Ausgabe 
14.6.1924
 
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nichts. Der Enterich von Frau Priorin ist neullch auch gegen den Briefträger angegangen. Tiere sind eben unvernünftig!" Tante Emma war sehr dick und sehr würdevoll. Sie und Fräulein v. Thi- NLN lebten über fünfzig Jahre zusammen, und da eine regieren mutzte, sie regierte unsere Tante; allerdings möglichst unmerklich Und mit der ihr zustehenden Bescheidenheit. In meiner Jugend regierte als Priorin eine Gräfin Rantzau, die gern und wahr­scheinlich auch gut regierte. Einmal bin ich ihr vorgestellt worden, jlcker da sie nur mit einem Auge etwas blinzelte, während < ich meinen Knicks machte, fiel dieser Knicks nicht gerade sehr tief aus. Tante Emma hielt mir nachher eine Rede.Du bist nickst ehrerbietig genug gegen Hochwürden Gnaden!"Findest du, datz sie nett gegen mich war?" erkundigte ich mich.

Tante Emma war so erstaunt, daß sie nichts sagt.e. Rur äußerte sie sich nachher, datz ich eigentlich nicht ins Kloster patzte. Priorinnen brauchten nicht nett gegen junge Mädchen zu sein! And ich fand, datz ich gerade gut hinein patzte. Well mich die verschiedenen Typen der Damen interessierten. Sie waren nicht alle so unnahbar wie die Priorin. Einige hatten Interessen und kannten die Welt, während andere sich ganz ihr kleines Leben einspannen und nichts anderes kannten, als datz sie eine bevor­zugte Stellung einnahmen. Eine von den alten Damen sprach ein ganz verkehrtes Deutsch. Was daher kam, datz sie in ihrer Jugend nur französisch gesprochen hatte. Später war sie dann nicht dazu gekommen, sich die deutsche Sprache anzueignen.

Tante Emma und Fräulein von Thinen besuchten uns an jedem ersten Feiertage. Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Dann kamen sie mit einem großen Wagen immer viel früher angefahren, als man sie erwartete. Ansre Mutter, die vor jeder Festzeit ihr gerüttelt Matz an Arbeit hatte, hätte sich gern am ersten Feiertag ausgeruht, aber davon war keine Rede. Das Dienstmädchen der Damen hatte ihren Ausgang und konnte also nicht kochen. Run mutzte unsere Mutter für sie kochen. Es kam vor, daß unsere Mutter gerade den Tag mit heftiger Migräne zu Bett lag; aber dann waren wir andern ja da; es muhte mit Fräulein von Thinen spa­zierengegangen und sie sonst unterhalten werden. Tante Emma tellte dann auch wohl Geschenke aus. Die zwei Damen reisten alljährlich nach Frankfurt, um den Bruder der Thinen zu be­suchen. Bon dort gab es dann als Mitbringsel alte Drvschken- tarife oder ein Programm aus dem Palmengarten, vielleicht auch irgendein abgelegtes Seidenband; genug, immer etwas, das durch­aus wertlos und unnützlich war. Ich habe nie verstanden, datz eine sonst so kluge Dame so dumm handeln konnte. Denn wir haben nachher den alten Plunder lachend weggewvrfen. Es gab immer eine Aufregung, wenn die Damen wieder von uns fuhren. Das war nach dem Abendessen; denn alle Mahlzeiten mutzten mit­genommen werden. Damr rief Fräulein von Thinen dem Wagen­lenker zu:Kutscher, Sie sind doch nicht betrunken?" worauf ein brummigesRein" erfolgte. Ich glaube, datz der Mann es immer war. Die übermütigen Brüder haben Wohl einmal ein bengali­sches Licht abgebrannt, das die Abreise mit rotem Schein über- gvtz und auf die Pferde anfeuernd wirkte. Wir waren froh, wenn der anstrengende Tag zu Ende war. Im übrigen haben wir auch Gastfreundschaft im Thinenschen Hause genossen, und dann sorgten beide Damen gut für uns. Als Tante Emma starb, war Fräulem von Thinen zuerst ganz verzweifelt. Allmählich fand sie sich, er­hielt einen Ersatz, den sie zuerst sehr schlecht behandelte, der sich a&er nachher gut bewährte. Dann ist sie auch von der Welt ge­schieden, und das Damenkloster ist um zwei Originale ärmer ge­worden. Beide Damen waren die Verkörperung der alten Zeit mit ihren VvrurteUen, ihrem Standesbewutztsetn, aber auch mit ihrer Rechtschaffenheit und Anspruchslosigkeit. Wenn Fräulein von Thinen von einer Verbindung zwischen Adligen und Bürger­lichen hörte, meinte sie immer, die Welt mühte untergehen. Als sie einmal in Plön eine Baronin traf, die sie sehr nett fand, fragte sie mich nachher, welche Geborene diese Dame wäre. Auf meine Antwort datz sie eine geborene Müller wäre, schlug sie die Hande zusammenWie schrecklich! Geborene Müller? And sie machte wirklich keinen schlechten Eindruck! Ach, wie ist die Welt doch merkwürdig geworden!" Es ist gut, daß sie die heutige Zeit nicht mehr kennengelernt hat.

