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Reuten fernen Makel. Es kommt aus den Menschen und nicht auf die Etikette, die er im Zivilregister trägt, an. Ein „ehrlicher" Aäuber oder Mörder ist überall gern gesehen, er findet Arbeit und man begegnet ihm mit Achtung. Aur den Gewohnheitsdieben und Fälschern geht man aus dem Wege, sie gelten in Sibirien als „kleine Charaktere", die kein Vertrauen verdienen.
Mein Hauswirt ist ein siebenfacher Raubmörder. In einem anderen Lande wäre er gewiß gehenkt worden, aber im früheren Rußland durften die gewöhnlichen Kriminalgerichte keine Todes- Se verhängen, ein Straßenränder und Mörder kam dem-
, wenn sein Verbrechen keinen politischen Beigeschmack hatte, mit 10 bis 20 Jahren Zuchthaus davon. Durch irgendwelche Gnadenakte wurde die Frist dann meistens auf die Hälfte verkürzt. Bei der Entlassung folgte die Zwangsansiedlung in Sibirien. Wer nicht mehr zum freien Räuberhandwerk zurückzukehren versuchte, der wurde im Laufe einiger Jahre Ansiedler und erhielt seine bürgerlichen Rechte zurück. Es ist schwer, in das Seelenleben eines „behäbig" gewordenen Verbrechers, der seinen Frieden mit der Gesellschaft geschlossen hat, einzudringen. Man darf sich keineswegs einen reuigen Sünder vorstellen, gewiß nicht, chec paßt der Vmgleich mit einem Geschäftsmann, &er bankrott gemacht, und der nun seine Schuld voll bezahlt hat. Was die politische und religiöse Einstellung anbetrifft, so sind die Räuber meistens konservativ und halten die Fasttage ein. Andere nutzen den Umschwung aus und machen unter den Bolschewiken eine glänzende Karriere, werden Kommissare, verwalten riesige Bezirke und üben ihr Räuberhandwerk in anderer Art aus. Treiben sie es. zu arg, so kommt es vor, daß sie von den neuen Herren kurzerhand erschossen werden.
Die Angara schäumt vorüber. Ich stehe neben meinem Haus- tvirt und warte, bis die ersten Bote ausgesetzt werden können, es wird wohl eine Weile dauern, und so gesellt sich denn verschiedenes Volk zu uns. In Schafsfelle' gehüllte Burjaten mit ihren Mongolengesichtern und schmalen Schlitzaugen bilden eine aparte Gruppe und unterhalten sich in ihrem Kauderwelsch, das kaum jemand von den Russen versteht. Burjaten und Russen vermischen sich auch nicht im Alltagsleben, sie bleiben seit den Zeiten von Jermal, der Sibirien im 16. Jahrhundert für den Großfürsten von Moskau erobert, ein Volk für sich, das seitdem weder in der Geschichte noch in der Zivilisation Sibiriens eine Rolle gespielt hat. Rur einige lamaistische Burjaten glänzen als. Gelehrte und Propheten am Hofe des lebenden Buddhas in plrga. Es wird erzählt, daß etwa 50 Kilometer entfernt in der Taiga, auf dem Weg zu den Goldfeldern in Bodaibs, eine Räuberbande aufgetreten ist, die von allen Reisenden ein Lösegeld einfordert, aber die bisher noch niemand erschlagen hat. Die Anwesenden spucken verächtlich aus. Das müssen blutige Anfänger sein, Dilettanten! Wenn sie die Zeugen nicht auslöschen, wird man sie bald gefaßt haben! Run werden Erinnerungen und Erfahrungen ausgetauscht, die gruselig genug klingen, die aber nicht böse gemeint sind, und die nur von Sachkenntnis zerrgen sollen.
