Ausgabe 
12.4.1924
 
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spann er schillernde Träume auS von ruhmreichen Kampfes taten. Heinrich Klein war sein wortkarger, ungeduldiger und doch gilt* niiuig ausmerkender Zuhörer. Q£id>t ohne mancherlei Schwierig* ketten stahlen sie sich abends an dem Wachtmarrn vorbei von Bord Sie speisten, becherten und übernachteten an Land in einem geringen Gasthaus; da gab es einen Schlaf in Betten. Bei nächster Frühe trennten sich die beiden Dlockadebrecher in feierlicher Schlicht­heit. Der Lange lag noch im Bett. Er wollte sich neue Kleidung beschaffen, bevor er weiterreiste; überdies war sein Hals infolge des Ragelstiches geschwollen. Klein aber war durchaus nicht zu längerem Aufrntchilt zu bewegen. Er eilte aufs deutsche Kon­sulat, wo man ihn mit einer Fahrkarte bis Ala nebst entsprechender Wegzehrung versorgte.

Die Schilderung seiner Flucht machte auf den Bezirksfeld- web-rl, bei dem er sich in der nächsten deutschen Stadt meldete,' wenig Eindruck. Dort trafen täglich viele Dlockadebrecher ein. Man befahl Klein, sich unverzüglich nach Kiel zu begeben. Ilm seine Braut wiederzusehen, möge er später ein ^Urlaubsgesuch einreichen. Er war sehr aufgebracht darob. .Und er fuhr nicht gleich nach Kiel, sondern zunächst nach Ostpreußen. Unterwegs, irgendwo aus einem Bahnhof, begegnete er zufällig einem Musketier, der aus feinem Heimatsdorfe stammte. Sie tauschten wiedersehensfrvh ihre Kriegserlebnisse aus, in knappem Umfang. Dann erkundigte sich Klein nach seiner Braut.Was," rief der Musketier,weiht du's noch gar nicht?"Was soll ich denn wissen?"Mischka ist tot." Tot? Du bist ja verrückt," sagte Klein ungläubig; aber er wurde bläst.

Gott verdamme mich! Weiht du gar nicht, wie die Bussen bei uns gehaust haben?"Die Russen? Die Russen hätten Mischka tot-- Klein räusperte sich heiser.

Was ich dir sage," erwiderte der Musketier,sie ist tot." Lind etwas leiser sagte er hinzu:Sie hat sich selbst erhängt aus Scham--

Wenige Tage, nachdem Klein ihn verlassen hatte, war Tilger in Genua an Blutvergiftung gestorben.

Mit anderen Marinern durch ein feindliches Dorf marschierend, warf Heinrich Klein eines Tages die brasilianische Rose einem slandrischen Mädchen zu.

(Erinnerungen an Amalfi.

Don Franz Friedrich Oberhäuser.

Es war auf der Straste von Salerno nach Amalfi.

Carlo, der kleine schwarze Dengel aus dem Felsenstäötchen Amalfi, Sohn eines Gemüseweibes, kraushaarig, barfüßig, lebens­toll, trug mein Leines Köfferchen, indes das große Gepäck in Sorrent lag und mit dem Wagen nachgeschickt werden sollte. So war es: ich hatte meinen Aufenthalt in Amalfi auf eine Rächt und einen Tag berechnet und wollte die Übrige Zeit hinter Sor­rent. Capri und Reapel verbringen; aber aus der einen Rächt pnd dem einen Tag wurden mehrere, eine ganze Woche, und eine zweite, und noch immer hielt es mich hier.

Don dem Zauber des Paradieses rings um Amalfi wusste ich ja noch wenig; ich hatte wohl auf der Schiffsreise nach Palermo und zurück dieses wunderbare Landfchaftsspiel gesehen, ich war befangen, berauscht, als hätte ich einen Decher der Schönheit ge­trunken; kein Wunder, wenn auch der Schiffskoch hinter dem Parcho des Verdecks zum Dorschein kam, und mit dem Kochlöffel,, den er in der Eile wegzulegen vergessen hatte auf die Feksenküste hin­überzeigte, nach Amalfi in der Salemer Meerbucht und ein über das andere Mal nichts mehr also mio Diol" murmelte . . .

