— 100 —
als ein Duhung. Vor allem ist es als ein erheblicher Fortschritt in dieser Richtung aufzufassen, daß nunmehr anerkannt gute medizinische Zeitschriften der Erforschung dieses noch unbekanntes Seelenbereichs würdige und ernste Stätten schaffen.
Die von dem dänischen Forscher Dr. A. Lehmannn im Jahre 1910 ausgesprochene Befürchtung, dah der neuzeitliche Hang zum älebersinnlichen zu einer neuen Art von Geistesstörung — der Paranoia mhstica — führen werde, kann heute als überwundener Standpunkt angesehen werden. Dah wissenschaftlich betriebener Okkultismus für die geistige Gesundheit derer nicht ganz unbedenklich ist, die sich ihm ganz ausschließlich hingeben, liegt wohl auf der Hand. Geradezu bedenklich und gefährlich ist aber der Spiritismus anzusprechen. Die Gefahr ist umso gröher, wenn die Veranstalter derartiger öffentlicher Vorführungen Leiter stnd, die. ohne die häufig nicht unbedenklichen Folgen auf das Nervensystem zu kennen, mit den Vorführungen von Medien lediglich Geschäfte machen. Wenn daher in der letzten Zeit in zunehmendem Matze Aerzte und Naturforscher sich nicht mehr scheuen, öffentlich über diese Dinge zu Laien zu sprechen und die vielfach auf grobe« Täuschung und Tricks beruhenden Experimente gewerbsmähiger .Okkultisten" und „Spiritisten" klarzustellen und somit über die Erforschung übersinnlicher Vorgänge aufklärend und dadurch zugleich beruhigend zu wirken, so ist das zweifellos ein erfreulicher Fortschritt. Wird der vielen Menschen innewohnende Hang zum Äcker-sinnlichen von berufener Seite, zu denen in erster Linie immer wieder die Aerzte zu rechnen sind, in vernünftige Bahnen gelenkt und hält sich das Publikum den Darbietungen unberufener Laien auf diesem Gebiete fern, so ist die Befürchtung einer Paranoia mhstica völlig unbegründet.
Gründliches Erforschen übersinnlicher Vorgänge seht als ein besonderer Zweig der psychischen Wissenschaft eine Summe natur» wissenschaftllcher und vor allen Dingen medizinischer Kenntnisse unbedingt voraus. Wenn nur Aerzte in erster Linie übersinnliche Vorgänge untersuchten, so würden nicht mystische Vorstellungen hierüber verbreitet. Zugleich würde damit auch auf dem Gebiete der geistigen Gesundheitspflege eine dankenswerte Aufgabe gelöst. Gerade ein Rückblick auf die beiden letzten Jahre zeigt, datz die Arbeiten der erwähnten deutschen Gesellschaften, insbesondere die der ärztlichen Gesellschaft für parapshchische Forschung in Wort und Schrift aufklärend und dadurch segensreich gewirkt hat, so datz zu hoffen ist, dah es auch auf diesem W(rge gelingt, mitzu!- arbeiten an der geistigen Wiedergenesung unseres Volkes. —
Aus ernster geil.
Heimatbilder aus den Kriegsjahren 1618—1648, Von Lehrer A. Bach- Flensungen*).
