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besten Humor und wußte trotz seiner gutmütigen Asrt allzu Jx>r* lauten Kumpanen gehörig Bescheid zu tun. So sah er häufig mit einem Gymnasialprvfessor zusammen, einem Mann in den besten Jahren, der einen schneeweißen Kopf und einen schwarzen Dvllbart hatte. Ein Rentier, der auch gern mitreden wollte, sagte einmal zu Reuter: „Ra, Doktor, ick heww Sei ’ne Frag (Frage). De Professor het 'en grisen Kopp und 'en swarten Bort, und ick heww 'en grisen Bort und- swartes Haar, woher kümmt Lat?" Reuter sah den Fragenden über die Drille weg mit einem übermütigen Blick an und meinte: „Ja min Jong," sagte er, „dat kann ick di ganz genau seggen, de Professor het sin ganz Lewen lang) mit Gehirn arbeet't und du mit de Kinnlad". Wie jeder Prophet, galt auch er in seinem Vaterland nicht viel. So soll eine Dame, die ihn noch aus seiner „Sturm- und Prangzeit" in wenig guten Erinnerung hatte, gesagt haben: „Dor schriewen se nu so vel von em in de Blader und Bäuker — wie weiten't bet er: Wat hewwen wi mit den nich allens dörchmacht!" Andererseits wurde er von der begeisterten Lesewelt ganz Deutschlands in den Himmel gehoben, und die Anschwärmerei war dem bescheidenen Dichter meist unbehaglich. Als ihm einmal einige exaltierte Damen erklärten, sie stellten ihn über Goethe und Schiller, da < kehrte er ihnen den Rücken mit einem kurzen „Adjüs, Madams!'
„Hanne Rüte", weit übertrifft. Aber die anklagende Tendenz ist gu grell, die Effekte werden zu gewaltsam gegeneinandergesetzt; alles ist noch unausgeglichen. Erst dadurch, Lab Reuter die breite Milieuschilderunng seiner so hübsch pointierten Anekdoten mit der starken Menschengestaltung dieser Dorfgeschichte Verbands kam er, in der ganzen Anlage von dem groben Vorbild Dickens beein- flutzt, zu jenem meisterhaften Erzählerstil, dem wir seine unvergänglichen Schöpfungen verdanken. Spät war sein Wesen und seine Kunst gereift. Die vortrefflich aufgebaute, aber sich ins possenhafte verlierende „Rei' nach Delligen" war der Versuch des 44jährigen, in der plattdeutschen Prosaerzählung. Wir sehen ihn dann mit hochdeutschen Vorstudien ringen, unter denen die prächtige Selbstbiographie „Meine Vaterstadt Stavenhagen" am glücklichsten den persönlichen Ton trifft, aber die eigentliche Seelen- wärme, die künstlerische Leuchtkraft gewinnt sein Stil erst irrt Dialekt Der „Entfpekter Bräsig" tauchte schattenhaf tauf, ohne daß ihm noch das Blut des Lebens eingeflöbt ist. ,,-Ut de Franz oft n- tid" erst schafft ihm seine Stellung in der Literatur, ein Meisterwerk, in dem ihm eine harmonische Form gelungen, wie sonst nirgends, und die geschichtliche älntermalung der Figuren des Vordergrundes zur Einheit zusammenschlieht. Als Meister der historischen Erzählung hat sich Reuter auch in seinem Spatwerk „Dvrchläuchiing" erwiesen, diesem entzückenden Rokoko-Idyll aus der Duvdez-Staatlerei, das den Künstler in ihm vielleicht am feinsten offenbart. , , „, . r .
Aber es ist der Mensch, der das unsterbliche Teil in seinem Werk trägt, und dieser herrscht in seinen beiden größten Dichtungen, der „Festungstid" und der „Stromtid". Die Erzählung seiner Gefangenschaft unterscheidet sich von den aus gleichem Erleben geborenen Büchern Pellicos und Dostojewskis durch, die Sonne des Humors, die die Kerkernacht durchflutet. Und dieser Glanz einer über alles Grauen, und Elend sich erhebenden Menschennatur erfüllt auch die Szenen der „Stromtid" mit ihren unvergeblichen Charakterthpen, deren bester der Onkel Bräsig, auf den Höhen der Weltliteratur steht, nicht weit von Sanche Panfa oder Till Eulenspiegel. Als der Dichter des „Onkel Bräsig", in dem er feine eigene Persönlichkeit verklärt hat, wird Reuter fortleben I
Unter Mördern und Buriaten.
