Jelte, der gickrzack.
Von Anselm« Heine*).
Es ist einmal eine große Eisenbahn gebaut worden, die ging von einem Ende der Welt zum andern, denn so wünschten es die Könige, die damals lebten. Sie meinten, die allgemeine Zufriedenheit würde größer werden, wenn jeder Unruhige in den Stand oder doch mindestens in die Hoffnung gefetzt würde, seine Sehnsucht zu befriedigen. Der Baumeister, dem dis grrßc Werk aufgetragen war, hatte einfach einen dicken Strich durch die Landschaft gezogen, schnurgerade von Vörden nach Süden. Da sollte die Eisenbahn laufen. Und da lief sie nun. Hin und her, einen Tag tute den anderen: denn es war ein unbändiger Eifer unter die Menschen g<^ kommen, ihre bekannten Hebel gegen unbekannte zu vertauschen und zu prüfen, ob nicht etwa in den Vinnsteinen der fremden Städte Wein mit Ävsinenbrvcken flösse, anstatt Svülwasser.
Ungefähr in der Mitte der Bahnlinie aber befand stch ein dunkles stilles Tal, das war ganz mit grünen Wäldern ungefüllt Keines Menschen Fuß hatte das einsame Waldtal betreten, ehe die Holzfäller gekommen waren und die Bahnarbeiter, um der Eisenbahn Weg zu schaffen, und die Tiere hatten ungehindert ihren Kampf, ihre Lust und ihr Spiel betrieben, soviel sie wollten, je nachdem die Vot oder die Wonne ihre Triebe lenkte.
Es war ein wenig düster in dem Sale. Im Sommer hieltm die Buchen ihr grüngoldenes Dach so hoch empor, daß es dett
•) 3n der reizend ausgestatteten Sammlung des Mosaik- Berlages, Berlin, gibt Änselma Heine drei finnisch Vellen heraus, die nicht nur ein gut gezeichnetes Bild finnti$en Lebens geben, sondern darüber hinaus mit warm nachempsmoen dem Herzen und feinem künstlerischen Verständnis m du?
des uns Deutschen seit dem Weltkrieg aufs innigste verbunden^ finnischen Volkes eindringen. Die Schauer der Vordlandslano- schäft mit ihren endlichkeitsfernen Felsemneeren mit ihren w-m men Mooren und düsteren Wäldern gibt auch den Menschen Gepräge, gibt ihnen die unstillbare Sehnsucht nach dem Licht. n<w Erlösung.
entstand so eine Art Söldnerdienst. Die Schützengilde gal« alS „Stoßtrupp" und beanspruchte ein besonderes Vorrecht: sie bildete die „Garde" neben dem „Ausschuß, der .^ausgeschtesie- nen" Mannschaft. Wenn auch der germanische „Heerbann m seiner alten Bedeutung geschwunden und in seiner alten For-m nicht mehr vorhanden war, so bestand doch noch grundsätzlich das Recht der Heranziehung der Untertanen zum Wehrdienst, vornehmlich auf dem flachen Lande. Sv haben wir denn auch archivalische Quellen, wonach in Laubach in regelmäßiger Welse der „Ausschuß" eingezogen, in den Waffen geübt und durch den „Ausfchußhauptmann" „inspiziert" wurde Diese Hebungen und Besichtigungen fanden auf der „„Haste ftatt, bem alten Markt platz wo heute noch die drei prächtigen Dackerltnden ) als Wahrzeichen alter Zeit an die vergangenen ^a^hunderte gemahnem Dicht dabei auf dem rechten Ufer, steht noch das letzte Dorwerk der äußeren Befestigung von Laubach, die sich längs besS Baches hinzrg. Dom ztveiten Stockwerk dieses Vorwerte besichtigte der itctoSgraf Chttstian August (1738-1784) d« Hebungen beÄ Aus- MuffeS und seiner Truppen (er unterhielt ein Bataillon Fust- votk mit einer Grenadierkompagnie und einer Husarenschw-Wrvn). Bis MM Anfang des 19. Jahrhunderts erhielten sich di« Exerzier- und Schießübungen des Auss chusfech der Londmiliz mit deren Dreisschießen auch ein solches der Schuhmigesellschast verbunden wurde. Der Graf stiftete für den besten Schutzen einen Hammel bie Gräfin ein Kleid für den zweitbesten Schutzen. Mit dem Ende des alten Deutschen Reiches und der (Sinixrletbung der Reichsgraffchaft (1806) wurde jedoch diese alte Sitte abgeschafft und das alte Fest wesentliche eingeschränkt. Rür die -Schutzen- gesellschast" setzte