1. Feindliche Brüder.
Als der 30jährige Krieg 1618 seinen Anfang nahm, gehörte unsere Gegend bereits zu Hessen-Darmstadt. 156Z hatte Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen, einer der mächtigsten deutschen Fürsten, sein Gebiet unter feine vier Söhne geteilt. Sein zweiter Sohn, Ludwig IV., erhielt Hessen-Marburg, zu dem auch unsere Provinz Oberheffen gehörte. Er war es auch der 1583 bis 1584 das Schloß zu Merlau erbaute, eines der schönsten Schlösfer unferes Vaterlandes. Zwei Fallbrücken führten über einen gefütterten Wassergraben. Eine Wasserleitung. ging von einer gemauerten Quelle am Burgwald nach einem Springbrunnen im Schlohhof, Lessen steinerner Kompf 80 Ohm Wasser faßte. Die alten Leute erzählen fich noch jetzt, das Schlotz habe soviel Fenster gehabt, als das Jahr Tage zähle. Als der Landgraf Ludwig von Hessen-Marburg kinderlos starb, wurde sein Gebiet unter zwei noch bestehenden hessischen Linien Kassel und Darmstadt geteilt. Die nördliche Hälfte mit Marburg kam an Hessen-Kassel, die südliche dagegen mit unserer Gegend fiel an Hessen-Darmstadt. — Innerhalb dieses Gebietes lagen aber wieder kleinere Ländchen, deren Herrscher nur dem Kaiser zu gehorchen hatten. Ich nenne nur die in unserer Gegend gelegenen Grafschaften Solms- Laubach, Solms-LiH, Solms-Hungen. Die Stadt Grünberg gehörte dagegen damals schon zu Hessen-Darmstadt. — Die sogenannte Marburger Erbschaft rief einen langen Streit zwischen den beiden Druderhäusern Kassel und Darmstadt hervor, der während des ganzen 30jährigen Krieges anhielt. Daher kam es wohl auch, datz die Landgrafen von Hessen-Darmstadt, obwohl sie protestantische Fürsten waren, dem Kaiser während des ganzen Krieges die Treue hielten, während der Landgraf Moritz von Hessen- Kassel sich der Union anschloß und sein Nachfolger Wilhelm V. sich nach dem Erscheinen Gustav Adolfs diesem in die Arme warf. So geschah es, datz die Hessen-Kasseler mit den Schweden ver
*) Der furchtbare Weltkrieg, der seine Schatten wohl noch Jahrzehnte auf unser Land und Volk werfen wird, lätzt uns einen Rückblick tun auf die schwere Kriegszeit, die vor 300 Jahren unser Vaterland, das vorher einem Garten Eden glich, durch. Schwert, Hunger und Pestilenz in eine Wüste verwandelte. Auf Grund alter Chroniken, alter Geschichtswerke und Berichte von Zeitgenossen wird in folgendem versucht, ein getreues Bild von der großen Not zu geben, die im besonderen unser Oberhessen während des Krieges zu erleiden hatte.
bunden die Darmstädter Lande, also auch unsere Gegend, asg wiederum die Hessen-Darmstädter mit den kaiserlichen Kriegs» Völkern im Bund« die Kasseler Lande bedrängten. Die Folg« davon war, datz gerade unsere Gegend unter den Schrecken beS Krieges besonders zu leiden hatte. So rückte 80—90 mal räiw barisches Kriegsvolk innerhalb eines Zeitraums von 25 JahrrK in die Grafschaft Laubach ein oder schreckte die Bewohner de«? selben durch Einmarsch in benachbartes Gebiet.
2. Geldentwertung, Wucherer und Schieber.
In denselben Jahren, in denen Böhmen und das südwestlich» Deutschland durch den böhmisch-pfälzischen Krieg (1618—1623) verheert wurden, trat in unserer Gegend wie im übrigen Baterlantz ein anderes Äckel auf. Es war das Unwesen der Kipper und Wipper, d. h. der Münzverschlechterer und Münzwucherer. Di« damalige politische Gestalt Deutschlands leistete dem Uebel außerordentlich Vorschub. Zur Zeit des 30jährigen Krieges bestand nämlich unser Vaterland aus ca. 300 größern Gebieten, welch« feit 1512 in 10 größere Kreise geteilt waren, welche ein sehr buntes Aussehen hatten. So umfaßte z. D. der schwäbische Kreis eine große Anzahl Graftchasten und Herrschaften, etwa 20 Abteien, 33 Reichsstädte und 2 reichsfreie Dorfschasten. Ein ähnliches, wen» auch nicht ganz so buntes Aussehen hatte dex oberrheinische Kreis zu dem unsere Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gehörte. ®ie meisten dieser unzählig vielen geistlichen und weltlichen Herren prägten damals eigenes Geld: Taler, Gulden, Groschen, Batzen, Kreuzer, Schillinge, Albus, Rappen, Dreier, Heller, Pfennige usw. Sie sollten freilich ihre Landesmünzen in einer der approbierten Münzstätten ihres Kreises schlagen lassen und zwar nach dem Gold- und Silbergehalt, wie ihn die Münzordnungen verschiedener Reichstage festgesetzt hatten. Aber nicht alle Stände kamen diesem Gebote nach. Viele der lletnen Herren prägten in ihrem eigenen) Land oder verpachteten oder verkauften gar ihr Münzrecht art Spekulanten. In solchen münzordnungswidrigen Münzstätten, welche man „Heckenmünzen" nannte, wurde schon seit langer Zeit schlechtes und geringwertiges Geld geprägt. Besonders wurde in dieser Beziehung über den oberrheinischen Kreis Klage geführt. So wurden schon 1612 in den Kreisen Bayern, Schtvaben und Franken die Goldgulden des Herzogs von Lothringen und die Sechs-Bähner des Grafen von Hanau verboten.
