Gießener Kmilienblatter

Unterhattungsbrilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Samstag, den 15. September Nummer Z8

Legenden.

Don Max Mell').

Woher die Sterne am Himmel kommen.

Als der liebe Gott die Welt erschaffen hatte, sah er, daß ülles sehr gut war, aber sie war noch ganz dunkel. Da dachte er, er mühte ihr auch Lichter geben, und er brachte auS seinem Him­melspalast drei goldene Schalen. In der einen war helles, uared Feuer; in der zweiten helles, klares Wasser; in der dritten süße Milch, wie sie die kleinen Engel alle des morgens tranken. Dev liebe Gott rief den Erzengel Raphael und gab ihm di« erste gol­dene Schale und sagte ihm, er solle sie an sden Himmel setzen. Lind der Erzengel Raphael tat es, und sie leuchtete prachtvoll und Übermächtig auf die grüne Erde hin und zuckte ihr feuriges Leben in alle Geschöpfe; und das war die Sonne. Darauf rief der liebe Gott den Erzengel Gabriel und hieß- ihn die zweite goldene Schale an den Himmel sehen, und diese leuchtete sanft und mW, und das war der Mond, und er träufelte von seinem klaren Wasser herab! auf die schlummernde Erde, und das war der Tau. Dann rief der Herr den Erzengel Michael und hieß ihm die dritte Schale an den Himmel sehen. Der. Erzengel Michael aber war der jüngste und lebhafteste von den Engeln und damals noch Sein und üef in seinem Eifer, stolperte und fiel hin, und die Schale zerbrach in tausend und aber tausend Scherben, und die Milch daraus er» goß sich in weitem Strom. Da weinte der Erzengel Michael, die beiden anderen aber hoben ihn auf, trockneten ihm die Tränen und trösteten ihn; sie sammelten alle Scherben und Stückchen von der Schale und meinten, an den Himmel müßten sie nun einmal, der liebe Gott würde schon nichts davon merken, wenn sie auch nur jedes einzeln an den Himmel setzten. Das war aber eine große Müh' und Plag', denn der kleinen Splitterchen toaren unendlich viele. Jedoch die drei Engel waren unermüdlich fleißig, vergasten keines und hatten bis zum Abend die ganze Arbeit gemacht, und als der liebe Gott- Nachsehen kam, da glänzte der Himmel wunderbar von Tausenden von Splitterchen und Sternchen, und mitten durch ging die Milchstraste; denn die abzuwischen, dazu waren sie nicht mehr gekommen. Als aber der liebe Gott die ganze Bescherung sah und die Engel ängstlich an seinem Munde hingen, ob jetzt am Ende ein großes Donnerwetter losbräche, da dachte er bloß daran, tote fleißig sie gewesen, und wenn es auch! ganz anders gekommen war, als er sich's gedacht hatte, so ließ, er es schon dabei, lächelt« gütig und sagte:Es ist schon gut so!" And daher kommen die Sterne.

Was aber dieses Himmelsgestirn, wenn es nicht zerbrochen wäre, uns gespendet hätte? Süße Milch hätte es immerzu herab- geträuft und hätte so die Menschen genährt wie der Tau die Blumen, und jedes wäre satt geworden auf Erden. So. freilich fließt sie am Himmel und die Menschen haben nichts davon. Sie müssen arbeiten, um sich zu ernähren, und ein ewiger Kampf ums Leben ist ihnen aufgetragen und ein ewiges Ringen mit sich selber. Ja, ja, wir merken es schon, daß! wir es dem Erzengel Wichael verdanken.

Adam und das Hündchen.

Im Paradiese verstanden einander alle Geschöpfe und hatten einander lieb. <

Da war nun ein Hündchen, das war klug. Das hatte den Be­fehl des Herrn an das erste Menschenpaar wohl vernommen, daß man nicht dürfte vom Lebensbaum essen; und hatte sich vvrgenom- men, recht wachsam zu sein, damit es ja nicht geschähe und der Herr nicht erzürnt würde. Es war immer in Adams Aähe, an der es sich freute, und so freute sich auch Adam des Hündchens; sprach freundlich zu ihm und klopfte ihm das Fell, und wenn er 'sich zur Rast niederließ, faß das Hündchen bei ihm oder sprang um ihn und spielte mit dem Stocke, den sich Adam geschnitzt. Eva je» tjod) hatte ein Kätzchen; das lief aber nicht mit ihr, sondern ließ sich tragen und in Evas Schoß schmeicheln und wohl sein.

Jedoch es wollte dem wachsamen Hündchen bedünken, daß Eva eine Reigung hätte, sich in der Rähe des Baumes aufzuhalten, von dem sie nicht geniesten sollten, und die Früchte zu bettachten.

Da sprang das Hündchen lustig um Adam herum und lockt« ihn dahin und dorthin, so daß. er dem Baum den Rücken kehrte, ibn aus den Augen verlor, und Eva ihm dann folgte. And es sagte zu dem Kätzchen:Du sollst die Menfchenfrau anderswohin führen, als zu dem Baume." Die Katze antwortete:Wie kannst du sagen, daß ich sie dahin führe? Sie trägt mich doch dahint"Du

) AusMorgenwege" (Ph. Reclam, Leipzig).

könntest ihr aber sagen, daß sie an anderen Stellen des Gartens wandle." Die Katze antwortete:Es ist mir doch gleich, wohin fte wandelt; wozu soll ich ihr denn eine Rebe halten, die sie bewegen könnte, mich von ihrem Schoße abzuschütteln und nicht mehr zu liebkosen?"

