Ausgabe 
14.6.1924
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (92^ Samstag, denJuni Nummer 25

Sonett.

Von August Graf von Platon*).

Was kann di« Welt für unser Glück empfinden. Die kalte Welt mit ihrem falschen Treiben? Kann sie es fesseln oder es vertreiben?

Kann sie uns trennen oder uns verbinden?

Wir sehn die Dinge rings um uns verschwinde». Als Dinge, die di« Liebe nur umschreiben. Verborgen mutz die wahre Liebe bleiben, Kein Dritter darf zu dir und mir sich finden.

Sie, die uns wandeln sehn im bunten Schwan»», Vicht ahnen sollen sie, daß in der Stille Wir uns verzehren im verliebten Harme.

Vergessen will ich jede fremde Grille, Wenn dich umschlingen meine frohen Arme, Hnö dir allein beugt sich mein Eigenwille.

Spring wasser.

Ein irisches Elfenmärchen**). 9

Wenn man aus der Stadt Cork geht, unweit der Galgenwiese, liegt ein großer See, auf dem sich Winters das Volk mit Schritt­schuhlaufen ergötzt, aber die Lust über dem Wasser ist nichts im Vergleich mit der, die darunter ist, denn auf dem Boden dieses Cees stehen Gebäude und Gärten, die prächtigsten, die man je gesehen. Wie sie dahin kamen, hat sich folgendermaßen zugetragen.

Lange bevor ein sächsischer Fatz irischen Grund betrat, lebte ein großer König Namens Sore; sein Schloß stand da, wo jetzt der C e ist, in einer grünen, meilenbreiten Aue. Mitten im Burghof befand sich ein Springbrunnen so reines, klares Wassers, datz es ein Wunder war. Der König freute sich auch nicht wenig, eine solche Merkwürdigkeit in seinem Schlosse zu besitzen: als aber die Leute in Hausen herbei kamen von fern und von nah das köstliche Wasser dieses Brunnens zu schöpfen, fürchtete er, datz es mit der Zeit versiegen möchte. Er befahl eine hohe Mauer rund herum zu bauen und wollte niemand mehr zu dem Wasser lassen, was ein großer Schaden für die armen Leute war, die in der Gegend wohnten. Sa oft er aber selbst Wasser brauchte, sandte er sein« Tochter hin, es zu holen und vertraute den Schlüssel zu der Quell- thüre keinem seiner Diener, aus Desorgniß, sie könnten etwas davon weggeben.

Eines Abends feierte der König ein großes Fest, viele Fürsten waren zugegen, Grafen und Edelleute ohne Zahl, das ganze Schloß war voll Herrlichkeit, Freudenfeuer stiegen in die Wolken auf, der Tanz drehte sich und so süße Musik gieng dazu, daß sie die Todten aus ihren Gräbern hätte wecken mögen; Speisen standen für jeden bereit, der hereinkam und niemand wurde von dem Schloßthor zurückgewiesen, jedem rief der Pförtner: willkommen, herzlich willkommen! entgegen.

Aun geschah es aber, daß bei diesem großen Feste auch ein junger Prinz erschienen war, lieblich von Ansehen, so schlank und gerade, wie sich ihn nur ein Aage wünschen möchte zu erblicken. Recht lustig tanzte er den Abend mit des alten Königs Tochter aus und nieder, federleicht und die Füße so zierlich setzend, daß es allgemeine Bewunderung auf sich zog. Die Musikanten spielten aufs Beste um einem solchen Tanz Ehre zu machen und jene tanzten, als stände ihr Leben darauf. Vach dem Tanz folgte das Abendessen, der junge Prinz sah seiner schönen Tänzerin zur Seite und so oft er mit ihr sprach, lächelte sie ihm zu, er that es aber lange nicht so ost, als sie wünschte, denn er mußte sich vielmals zu der Gesellschaft umdrehen und für die Complimente danken, die seiner schönen Tischgefährtin und ihm gemacht wurden.

Mitten in der Mahlzeit sagte einer von den großen Herrn zu dem König Eorc:mit eurer. Majestät Erlaubnis) alles ist

*) Der hier schon besprochenen ausgezeichneten Auswahl des, Verlages Strecker & Schroder in Stuttgart entnommen.

**) Die von den Gebrüdern Grimm übersetzten irischen Elfen- märchen, die 1826 zum erstenmal erschienen sind, hat der rührige Freiburger Verlag Ernst Guenther in neuem, schönem Gewand in der damaligen Sprach? und "Schreibweise wieder herausgegeben. Üeberaus drollige Lithographien Torst Hechts illustrieren wir­kungsvoll die wiedergehobenen Schätze altkeltischer Sagenwelt. Dre obige Leseprobe ist getreu nach dem Erstdruck wiedergegeben.

hier im ileberflutz, was das Herz sich wünschen mag, beides $u essen und zu trinken, nur kein Wasser.'"

