Ausgabe 
13.12.1924
 
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eßern das Publikum. Thomas Lebensweg und künstlerische twicklung ist geradlinig verlaufen gemäß einem alten Bauernspruch, den er selber imWinter des Lebens" (1919 aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen) anführt: 5 Jahr ein Kind, 10 Jahr ein Knabe, 20 Jahr ein Jüng­ling, 30 Jahr ein Mann, 40 Jahr Wohlgetan, 50 Jahr Stillstand, 60 Jahr gehts Alter an, 70 Jahr ein Greis. 80 Jahr nicht mehr weis, 90 Jahr Kinderspott, 100 Jahr Gnad von Gott. Die 90 sind ihm erspart geblieben, er war rüstig und geachtet bis zum Ende, und durfte es erleben, daß seine früher unverstandene Kunst weitesten Kreisen zum frohen Erlebnis wurde.

Da sind es Bilder wie derKinderreigen": Eine weite Wiese voll lachendem Grün und fröhlich bunten Blumen ganz in der Ferne zieht sanft ein Gebirgszug und ein strah­lend blauer Himmel über den Kindern, die einen Reigen gehen. Sie haben sich bei der Hand gefaßt und schreiten im Kreise herum. Eben ist das älteste Dirnlein vorne und wendet den Kopf um, zu schauen, was der da will, der ihnen zu- fteht. Ein Bauernmägdlein mit nackten Füßen, die langen Haare einfach gescheitelt und in zwei Zövfen herunter­hangend, ganz klare Augen, und ein frisches/ kluges Gesicht, wie es nur in der herben Luft des Gebirges werden kann. Das Putzige Kleine mit dem langen Rock tritt vorsichtig den L.akt, das Mäulchen ein wenig offen, pausbäckig, und hebt ganz graziös den Arm. Selbst der Bub, der einzige Bub unter den sieben Mägdlein tut eifrig mit Er und sein Rebenmann, der Sausewind, mit dem fliegenden, kurzen Blondhaar führen die Stimme beim Lied. Dann sind noch zwei Stadtkinder dabei, ein wenig bleich und in ihren mo- dlschen Kleidern, aber doch so ganz dazu gehörig, zum Kreis und zur Wiese und zum Sonnenschein.

Dter da sitzt die Großmutter im Garten. Die große Hausbibel auf dem Schoß und unterrichtet ihr Büblein, das vor ihr auf dem Schemel hockt. Die Hände hat es brav in den Schoß gelegt und das muntere Bubenköpflein ist ganz ernst und gesammelt, die Großmutter schaut aber auch drein, als ob nicht mit ihr bei dieser Sache zu spaßen, wäre. Der energische Kopf mit den vielen Runzeln, dem schmalen, wenig offenen Mund, die feste Hand, die auf die Stelle im Buch weist. And doch wieder der leise Humor wie die verbogene Brille ein wenig schief auf der Rase i fifet- Hinter dem Gartenzaun aber sieht man ins weite Tal, I auf langsam ansteigende Höhen und weit in den Himmel hinein. ,

Als es dämmerte und dann dunkel wurde, holte der Jüngling seine Geige, rückte sich einen Stuhl in den Garten an den -Zaun und begann zu spielen. Anterdeß kam der Mon') über dem Wald hervor und sein flutendes Licht um- | spielt den Geiger, den Baum, die Pfähle des Zaunes. Alles atmet unendliche Ruhe, der Hof im Hintergrund, die Blumen ! des Gartens. Im Jüngling erwacht weiche Sehnsucht. Sein Blick schweift unbestimmt ins Weite, um den Mund spielt leise ein schmerzlicher Zug und alles, was er fühlt, verttaut er seiner Geige. Sie klagt in die Nacht hinaus in süßen Tönen.

Man kann vor Thomas Bildern so schön fabulieren kann erzählen. And eben das ist es, was Thoma die Herzen so vieler Menschen gewonnen hat. Er erzählt. Man hat ja gerade uns Deutsche verschrien, daß wir allezeit etwas lesen wollten und nicht sehen könnten. Da ist auch schon etwas Richtiges daran. Thomas Bilder sind lesbar, verständlich und Thoma trifft mit solchen Bildern eine weiche Stelle der deutschen Seele. Es ist das leise klingende Träumen, das den krausen Alltag vergessen macht. Wir fühlen eine Weile nicht, daß wir unter Zehntausenden in einem Häusermeer wohnen, daß das Gehaste der Zeit, die Last der Arbeit fast uns er­drückt. Die ländliche Stille des Schwarzwaldtales, das Sehn­suchtsvolle eines Mondaufgangs umfängt uns, ganz greifbar steht es da in natürlichen Farben, in klaren deutlichen Linien Da kommt uns etwas von der Einfalt des Kindes, Staunen und Zufriedenheit mit der Welt, fern von allem ungestümen Fragen. Weil diese Bilder so einfack» sind, so ohne alle Hintergründe, deshalb konnten sie ins Volk eingehen.

