Ausgabe 
13.12.1924
 
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Gietzener jamilienblütter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang (92<

Samstag, Sen 13. Dezember

Nummer 61

Wmtsrcrbsnd.

Von Anastasius Grün.

Eisblumen, starr, kristallen an den Scheiben, wie ein Gehege gen der Sturmnacht Tosen, sie flüstern mir, indes sie Flimmer stäuben: Wir find die Deister dust'ger Frühlingsblüten! Schneeflocken, wirbelnd hin mit weißem Glanze! Es pochen leis' ans Fenster die versprühten! mir lispelnd flüchtig im Vorübertanze: wir sind die Geister duft'ger Frühlingsblüten!

Gefühle steigen auf in meiner Seele wie beim Berklingen ferner Sterbeglocken, die banger Wehmut Seufzer meiner Kehle und reiche Tränen meinem Äug' entlocken: sie aber singen sanft mir ins Gemüte: Wir sind die sel'gen Geister deiner Lieben, mit denen du durchwallt des Frühlings Blüte, Auf deren Grab nun diese Flocken stieben!

Advent und Freude.

Von Reinhold Braun.

Adventszeit ist die beste Lehrmeisterin der Freude. Wir müssen nur den guten Willen zeigen, uns belehren zu lassen.

3ede Adventszeit unseres Lebens muß ein Stück Ent­wicklung unseres inneren Menschen in sich bergen. 3e älter wir werden, je mehr müssen wir dahin kommen, daß Weih­nachten nicht nur ein Fest der schönen Stimmungen ist, sondern das Fest, das ein lichtervolles, tannenumgrüntes Tor ist zur Freude und Schönheit des wesentlichen Menschen. Denn zur Weihnachtszeit ist der Begründ des wesentlichen Menschen, das Kind, uns wundersam und göttlich umgnadet aufgetan. Von diesem Standpunkte erfaßt, gewinnt Weih­nachten erst für uns die rechte Höhe. Freilich ist solch ein Weihnachtserlebnis ein Werk tief innen in der Seele, ein gar ernstes Werk, aber ein wunderbar beglückendes. And es geschieht so ohne Lehrhaftigkeit, unter dem Lichte und der feinen, stillen Art der echten Freude. Es ist ein Blühen des Geheimsten und Schönsten in uns. Wir müssen nur die wahrhaft Aufgeschlossenen sein, die Einkehrsfrohen und -frommen, die zur Wesentlichkeit Inbrünstigen!

And die Adventszeit ist zu alledem eine liebe, wun­derfeine Helferin. Sie zeigt uns das rechte Schritt-für-Schritt. Der Weg ins Wunder ist ein Weg empor mit vielen Stufen. Aber dem willigen und ergriffenen Herzen schenkt jede Stufe ein neues Erlebnis, das eine Gnade sein kann.

3a, Adventszeit ist stille Wanderzeit an der Hand der Freude.

Dur die Augen des Kindes haben, nur sich nicht dessen schämen, daß das Herz nach Goetheder mannigfaltigste, beweglichste, erschütterlichste Teil der Schöpfung" ist! Dein, man muß richtig darauf stolz sein, solch ein Herz in der Brust zu tragen! Man muh recht fähig zu diesem seinem Herzen werden! Man muß sich zu ihm sammeln mit aller Klarheit und Wesensinnigkeit!

Dann lernt man auch das rechte Herzensfreuen, das so gairz von innen kommt, daß sich die Augen von der Seele her ganz mit Licht füllen, daß der ganze Mensch wie eine Blüte ist, voll Geheimnis und Schönheit, voll Anmut und Ergriffenheit.

3a, das Herzensfreuen ist die Sichtbarkeit unserer We­sentlichkeit, denn es ist das Freuen der Höhe, des Gott- Erfülltseins, der selig tiefen Stille, der tausend Wunder in uns, die wir nun erst entdecken! 3a, Adventszeit kann Ent- deckerzeit sein bei dir selbst und deinen Lieben!

Das Herzensfreuen ist voll ewigen Zaubers!