Langsam bricht die Frühsommerdämmerung herein. Der Himmel spielt in wunderbaren Farben, aber mit der Sonne schwindet auch die Wärme, und der Cishauch des Stromes breitet sich in weißen Rebeln über das Dorf und über die Stadt. ^Fröstelnd ziehen sich die Leute in ihre Hütten zurück, um das Nationalgericht, Pelmeny, das ist in Mehl eingekochtes, gehacktes Fleisch, zu essen, dazu Ziegelsteintee zu trinken und wenn möglich einige Gläser Fuselschnaps zu genießen. An den Gewohnheiten ändert kern politisches Regime, mag nun ein allmächtiger Pvlizeichef oder ein noch mächtigerer Kommissar in Balagansk herrschen. Mein Wirt, der brav gewordene vielfach« Raubmörder, begleitet mich in meinen Derschlag und philosophiert noch ein wenig über die Richtigkeit aller Dinge und über die Rutzlofigkeit der Politik. 1 Beim Fortgehen stellt er ein scharfes Beil hinter mein Bett und bittet mich, ihn kein Geld sehen zu lassen. Wir beten ja alle: „Führe uns nicht in Versuchung!", ich drücke ihm dankbar die Hand und schlafe ruhig bis zum anderen Morgen. Die Angara ist über Rächt eisfrei geworden, und die Reise kann auf Booten fortgesetzt werden. Roch wenige Stunden und ich befinde mich, wenn auch von Wildnis umgeben, auf der großen Weltstraße zwischen London und' Pefing.
Stein.
Don Emil Ludwig.
Emil Ludwig, der bekannte Dichter und feinsinnige Essayist, läßt im Verlage von Ernst Revohlt zu Berlin soeben eine Sammlung von „Zwanzig männlichen Bildnissen" unter dem Titel „Genie und Charakter" er- scheinen. Aus dem Werk, das Porträts von großen Staats- männern und Forschungsreisenden, Künstlern und Dichtern umfaßt, teilen wir einen Abschnitt mit, der die Silhouette des großen Freiheitsmannes Freiherrn vom Stein umreißt.
„Ich habe nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland."
Aus dem Gerüst eines wuchtigen Körpers sitzt ein quadratischer Schädel mit rein gewölbter Stirn und schmalen, verschwiegenen Lippen: doch herrschend streben aus dem Kopf hervor zwei klare, blaue Blicke und eine riesige Rase! Zeugen des Glaubens und der Energie. Das find di« Grundzüge in der Seele dieses gewalttg einfachen Mannes.
Kein deutscher Staatsmann ist von der Verschmelzung dieser beiden Eigenschaften irt so reiner Stärke bestimmt worden. Während aber in dieser kristallenen Tatennatur nichts problematisch bleibt, während sich Reinheit der Intuition und Wucht des Willens nie stören, wird seinen Resultaten dieser lebenslange Wettkampf von Glauben und Handeln Verhängnis: er nimmt ihm die Möglichkeit der letzten Lösungen. Weil keine Enttäuschung unter den Menschen, die er im einzelnen aufs strengste beurteilte, ihn zur Menschenverachtung, zu jenem Zynismus verleiden konnte, ohne den Bismarck nichts erreicht hätte, erreichte er im entschei denden Punkte nichts Positives: zu gläubig war er für so.gesunden Weltsinn, zu tatkräftig für so tiefen Menschenglauben. Dafür war sein Ideal eines Deutschen Reiches auch reiner als das jenes Rachsvlgers, der doch nur eine gewisse Form zustande gebracht hat.
So brannte das Herz des Freiherrn vom Stein ein Leben lang als einsame Fackel durch den Dunst deutscher Fürsten- und Diplomaten-Politik, brannte und losch einsam, jedoch entschwindend das künftige Licht mit seinem Licht verbindend:
Dieser ständige Kampf gegen die Trägheit der Herzen entwickelte ihn, wie jeden tätigen Idealisten, zum Choleriker. Da er aber die Gefahr der Leidenschaft für die Auswirkung seiner Ideen erkannte, zwang er sich Quietive auf, ersann fich Rezepte der Stefigkeit.. Unermüdlich von Ratur, dazu durch echten inneren! Standesstvlz getrieben, ein Muster des Adels zu werden, gedrängt vom rapiden Tempo der Zeit, gestärkt vom Hasse gegen «dm feindlichen Eroberer, beschwingt von den Möglichfeiten formloser Augenblicke des Staates, die sich von einem Jahrfünft zum andern steigerten: so kämpfte er immer heißer für seine Idee, für dies Vaterland, an dessen Einigung er mit Inbrunst gkrubte.
