Ausgabe 
14.10.1924
 
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Der einem Wirre wundermild ...

Don Fedor von Zabeltitz.

In einem Gasthaus ist der Wirt naturgemäß die wichtigste Persönlichkeit, von ihm und seiner Tüchtigkeit hängt der Rus der Herberge ab. So pflegte beispielsweise der Agrarier in früheren Zeiten auf die Frage, wo er in Berlin abstiege, zu antworten: Beim alten Mühling." Damit meinte er den Besitzer des nun auch von der Bildfläche verschwundenen Hotels de Roma. Merk­würdigerweise aber benannten die Besitzer selten ihre Gaststätten nach dem eigenen Namen. Einige wenige, wie Töpfer und Janson in Berlin, Kasten in Hannover, Markwardt in Stuttgart, Hill- mann in Bremen, bilden nur Ausnahmen. Bei Neugründungen! von. Hotels ist die alte Sitte ganz abgekommen, man zieht an-, dere Benennungen vor.

In vergangenen Zeiten kannte man Len Ausdruck Hotel noch nicht. Der Franzose hatte seine Auberge, der Engländer sein Inn, der Deutsche in den Städten die Herberge und auf dem Lande den Krug, denKrog". Ein Stern im Kranze von Tannenzweigen bezeichnete ihn a[S Gasthof, und eine der ersten, wegen der Nähe einer Wallfahrtskirche vielbesuchten Ruhestätten für ermüdete Rei­sende war der Krug zum grünen Kranze, der um 1250 an der Kreuzung der Straßen nach Prenzlau, Alt-Landsberg und Oder­berg östlich der groben Sandhaufen lag, aus denen sich später der Berliner Alexanderplatz entwickelte. Die frühesten Gasthvfnamen bleiben denn auch am Grünen Kranze, am Stern und an ähn­lichen Naturbildern haften, an der Sonne, auch am Grünen Daum, der häufig wieder spezialisiert wurde, wie zur Linde oder zur Groben Eiche. Daneben hielt man sich gern an die Tierwelt. Der Schwarze Adler, das Weibe Lamm, der Blaue Hecht, der Goldene Löwe, der Rote Ochse, der Schwarze Bär, die Daube, der Greif, fanden sich vielfach auf den Gasthofschildern des Mittel­alters im Wilden Schweinskopf zu London tobte der dicke Falstaff mit seiner Bande sich aus. Oft waren die Tiernamen auch den Wappenbildern der Länder und Städte entnommen: der Adler wies auf Lübeck Hin, der Bär auf Berlin, der Ochse auf Mecklen­burgs Büffelkvpf, der Greif auf Baden, der Goldene Löwe auf Bayerns Wappentiere. Die drei Kronen auf dem Schild eines Berliner Gasthofs um 1700 nahmen sicher auch schon Bezug auf Schweden, von dem die preußischen Chronisten seit Gustav Adolf mancherlei erzählen konnten, was nach der Thronbesteigung Karls XII. für uns neues Interesse gewann.

In gewissem Sinne waren die Namen der Gasthäuser zugleich Wegweiser für die Reisenden aus fremden Ländern. Länder- und Städtenamen gesellten sich daher ganz von selbst zu der Herbergen- Zoologie. Daß baldl nach per Königskrönung Friedrichs I. in der Berliner Drüderstrabe ein Gasthof zum König von Preußen ent­stand, liest sich erklären. In der gleichen Straße gab es übrigens gegen 1711 auch einen Gasthof Stadt Paris und in der Breiten Straße einen König von England: Das sollte wohl noch Wil­helm III. sein, aber um diese Zeit regierte jenseits des Kanals schon die Dame Anna. Die Berliner Gasthöfe jener Tage hatten die obrigkeitliche Erlaubnis,Gäste zu setzen", d. h., sie hatten ihre Westi- und Bierstuben, Kneipen moderner Art gab es noch nicht. Die Stadt Rom Alin-ter den Linden, an der Ecke der Stallgasse, entstand- erst unter Friedrich dem Großen: gegenüber auf der an­deren Seite des schon stattlich gewordenen Boulevards lagen die Sonne und der Hirsch, der 1824 in die Klosterstraße übersiedelte.