»Wasser!" sagte der König mit Wohlgefallen darüber, datz jemand das forderte, woran absichtlich Mangel gelassen war: »Wasser sollt ihr gleich haben und von so köstlicher Art, daß ich di« ganze Welt auffordere, ein gleiches vorzuweisen. Tochter", rief er, »geh, hole welches, in dem Goldeimer!, den ich dazu Habs machen lasten."

Die Königstochter, welche Fior ilsga (Springwasser) hieb, schien eben nicht zufrieden damit, heut« vor so vielen Leuten dies« gemeine Hausarbeit zu übernehmen. Sie wagte nicht ihres Vaters Geheiß zu widerstreben, aber sie zögerte, auf den Boden schauend. Der König, welcher seine Tochter sehr liebte, merkte ihre Verlegen' heit und es that ihm leid, daß er es von ihr begehrt hatte, doch sein königliches Wort durfte er nicht zurücknehmen, er sann auf ein Mittel, sie gleich dahin zu bringen, daß sie das Master! holt« und fiel auf den Gedanken, der Prinz ihr Tischgesell solle sie begleiten. Mit lauter Stimme sagte er:meine Tochter, mich wundert nicht, daß du dich fürchtest allein auszugehen so spät in der Vacht, der junge Prinz dir zur Seite, hoste ich, wird dich be­gleiten." Der Prinz hörte das mit Vergnügen und den Gold- ebner an die Hand nehmend, mit der andern die Königstochter aus dem Saal führend, zog er die Micke aller Gäste auf sich

Als sie zum Wasterbrunnen im Schlohhos kamen, schloß die schöne älsga daS Thor sorgfältig auf, bückte sich mit dem Gvld- eimer und wollte Wasser schöpfen, aber das Gefäß wurde ihr so schwer, daß sie das Gleichgewicht verlor und in den Brunnen stürzte. Vergeblich strebte der junge Prinz sie zu retten, das Wasser stieg und stieg so mächtig, daß es schnell den ^ganzen Schlohhos einnahm, außer sich eilte er zurück zu dem König.

Das Brunnenthor war offen geblieben und das lang Oer- schlotzne Wasser, froh über die erlangte Freiheit, rauschte unab­lässig herein, stieg jeden Augenblick höher und war in dem Gast- saal so schnell wie der junge Prinz selbst, dergestalt, daß, tote ey versuchte mit dem König zu reden, er bis an den Hals im Wasser stand. In die Länge stieg das Wasser zu solcher Höhe, daß eS die ganze grüne Aue, in welcher des Königs Schloß tag, erfüllte und fo wurde der jetzige See von Cork gebildet.

Aber der König und feine Gäste ertranken nicht, noch feine Tochter, die schöne Llsga, sondern die nächste Vacht nach dem schreckenvollen Ereigniß kehrt« sie zum Festgelag zurück und fett» dem jede Vacht geht das Fest und der Tanz an in dem Boden d«S Sees und wird so lange dauern, bis es einem gelingt den Gold­eimer heraus zu bringen, der die Ursache des Änheils war.

Lind niemand kann ztoeifeln, daß dies Gericht darum über den König ergieng, weil er den Brunnen im Schloßhof den armen Leuten verschlossen hatte. Wer aber der Sage nicht glaubt, gehe hin an den See, tvenn das Waster niedrig und hell steht, so wird er mit guten Augen die Thurmspitzen und andere Häuser ht der Tiefe erblicken.

Von gestern und vorgestern.

Aus den Lebenserinnerungen Charlotte Vies es*).

Es war sehr nett, als bestandene Gxaminandin wiedÄ nach Plön zu kommen. Das Schwesterchen war in der Genesung, Freunde holten mich im Triumph von der Dahn, und im Plöner Wochen­blatt stand, daß eine geschätzte Mitbürgerin, Fräulein Ch. Riese, das Examen für höhere Töchterschulen bestanden habe. Da las ich zuerst meinen Vamen in Druckbuchstaben und empfand nicht einmal eine Ahnung, daß dieser Marne noch einige Male gedruckt er­scheinen würde. Hetzt galt es, eine Stellung zu finden, in der ich Geld verdienen konnte. Damals lockte England. Einige bekannte Damen waren gern in England und redeten mir zu, gleichfalls dorthin zu geben. Ich war drauf und dran. Dann hörte ich von jemand anders eine so ernsthafte Warnung, datz ich diesen Ge-

*) Charlotte Miese überrascht zu ihrem siebenzigsten Geburts­tag, am Z. Juni 1924, mit dem Buche einer Hungen, denn ihr« LebenserinnerungenDon gestern und vorgestern" (im Verlag von Fr. Wilh. Grünow in Leipzig erschienen, tote fast aus­nahmslos ihre Bücher) sind die Darstellung einer Vichtgealterten. Sprühend und lebenswahr sagt sie die Dinge frisch bei ihrem Namen. Sie legt nicht die Glättungen an, die sonst den Lebens- etinnerungen «inen wehmütigen Reiz einerseits geben, ihnen aber andererseits viel von bem Pulse der Zeiten nehmen, die eben ge­schildert werden füllen.