Eichener MilienblStter
UnlerhattungsbeUage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 192$Samstag, den Nummer 29
Fritz Reuter an BismarM.
As hei up sin twei Beinen Ap nrinen Hof spaziert, Dünn füll ein jeder meinen: En Franzmann wir dat Dirt.
Grad as Le Franzmann bullert Am unfen dütschÄi Rhin, Sv hett hei ’rihnmer kullert, As wir de Welt all sin:
Krus plus't hei sick tau Höchte» An trampelt mit de Dein, Mit jeden toull hei fechten, De em mal scheiw anseihn:
An Dickdauhn was sin Lewen, Stolz flog fin Rad hei rund, Doch Murrjahn müht fick gewen, An ’t was en ollen Hund.
Mu is vvrbi sin Prahlen:
Doch 'Franzmann prahlt noch fett: Den'n ward sick einer Halen, Dei Dähn taum Biten hett.
Du hast s', un wardst nich liden
Den Franzmann sine Rück Gat fünd jitzt ann're Liden An ’t hett en annere Schick.
And lat di dat nich beiden, Brock em wat in de Suppt An bliwwt hei unbescheiden, Dann — frett em up!
Fritz Reuter.
Zu feinem 50. Todestage, 12. Juli.
Bon Dr. Friedrich SP r een.
Wenn ein Dichter, der die Lesewelt seiner Zeit in das höchste Entzücken versehte, noch ein halbes Jahrhundert nach feinem Tode geliebt und gelesen wird, so darf man ihm wohl ein flängeres, ein dauerndes Fortleben Voraussagen. Dei Reuter kommt hinzu, daß ein «roher Teil feines Publikums die Schwierigkeiten der Sprache zu überwinden hat, die heute wie früher seiner Verbrei- tung in Mittel- und SüdLeutschland entgegenstehen. Aber der Humorist findet leichter den Weg zu den Herzen als der Tragiker, denn lachen möchte jeder, zumal in unseren schweren Zeiten. So wird der Schöpfer des „Onkel Drüsig" weiter der Svrgenvrecher bleiben zu dem Deutsche aus Mord und Süd freudig greifen, um das Geheimnis eines Weitblicks zu ergründen, der den trübsten Tag vergoldet und die Bitterkeit des Lebens nut befreiendem Lachen überwindet. And wer feiner empfindet wird stets die „Hochdeutsche Aebersetzung" beiseite schieben und sich m diese behäbige, gemütvolle, treuherzige Mundart hineinlesen, nut 6er &ie Reutersche Komik verwachsen ist, wie eme Pflanze nut chrem Mutterboden. „ „ . .
Zudem ist die niederdeutsche Literatur uns heute vertrauter und in ihrer ganzen Stimmung näher gebracht als den Grohektem, die am „Quickborn" und der „Stromtid" „Platt" lernten. Es tft Line jüngere Dichtung heraufgekommen, die uns in Frih Staven- Hagen einen bedeutenden Dramatiker, in Gvrch Fock einen starken Epiker und daneben eine ganze Wenge vielgelesener plattdeutscher Schriftsteller schenkt. Das Wirken der ersten Generation des großen Dreiaestirn, Klaus Groth, Fritz Reuter und John Drinckmann, hat reiche Frucht getragen. So erscheint uns Reuter historisch als Klassiker" innerhalb der niederdeutsche» Literatur.
* Doch ist es überhaupt eine falsche Einstellung, ihn tn die engen Grenzen eines Dialekts einzuspannen Die Sprache ist bei ihm wie bei jedem echten Poeten bodenständiges Gewächs, ganz so wie Zwa die Schätzer Mrbung bei Gotthelf. Richt als plattdeutschen sondern als deutschen Dichter schlechthin müssen wir ihn hMte würdigen, und da steht er ebenbürtig neben den grohen
*) Die Verse stellen eine Gelegenheitsdichtung dar, die Reuter 186? für einen ihm befreundeten Gutsbesitzer als Begleitschreiben zu dem Geschenk eines Truthahns an Bismarck verfahte.
