. Es geschah dies werüger aus Achtlosigkeit, als aus dem Gefühl heraus, daß er nicht geschickt sei zum Kinderpflegen. Denn der Bahnwärter war ein ^sister Mann, der seit dem Tod« seines jungen Weibes fast das Reden verlernte. Auch war er wie mit Scheuklappen geboren, so daß er von der ganzen blühenden Welt nichs sah als die kurze Schienenstrecke, die er zu überwachen hatte. Daher erschien ihm dle Art seines Kindes, wie es bei jeder Blume am Wege, die zu trin­ken verlangte oder auch nur in Schönheit lockte, sich bückte und aufhielt, ebenso befremdlich wie befvrglich.

Armer kleiner Zickzack," sagte er oft,wie willst du einmal vorwärts kommen in der WeltI"

So wuchs denn Jelte in unbehüteter Einsamkeit auf, wie ein kleines Waldtier, wurde blühend und fein und half sich selber, s« gut es gehen woflte. Kummer kannte er nicht und Arbeit, um sich den Tag zu vertreiben, hatte er genug. Auf der Wiese zwischen den wilden Apfelbäumen und Dirken hatte seine Mutter einen Acker ausgegraben, den Pflegte er nun. Kartoffeln wuchsen darauf und Kohlhäupter und ein paar tausend Kornähren. Eine Kuh war auch noch da. Die stand auf der Wiese und sah mkt großen Augen in den Wald hinein. Sie stand so, daß sie die Bahnlinie nicht sehen konnte, und hörte sie den Zug heranbrausen, so drehte sie sich nicht um, denn es war eine Kuh, wie es sich gehörte, ganz ohne Neu gier. Fand sie nur Futter genug, so war sie zufrieden und ließ der Welt ihren Lauf. Die Wolfsmilch und die Herbst­zeitlose, wenn sie sich etwa breit machen woflten in ihrer Futter- schüssel (so nannte die Kuh die ganze Wiese, die ihr zur Weid« dient«), verstand sie gemächlich und säuberlich mit samt der Wurzel einzustampfen, daß ihnen das Wiederkommen verging. Die glän­zenden Butterblumen aber und die Veilchen ließ sie sich munden. Wenn sie zwischen dem Klee auf ein Hümvel vierblättriger Glücks­pflänzchen stieß, so focht sie das gleichfalls nicht weiter an, dem? es schmeckte und gedieh ihr genau so gut tote die dreiblättrigen. Sie war eine Kuh, wie es sich gehört.

Jelte aber kümmerte sich je länger, desto stärker um Re vor- überfliegenden Häuser. Einmal im Winter beugte sich eine Frau mit weißem Gesicht und großen schwarzen Augen weit heraus, da­bei nahm sie einen Strauß roter Rosen, die sie an der Brust trug und warf sie zu Jelte hinüber. Da lagen sie nun im Schnee und leuchteten. Jelte beugte sich zur Erde und hob sie auf. Sie waren warm und dufteten schöner als alle Waldblumen, die Jelte kannte.

Da füflten sich seine Gedanken heftiger als zuvor mit Sehnsucht nach der großen Welt, in der zur Winterzeit warme rote Rosen blühten.

Wieviel Sonne mußte es geben dort in der großen Welt! And er starrte und starrte.

Bleibe im Lande und nähre mich redlich," sagte die Kuh. Jelte aber meinte, daß es geratener sei, nicht mehr mit der Kuh von dem zu sprechen, was ihm in den Gedanken lag

So wurde er denn schweigsam, wie fein Baker war, trieb auf eine anmutig spielhaft« Weise sein Tagewerk, bestellte den Acker, melkte di« Kuh, suchte Beeren und eßbare Kräuter im Wilde für sich und den Vater und wanderte im Zickzack über die Eisenbahn­schienen hinüber und herüber, von einer Telegraphenstange zu der anderen.

Als er aber großer wurde, fingen seine Kleider an, ihm zu enge zu werden, auch waren sie nun schadhaft und alt, voller Löcher und Flecken, so daß sie mehr einem Bettlerlumpen glichen als einem wirklichen Kleide. Wenn daher der Zug herankam und die schön- geputzten Frauen und Männer aus der großen Welt h-rausschau-» ten, rief der Vater jedesmal:

Jelte, verstecke dich!" denn er schämte sich Dann v-rsteckte sich Jelte hinter den in buntem Ankraut fröhlich blühenden Misthaufen. Aber sein« Augen blickten neugierig darüber hin.

Einmal, an einem Weihnachtsmorgen, fand der junge Jelte auf den Schienen einen schneeweißen Fuchs, dem waren beide Vorder­beine zerbrochen und er bellte kläglich. Jelte verband das herr­lich glänzende Tier imd machte ihm in der Rähe des Kuhschnppens ein weiches Lager zurecht, wo es warm war und drrrkel. Das kam dem Füchschen gerade recht, denn es befand sich auf der Flucht vor den Bailern, in deren Schobern und Ställen es allzu eifrig Hühnerfedern gesät hatte.

So bekam denn Jelte Gesellschaft.

Jeden Abend, wenn es dunkel wurde, ging er zum Kuhschuppen und ließ sich erzählen.

»Warst du niemals zur Dogelredsute?" fragte der FuchS und feine schrägen schwarzen Augen leuchteten, seine Darthaar« sträub­ten sich, daß sie knisterten.O. es ist herrlich dort: sobald ich -sin- trat, ging der Danz los. Wie sie sprangen, tote sie flatterten! Die beste Tänzerin der großen Welt kann es nicht besser."

Du warst also in der großen Welt?" fragte Jelte.

Füchschen tag eine Weil« still in seinem Winkel zusammen- gervllt wie ein großer weißer Schneeball, der ans Schmelzen denkt, dann zog es die schlanke Rase kraus. Das konnte sowohl ja büßen als nein. Denn Füchschen mochte nicht eingestehen, daß es noch vor wenigen Tagen nichts kannte, als die von üblen Gerüchen er­füllte Waldhöhle feiner Mutter, aus der ihn gestern der Hunger auf Deute geschickt hatte, ins Dorf hinein, das am Eingang des Tales, hinter dem Walde lag.