Man lernt es nicht gleich, nicht auf einmal! Mancher braucht recht lauge dazu. und oft muß ein Amweg ge­

gangen werden! Aber wenn man es kann, weih man erst, was man gewonnen hat und weiß um die Schönheit und die Gnade der königlichen Dinge.

Erst das Herzensfreuen schenkt uns den Reichtum des Menschseins. Es ist eine Quelle unversieglicher Kraft, des Mutes, des Bezwingertums, der Treue und, was das Höchste bleibt, der großen, tiefen Liebe.

Zu der Kunst des Herzensfteuens, als der Rotwendig- keit zum wesentlichen Menschen, will rms die Adventszeit bereiten und leiten!

O, daß auch diese Adventszeit uns wieder ein Stück vorwärts brächte in der Kunst des Herzensfreuens k Wir haben es so bitter notwendig!

Wir alle, alle!

Der Weihnachtsabend.

Don Adalbert Stifter.

(Fortsetzung.)

Das Mädchen schaute mit den willigen Aeuglein in das rings­um herrschende Grau und folgte ihm gerne, nur daß es mit der! kleinen eilenden Fühlein nicht so Nachkommen fcitnte, wie er vor­wärts strebte, gleich einem, der eS zur Entscheidung Bringen wollte.

Sie gingen nun mit der Anablässigkeit und Kraft, die Kinder und Tiere haben, weil sie nicht wissen, wieviel ihnen beschiedsn ist, und wann ihr Vorrat erschöpft ist.

Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie über den Berg hinabkämen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwärts gebogen, allein sie kamen wieder in Richtungen, die berg­an führten. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie aus- weichen muhten, und ein Graben, in dem sie fortgingen, führte sie in einer Krümmung herum. Sie erklommen Höhen, die sich unter ihren Füßen steiler gestalteten, als sie dachten, und was sie für abwärts hielten, war wieder eben, oder es war eine Höhlung, oder eS ging wieder gedehnt fort.

Wo sind' wir denn, Konrad?" fragte das Mädchen,

Ich weih es nicht," antwortete er.

Wenn ich nur mit diesen meinen Augen etwas zu erblicken imstande wäre," fuhr er fort,daß ich mich daimch richten könnte "

Aber es war ringsum sie nichts als das blendende Weih, überall das Weih, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann in einen lichten, streifenweise nieder- fallenden Rebel überging, der jedes Weitere verzehrte und ver­hüllte und zuletzt nichts anderes war als der unersättlich fallende Schnee.

Warte, Sanna," sagte der Knabe,wir wollen ein wenig stehenoleiben und horchen, ob wir nicht etwas hören können, was sich ini, Tale meldet, sei es nun ein Hund oder eine Glocke oder bie Mühle, oder sei es ein Ruf, der sich hören läßt, hören müssen wir etwas, und dann werden wir wissen, wohin wir zu gehen haben."

Sie blieben nun stehen, aber sie hörten nichts. Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut, auch nicht 6er leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja, in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel. Die Voraussage der Großmutter hatte sich noch immer nicht erfüllt, der Wind war nicht gekommen,' ja. was in diesen Gegenden selten ist, nicht das leiseste Lüftchen rührte sich an dem ganzen Himmel.

Rachdem sie lange gewartet hatten, gingen sie wieder fort.

Es tut auch nichts, Sanna." sagte der Knabe,sei nur nicht verzagt, folge mir, ich werde dich doch noch hinüberführen. Wenn nur das Schneien aufhörte!"

Sie war nicht verzagt, sondern hob die Füßchen, so gut eS gehen wollte, und folgte ihm. Er führte sie in dem weißen, lichten, regsamen, undurchsichtigen Raume fort.

Rach einer Weile sahen sie Felsen. Sie hoben sich dunkel und undeutlich aus dem weißen und undurchsichtigen Ächte empor. Da die Kinder sich näherten, fließen sie fast daran. Sie stiegen wie eine Mauer hinauf und waren ganz gerade, so daß kaum ein Schnee an ihrer Seite haften konnte.

Sanna, Sanna," sagte er,6a sind die Felsen, gehen wir nur weiter, gehen wir weiter."

Sie gingen weiter, sie mußten zwischen die Felsen hinein und unter ihnen fort