Das Hündchen merkte, daß das Kätzchen von diesen Worte» etwas seiner Gebieterin hinterbracht haben mußte, denn sie gab ihm gar kein freundliches Wort mehr und sah von ihm zur Seite. Aber das Hündchen ließ deshalb nicht ab, sondern stürmte ihr nach und sprang an ihr hinauf mit der herzlichen Ditte:Sei gut! Sei gutr Aber sie stieß es mit dem Fuße und sprach:Kannst du denn gar nicht ein bißchen deine dummen Krallen ernziehen, daß sie nicht Spuren hinterlassen auf meiner zarten Haut? Da sieh daS Kätzchen an, wie das es macht." '" '

Da wurde das Hündchen traurig und ging von dem Menschen­paar davon. Aber seine Wachsamkeit wollte es nicht aufgeben und legt« sich unter den verbotenen Daum. Das war aber der Schlange, die darinnen nistete, gar nicht recht, und sie dachte, es durch ihr Zischen zu vertreiben; und als das Hündchen darauf zu ihr hinauf- schalt, da täufelte sie Gift aus ihrem Munde hinab, und es fiel in seine Augen. Im Paradies freilich konnte keinem Tier etwas ganz Schlimmes geschehen, und das Hündchen wurde nicht blind, tote es die böse Schlang« gewollt hätte; nur hatte seine Sehkraft ein wenig Schaden gelitten, und es sah nicht mehr so scharf tote ehedem, und das ist seither allen Hunden geblieben. And damit hatte die Schlange doch ihr Ziel erreicht; denn als das Menschen­paar zum Bamn trat und Adam nur auf Evas Wunsch und ließe» redung hörte, und die Schlange ihre süßen Worte dreinmengte, da verhallte die inständige Warnung des Hündchens ganz, soviel es auch an Adam hinauffprang und ihn zerrt«, und es sah nicht, daß Eva ihm den Apfel reicht, sonst hätte es vielleicht gar ge­bissen.

Als aber nun die Sünde geschehen war, da wurde es so eigen dumpf unb dämmerig in der Luft; und wie sich das Menschenpaar in die Sträuche verbarg, da wich auch das Hündchen von ihnen und verkroch sich; denn es witterte den Tod. Dann blitzte und. don­nerte es, und die Stimme des Herrn erscholl, und alle Tiere» ten sie und zogen sich ob dem Arteilsspruch tief zurück in den Garten. And hierbei sah das Hündchen, wie das Kätzchen in wei­tem Bogen von dem Sünderpaar, das gebeugt den seligen Garten verließ, davonsprang. Da wurde das Hündchen böse, und zugleich war sein Herz voll des Mitleids auch den Bertriebenen, und es folgt« ihren Spuren. Da stand aber der strenge Engel am Ein- gang.

,^Du willst fvrtgehen, aus dem Paradies?" fragte er das Hündchen.

Ich wlll bei dem Menschen sein," erwiderte es,er hat mir Gutes getan.

Der Engel sagte ftreng:Du bedenke Wohl, daß es seinetwegen geschah, wenn deine Äugen geschwächt find: es ist mühevoll, um den Menschen zu fein. ..

Das Hündchen antwortete:Ich habe früher das gute Aufwal­len seines Herzens gespürt, und» ich. will ihn nicht verlassen.".

Der Engel sah ihn milde an und sprach:Da du so Geringes fühlst, so soll dir die Gabe bleiben und die Schwäche deiner Augen ersetzen. Aber weißt du auch, ob der Mensch dieses guten Auf­wallens auch fernerhin noch fähig sein wird? Wenn Sorgen sein Herz verhärten, wird er nicht aufrecht bleiben, wird böse fein tote kein Sier und wird dich mißhandeln."

Richt, wenn ich ihn tröste und ihm sage, daß ich ihn heb hab," versicherte das Hündchen.

Er versteht deine Sprache nicht mehr," sagte der Engel.

Da seufzte das Hündchen. Aber dann sprach es:Es wirÄ schon gehn."

And Adam hörte hinter sich ein freudiges Gekläff und wandte sich um. Da brach zum erstenmal wieder ein freudiger Strahl aus feinem Auge, und er blieb stehen und ließ, das Hündchen an sich hinausspringen und klopfte ihm ganz glücklich das Fell a&. And er merkte gar nicht, daß er seine Sprache nicht mehr ver­stand: denn dem Hündchen war ein Ausweg gekommen, es wedelte, und das sagte alles, was nötig war.

Was sich auf der Flucht nach Aegypten zugetragen hat.

Als die heilige Maria mit dem Jesukinde und dem Rährvater Joseph nach Aegypten floh, geschah es, daß die Kriegskn^Hte, die König Herodes zu ihrer Verfolgung ausgesandt hatte, ihnen