Giehener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (92^ Samstag, den <2. April ~ NmmnerH

Meiner Tochter Christine zu ihrer Konfirmation.

Von Friedrich Hebbel.

Das Mägdlein tritt im weitzen FeierkleiÄ Zum erstenmal vor Gott an den Altar, And auch der Greisin hält man eS bereit. Die niedersinkt in ihrer Totenbahr'.

Doch ich, du teures Kind, ich wünsche dir, Dast tote am ersten und am letzten Tag, Dir dies Gewand, der Anschuld ew'ge Zier, An jedem andern auch geziemen mag.

Dir schmückt die juitge Brust ein Myrten zweigt

And eine Rosenknospe glänzt dabei: O, werde du der frommen Myrte gleich, Damit dein Schicksal daS der Rose sei!

Sie trägt nicht immerdar das freud'ge Rot.

Wenn sie sich löst aus ihrer Knospe Grün, Doch ob sie auch so bleich ist wie der Tod, Lhr Kelch bewahrt ein letztes stilles Glühn!

Der Säer.

Von Max Bi11rich - Freiburg.

Fast alle Frühlingswasser hatten sich aus Gebüsch und Wiese des Spreewalds zurückgezogen in die geraden Fliehe. Richt mehr erkann'e das Auge die dauernden Wasserstraben lediglich am Erlen- und Pappelbestand der Äser. Flut und Land ttxtren ge­schieden. 3n lebhaftem ©ergeht und Murrpeln drqngte der letzte überschüssige Schwall des feuchten Reichtums zur Ferne. Das Gras der Riederung war mit fettem Schlamm gedüngt. So verhieb das Jahr gute Ernte, wenn auch selbst ein paar der höher gelegenen Aecker angefressen, der Wintersaat beraubt waren.

Bauer Arbenz säst krank im Bett und blickte durch die nied­rigen Fenster.

Zwar war der Abendhimmel nicht in leuchtende Farben ge­taucht, Grau und Blau machten sich den Vorrang streitig, aber die Welt der Höhe und der Tiefe und was sich zwischen ihnen lind um kahles Geäst schmiegte, war vom Atem der neuen Schöpfung erfüllt, die Hahr für Hahr als Vorboten das Hochwasser in den Spreewald schickte.

Arbenz spürte den Wandel im heih und doch sonderbar matt fliehenden Blut und bis in die angegriffenen Knochen.

Himmel und Erde lagen vor ihm. Ein paar Sterne hingen über der gähnenden, in geheimnisvolles Erwarten getauchten Heimat. An das Ohr schlugen aus sumpfigem Gebiet die Stimme des Froschs, die Rohrdommel rief ihrHebump, hebump, rumbum" dazwischen, und die Rohrdrossel muhte ein lustig Ziel ihrer Rea­gier und Spottlust gesunden haben.Karle, Karle, kiek!" sagte sie.

Richt viel Leuchtendes umfahlen des Kranken Sinne, doch der Frühling wirkte deutlich darin, die Verheistung, und weckte seine Sehnsucht wie Sonnenstrahl die Aprikosenblüte.

Die Welt blieb schön, auch wenn das Wasser sintflutartig angestürmt und aus allen Poren- des Bodens herangedrungen war, wochenlang eine einzige Wafferwüste gebildet hatte und mit geschmeidigen, nimmermüden Fingern aus heimlichen Raub, neben dem offenkundigen, ausgegangen war. Anter Schnee und Eis war Brot gewachsen: Im trüben Meer hatten sich notleidende Wurzeln, trockener Halm gesättigt. Rur ausgedientes Gewächs, Pflanze, Tier und Mensch, hatten ihr Daseinsrecht verloren, um dem Reuen Daum zu geben. Der ewige Wechsel: Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und QSinter, Tag und Rächt!

Glücklich, wer den Furchen eignen Ackers folgen, Samen streuen durfte! Gehilfe Gottes, wer in diesen Tagen teilnehmen Durfte an diesem jungen Schassen! And ein Klümpchen Elend, wen bas Geschick ans Bett fesselte, wem die letzte Hoffnung auf längeres Leben geraubt war. ,

Was um Arbenz atmete, glaubte nicht mehr an ihn: er war aufgegeben. Auch das Rettangsmittel des »klugen Mannes aus Burg war erfolglos geblieben, obwohl dieser letzte Versuch manchen Todkranken der Sense entführt hatte. Zudem hatte Arbenz, nach gern erprobtem Brauch, eine volle Rächt, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, nicht Im Bett, sondern! auf nacktem Boden gelegen, damit ihn der Erde unerschöpfliche "raste verjüngt auferüehen lieben. Sie versagten sich ibm nicht minder:

ein Schwächerer, Hinfälligerer war dem Bett zurückgegeben worden.

And nun bereitete sich drauhen der Frühling vor. floffen Wasser ab, wartete hie weiche Krume des Ackers auf Rahrung.