Der gug zum UebersinnNchen.

Generalarzt a. D. BernhardvonTobold.

Der metaphysische Drang des Menschen ist so alt wie die Menschheit selbst. Mystik und Mysterien haben von ieher Me Menschen in ihren Dann gezogen. Wir lassen von vornherein die religiöse Mysttk beiseite als besondere Richlungdes teltgiofen Lebens die in vielen Religionen entstanden, auf christlichem 'Boden toter den Einflüssen der griechischen Mysterimkulte und der R«r- platoniker sich ausgebildet hatte. Auch die t^vsophischen Lehren mit lebhaften Anllängen indischer Erlösungslehren, sowie der An- chrvposophie scheiden wir hier aus in der Aeberzeugimg, datz die Religion mit Okkultismus und Spiritismus nichts zu schaffen Hatz

Worauf beruht der in unseren Tagen deutlich hervortretende Zug zum Aebersinnlichen? Ist es nur eine mit fern unglücklichen Auszug des Krieges in Verbindung stehende Folgeerscheinung datz man von übersinnlichen Dingen jetzt mehr hort als früher < Oder befinden wir uns mit dem Anwachsen der Geheimwissen- fchaft mit Zeit auf der ansteigenden Bahn einer Wellenlinie, deren Abstieg in einigen Jahren wieder zu erwarten steht? Heftige see­

lische Erschütterungen, wie Angst und Trauer, die Krieg und Re­volution auslösten, haben, wie auch in siüheren Zeiten, viele QHen* Men, die von Hause aus schon zum Aberglauben neigten, in dis Hände derer getrieben, die wir auch! heute noch als Träger der Mystik ansprechen, wie Wahrsager, Zukunftsdeuter. Dieser gauk- lerische Mystizismus treibt gerade jetzt in den Großstädten die tollsten Blüten. Horoskope werden auf den Stratzen feilgeboten. Aber nicht nur das Verlangen, den Schleier der Zukunft zu lüften, sondern auch die zunehmende Reigung, mit geheimnisvollen, über­sinnlichen Vorgängen sich zu beschäftigen, wie sie im Okkultismus und Spiritismus uns entgegentreten, ist unverkennbar. Markt­schreierische Ankündigungen von Vorträgen, wie man sie fast jede Woche an den Anschlagsäulen der Großstädte lesen kann, können stets auf einen andächtigen Zuhörerkreis rechnen. Worin liegt der Grund der stetig steigenden Anteilnahme des Publikums an diesen Geheimwissenschaften? Christoph Schroerer hat sicherlich recht, wenn er uns die psychologische Erllärung dafür gibt in der natürlichen und deshalb begründeten Gegenströmung gegen die Anmaßungen des Materalismus.

Dor allem aber beschäftigt sich der gebildete Laie auch weit mehr als früher mit diesen übersinnlichen Vorgängen, weil ge­rade feit den letzten Jahren die Wissenschaft und ihre berufenen Vertreter in Deutschland sich nicht mehr scheuen, vorurteilsfrei an die Erforschung dieser Probleme heranzutreten. Die im Jahre 1882 in London ins Leben gerufene Gesellschaft für psychische For­schung eröffnete den Reigen. Ihrem Beispiel folgten allmählich in allen Kulturländern Vereine, die es sich zur Ausgabe machten, die okkulten Vorgänge aufzullären und durch sorgfältig und vor­urteilsfrei ausgeführte Versuche dem Zustand der Ansicherheit auf diesem dunsten Gebiete ein Ende zu machen und auf klärend zu wirken.

