— 152 —
bett ftcinigen Boden mit bem Karst gehackt, wenn ich die Reden geschnitten und an den Swck geheftet habe. Da steht man ani steilen Derghang im Sonnenlichte, hört, wie der Mann, der unten im Tale pflügt," seinen Pferden zuruft, man spricht mit den Lernten, die auf den Rachbargrundstücken arbeiten. Diese Wingerts- arbeit geht auch nicht so in der Hast, wie das in Oen Städten bei der Arbeit geschieht. Ich Weitz das von meinen Söhnen, die beständig telephonieren müssen. Der Mann, der auf dem Acker oder im Wingert arbeitet, hat immer noch Zeit, seine Pferfe auszuklopfen, sie zu stopfen und langsam in Brand zu sehen und, auf feine Hacke gestützt, vom Welter, Vieh, von Familienermg- nissen und von Zeitläuften zu sprechen. So ging es uns, wie gesagt, ein paar Jahre lang ganz gut, da gb es im Sommer 1880 wieder einen harten Stoss. Ich nahm in Darmstadt an einem zehntägigen Zeichenkursus teil. Drei Tage war ich dort, da erhielt ich von meiner Frau ein Telegramm: „Komme sofort, Kind^ schwer krank." Diese Nachricht traf mich wie ein Blitzstrahl. Ich Hatte die Kinder vergnügt und munter zurückgelassen und konnte mir gar nicht Lenken, was da inzwischen eingetreten fei. Rasch fuhr ich nach Mainz, als ich dort spät in der Rächt cknkam, erfuhr ich, Latz an diesem Tage ein Zug, der mich zu den Meinen hätte bringen können, nicht mehr ging. Was machen? Sollte rch über Rächt bleiben und mit dem ersten Zuge am nächsten Morgen fahren? Dann wäre ich vor elf älhr nicht angekommen, es erschim mir auch qualvoll, die Rächt in einem Gasthaus- zuzubringen, gefoltert von Angst und Ungewißheit. Da entschloß ich mich, es toar ja eine milde Sommernacht, den siebenstündigen Weg zu Futz zurückzulegen. Das war ein Machtmarsch, an Len ich immer denken mutz Es war eine wundervolle Rächt, die Sterne blitzten, der Heuduft zog über das Feld. Ich gewahrte das alles und gewahrte Es Loch nicht,' denn mein Herz war zu unruhig. Ich bin in meinem Leben viele Wege gegangen, Wege in Lust und Freude, Wege in tiefer Betrübnis, das war mein schwerster Weg. Er ging immer die Pariser Straße entlang, die vielfach die Ortschaften nicht durchquert, soirdern sie nur streift. Das war mir diesmal ganz recht: denn so kam ich unterwegs nur mit wenigen Menschen in Berüh- runa Hinter Marienborn hörte ich ein Käuzchen rufen, das ja als Totenvogel gilt. Run bin ich gewiß nicht abergläubisch, diesmal erschreckte mich dieser Ton ganz entsetzlich. Als ich in Rieder- Olm war, schlug es zwölf älhr, aus einem Hause hörte ich das. Weinen eines kleinen Kindes, und es war mir, als ob ich meine kleine Marie hörte. Immer weiter setzte ich meinen Stock, meins Füße schritten durch den Staub der Straße, die wie ein langes Weihes Band vor mir lag. Alm drei Ahr wurde es im Osten fahl, der Wind erwachte und ging mit mir, die Bügel erhoben ihre Stimmen, die Morgendämmerung färbte alles grau, Wolken- fchichten hingen am Himmel. In Wörrstadt zweigte ich von der Pariser Straße ab. Run regte sich auch das Leben in den Dörfern. Sie Stalleimer klapperten, die Türen knarrten, die Pumpenschwengel wurden bewegt, Fenster öffneten sich, Leute kamen mir mit Sensen entgegen, mit einem Male umstrahlte mich die Mvrgen- svnne Als