Damals hatte ein zarter, aber flirrender Goldnebel des Som­mertages Seifenriffe, Capri, .Amalfi und alles was festes Land war, verhüllt, halb freigelassen; wie durch einen unerträglichen Schleier schimmerte da drüben das Paradies auf, indes das Schiff die blauen Wellen durchschnitt, die silberschäumend am Kiele hoch­stiegen. Es ist mir heute, da ich darüber nachdenke, als wären alle Paradiese durch einen solchen goldenen, flirrenden Schleier verborgen gehalten, da st der Mensch in seinem ewigen Drange nach der Schönheit nur zu ahnen vermag.

Ha, es war auf der Strafte von Salerno nach Amalfi alsop und Carlo, der Seine schwarze Dengel, hatte die Hände übers Hvchgezogene Knie gefaltet und fang. Wir rasten auf der dem harten Fels abgerungenen Strafte, die das Meer unter sich, in Gestein geschnitten, wie ein helles Band am Felsen flattert. Schwaches Gebüsch hing über uns, dort und da ein Seiner Wein- flarten Carlo, ganz gegen seine Sitte, hielt den Mund still und sagte kein leidenschaftliches Wort über das Trinkgeld, es brauste kein Sturzbächlein eines Wortschwalles über die frechen Lippen. Rein, er saft da, nachdenklich ein Weilchen, dann begann er zu fingen. Es war sehr eigentümlich dieses Seine Raststündlein zwi- fajen Salermo und Amalfi, weltverloren und irgendwo versteckt, mitten auf einer Felswand. Das Meer ward schon dunkel, das schimmernde Blau verlöscht und nur Myriaden Seiner Goldfunken flatterten über die blaue Seide. Die neigende Sonne streute sie AL b«5Lvrizont brannte lichterloh, indessen schwere, satte, dunkle Abendfchatten auf daS Meer fielen.

TchriMeitnng: Dr. Fxiedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag de

' Das AllerschönAe aber war, als wir plötzlich Amalfi sahen.

Hoch oben, wie ein flügge gewordener großer Vogel, hing am Felsen. Es plusterte die Flügel, als wollte es nichts anderes, als einmal so nebenbei, weil es gerade. Lust hatte, in den Sternen« Himmel fliegen. Es schwebte, hing da oben, wie ein Rest unjiw gänglich und fern aller Erdenschwere. Wie ein steinerner Äalkon, luftig,.und fein wie ein süster Sommerduft. Da brauste und bran­dete das Abendlicht über Häuser und die alte, ruhige Kathedrale warf Flammenlohen Über das Rest, entzündete hundert Fackeln, und da hing dieses Seine Bergstädlchen, ein seliges, Prunkhaftes Geschenk Gottes. Ein wunderbares, seltenes Schauspiel, gleich* fam ein Wunder, das der Hand eines lieben Gottes in irgenffa einer gnadenvollen Stunde auf diese gottverdammte Erde entgilt* ten war.

Da standen wir, armselige Seine Menschlein, unterhalb Amal­fis. And sahen hinaus, wie das Seine FelsenstädtHen sich da oben wie ein Erzengel aufführte, der von einem himmlischen Licht be­schienen, die Himmel erftürmt. Da standen wir, und es war uns, als sei dies ein Stück klassischen Lebens, das da brauste. Ans Carlo riß die Augen aus und warf die Arme auseinander:-Ei Signore!" rief er,Signore! das ist der schönste Fleck der Erdei Weil uns der gute Gott so lieb hat!" 3d> hörte es kaum, da» war eine schöne Stunde vor Amalfi. Carlo mußte ich erst einen Klaps auf sein loses Mundwerk geben, als er diese Schönheit für zehn Doldi unbedingt für geschenkt sand.

ile&er Stiegengästchen gingen wir, unter Weinspalieren. Und der Mond schwang sich lebenssroh und gemütlich über das Laub, Über den Self en lamm herbei, und holte eine Schar funkelnder übermütiger Sterne und schmückte den Rachthimmel.