Von E. von Angern-Sternberg.
Das Frühjahr und der Sommer kommen spät und plötzlich, fast zur gleichen Zeit, aber sie kommen mit einer Macht, wie sie das alte Europa gar nicht kennt. In einer Mainacht jagt der ötiirm über Wälder und Steppen dahin, er fegt über die Angara, und es gelingt ihm, die dicke Eisschicht zu brechen. Tosend und brandend häufen sich nun die Schollen auf Schollen, Eisberge krachen in der reibenden Strömung aneinander, und in schäumenden Wirbeln lärmend als ob Kanonensalven abgefeuert würden, schiebt sich die gischtige Masse stromabwärts zum Jenissei und zum Eismeer dahin. Auf manchen Schollen werden Pferde und Rinder dahingeschwemmt, sie sind unrettbar verloren, der nächste Strudel reiht sie in die Tiefe hinab.
Die Angara gehört zu den schnellsten Strömen Sibiriens, sie sprudelt an Irkutsk vorüber, vereinigt sich dort mit dem behäbigen Jrkutsluh, eilt, grobe Inseln bildend, nach älssolje dem hübschen Badeort Sibiriens, der durch seine Heilquellen berühmt ist, strömt durch Durjatenjurten und Ansiedlerdörfer, durch weites Flachland und Taiga nach der Kreisstadt Balangsk und weiter über Rishi-Üldinsk zum eisigen und öden Jenessei und flieht weiter durch Meer und Tundren, die vielleicht auf Tausende von Kilometer fein Menschenfuh betreten hat. — Sibirien war das Land der Verbannung, der Strafbergwerke, der Verbrecher. -lieber Sibirien lag durch Jahrhunderte der Fluch und der Jammer von Hunderttausenden von gequälten Menschen. Räuber, Mörder und politische Verschwörer wurden am Rande der Taiga nach monatelangen Etappen in Ketten geschmiedet gelandet, sie waren Fremdlinge unter den spärlichen Ureinwohnern, den Tungusen, Burjaten und Jakuten, und bildeten allmählich die große Familie der Verbannten. Später kamen die von der Regierung angesiedelten freien Bauern dazu. Die Städte an der Eisenbahn wuchsen und füllten sich mit Beamten und Kaufleuten, Ingenieure und Abenteurer zogen in die Goldfelder, aber im Grunde blieb Sibirien doch immer das Land der Verschickten. Auch Bürgerkrieg und die blutige Revolution haben daran wenig zu andern vermocht Aber Sibirien bleibt immer das Land der älnermeßlichkeit, in dem sich das kleine Europa mit all seinen Staaten und Riesenstädten viele Male verlieren kann. Es gibt dort keine anderen. Grenzen, als solche, die die Aatur gezogen hat. Im Rorden verliert sich die Taiga allmählich in den vereisten Tundren. Im Süden, tagen die Berge des Altai und der Mongolei. Die gangbaren, Straßen sind, außer der großen Eisenbahn, die Ströme, die kilo- ! meterbreit in wilder Einsamkeit dahinfließen. Das, was Europa unter Sibirien versteht, sind nur Oasen, die oft lose, oft gar nicht miteinander verbunden sind, und die sich durch Klima und Lebens- bedingungen stark voneinander unterscheiden.
Der Regierungsbezirk Irkutsk ist größer als das ganze Deutsche Reich Die drei Kreisstädte Kirensk, Wercholensk und Dalagansk liegen über tausend Kilometer voneinander getrennt, und durch keine richtige Straße verbunden. Dalagansk an der Angara liegt von den drei Städten dem Verkehr und der Zivilisation am nächsten. Rur 80 Kilometer trennt es von der Bahnstation Tyretj, und in den eisfreien Zeit verkehren aus dem Strome Dampfer, die allerdings, I dank dem strvmschnellenartigen Gesälle 4—5 Tage brauchen, um I flußauf den etwa 200 Kilometer weiten Weg nach Irkutsk zu- I rückzulegen. Zurück brauchen sie nur 12 bis 16 Stunden.