ES ist dasselbe, was auch heute so volkstümlich macht. Roch durch ein anderes fesselt Thoma immer wieder den Beschauer: seine Landschaften. Sie sind es vor allem, die chm den Ehrennamen einesdeutschen Malers" brachten. Er hat die Seele des deutschen Mittelgebirges erlauscht und m immer neuen Wendungen geben seine Bilder davon Kunde. Da ist es ter Blick ins weite Tal hinein über Wiesen hinweg an Bäumen und Höfen vorbei, bis ruhige Linien ter umgebenden Dergzüge den Blick begrenzen. Oder ein

Sttick Rheinufer, die weite Fläche des Wassers, ein paar Baume und Sträucher, der Schwarzwald, Thomas Heimat, der Oberrhein und der Taunus geben die Motive her, aber man vergißt, daß deutsche Landschaft auch weite Heide- flachen sandige Küsten mit ruhelosem Wellenspiel, stolze Gebirgsketten und tiefkluftende Täler hat. Es iststDie deutsche Landschaft", die uns Thoma zeigt, voll fröhlich- vuhiger Farben des Hellen Grün, des tiefen Blau, voll sanf.er Linien, klar und schlicht. So, wie es der Wanderer auf einsamen Gängen erlebt, wenn er sommers seine Sttaße zieht, des abends im Dorfwirtshaus einkehrt, behaglich schmauset und von des Tages Müh' sich erholt, um frvh- I Semut wieder in den nächsten Morgen hineinzuziehen. Solch beschauliche Ruhe spricht aus Thomas Landschaften und nimmt selbst den gefangen, der dem Meister sonst nicht geme folgt.Die schöne deutsche Heimat" in diesen Worten liegt es beschlossen, was Thoma vielen gab, die heute trauernd an seinem Grabe stehen.

I Was bedeutete Thoma? Darüber kann uns nicht der Betrachter, der in Begeisterung ihm folgt, Antwort stehen, sondern der Wissenschaftler. Der kühle, sachliche Beobachter. Er wird versuchen, da das Werk nun abgeschlossen vor ihm uegst seme Wahrnehmungen zu ordnen. Für ihn ist ja der Künstler kern Erlebnis, zu dem er sich bekennt oder das er ablehnt, sondern ein Phänomen, das er zu durchdringen sticht. Was lebendige Einheit ist, das wird er in seine Wesenheiten und Kräfte zerlegen, wird einzeln heraus son- I viertes gegeneinander wägen und aus den erkannten Teilen i neuent das Bild der Ganzheit des Künstlers, des Werkes gewinnen, aber nun nicht als gefühlsmäßig erlebte Einheit eines Menschen, sondern als erkannte Totalität etngeordnet in das größere Gefüge der Geschichte, d. h der Entwicklung der Menschheit.

Hans Thoma war Maler, und er war eigentlich nur Maler. Dem Handwerk mit Palette, Farben und Pinsel zu arbeiten, das er schon beim Ahrenschildmaler in Furtwangen zu lernen anfing, ist er treu geblieben. Sein graphisches Werk ist dagegen begrenzt. Er malte in Oel, meist Bilder mittleren Formats. Ganz wenig hat er sich an Wandmale­reien gewagt und dann auch nur gezwungen, weil er den | Auftrag dazu erhielt.

Das Feld seiner Darstellungen ist viel weiter, als man temeinhin weih. Er hat zuvörderst eine ganze Reihe von Bildnissen gemalt, meist Menschen feiner näheren Amgebunq, seine Familie und Freunde, dazu eine Folge von Selbst- I bildmssen, die über die ganze Zeit seines Schaffens sich hlnzlehen. Bildnischarakter tragen auch viele seiner Erzäh- I Angen. Mutter und Schwester gaben oft Anregung und die Gefichtszuge für diese Schilderungen. Demi im Kreise der bäuerlichen Familie bewegte sich dies alles. Thoma hat nie -oilder aus der Großstadt, aus dem Leben der Industrie, hat aber auch nie Historienbilder mit Schlachten, Kaiserprokla­mationen und ähilichem gemalt. Sein Thema war Mutter und Kmd, die Großmutter, die Ruhe nach der Arbeit, ter Morgen und der Abend im Bauernhof. Einfachst natürlichen Vorgängen, wie die Mutter ihr Kind hält, wir der Bauer auf der Bank vorm Hause Feierabend hält, die Großmutter Märchen erzählt, hat er immer wieder neues abgewvnnen Die Märchen sind dem Meister lebendig geworden und er hat sich in ihrer Gestaltung versucht. Waldgeister, Wasser- jungfrauen bevölkern die Landschaften, Genoveva erscheint der Ritter St. Georg hütet das Tal. Ein besonders ihn packendes Mottv sind tanzende Meerweiber. Selbst antike Mythologien gibt es, doch ist die Zahl solcher Werke beschränkt. Wichttger sind schon die Bilder, da seine Phan­tasie frei Gestalten webt. Sie tragen Anterschriften wieDie Nacht". (In Wolken ruhend ein schlafendes Weib, dem zur Seite zwei Kindlein schlummern),Traum" (ein beflügelter nackter Jüngling, Blumen haltend, schwebt über einer Fluß- landschafi),Atendf k de" (am Te'chrand ein sitzend r Jüng-- lmg mit Stab),Einsamkeit" (auf einsamer Felsplatte ein kauernd:r, nackter Knabe). Die meist nackte menschliche Ge­stalt steht hier im Zeichen allegorischen Geschehens.

Aus der Bibel ist es vor allem Adam und Eva, das Paradies, was den Künstler zur Gestaltung zwang. In immer neuen Wendungen zeigt er das goldene Zeitalter, da die Menschen unbeschwert von Sorge über die Erde schritten Dann die Flucht nach Aegypten. Marie und das Kind auf dem E>el reitend, den Joseph führt, oder auch unter Bäumen chherw. Christus und Magdalena auch eine Pieta, die jedoch m ihrer künstlerischen Haltung ganz aus dem Rahmen des fonstigen fällt. Schließlich hat er für Karlsruhe jene große