Epikern, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts auftraten, neben Keller und C. F. Meher, Frehtag und Heyse, Raabe und Storm. Gewiß reicht er an die höchste Vollendung dieser Kunst des „poetischen Realismus" in Keller nicht heran, ebenso wie an ihre tiefste Beseelung in Raabe, aber seine ursprüngliche Begabung war doch so stark, daß ihm einige reife Kunstwerke glückten, die die -epische Sinfonie dieses deutschen „silbernen Zeitalters" um eine wichtige Mote bereichern. Der Ton seiner derben, menschlich warmen, resignierten Komik liegt etwa zwischen dem innerlich zarten, aus dunsten Gründen aufsteigenden Humor Raabes und der weichverschwommenen, leise lächelnden Melancholie Storms, ein echt norddeutscher unvergleichlicher Aaturlaut. Man hat Reuter bei seinen Lebzeiten zu sehr als den gemütlichen Spaßmacher genommen, 6er iu den Tag hinein jubiliert und sich nicht viel um Regeln bekümmert. Dem gegenüber hat schon Gustav Frehtag in seinem schönen Rachruf die Sicherheit der Technik und die Feinheit des Aufbaus in seinen Romanen gerühmt. Gewiß hat sich Reuter, wie jeder wahre Dichter, feine eigentümliche Form geschaffen: man kann ihre allmähliche Entwicklung und Ausbildung verfolgen und beobachten, wie er z. D. das historische Gemälde der „ Franzvsentid" in einen einheitlich geschlossenen Rahmen fügt, während er die ©enre» sze-nen in der „Stromtid" in einem lockeren Rebeneinander und Durcheinander anordnet. Aber die fortreißen6e Kraft seiner Kunst liegt doch viel weniger in seiner Form, als in der Charakteristik und Beobachtung, im Ausdruck seiner Persönlichkeit. Wie so manche Epiker, wie Goethe, Keller, Raabe, Hatte er eine zeichnerische Begabung mitbekommen, die er zuerst ausbilden wollte. Aus den Einzelheiten des Aeußeren schließt er auf die verborgenen Falten der Seele und weiß seine Menschen mit höchster Anschaulichkeit in ihre Amgebung hineinzustellen, in dieses mecklenburgische Land, Lessen breite Felder und saftige Wiesen, sanfte Hügel und braune Heiden, grüne Wälder und blaue Seen er zur Welt weitete And wie er nur in seinem Landsmann den Menschen mit all seinen Menschlichkeiten spürt, so kann er auch nur in seiner Sprache den Herzenstvn wiedergeben. Deshalb ist auch fern .Missingsch", seine Misch- und Mengsprache aus Hoch- und Rieder- deutsch, keine künstliche Erfindung, sondern es ist die Mundart, wie er sie um sich hörte, wie sie noch heute gesprochen wird, und die Sprache, die ihm mit den Figuren eng verbunden war und ihm zugleich mit ihnen in all ihren Schwebungen beim Schaffen vor die Seele trat, wurde das meisterhaft gehandhabte Instrument seines Stils Durch die Stärke seiner Persönlichkeit un6 den Am- fcmg seiner Erlebnisse aber hob er diese spießbürgerlich-idyllische Klemwelt bisweilen in die Sphären 6er hohen, allgemein gül
tigen Kunst empor. _ ..
Wie jeöer echter Humor führt auch der Reuters die Trane im Wappen: wie jeder große Humorist war auch dieser scheinbar so behäbige und idyllische Mann eine tief tragische Ratur. Rach den heitern Freuden und den idealistischen Aufschwüngen eurer glücklichen Jugend stürzte er in die Abgründe jäher Todesnot imd grenzenloser Verzweiflung. Aehnlich wie bei Dosto;ewsll drohte ihm die Hinrichtung, die in eine „Begnadigung zu langer Kermr- hast umgewandelt wurde. Dieses Schicksal hat sein ganzes Leben und Schaffen bestimmt. Von der Festung brachte er dm krankhaften Anfälle der Trunksucht mit, die seine beste Schaffenszeit vergifteten. Stets saß ihm der Dämon dieser dunklen Maure im Macken, und- nur nach qualvollem Erliegen und Ringen wurde er seiner Herr Es war seine starke Ratur, die sich selM gegM den Alkohol half, und dieser sieghaft gesunde 2^ ließ auch den Geist über die Macht des Grauens und der Verbitterung triumphieren. Sein Humor ist aus der Acberwindung der Widrigkeiten geboren, durch die seine Zeit ihn fast zu erdrücken drohte^ Wartburgfest 1863 die alte Burschenherrlichkell^ bellen Tönen gepriesen wurde, da stand Reuter aus und schilderte den furchtbaren Druck der Reaktion, der der Dölkerbefrerung gefolgt sei Sie freuen sich, aber wir können es nicht," murmelte er immer wieder vor sich hin. In seinem Herzen und in fernai Schriften war er stets der alte 48er, der für Freiheit und Gleich^ heit schwärmte. Deshalb gehört all seine Liebe den Armen unÄ Anterdrückten und er hat den „kleinen Mann" mit sehr viel Warme und Anteilnahme geschildert als die Edelleute und Reichen, bisher fast immer etwas von der Karikatur haben. Der erste starke Durchbruch seiner Dichterkraft nach dem so Überaus erfolgreichen Versuch der „Lauschen und Rimels" ist die soziale Dichtung „Kain Hüsung", die an Eindringlichkeit der Darstellung und CharakteristN seine zweite Versdichtung, die Vogel- und Menfchenges chicht«