In Berlin gibt es heute eine ganze Reihe von Vereinen auf dem Gebiete der Geheimwissenschaften. Die im Jahre 1919 ge­

gründete Deutsche okkultistische Gesellschaft stellte sich die Auf­gabe, in einer vorcmssetzungslvsen, streng wissenschaftlichen Weise die sogenannten okkulten Phänome zu erforschen und dadurch ein­wandfrei festznflellen, ob und in welchem Umfange die Erschei­nungen in den Bereich der exakten Raturwisienschaften ausgenom­men werden können. Sie hat in den wenigen Jahren seit ihrem Bestehen fördernd und stärend auf diesem Gebiete gewirkt.

Besonders freudig ist es auch zu begrüßen, datz vor nun­mehr zwei Jahren (März 1922) in Berlin eineAerztliche Ge­sellschaft für die parapsychische Forschung" ins Leben trat, die, lediglich aus Aerzten als Mitgliedern bestehend, sich zur Aufgabe machte, bei strenger Befolgung aller von der psychologischen wie physikalischen Wissenschaft für unbedingt notwendig anertannten Deobachtungsmatznahmen den geeigneten Weg zu finden, um auf ihm die Lösung der ostulten Probleme zu finden. Auch diese Ge­sellschaft hat bereits in der kurzen Zeit ihres Bestehens Dankens­wertes geleistet. In zahlreichen gut besuchten Sitzungen, zu denen auch eingeführte Gäste Zutrftt haben, hat sie durch Behandlung dieser Fragen ausstärend gewirkt und auch durch die Veröffent­lichung ihrer Beobachtungen und Antersuchungsergebnisfe viele angeblich ostulte Leistungen richtiggestellt.

Seitdem die berufensten Pioniere der Erforschung solcher Vor­gänge, die Aerzte, sich nicht mehr scheuen, sich mit diesen Dingen zu befassen und hierbei auch von allem, was nach geschäftliche« Ausnutzung einer M^eströmung aussieht, auch in der Oefsent- lichkeit abrücken, insbesondere einen deutlichen Trennungsstrich zwi­schen den Aerzten und den Kurpfuschern auf diesem Gebiete zu ziehen, hat sich auch in den Kreisen der Aniversitätslehrer die Äeberzeugung Bahn gebrochen, daß die exaste Erforschung der parapshchischmi Probleme eine besondere Aufgabe der Wissen­schaft sein mutz.

Mit Recht erklärt Ludwig Deinhardt die scheue Zurückhal­tung, die Raturforscher und Aerzte bisher vielfach der Erforschung der dunsten Seiten des Seelenlebens entgegenbrachten damit, daß die Forscher nicht Gefahr laufen mochten, in den Ruf von Spiri- tisten zu kommen, wenn sie sich mit diesen Dingen beschäftigen. Dieser 3uftanb hat sich gerade in den letzten Jahren wesentlich gebeffert Gibt es doch heute bereits eine Anzahl akademischer Lehrstühle, die sich die Erforschung dieser Probleme angelegen fein lassen. Dielen Forschern fehlte häufig die Gelegenheit, mit geeigneten Versuchspersonen die psychophysiologischen Fragen zu ergründen. Auch scheuten sich bis vor kurzem die berufenen For- scher der Universitäten, auf diesem Gebiete sich mit Medien zu befassen, weil, tote Max Dessoir hervorhebt, dem Manne der Wissenschaft das zur Erfüllung seiner Aufgaben nötige Ent­gegenkommen versagt war, offenbar deshalb, weil die Medien merken, datz die Vertreter der Wissenschaft auf eine wirklich ge­naue Antersuchung dringen müssen.

Außerordentlich erschwert wird zum Teil die Erforschung ok­kulter Vorgänge dadurch daß einige ältere Antersncher auf die­sem Gebiete von einem anscheinend nicht zu überwindenden Vor­urteil beherrscht, allen Antersuchungen von vornherein ablehnend gegenüberstehen. Solch ein Geist, der stets verneint und auch auf rein fachliche Diskussionen sich nicht einlätzt, erschwert ein gemein­sames Forschen auf diesem Gebiete ganz erheblich oder macht es geradezu durch feineradikale Regierung" unmöglich, ihn zu feiner Mitarbeit aufzufvrdern.

Vor vierzig Jahren gab es in Deutschland nur eine Zett- sch-tft, die sich mit diesen Dingen beschäftigte, heut» ftnb es mehr