Und vor der Kathedrale, die Vorhalle phantastisch erleuchtet, faßen braune lachende Mädchen. Da kennt man im Ru all» Leute: den Barbier, den Rotar,den Hausmeister des bischöflichen Palazzos, und Ermina, die Tochter des Oelhändlers, deren Augen man nicht leicht vergißt.

Und in einer Chiantischenke sitzt man in diese laue, füfte itco- lienische Rächt hinein, ohne, daß der Schlaf auf die Lider klopft. Da läßt es sich prächlig faulenzen, und so, daß man es gar nicht für schlecht hielte; dieses Faulenzen ist hier ein Gottesgnaden iura. Der Geist kann seine Schwingen entfalten und er hat Raum und schöne Wege.

Dann noch Musik, ein kleines italienisches Volkslied, indes di« braunen Mädchen sich um die Schultern gefaßt leicht im Takte mitwiegen, indes der Barbier, der immer und überall feine Aben­teuer hat, und dem sehr viele seine Leute unter die Hände korn» men, irgend ein Erlebnis erzählt, aus Roms müden Sommertagen oder aus den neapolitanischen Rachtgassen.

Roch ein Seiner nächtlicher Ausflug, über Sliegengäßchen bergauf, zu dem allen Kavuzinerstist. Weißes Mauerwerk, an den Fels gehängt. Zahllose Stiegen an den Mauern entlang, Wein- laub über den Wänden. And dazwischen der Blick auf das dunkle Meer, das am Süße des Selsens rauscht.

Mondbespielte Säulen wandern oben im Kloster über den SebS. Dieses Kloster, heute eine Gaststätte, ein Hotel, ist das Schönste, weil es dem Auge immer wieder wunderbare Dinge ge­währt. Da saß ich auf der Terrasse, spät nachts, und lauschte auf die Melodie des Meeres. Das ist die Schwelle für einen Ausflug in ein Wunderland, in ein Paradies . . .

Der Morgen, der in das Zimmer jubelte, war ebenso schön, al) die verträumte Rächt. Es gibt Landstriche, die den Traum in uns Alktagsmenschen lösen, bis er wie ein seliger Bogel in die silbern« Weite fliegt. ES gibt Morgenstunden, die unserem Auge eine Schönheit enthüllen, daß wir das Leben auf dieser Erde vollauf einschähen, die uns das Lehen beschenken und wertvoll machen. Was ist doch dieser Morgen in Amalii für ein zartes Wunder­werk! Da erwacht das Meer, wird blau und dehnt sich in di« Feme und es fügt sich alles in eine Harmonie: Meer, Bäum«, Himmel, Wolken, Fels und Seines Bergnest. And diese Harmoni« ist ein Paradies, das merkt man erst, wenn man am Morgenfenster steht und das Meer fingen hört, indes rings umher das Sein« Dergnest munter wird, laut und geschäftig.

Es muß kein mon&ainer Badeort fein, es müssen feine rafft* nierten schönen Frauen sein . . . ach, so ein Dergnest, mit allem, was in dieser Welt der Gefühle lebt, ist manchmal schöner. Ain« ich Siehe bei Gott ein Plauderstündchen in einer Morgengass« Amalfis mit dem schönen dunklen Mädchen vor den Orangen* för&en dem geistreichen Gespräch mit einer mon&alnen Frau vor. Diesig Seine Mädchen lacht, daß die Zähne blitzen, es schüttel» das Köpfchen, daß die Locken fliegen, und es singt der Mund, daß die roten Lippen beben . . .

Paradies! Run ist auch für dieses Paradies die schwere Stund« gekommen, die Zeit der Schmerzen und der Rot, und das Grau« peinigt es. Die Sturmflut peitscht es, und legt um die süße Er­innerung einen spitzen Dornenkranz. Ich weiß es, es war fchoA einmal dieses ©rauen, vor zwanzig Jahren . . aber nun ist es noch einmal da.

Muß man jetzt mit Bitternis daran denken, daß alles nach Äner groften Macht geht? And daß jedes Paradies, das wir auf

X verschont bleibt vor Rot und Gefahr?

Amalfi, Paradies der Erinnerung!

tBrftBl trhea Aniv.-Duch« und Ste>ndruckerei R. Lange, Greben.