Dalagansk zusammen mit dem gegenüberliegenden Dorf Maltz- I schowka hat etwa. 2500 Einwohner, davon sind neun Zehntel Der- | schickte oder die nächsten Rachkommen von Verbannten. Einige j eingewanderte Dauern in Malhschowka, Beamte aus dem Reichs i und ansässig gewordene Burjaten, die es aber verziehen, in der I älmgegend ihre Jurten aufzustellen, ihren Windgöttern und Scha- | manen zu huldigen und ihr Vieh weiden zu lassen, kommen hinzu. ! In Sibirien fragt man ungern nach der Vergangenheit der Be- I kannten, obschon dort über Verbrecher keine europäischen An- I schaumigen herrschen. Einige Jahre Zuchthaus mehr oder weniger
Reuter-Anekdoten.
Fritz Reuters goldener Humor strahlt trotz aller tragischen Schicksale seines Lebens in alle seine Begegnungen mit Menschen hinein, und so ist denn die Zahl der lustigen Geschichten, die von ihm erzählt wurden, Legion. Schöpfte er doch selbst aus der Hm» well, aus den Menschen, die ihn umgaben, den Stoff zu seinen Dichtungen, und wenn auch die "Wirklichkeit von ihm künstlerisch I um geformt wurde, so konnten sich doch die .Urbilder in den Figuren ! der Dichtung oft wiedererkennen. Sie waren von diesem poetischen Porträt nicht immer erbaut. Reuter hatte sie vielfach zu begütigen, und als ihn der in der „ Franzosentid" auftretende Freund Fritz Dahlmann einmal deswegen ausschimpfte, da begütigte ihn der Dichter mit den Worten: „Lat man, Fritz, ick heww Mi n por Groschen dorrnit verdeint." Das entwaffnete den gutmütigen „l^nd- reiter“ in Stavenhagen, und wenn später die Rede aus seine Rolle in Reuters Dichtungen kam, dann pflegte er nur noch zu sagen: „Allens Laegen." Ebenso war der Zimmermeister Deduhn aus Malchin, der in einem seiner Läuschen auftritt, wenig entzückt von dieser Verewigung, und als ihn der Dichter begütigte sagte er: ilt de Banker lettst Du mi nu aewer rut, dat deihste nich wedder; verstehste mi?“ Die Staven Hagener Jugendbekannten hatten geradezu Angst davor, daß sie durch seine Werke lächerlich gemacht werden Lunten, und wenn er wieder in die Heimat kam, so begegnete es ihm, daß irgendeine alte Jugendfreundin sich rasch von ihm mit den Worten abwandte: „Re, ne, Fritz, lat man, ick kam süß in de Bäuker." 3n dem Staven Hagener Reformverein von! 1848, der fn der „Stromtid" unsterblich gemacht ist, hatte man Reuter zum Präsidenten gewählt. Er nahm sich der Leitung mit großer Wärme an, aber alle seine Mühen scheiterten an jener Eigenschaft, gegen die nach einem Wort Schillers selbst die Götter vergebens kämpfen. Er legte daher fein Amt nieder und erklärte, seinen Austritt aus dem Verein. Aber das wollten die wackeren Mitbürger nicht zulassen und drängten ihn, doch damit herauszurücken, womit man ihn etwa verletzt haben könne. Reuter weicht aus; es kommt ihm darauf an, die Tür zu erreichen. Aber als er endlich die Klinke in der Hand hat, da ruft er mit seiner lauten Stimme: „Ich will Euch sagen, warum ich aus dem Verein trete! Allgemeine Stille und Erwartung: „Ji sid mi all tau dumm, ji Schafsköpp!“ — und raus ist er.
Gar viele tragikomische Anekdoten beschäftigen sich mit des Dichters allzu großer Freude an einem reichlichen^ Trunk. Rur eine von ihnen sei hier wiedergegeben. Reuter mußte öfters Wasserheilanstalten aufsuchen, in denen ihm der Alkohol streng untersagt war. Eines Tages kommt nun sein Verleger Hinstorff ihn besuchen, und Reuter bittet um eine Flasche Wein, die ihm auch für den Gast bewilligt wird. Aber aus der Flasche werden mehrere, werden viele, und schließlich kommt der Arzt, um nachzusehen, ob der Wein auch nut von dem Gast getrunken wird. Da sieht er den dürren und ganz nüchtern ausschauenden Hinstorff neben dem stark geröteten Reuter und macht diesem Vorwürfe. „Je, Herr Doktor," sagt dieser ganz ernsthaft, „Se glüwen gor nich, wat so'n Verleger fupen kann." Am Stammtisch entfaltete Reuter seinen


