Ausgabe 
14.10.1924
 
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Eichener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (92$ Dienstag, den K Oktober Hummer^

An die Freundschaft,

Von FriedrichNietzsche.

Heil dir, Freundschaft!

Weiner höchsten Hoffnung Erste Morgenröte!

Ach, ohn' Ende

Schien ost Pfad und Macht mir, Alles Leben

Ziellos und verhaßt!

Zweimal will ich leben, Nun ich schau in deiner Augen Morgenglanz und Sieg, Du liebste Göttin!

Gedanken an Nietzsches 80. Geburtstag.

(15. Oktober 1924.)

Von Dr. Anselm Rue st.

Was hätte Nietzsche, aus sich rollendes Rad, ewige Bewegung, heute an seinem 80. Geburtstag seinem Tagebuch anvertrauen' müssen?

Er, der seit erstem erkennenden Erwachen Selbstanalhse trieb, mit dreizehn Jahren ein BüchleinAus meinem Leben" schrieb, Tagebücher über Tagebücher füllte, in allen Werken und beson­ders noch den späteren Vorreden nicht wenig Selbstbivgraphisches gab, bis er an seinem letzten gesund erlebten, dem 44. Geburtstag die Autobiographie katexochen, denEcce homo" wie einen Hchwanengesang ohne ihn freilich so schon zu meinen! hin­warf, nach fernsten Zielen warf: was hätte er nun heute, nach wieder einem Menschenalter, eintragen, bekennen müssen?

Anders jedoch: kann man sich vorstellen, daß Nietzsche ein Greis geworden wäre, in sich ruhend unb lebenssatt, einvoll­kommener Mensch", wie Goethe, wie Kant?

Dies ist, rücken wir denn die Frage einmal ins volle Blick-- zentrum, in ihrer ganzen Tragweite, ihrer schon sofortigen, wie unlogisch" wirkenden Extremität und Abseitigkeit, überhaupt nicht auszudenken, gar nicht bis ans Ende zu denken! So daß bei­nahe etwas von jener höchsten Realität des Physischen, Leiblichen allein aufzusteigen scheint, die Nietzsche selbst immer vorgeschwebt hat; die als letzteWohlgevatenheit" tatsächlich so gut denn aus einem vierzig- wie achtzigjährigen Leben bereits restlos aus- strahlen, sich vollkommen in ihm manifestieren könnte. Eine Reali­tät, die alsnur-materielle" von Schwächlingen zu lange ver­dächtigt, im Gegenteil noch immer eigentlichste Wirkungen aus­lösen,Hand auf Jahrtausende, wie auf Wachs" legen soll, schwerer jedenfalls, als alles von Nietzsche so gehabte, verfehmte Gespenst der Idealität, ilnsterblichkeit,Seele" ....

Ein unerhört steil sich aufdrängenöes Ganzes, ein gradester Aufstieg, Willenskosmos, ein von außen mit erkenntniskritischer Schneide", mitzersetzender" Logik unangreiflicher Organis­mus, Individuum oder Atom: sowird" tatsächlich Nietzsche noch immer, noch heute, vor unseren freilich diskursiv ausnehmenden Sinnen lediglich, was erist" d. h. was er schon von Ewig­keiten her gewesen, darum auch in Zukunft ewig sein wird und sein must ... Ob ein Tag oder tausend . . .; vor ihm variiert sich das Dibelwort:Tausend Jahre nur* tote ein Tag".

Wir aber, die Lebenden, sind darum auch die Zeitlichen noch: wir haben keine andere Form der Auffassung, kein Beispiel für Leben, das anders abrollt als in der Zeit. Änd in Beantwortung der Frage, ob eigentlich Nietzsches Zeit schon gekommen, ob er beispielsweise gesetzt er lebte dennoch selbst seinem Tagebuch heute einzeichnen könnte:Die Umwertung aller Werte" (bei jenem ersten großen zusammenfassendenVers u ch" war es bekanntlich, Latz- der schwarze Fittich des Wahnsinns sich über sein Schaffen breitete!)weiter und weiter in sichtlicher Fortwirkung; die Moral allgemein als DekaLenzsymptom; Leibniz und Kant alsgrößte Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europas" end­gültig durchschaut und abgetan . . .", must ja sogar Las Gegenteil am ausfälligsten sogleich ins Auge springen.

Das Jahr des 80. Geburtstags Nietzsche's ist zugleich das des 200. Immanuel Kants; und immer noch zittert die geistige Luft Europas von der Erinnerung an diesen, nein, Wiederhinwendung gerade zu ihm!

Ja, aus einer gewissen Perspektive müßte es da manchem fast sogar erscheinen, als ob Nietzsches Stern heute überhaupt erloschen

sei. Manchem zum mindesten, der eine andere Alternative als die derunerbittlichen Logik" (so logisiert er bereits!) kraft der einen Vernunft gar nicht fassen und daher eindeutige, einzigeFolge'' daraus ziehen zu müssen meint: Entweder Moral oder Im- moral! Wie, hat etwa der Jmmoralist Nietzsche die Kantischen Fundamente der Moral erschüttern, logisch widerlegen können? Also!" Beide Wege zugleich kann die Menschheit jedenfalls nicht gehen . . .

