Ausgabe 
13.12.1924
 
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Folge von Bildern gemalt, die heute im Museum dort hangen: .Weihnacht",Ruhe auf der Wucht". .-Christus und der Versucher",Christus lehrend",Oeiberg , ,,5ueu- -iaunq und Auferstehung". Diese Folge ist indes das ein» rige Mal, wo sich Thoma auch an Szenen wie Kreuzigung! und Auferstehung, d. h. an dramatisch Bewegtes, wagt. Dies ist überhaupt von seiner Kunst festzustellen, daß sie fast nur ruhige, bewegungslose Motive wählt, nie ein heftiges Bewegen und Drängen von Massen.

Der an Zahl weitaus überwiegende Teil von Thomas Werken sind Landschaften. Die Motive deuten auf den je­weiligen ' Aufenthalt des Meisters. Der Scywarzwald um Bernau, den Heimatort, dann der Rhein bet Saamgen und Rheinfelden, der Taunus in der Rahe von Frankfurt, Mam- und Riddatal. Es verdient der Erwähnung, daß Thoma nie­mals im engen Rheintal mit seinen starken Höhen seinen trotzigen Burgen gemalt hat. Ohm lagen die ruhevoll sanften Linien sich weitender Täler, in leisen Kurven verlaufender Beralinien, eine Wiese voll Blumen und ein langsam dahm- strömendes Wasser oder lustig Bächlein näher. Thoma wnnte Italien und kannte die Alpen, und in beiden hat er Bilder geformt. Aber nicht die ragenden Gipfel, die erdrückenden Veranlassen der Alpen sind es, die ihn anziehen, sondern der Blick oben auf einer Paßhöhe auf ringsum liegende Givfel, die wie Inseln im Wolkenmeer schwimmen. And m Italien ist es die Campagna, ist es Tivoli, das die Blatter des Skizzenbuchs füllt, nur wenige von diesen Skizzen sind indes zu vollendeten Gemälden geworden. Dies die Fülle der Motive bei Thoma. Sie sind gestaltet aus dem heraus, was den Meister an Natur und Menschen um­gab. Wie sehr dies Umgebende, dies mit den Augen Wahr- nehinbare für Thoma notwendige Voraussetzung seiner Kunst war, zeigen seine Bildnisse. Sie sind klar und gewissenhaft der Natur bis ins einzelne nachgebildet, keine Falte ver­gessen, ohne aber dabei ins Kleinliche zu geraten. Seine Bilder sind sehrähnlich", geben den Augenschein getreu wieder. Noch deutlicher tritt dieses Gestaltprntztp an den Phantasiegestalten hervor. Auch sie sind nach der Natur gezeichnet. Man spürt das Modell, Figuren, wie der Jüng­ling imAbendfrieden" oder der aus demTraum zeigen des Meisters geringe Vertrautheit mit inneren Strukturgesetzen des Leibes. Er kennt den nackten Körper allem aus dem Aktsaal und so, wie er ihn gesehen hat, geht er in setne Kom­positionen über.Sehen" dabei ganz landläufig genommen, so wie ein Ding aussieht. 3n derselben Weise packt er seine Landschaften an, seine Hand vermag den Eindruck des Ge­sichtes festzuhalten, man ist manchmal versucht, sich auf» zumachen und diese Landschaft zu suchen, sonatürlich , d. h., so den Augenschein wiedergebend, sind sie getroffen. Selbst bei Kompositionen zeigt sich das Moment des äußeren Eindrucks noch stark. Sie sind zusammengeschwecht aus einer Idee und Eindrücken, Studien an der den Meister umgeben­den Welt. Erst im Vergleich mit anderen Kunstwerken können wir erkennen, wie dies gemeint ist. Wenn Caspar David Friedrich eine Landschaft malt, so spüren wir darin etwas, was viel mehr ist als Landschaft, etwaslieber» landschaftliches", diese großen Bergzüge und diese, Sturz­äcker kommen aus einer anderen Welt, sie sind nur Symbole (aber dies im tiefsten Sinne des Wortes: Sinnzeichen). Bei Thoma ist einfach Landschaft natürlich in ganz bestimm­ter Form erfaßt. Charakteristisch für Thoma ist die eine Linie, die hoch am Bildrand ansetzt in sanfter Kurve sich in der Mitte stark nach unten senkt, um wieder zur selben Höhe am anderen Bildrand emporzusteigen. Man mühte dies mit einer Gebärde verdeutlichen können, meist sind es die Bergkonturen, die diese Kurve bilden. Ein zweites Kenn­zeichen ist das mach vorne ansteigende Gelände, wir stehen meist auf einem hohen Punkt und schauen hinunter. Könnten wir wieder Friedrich zum Vergleich heranziehen, so würde die diesem dem Aeberlandschaftler eigene Linie der große, durch das ganze Bild laufende, wenig nach oben» gekrümmte Bogen, und die von ganz weiten Punkten zur Mitte diagonal strebenden Geraden sein. Ort seinen Figuren- kompositionen sind meist die Gestalten groß und fast den Rahmen füllend in den Vordergrund gesetzt; dahinter, nur gleichsam als Grund, von dem sich die Gestalten besser abheben sollen, dehnt sich die Landschaft. Solchermaßen ist erreicht, daß die Figuren nicht untergehen im ganzen eines Raumes. Man halte ein Rembrandtbild daneben,