noch das Preisschießen alljährlich fort. Dte Erinnerung an das alte glanzvolle Ausschußfest blieb ledoch. Die Erzählungen der Alten, die als junge Leute und als Kinder das eigenartige Volksfest noch gesehen und mitgemacht hatten, hielten das Andenken an die gute alte Zeit lebenbig und er» tr-edten das Verlangen an eine Erneuerung. So gab sich in diesem Sinne die Laubacher „Schützengesellschaft" am 28. Mai 1844 eine Deisiassung, nahm neue Satzungen an und richtete an den Grasen Otto durch eine besondere Abordnung die Bitte, zum nächsten Schützenfest wieder den Festhammel zu schenken. Durch „Resolution vom 3 Juni entsprach der Gras dieser Ditte, unter der Bedingung, daß eine solche Anzahl von Bewohnem daran sich beteiligen würde, daß das Fest auf ähnliche Weise den Charakter eines Volksfestes annähme, wie der frühere Ausschuß es war. -Ausdrücklich aber erklärte der Graf, daß er weder kür sich noch für seine Vachkommen eine „Verbindlichkeit" übernähme. Die Anregung zur Erneuerung des Festes ging von Konrektor Schaab (1800 bis 1890) aus, demselben Lehrer, dem im Jahre 1900 seine dankbaren Schüler zur Erinnerung an fernen 100. Geburtstag auf dem Rams- berg ein Denkmal errichtet haben. ,
Als Festtag wurde der 12. Juni bestimmt. Das Fest, dl y. das alte Preisschießen, hing eng zusammen mit dem Laubacher Sommermarkt, der seit altersher am 2. Dienstag vor poßanrn gefeiert wurde. Dieser Termin bestimmt das Fest noch heute. Morgens um 6 Hhr wurde durch zwei Tambours in allen Stadtteilen bas erste Zeichen zur Versammlung vor dem Rathaus, gegeben, dieses Zeichen wurde um 7 Hhr durch ein Musikkorps wiederholt. Hm 8 Hhr traten die zehn Sektionen, jede 20 Wann stark, vor dem Rathaus an. Der Festausschuß holte die Fahnen vom Rathaus und übergab sie den Trägern. Der Hauptführer zog sodann den Säbel und kommandierte mit den alten Defehlsworten: „Achtung! - Führer auf die Linie! — Richt euch! — Mit Sektionen rechts schwenkt, vorwärts marsch!" — Mit Musik und Trvmmelschlag setzte sich der Zug hierauf in Bewegung, marschierte in den Schloßhost begrüßte den Grafen mit einer Ansprache, die von diesem erwidert wurde, uiti> nahm den geschmückten Festhammel in Empfang. Die übrigen 10 Gaben wurden von der Gesellschaft gestiftet und ebenfalls tote der Festhammel von Kindern im Zuge mitgeführt. Der Zug bewegte sich durch das obere Schloßior, die obere Langgasse und bie Hnterpforte nach der Halle. Hier fand nun bis zum Abend das Preisschteßen statt. Am Rachmittag erschien der Graf Otto nebst Gemahlin (geb. Prinzessin von Wied) und wurde durch dreimaliges Schwenken der Fahnen und dreimaliges „Lebehoch!" begrüßt. Der Graf nahm ebenfalls am Preisschteßen teil und gab auf die „Hammelscheibe" zwei gute Schüsse ab. Die Gräfin sandte Stvff zu einem Frauenkleid.
In fast der gleichen Weise wird das Fest auch in der Gegenwart mit kleinen Qlbänberungm gefeiert. Anstatt 10 Optionen $u je 20 Wann sind es jetzt 13 Sektionen zu je 25 bis 30 Wann: die Sektionen rangieren nach dem Alter. Die siebente Sektion wird stÄhmd von den Veteranen 1870/71 gebildet. Das Amt des „Platzmeisters", der die oberste Aufsicht hatte, ist an dm „Ausschuß- Hauptmann" übergegangen, der an bie Stelle des früheren „Hauptführers" getreten ist. Die einzelnen Sektionen werden nun von sog. Hauptführern kommandiert. Aber sonst wird die alte Ordnung
•) Hnter diesen Linden hatten die Bäcker an Markttagen ffyte Verkaufsstände. Wenn ein Bäckermeister neu in die Zunft aus genommen wurde, mußte er eine Linde pflanzen. Hetzt ist unter den Linden der Tanzboden $ur Belustigung der Jugend Mlfgescklagen. — Mit dem Ausschußsest ist schon seit alter Zeit ein Markt, der sog. „Ausschuß-Martt" (ein Schweine- und Krämermarkt) verbünd«.