Aberwer" ist in diesem und jenem Falledie Menschheit"? Hat es der Formelsucher der Wahrheit, der Förderer nur glat­tester Entscheidungen einmal tiefer durchdacht?

Hat ein ganzes Jahrhundert der erst nach Kants Werk ein­setzenden allerkühnsten, allerentfesseltsten Willensmetaphysik, die mit einer solange nur erblickten Physis des Wollens, einer bloß rohen und ungebändigten Natur der Triebe, unmöglich das Ent­fernteste mehr zu tun haben kann, den Enkel, das heutige Ich, nicht ahnungsvoll wenigstens schon belehren können, hast Der, um den es geht, der jedesmal nur einzige Träger, Verantwortliche seines Tuns, von feiner allgemein gesetzlichen Vorschrift oder Form eh überhaupt erreicht wird?.

Die Wahrheit, die Realität selbst muß mit einem Widerspruch behaftet sein": so drängte sich's sogleich nach Kant, der die letzte fast übermenschliche Anstrengung versucht hatte, sie gerade wider­spruchslos zu fassen, allen durch ihn freilich erst an die Wurzel des Erkennens geführten Philosophen irgendwie übereinstimmend auf; so Hegel wie Stirner, so Schopenhauer tote Bahnsen.

Und so hat sich, als ein Faktum stärker als Logik, auch das Eigentümliche grade ereignet: UeberHaupt die beiden einzigen nur möglichen Feuerstrome der Ethik, die dem Modernen wie eine Fackel den heutigen Weg des Handelns erhellen, sie spürt er aus gerade entgegengesetzten Richtungen her, aus Kant der eine, aus Friedrich Nietzsche der andere entsprungen, kommen, und trotz­dem wie in einer Mitte dieses Weges sich treffen! Er fühlt, Last sie sich treffen können und sogar müssen: in einem menschlichen, ja dem allermenschlichsten Herzen oder Wesen. Nichtdie" Mensch­heit, dieallgemeine" Menschheit oder Vernunft kann es mehr sein, der das älteste Gesetz einerMoral" aber auch keine allgültige Umwertung" sämtlicher Werte als starre Gebotentabelle einfach zu Häupten aufgeßängt wird; sondern Person, Individuum, nie* seiendes, aber ewig noch werbendes Ich heisti nach Nietzsche (und verborgener feit Stirner) der unsterbliche Kampfplatz, auf dem die­ses Wissen um jedes nur eigene Handeln erobert wird.

Heute sei nicht von der unendlichen Einwirkung der Sprache, der Worte des Künstlers Nietzsche, von Stefan George, Hille, Holz angefangen über Dehmel, Mombert, Panizza, Däubler hinweg zu Len Jüngsten um Benn die Rede. Hier seien erwähnt nur noch die Lenkerischen Bestrebungen, beginnend mit dem Rembrandt- deutschen uiii> alle dann kreisend um dasindividuelle Gesetz bet Georg Simmel, und einen neu zu fassenden, gerade von Nietzsche noch immer inspirierten Wahrheitsbegriff, zu dem heute allerlei fruchtbare Anfänge jedenfalls schon vorliegen: in den Untersuchun­gen z. B. moderner Individualisten und Personalisten sowie der Schule und Kreise um Ziegler, Flake, Pannwitz, Keyserling, Feld­keller u. a.

Aus Nietzsches Kindheitserinnerungen.

Nietzsche, der tragische Einsiedler, hat sich bei seinem Empor­klimmen in immer höhere Sphären des Gedankens von allen Er­innerungen und Ueberlieserungen, die ihm anhafteten, in einem heldenhaften Kamps zu Befreien gesucht, aber an der Seligkeit seinesKinLerlandes" hat er immerdar gehangen, und dieses sehn­süchtige Zurückschauen auf seine Jugend ist vielleicht der rührendste Zug im Charakter dieses unerbittlich strengen Denkers. Da sich mm am 15. Oktober fein Geburtstag zum 80. Male jährt, wird unser! Blick besonders auf diese Idylle feiner frühesten Jugendzeit ge­lenkt, die über die ganze Tragik seines Lebens einen freundlichen Schimmer gebreitet hat. Seine Schwester, Elisabeth Förster- Nietzsche, die in den beiden BändenDer junge Nietzsche" und Der einsame Nietzsche" ihrer bei Alfred Kroner in Leipzig erschie­nenen Biographie die wichtigsten Zeugnisse für seine erste Kind­heit beibringt, schildert uns den Bruder in seiner Kindheit als eine» richtigen Bauernjungen", rund, braun, und rotbäckig:Das reiche blonde Haar, das ihm malerisch auf die Schultern fiel, milderte etwas Iren Eindruck seiner robusten Erscheinung. Hätte er aber nicht so wunderschöne große, sprechende, braune Augen und em so formvolles Benehmen gehabt, so würden Angehörige und Lehrer