Er kämpfte gegen das Vaterland: Was erreicht wurde, die Befreiung, war nur zum Teil sein Werk und schließlich eine Frage der Bündnisse und' Waffen, die zu schließen oder zu schaffen nicht seine direkte Aufgabe war. Was mißglückte, die Einigung, war feine eigene Grundidee, die große Leidenschaft, der Motor seiner Tatkraft. Zwar war der erste Rapoleon in viel fieser erlebtem Sinne sein Feind, als es der Dritte jemals Bismarck werdens konnte; beiden aber war der Kampf mit den Franzosen nur das Mittel, durch Krieg und Sieg nach außen den inneren Zusammenschluß zu ertrotzen.
Weil aber Stein, wahrhaft ein Bolksmann, die deufichen Stämme zusammenfassen wollte, weil er die Dhnastten verachtete und von 36 Fürsten höchstens 6 duldete, zerrieb er sich in feiner höfefremden Gradheil zwischen den Intrigen und Launen der übrigen 30 und sah am Ende seiner Bahn vor sich eine Zerrissen- heit, schlimmer als bei Beginn. Bismarck, Volks fremd und d ynastisch, erreichte das in Deutschland Mögliche so ganz, daß es noch über den Sturz der Fürstenhäuser standhielt, erstaunlicher, als er es in Form der Gegenprobe auch nur gewünscht hätte.
Es scheint, als siege vor konstruktiven Aufgaben bei gleicher Tatkraft ein moralischer Wille eher als ein offenes Herz.
Denn Stein war gläubig. Immer der Vorsehung hingegeben, immer sich selbst als Werkzeug fühlend in höheren Händen, Gott verantwortlich, doch immer zugleich den Menschen: durchaus ein Protestant. Volle Ergebenheit in den Willen des Himmels machte ihn keinen Augenblick zum passiven Fatalisten, und nie hat er diesen unlösbaren Zwiespalt zwischen Ergebung und Aktivität kräf- ttger gefaßt als in den Tagen, da fich das Fatum seines Todfeindes wandte. Er saß in Petersburg und lud die i Freunde zum Weine, um Rapoleons Flucht und Moskau zu feiern: da, in einer Art seelischer Trunkenheit, die dieses klare Leben selten! duldete, erhob er sein Glas und rief den Gästen die herrlichen Worte zu: „Schon oft im Leben habe ich mein ^Gepäck hinter! mich geworfen. Stoßt an! Weil wir sterben nmssen, sollen wir tapfer sein!"
Er war's. 70 Jahre lang war er's, und mehr als mancher Feldherr. Zivil-Courage war die Form, in der sich Steins Tatkraft moralisch darstellte. Er fürchtete niemand, und weil er zugleich niemand zu gehorchen brauchte, war er der Freiesten einer. Der einzige, dem er sich freiwillig unterworfen, dieser König von Preußen, war sein Herr nur als Friedrichs Erbe geworden.
Denn Stein berührt noch den Stärksten und schon den Schwächsten in unserer Königsreihe. Er ist es, der zuerst von „Friedrich dem Einzigen" spricht, um seinetwillen tritt er in preußische Dienste und von dem Dogelauge des älralten Wird er in seinem Talentz noch erkannt und erfolgreich benutzt. Lind er ist es wiederum, der nachher die Charakterlosigkeit des Großneffen ertragen mußte: ihn lernte er rasch verachten. >
Mit der naiven Frische, die ein edles Herz und ein starkes Hirn ihm unermüdlich speisten, mit der plnerschrvckenheit seines! ritterlichen .Messens hat er auch über andere, später zu Größen! erhobene Staunen Wahrheiten nicht bloß vertraufich gesagt, auch vor der Welt in feinen Schriften ausgebreitet: gefallsüchtig uny schwach pennt er die Königin Luise, falsch und oberflächlich Hardenberg, unerträglich deutfchtümelnd den Turnvater Jahn, den zu chnpfangen er stets abgelehnt hat; nur über den König hat öffentlich geschwiegen. • . ... .
Rnd Doch: anstatt, tote Bismarck, emen Preutzenkomg zu finden, der sich leiten und der ihn niemals fallen ließ, fand Stein einen Hohenzvllern, beschränkt und trotzig, .feig und herrisch, der Nach zwei knappen Jahren ihn aus dem Antfe jagt«, und als er