ich unser Dorf vor mir liegen sah, Lachte ich: Was wird unterdessen dort geschehen sein? Ohne Latz mir jemand 6e» gegnet wäre, gelangte ich an mein Haus. Die Haustür war noch verschlossen, mit dem Stocke klopfte ich an ein Fenster, La war meine Frau auch schon La, blaß und übernächtig t sah sie aus. Sie war zuerst erschrocken, als sie mich so unerwartet heimkehren sah, dann aber schloß sie rasch die Haustür auf und sagte,, indem sie mir die Hand reichte: „Gott sei Dank, das du La .bist, die Kinder haben Scharlach und Diphtherie". Einen Augenblick später stand ich an den Betten der Kleinen. Den ältesten, meinen Otto, hatte das Äebel am gelindesten angepackt, er schlief, als ich ankam. Aber der arme Ernst war über und über mit roten Flecken bedeckt, die Augenlider waren ihm so geschwollen, daß. er die Augen kaum öffnen konnte. Aber er erkannte mich, sofort streckte er mir die fieberheiße Hand entgegen und fragte: „Vater, was hast du mir denn von Darmstadt mitgebracht?" Am schlimmsten war die siebenjährige Marie daran, sie hatte, wie meine Frau mir sagte, in bedenklichem Maße weihen Belag im Halse, wimmerte in einem fort und schien mich nicht zu kennen. Da habe ich zu meinem Gott gesagt: „Rknirn mir alles, nur laß mir meine Kinder!" Ein Tag verging in großer Angst und Sorge. Der Arzt kam und meinte, die beiden Knaben seien außer Gefahr, was aber das Töchterchen betreffe, so sollten wir uns auf alles gefaßt machen. Das Impfen mit Serum kannte man damals noch nicht, abep es wurde ein Apparat beschafft, mit dem man dem Kinde heiße Dämpfe in den Rachen einführte. Das Wimmern ging den ganzen Lag hindurch: in der Macht, die folgte, übernahm ich die Krankenwache, La meine Frau schon mehrere Tage nicht mehr aus den Kleidern, gekommen war. Die beiden Knaben verlangten oft nach Wasser, Marie war zu schwach, um nur einen Wunsch zu äußern. Ich saß, wenn mich die Kinder nicht nötig hatten, auf einem Stuhle neben dem Lisch, der seitwärts an die Wand gerückt war. Bis zwei Alhr hielt ich mich aufrecht, dann aber bin ich, von Müdigkeit übermannt — ich hatte ja die vorausgegangene Dacht Hindurch den weiten Weg zurückgelegt —, eingeschlafen, ich Hatte dabei den Kopf auf Len Tisch gelegt. Auf einmal schreckte ich auf, es war mir, als ob Marie mir gerufen habe. Im Zstmner war es ganz hell, das Morgenrot leuchtete herein. Ich hatte mich geirrt,
Las Kind schlief, und wie mir schien, so ging der Atem viel lang- samer als am Tage zuvor. Als meine Frau eine Stünde später in Las Krankenzimmer trat, sagte ich ihr: „Ich glaube, Latz Gott unser Gebet erhört hat". Wir weinten beide vor Dank und Freude. Es kam die völlige Genesung, vierzehn Tage später spielten die drei Kinder wieder miteinander im Hofe an einem Sandhaufen. Die Knaben hatten mit Steinen und Brettchen einen Backofen gebaut, Marie rührte in einem alten Teller Erde und Wasser, miteinander vermischt, zu einem Kuchen. Die Rollen waren so verteilt, Laß Marie die Mutter war, die zum Sonntag den Kuchen anrührte. Otto war der Bäcker und Ernst der Mutter ihr kleiner Bub, der den Kuchen in das Backhaus trug. Ich rief meine Frau, die im Wohnzimmer nähte, herbei und sagte: „Gott hat uns die Kinder von neuem geschenkt."