Der Gasthausname Hof hatte ehemals durchaus noch keine Beziehung zu den dynastischen Höfen. Die gröberen Herbergen des Mittelalters waren vielmehr wirkliche Höfe mit Reise- und Lastwagen und abgeladenen 'Waren aller Art, mit angehalfterten Gäuleip oft auch mit kleinen Viehherden ähnlich so wie die Ka­rawansereien in den Landstätten des fernen Ostens heute noch sind. Hinter den Holzgalerien, die den Hof im ersten Stockwerk umgaben, lagen die Zimmer für die vornehmen Reisenden. Ein oft sehr kunstreiche gearbeitetes, schmiedeisernes Wahrzeichen hing über dem Tor an der Straßenfront, ein Kranz, ein Stern, ein Wappentier. Die Bezeichnung Hof in Verbindung mit den Mon­archien und ihren Residenzfitzen kam erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf. Der Hof von Holland und der Englische Hof fingen an, und bald hatte das kleinste Provinznest seinen Preuhi- schen, Bayrischen, Darmstädter, Sächsischen, Oesterreichischen oder sonst einen Hof, bis schließlich der Kaiserhof triumphierend den Bogel abschoh. Auch die Namen von Monarchen tauchten auf den Schildern auf, der Alte Fritz, Maria Theresia, König Wilhelm, Königin Viktoria und' die berühmt gewordenen Prinzen, wie der Prinz von Savoyen, Prinz Conde, Prinz Heinrich, Prinz Wales. Frühzeitig haschte man schon nach Aktualitäten. Als Baron Neu­hofs sich in toller Abenteurerlust zum Herrscher Korsikas aufzu­werfen versuchte, nannte sich schleunigst ein Gasthaus in Livorno Der König von Korsika, änderte nach Vertreibung Neuhoffs aber sein Schild vorsichtig um und titulierte sich einfacher Zum Korsen. In monarchischer Huldigung erstarben auch die Gasthausschilder. Im Hotel Coburg in Sofia bin ich selbst noch abgestiegen, und im New Chedivial in Kairo habe ich gastliche Aufnahme gefunden.

Natürlich durften Heerführer, Admirale und Staatsmänner nicht nachstehen. Der Marechal de Turenne im Haag existiert wohl noch, auch der Tegethoff in Wien. Einem Alten Wrangel und einem Alten Blücher bin ich in märkischen Kleinstädten be­gegnet, aber nie einem Hotel Bismarck das es sicher in einigen

Orten geben durste wohl aber einem Gasthof zum Reichskanzler, wobei man von Bismarck bis zu Marx an alle denken kann, ohne daß man sich dabei politisch festzulegen braucht. An Künstlernamen erinnert das Hotel-Cafe Rembrandt in Amsterdam, an Goethe das Hotel Weimar in Marienbad, in jenem Hause, in dem das Herz des alten Herrn sich für Ulrike von Levezow erwärmte. Deutsche Hotels im Ausland führen ihre Namen gern auf die Heimat zu­rück. Im Paris des 18. Jahrhunderts stiegen die Deutschen ge­wöhnlich im Hotel de Daviere ab, das ein Herr Mundelheim leitete.

Andere Gasthofsnamen knüpfen an bestimmte Sehenswürdig­keiten der betreffenden Stadt oder ihrer Umgebung an, so die Porta Nigra in Trier, der Tempio in Girgenti, die Grotte Mail in Capri, das Taj Mahal in Bombay (nach dem berühmten Grab­denkmal in Agra) und hundert andere. Sogar die Austernbänke bei einem Hafenstädtchen in der Normandie haben Gasthöfen zu Namen Verholfen: Rocher de Cancale heißt nicht nur ein Pariser Restaurant, sondern auch ein Hotel in Brüssel. Das Grand Hotel schlankweg, ohne nähere Bezeichnung, begann sich vor etwa fünfzig Jahren in Paris breit zu machen und eroberte sich schnell die Welt. Aber schon 1780 gab es, wie ich aus einem Memoirenwerke ersehe, in Paris ein Hotel Grand Bourbon da lag die Größe noch in dem Beinamen, später dehnte sie sich auf das Haus selbst aus und wurde zum Selbstlob. Das Grand wurde vor das Wort Hotel geschoben und der Beiname hinterher; ich stieß sogar in einer freundlichen norddeutschen Stadt auf eine Verdoppelung, nämlich auf ein Grand- Hotel zum Großen Kurfürsten. Dann stürzte sich eine neue Modewelle über die Gasthöfe. Sie kam von England herüber. Terminus ist die englische Bezeichnung für Kopf- und Endstation, und da nannten sich denn auch in Deutschland viele in Bahnhofsnähe gelegene Hotels Terminus. Dazu traten Conti­nental, Metropol, Monopol, City, Palace und« die Namen englischer Ortschaften wie Bristol, Windsor, Osborne, endlich in gedanken­loser Nachahmung Londoner Vorbilder Carlton und Savoh, ob­schon der eine Name von einem Klub, der andere von einemTheater Londons entnommen wurde, also lediglich lokale Bedeutung hatte. Auch Excelsivr, Eden, Imperial, Royal, Park sind englischen Ur­sprungs in bezug auf die Hotelnamen kann man also immerhin von einer Anglomanie sprechen.