um zu verstehen, wie raumlos ganz auf Fläche, auf Deutlich­keit diese Kompositionen gesttmmt sind; Thomas Farbe ist hell und warm. Gr bevorzugt ein Helles Grün, tote es junges Laub an sich trägt, tiefes Blau im Himmel, schimmernd« Wolken. Seine Töne sind bestimmt, ausgesprochene Lokal­farben, die in sich oft wunderbar ausgeglichen sind. Kein Rot leuchtet da so stark, daß darob alle anderen Farben ver- verschwinden, kein kühles Blau läßt die übrigen Teile er­sterben, sondern alle halten sich das Gleichgewicht, so daß der Eindruck ruhig und warm ist. Wenn oben gesagt wurde, Thoma fei ganz stark ein vom Eindruck bestimmter Künstler, so wird hier klar, daß dies nichts mit irgendwelchem Ompref- sionismus zu tun hat. Alle Auflösung der Einzelfarben in einen Gesamtton des Lichtes, alles Flimmern und Gleißen sonnenüberstrahlter Flächen liegt Thoma ganz fern.

Wer aufmerksam folgte, muß schon das Bild von des Meisters Schaffen sich runden fühlen. Die auseinanderliegen­den Wesenheiten der Darstellung (das, was Thoma gemalt), der Gestalt (tote er es malte), und der Form (die Handschrift, das eigentlich charakteristische), lassen schon die eine Linie ahnen, dieThoma" heißt.

Indes ist es noch nötig, um dies Ahnen zur Gewißheit werden zu lassen, die Kräfte zu kennen, die Thoma be­stimmten. Denn aus der Kreuzung dieser Kräfte, die außer­halb des eigentlich Künstlerischen liegen, und den Wesenheiten des Kunstwerks erkennen wir schließlich den Künstler.

Thoma ist ein Schwarzwälder, armer Leute Kind. Das Blut uralten Bauerngeschlechts steckt in ihm. Bernau, seine Heimat, ist arm, die Leute nähren sich von Holzwaren, machen, aber die Zähigkeit solchen Schlags hat Thoma mit auf den Weg bekommen. Sie gehen ihren Weg, kümmern sich wenig um die große Welt, da sie im eigenen Innern reich sind. Die Schulung der Karlsruher Akademie unter Schirmer ging über den jungen Maler dahin. Was er zu Hause schon trieb, ist auch hier sein Liebstes, nach der Natur in der Landschaft zeichnen. Der Akademismus schadet ihm nicht, noch bäumt er sich gegen ihn. Er malt, so wie er es für recht hält, auch als man ihn verspottet, über seine Bilder schimpft und er in Not kommt, da niemand etwas kaufen will. Er sieht Paris, ohne daß ihm tiefe Eindrücke bleiben, er sieht Italien, ohne im tiefsten von ihm geschüttelt zu werden. Düsseldorf ist für ihn eine unmögliche Lust. Schließ­lich in München findet er Gleichgesinnte, ßeibl und seinen Kreis, Viktor Müller. Mit ihnen geht der schon reife Mann eine Strecke Wegs.

Hier zeigen sich dann auch künstlerische Einflüsse, die Art, aus dem Bauernleben einfach schlichte Dinge zu er­zählen, hat er mit ßeibl gemein. Doch trennt beide wieder eine Kluft in der Erfassung der Farbwerte, sein eigenstes Gebiet bleibt die Landschaft, hier hat er eine nur ihm eigentümliche Note. Sie war ja auch sein Ausgang, sie sein letzter Schluhpunkt.

Wir spüren im Lebenswerk Thomas keine großen Ent­wicklungen. Natürlich, daß seine Technik immer vollkom­mener wird, daß seine Hand immer mehr dem künstlerischen Formwillen gehorcht, aber große Einschnitte, umwälzende Aenderungen weist er nicht auf, dieselben Themen, dieselbe Art zu sehen, es gibt keinenfrühen" und einenspäten" Thoma, wie es einen frühen und späten Rembrandt gibt. Sein Weg ist geradlinig. Eigenwillig, ungeachtet aller Hem­mungen hat er ihn verfolgt. Ganz sicher in sich selber,^, unbekümmert um alles Treiben um ihn her. Thoma war kein Neuerer, kein Amstürzer, er hatte kein Programm, noch war er ein zutiefst aufgewühlter Mensch, dessen Kräfte die Welt aus den Angeln heben möchte. Er lebte und schuf gerne, er ließ gerne und freundlich andere leben. Thoma war eine milde, gütige Natur. Er wußte sein Dasein mit Genuß zu leben im kleinen engen Kreis seiner Kunst und Familie.

Leise steht die Frage auf, ob Thoma einer der Men­schen war, die die Geschichte unserer Tage schrieben'? Ob man ihn in hundert Jahren zu den bestimmenden Kräften unserer Zeit rechnen wird?

Thoma war den Menschen seiner Tage viel. Er hat ihre Sehnsucht nach Friede und Beschaulichkeit verstanden, er war selber ein friedvoller, beschaulicher Mann. Sein Werk spricht von Schätzen des Gemütes, die unsere dröhnende Zeit fast entschwunden glaubte, sein Werk atmet Ruhe.

SckriMeituna: !R. Friede Wich. Lange. Druck und Verla« der BrNMUchen UnW.VnA- und Steindruckerci. R. Lanae. Diesten,