Srena befolgt. Auch die alten Kommando«, die feit etwa 1880 urch die preußischen Befehlsworte ersetzt worden waren, sind auf Anregung d s Verfassers dieses Artikels seit einem Jahrzehnt tote« der eingeführt worben. „ , ,
Das Fest, das früher auf einen Tag sich beschrankte, touröel vor drei Jahrzehnten auf drei Tage ausgedehnt. Berge von Kuchen wurden gebacken, gewaltige Schüsseln werden mit Würstchen gefüllt Don nah und fern ziehen bie Festgäste, vorab i>ic eingeborenen Laakächer" freudestrahlend in die alte Heimat, in das traute, reichgeschmückte Städtchen. Am Sonntag, mittags 4 Hhr, wird der „Ausschuß" durch eine Vorfeier mit Konzert und Vvlksbelusti- gangen (Karussel, Schießbuden, Kraftmessern usw.) auf der Halle eröffnet. Der Montag ist der Hauptfesttag. Hm 9 Hör tritt dev Zug auf dem „Marktplatz" (historisch richtiger: Linde-Platz!) an, bewegt sich in der alten, oben geschilderten Weise zum Schlosse und sodann durch die Hauptstraßen nach dem Festplatz. Hier beginnt! sofort das Preissckteßen. Früher erfolgte dies auf dem Festplatz. Die Schützen schossen von der Halle des „Schützenhofs" nach den Schießständen auf der Südseite des Platzes. Seit 1904, nach Eröffnung der Bahnstrecke Laubach—Freienseen, als die alten Schieß- stände für das Dahngelände benötigt wurden, ziehen bie einzelnen Sektionen über die Hungener Straße nach der neuen Schützenhalle. Es wird auf 2 Scheiben geschossen: auf der „Hammelscheibe" gilt der Wettbewerb den gräflichen Stiftungen, dem Hammel und dem von der Gräfin gestifteten schwarzen Frauensteide. Auf der „Gabenscheibe" wird nach den von der „Aussch-ß-Gesellfchaft" gestifteten Preisen geschossen. Währenddessen belustigen sich die anderen Festgmossen vornehmlich mit dem Vertilgen der trefflichen! Laubacher Würstchen. Man sitzt in.den Hallen des Schützenhvfs ober in den Feist Hütten: zwischendurch ergeht man sich auf dem Festplatz, fährt Karussel ober macht ein Tänzchrn unter den Linden. Rach Beendigung des Preisschießens werden auf Grund sorgfältigster Prüfung bie Preisträger festgestellt. Der „Hammelschütze" (Schützenkönig- begibt sich in feine Wohnung Sodann zieht bte Sektion, der er angehört, mit Musik vor fein Haus und bringt ihm den Hammel. Darauf wird der Hammel in ein Fenster des zweiten Stocks gebracht, von wo er mit ernster Miene auf die Menge herabblickt, die zusammenströmt, um bietet ullge Schauspiel zu genießen. Sodann begibt sich die siegreiche Sektion zum Schlosse, wo der Gras dem Schützenkönig die Denkmünze übergibt, die er nach erlangter Mündigkeit (1920) stiftete. Die Münze ist in Taker- form von Hofjuwelier Schneider in Leipzig sehr schön ausgeführt. Avers: Gesam<toappen Svlms-Laubach (Solms. Münrenberg, Sonnenwalde, Wildenfels). Hmschisift: Gm-rg F ied' ich Gras zu SÄsms-Laubach Revers: Dem Hammesichützen geftif et Ausschuß 1920 (in lat. Majuskeln). Dieser Festtag wird durch einen Ball im Schühenhof abgeschlossen. Am Dienstag morgen wird ein von weither besuchter Schweinemarkt auf der Halte abgehalten. Am Rachmittag findet wieder allgemeine Volksbelustigung (Wettlauf mit Preisen, turnerische Ausfühmngen, Hahueulchlag usw.) statt, womit der „Ausschuß" abgeschlossen wird. Am Mittwoch zieht das Städtchen sein Festkleid wieder auS.