Selbst heilige Leute, wie St. Lukas und Florian, sieht man zuweilen auf Gasthausschildern (besonders in Tirol) verewigt; in Amsterdam gibt es sogar ein Bibel-Hotel. Ein Berliner AdrHbuch von 1828 führt ein Hotel Zum Goldenen Engel auf, das zweckent­sprechend- in der Heiligengeiststrahe lag. Daß zahllose Hotels Zur schönen Aussicht ihr Dasein fristen, ist nicht weiter verwunderlich. Eleganter pflegen sie sich als Bellevue oder Boa Vista (Macao) zu bezeichnen vd-er auch als Bel Air (in Suez). Im Orient haben sich viele Raststätten Hotel de l'Europe getauft, um daran zu er­innern, d-atz- man da von europäischer Kultur umgeben ist. Welt­bürgerlich tritt das Cosmopolitan Hotel auf (in Hhdarabad z. B.), gesellschaftlich umfassend das Civjl und Military Hotel, in dem ich in Delhi wohnte. Ein Schlafwagen-Hotel, Grand Hotel des Waggons Lits, lag vor dem Weltkrieg in der Gesandtschaftsstrahe in Peking, und, im Gegensatz zu der erwähnten Betonung des Europäischen, hält das Oriental Palace Hotel in Yokohama an der Kultur des fernen Ostens fest.

Die kleine Auswahl von Hotelnamen zeigt, wie stark auf diesem Gebiet Phantasie, Mode und kluge Spekulation zusammenfließen. Aber die Hübschen, anmutigen, alten Namen sind fast ganz ver­schwunden. In einem Hotel Zum Grünen Baum stieg ich zum letzten Male im Feldzuge ab in Peterwardein.

Karrel und sein Freund.

Bon CharlotteNiese.

(Fortsetzung.)

Bei WolfL Schmidt gab es Arbeit von morgens bis abends, aber die Leute betrogen nicht, und sie wußten auch nichts von Dieben und greulichen Frauenzimmern. Langsam trank er feinen Punsch und spielte mit Fix, dem Hunde, der den ganzen Abend knurrte und böse nach Guschi hinübersah. Es war ein häßliches Tier, halb Spitz; halb Teckel; Guschi riet Dante Marenka, einen feinen Rasse­hund zu nehmen und diesen Köter ertränken zu lassen; aber ob­gleich die Tante andächtig auf das hörte, was Guschi sagte, so schüttelte sie hierzu doch den Kopf. Fix war ein treues Tier, und er gab- gut acht auf sie.

Auf Ihre Schätze, gnädige Frau!" rief Guschi, worauf sie ihm einen kleinen Schlag auf die Hand gab: Sie hatte keine Schätze, sie war eine arme Frau und verdiente mühsam ihr Brot. Dann sprach sie von andern Dingen.>

Als Karrel in dieser Nacht nach Hause kam, hatte er Heim­weh. Er dachte an fein stilles Heid-edorf, wo sie nun alle schon schliefen; vielleicht nur nicht der Nachtwächter. Vater hatte heute abend- in der Bibel gelesen und um ein gutes neues Jahr gebeten, und Mutter hatte Schmalzknchen gebacken. And Hinrich, der Schulmeister werden sollte, war wohl in den Ferien zu Hanse und ließ sich Trines Schulbücher zeigen. Er war ja so fürs Lernen, und vielleicht war es gut, teertn man etwas wußte. Aber am besten war es doch zu Hause, in der heimlichen Stube, im Frieden des Hofes. Karrel war noch traurig, als er einschlief; aber als er er»