Was nun in den Heckenmünzen im kleinen und zum Teil im verborgenen getrieben wurde, begannen fast gleichzeitig mit dem Beginn des 30jährigen Krieges, als alle Welt Geld brauchte, Fürsten und Herren im großen und weit schamloser zu treiben, indem sie ihre Landesmünzen statt aus Silber aus einer schlechten Mischung von Kupfer und Silber anfertigen ließen. Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig war einer der ersten von denen, welche solch schlechtes Geld schlugen. Bald machten es die anderen nach, und damit beginnt das eigentliche Unwesen der Kipper und Wipper. Ueberall wurden neue Münzstätten errichtet, und Fürsten, Grasen, Bischöfe. Aebte und Städte wetteiferten miteinander, aus die neue und billige Art Geld herzustellen. Bald bestanden di« Taler und diejenigen Münzen, welche Silbermünzen sein sollten, aus nichts als versilbertem Kupfer. Der Schwindel ergriff zuletzt fast das ganze Volk. Gustav Frehtag sagt in seinen Bildern au8 deutscher Vergangenheit (III. S. 161 ff): „Die Nation, ohnedies aufgeregt, geriet zuletzt in einen wilden Taumel. Ueberall schien Gelegenheit, ohne Arbeit reich zu werden. Alle Welt legte sich auf Geldhandel. Der Kaufmann machte Geldgeschäfte mit dem Handwerker, der Handwerker mit dem Bauer. Wer Schulden hatte, eilte, sie zu bezahlen. Wenn der gefällige Münzer einen al teil Braukessel in Geld Umschlag, der konnte dafür Haus und Acker kaufen ..." Das gesuchte alte Geld stieg natürlich fortwährend im Wert. Anfangs 1621 gab man für einen Reichstaler schon 2 neue Taler. Ein Zeitgenosse schreibt: „Eigennützige Leute schätzten di« alten Münzen noch viel höher. Dazu halfen Jaden und Juden- genossen, die gute Sorten teuer auswechselten, in dieMünze schleppten und statt des guten Silbers Kupferlinge unter die Leute brachten." Das Volk wurde zwar gewarnt vor denen, welche „auf den Dörfern herumliefen, den Pfarrern, Müllern, Bauersleuten, Hirten, Schäfern heimlich oder öffentlich ihre Sachen abkauften und mit loser Münze bezahlten" — aber es half nicht viel.
Anfangs freute sich das Volk über die glückliche Zeit, in der man ohne Arbeit reich werden konnte. Zwar stiegen mit dem Wert des alten Geldes auch die Preise aller Waren. Aber das störte die Leute vorläufig nicht. Man hatte ja Geld genug. Nur die Gehaltsempfänger waren schlimm daran, weil sie für ihr Geld nicht mehr viel bekommen konnten.
Deshalb erhoben auch die Pfarrer zuerst ihre Stimme gega» das schlechte, neue Geld, führten den Ursprung der Kipperei auf den Teufel zurück und donnerten von den Kanzeln dagegen. Pfarrer Hirsch-Wetterfeld, ein Zeitgenosse des Krieges, schreibt, er habe seinen ganzen Jahresgehalt von 100 Talern für cinan neuen Mantel hingeben müssen. Die Folge dieser Geldentwertung war eine große Teuerung. Jeder behielt lieber sein Getreide, als es für Scheingeld hinzugeben. Deshalb könnt« weder Brot gebacken, noch Bier gebraut werden. Es entstanden Tumulte und Ausschreitungen. Die Wut des Volkes richtete sich gegen die Kipper und Wipper. Ihre Häuser wurden gestürmt und ausgeplündert. (Fortsetzung folgt)
Schristleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Äniv.-Buch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gieben.