Don der Zeit, die nun folgt, habe ich nicht mehr viel zu erzählen. Die Kinder wuchsen heran, besuchten auswärtige Schulen un&, ehe wir es uns versahen, hatten sie das Elternhaus verlassen. Oft, wenn sie eine neue Schulklasse durchzumachen hatten oder wenn einer der Söhne vor einem Examen stand, habe ich zu meiner Frau gesagt: „Ich wollte, wir wären ein Jahr älter." Unter solchen Wünschen find wir wirklich alt geworden. Ach, wie geht ein Leben so rasch dahin! Hiob hat recht, wenn er sagt: „Meine Tage sind leichter Lahingeflogen denn eine Weberspule." Im Jahre 1907 ist meine Frau von mir geschieden, sie hat drei Tage an Lungenentzündung krank gelegen. Don jenem Tage an, La wir uns unter dem Rußbaum auf dem Erbes-Büdesheimer Berg verlobt haben, bis in ihre Sterbestunde hinein ist sie mir eine treue Weggefährtin gewesen. Run hat mir der unglückselige Krieg einen so schweren Verlust gebracht. Mein ältester Enkelsohn Wilhelm, der Sohn meiner Darmstädter Tochter, ist im Mai 1915 in Galizien gefallen. Er war noch keine achtzehn Jahre alt, als er sich im August 1914 zum freiwilligen Eintritt in das Heer meldete, direkt von der Oberprima ist er Soldat geworden. Wie gern ist er als Knabe bei mir zu Besuch gewesen. Er hat sich so sehr für Las Fuhrwerk und die Pferde interessiert, in jeden Stall ist er gelaufen, hat gefragt, wie die Pferde hießen und wie alt sie seien, und war glücklich, wenn er auf einem Erntewagen mit^ hinaus in Las Feld fahren durste. Einmal habe ich ihn bei der Traubenlese hier gehabt, da hat er, obwohl er erst sechzehn Iah te alt war, baS Läget getragen, hat dann beim Keltern geholfen und war traurig, wenn er wieder nach Hause reifen mutzte. Wie war er immer sv vergnügt, wenn er bei mir war, und nun liegt er, Gott weiß, wo, in einer Bergschlucht begraben. Ich bin nun alt, lange wird - es für mich nicht mehr Lauern, denn ich freue mich, wenn ich 'in der Ewigkeit alle die wiederfinde, die der Tod mir genommen hat, meine Eltern, meine Frau und meinen Enkelsohn."
Der alte Mann war ergriffen, als er Las sagte, durch das anhaltende Reden war er zugleich auch abgespannt. Darum stand 6er Pfarrer auf, drückte ihm unter herzlichen Worten die Hand und verabschiedete sich.
• „Roch eins, Herr Pfarrer," sagte Oestreich. „Auf dem Kreuznach er Friedhof steht ein alter Grabstein, auf dem ist geschrieben: Theodor Sichhvff, geboren 1798, gestorben 1828. Darunter ist zu lesen aus dem 103. Psalm: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. — Wenn Sie mir die Grabrede halten, so nehmen Sie Liefe Bibelstelle als Text!"
Das versprach der Pfarrer und ging davon.
Oestreich ging hinaus in seinen Garten. Im Dvrubergehen rief er der Enkelin, die in der Küche war, zu: „Mathilde, wie lange Lauert es noch, bis sie kommen?"
„Roch zwei Stunden, Großvater, dann sind sie da."
„Ach, wenn diese Zeit nur schon herum wäre! Es geht mir wie einem Kind, das am Weihnachtsabend auf die Bescherung wartet."
Dom Gartenzaun sah der Alte hinaus in das seid. Immer noch Las rege Treiben, das er schon vom Friedhöfe aus beobachtet Hatte. Männer gingen vorüber, die Strohseile auf den Schultern trugen, ihre Arme waren bis zum Ellenbogengelenk gebräunt. Frauen gingen nebenher und hatten die Sichel in der Hand. Kinder, die Aehren gelesen hatten, kamen vom Felde zurück. Sie waren barfuß über die Stoppeln gelaufen, kaum konnten sie mit ihren Armen die gesammelten Aehren umfassen. In der Luft flimmerte es vvn der Sonnenhitze. An den Bäumen, die in der Aähe vom Wegrande standen, hingen Aehren, die sich von Len hochbeladenen Wagen losgelöst hatten.
Eine Weile sah Oestreich in der Gartenhütte, sah nach dem Blumenflor auf den Beeten und freute sich über den Duft und die Farben. Dom Kirchturm hörte er die Elfuhrgkocke läuten. Klar schwang sich der Glockenlaut durch die von keinem Windhauch bewegte Lust hinaus über Dorf und Feld. Der alte Mann fühlte sich sehr müde, darum beschloß er, in Las Haus zu gehen, um, ehe dis Kinder kämen, -etwas zu ruhen. Als er in Las Zimmer getreten war, sah er, Latz die alte Wanduhr stehen geblieben war. Das wunderte ihn, in mehr als fünfzig Jahren war das nicht vorgekommen, Latz er das Aufziehen vergessen Hatte. Er stand auf, um bte Uhr aufzuziehen, kaum war er jedoch zwei Schritte gegangen, da überkam ihn große Schwäche, er gelangte gerade noch zurück zu seinem Sessel. Als die Enkeltochter eine halbe Stunde später das Zimmer betrat, sah sie, daß der Großvater entschlafen war.
Schriftleituna: Dr. Frisör. Wilb. Lange. — Druck und Verlas bet BrLhl'fchen Aniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange. Dietz«.