Welch ein froher Augenblick, den Saatgutsack um die Schultsx ;u binden, die Hand hineinzutauchen, die Körner in schönen Brei- len zu werfen:Scheuchet die Rot! Brot gebt, Brot!"

Aeber Arbenz kam Frömmigkeit, tief wie beim Klang der Glocke.

Selbstverständlich wie die Sonne aufging, der Sternenhimmek im Wechsel der Gezeiten die glitzernde Pracht seines Bilderbuchs durchblätterte, Hahr für Hahr in gleicher Gröhe, so von gleichem Drang beseelt, wie von ewiger Hand in die Bahn der Pflicht ge­worfen, hatte Arbenz fein Leben lang von Saat zu Ernte utt8 wieder von vorn, stumm wie die Gestirne, zuverlässig wie sie, seinen Gang vollendet.

Mit einer Ausnahme, vor zwanzig Hahren. Damals hatte er, in Fünfzigjähriger, monatelang gelitten und geklagt. Schäfer und Wundermänner hatten den Sitz des Aebels nicht entdeckt. Dom Weib beredet, war er endlich zum wirklichen, berühmten Dr. Wink­ler in die Stadt gefahren. Aus dem zufällig leeren Wartezimmer 'war Arbenz sogleich zu dem gelehrten Mann vorgedrungen, vhnt zu wissen, dah eine Patientin bei ihm weilte.Was wollen Sie? Was haben Sie?" hatte ihm der bebrillte Graubart angeranzt. Richts. Rur Luft kriege ich keine."Wahrscheinlich Brust und Lunge. Hinausgehen, bis die Dame Rat erhalten hat. Ausziehen! Später eintreten. And Arbenz war folgsam gewesen tote ein Kind, hatte sich drauhen entkleidet, gründlich, von oben bis unten, bis aufs Hemd. Als er die Dame der Tür entgegenschreiten hörte,- hatte er auch rasch ängstlich geöffnetAber Sie Esel, was sällh Ihnen ein! Rock und Weste zieht man aus!" Die Dame war dabei verschwunden, spurlos, wie Luft, und der Doktor hatte dich Krankheit bald hinterher gejagt mit bitterer Medizin, für Hahr­zehnte.

Erst zum Siebzigjährigen war das Leiden wiederum gekom­men und wankte und wich nun nicht mehr. Dr. Winkler schrie keinen Anerfahrenen mehr an, hatte längst die eigene bittere Me­dizin geschluckt. Seinen Rachsvlger hatte Arbenz erst nach monate­langer Herrschaft der Krankheit rufen lassen können, denn vor­her hatte die dünne Eisdecke auf Kanälen und Wiesen den Schlitt­schuh nicht getragen, den Kahn aber aufgehalten. Der Heiltrank war bisher mit den Gebresten so wenig fertig geworden, wie die alten Hausmittel.

Arbenz klagte nicht. Er hatte zwischen harter Arbeit fein« Stunden heimlicher und offener Glückseligkeit genossen in vollen Zügen, war mehr als des Herrgotts Stiefkind gewesen, durfte ihm jetzt folgen, wenn er winkte: komm!

Hupp, hupp, hupp!" rief der Wiedehopf in die Rachdenklich- feit des Kranken. Arbenz lächelte:Ha, das sagst du! Der Arbenz und huppen! Dazu sind die Knochen zu matt Und steif, meirt Lieber. Das Springen hat aufgehört: doch nochmals über dir Felder gehen, das wäre mein letzter Wunsch. Aeber den Acker schreiten, die Hand im Korn, der Wärme entgegenwandern, immer weiter wie in lindem Traum, und in den Gefilden der Seligen aufwachen das müßte ein Scheiden fein auf Schwingen der

Luft.

3n tiefen Zügen schlürfte Arbenz den Atem der weichen Aachi, als ihn der Schlaf in die Arme nahm. Das Traumland führte ihn zum grauen Acker, beschwingte Deine und Arme, befeuerte die Stimme und liest ihn fingen wie die Finken.

Am Morgen mustte er sich die Stirn reiben, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Die verwirrenden Bilder schwanden, doch das Glück blieb in den Augen, funkelte Frau und Tochter an. Gr wollte säen, sagte er. Die Frauen winkten sich zu: das Fieber sprach aus dem Kranken.

Spannt gleich nach dem Essen an

CBaterl

"Ich will zum letztenmal säen, bevor ich die Augen schließe!"

Schweigend gingen die Frauen hinaus.Was ist in unfern Vater gefahren? Widersprechen wir, so kann er tot umfallen. Am besten, wir gehen auf sein Verlangen ein; er wird rasch genug seine Ohnmacht fühlen." ~ e .

Aber der Braune mustte aus dem Stall und an Sie Deichs« geführt, die Saat auf das Fuhrwerk geschafft, Arbenz dazugelegi! werden auf Heu und Stroh. Sie fuhren langsam, vorsichtig W« Mm Friedhof dachte die Frau,